"Niemand ist vor Rassismus gefeit, egal welche Hautfarbe er hat"

Sind derartige Tendenzen durch AfD und Pegida schlimmer geworden - oder nur sichtbarer?
Mohamed Amjahid: Sie sind sichtbarer geworden. Die Leute, die bei Pegida mitspazieren, gab es schon immer. Meine Eltern haben mir Geschichten aus den Sechzigern erzählt, die sich auch heute abspielen könnten. Nur wurden da noch keine Bücher über so etwas geschrieben, es gab das Internet noch nicht und keine Journalisten of Colour. Dass ich heute für die größte Wochenzeitung Deutschlands darüber schreiben kann, ist ein Privileg, auch das macht es sichtbarer.
Bei einem Besuch bei Verwandten in Marokko wurden ähnliche Töne gegen Flüchtlinge laut wie hierzulande. War das auch rassistisch geprägt oder ging es da eher um Ressentiments gegenüber Schwächeren?
Mohamed Amjahid: Auch das ist rassistisch geprägt. Es gibt diese Hautfarbenskala, die uns seit der Kolonialzeit beigebracht wurde. Ein Algerier in Oran sagte mir: Die Europäer erklärten uns, dass wir unter ihnen stehen, aber über den Schwarzen. Es wird immer versucht, nach unten zu treten. Niemand ist vor Rassismus gefeit, egal welche Hautfarbe er hat. Rassistische Systeme funktionieren, daher werden sie immer wieder imitiert.
Um anderen bewusst zu machen, wie unterschiedlich die Positionen sind, die Menschen in der Gesellschaft haben, und um rassistische Dynamiken zu beleuchten, sprichst Du über Privilegien. Was bedeutet es, privilegiert zu sein?
Mohamed Amjahid: Ich plädiere dafür, sich zu hinterfragen. Wer die "richtige" Hautfarbe, das "richtige" Geschlecht, den "richtigen" Pass hat - alles Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben -, der ist privilegiert und seltener Diskriminierungen ausgesetzt. Ich glaube, es würde die Gesellschaft gerechter machen, wenn jeder sich selbst bewusst machen würde: Wo stehe ich, aus welcher Position heraus spreche ich?
Müsste es eine breitere gesellschaftliche Debatte über Rassismus und Ausgrenzung geben?
Mohamed Amjahid: Mein Buch ist ja ein kleiner Beitrag zu dieser Debatte. Ich glaube schon, dass wir mehr darüber sprechen sollten. Jahrelang haben wir darüber gestritten, wer und ob jemand zu Deutschland gehört. Aber die Bonner Republik ist passé. Alle, die Nichtweiße wegschicken wollen, muss ich enttäuschen. Das wird nicht passieren. Wir müssen gleichberechtigt und auf Augenhöhe miteinander anstatt übereinander sprechen. Und die Grundvoraussetzung dafür ist gegenseitiger Respekt.
Oft sind Menschen genervt, etwa wenn darüber diskutiert wird, ob Schaumküsse auch Negerküsse genannt werden dürfen. Sie haben das Gefühl, es würden Redeverbote erteilt. Fehlt da das Bewusstsein für die Problematik?
Mohamed Amjahid: Ein Grundbewusstsein fehlt, glaube ich, bei vielen, die einfach nicht verstehen wollen, warum Menschen sich beleidigt fühlen. Als Reporter gehört es jeden Tag zu meinem Beruf, mich in andere hineinzuversetzen. Klar ist das schwierig, den Blickwinkel zu ändern. Aber wenn man sich in andere hineindenkt, verliert man nicht, sondern man gewinnt etwas. Aber natürlich gibt es rote Linien. Wenn jemand sagt: Geh nach Hause, oder: Geh nach Auschwitz - das ist keine Diskussionsgrundlage.
Auch unter diesem Interview werden sich wahrscheinlich in den Kommentaren wieder mal Hass und Hetze, Rassismus und Vorurteile ins Netz ergießen. Um Facebook tobt eine Löschdiskussion, manche Medien schalten zu bestimmten Themen schon gar keine Artikelforen mehr. Wie sollte man aus Deiner Sicht mit diesem Problem umgehen?
Mohamed Amjahid: Die eine Lösung gibt es nicht. Es gibt Hetzer, deren größter Ärger es ist, wenn man sie einfach ignoriert. Mit anderen kann man sprechen. Ich kann inzwischen ganz gut einschätzen, wo die Mühe sich noch lohnt und wo nicht. In meinem Büro hängt an der Wand eine Antwort auf einen Leserbrief. Eine Leserin schrieb mir, ganz Afrika wolle nach Deutschland, wir seien nicht das Sozialamt der Welt und so weiter. Ich antworte ihr und hielt ihren Ansichten Fakten entgegen. Sie meldete sich nochmal und bedankte sich für meine Antwort, dafür, dass ich mir die Zeit genommen habe, obwohl ich sicher Besseres zu tun hätte.
Es kann sich lohnen, auf die Leute zuzugehen, sie zu fragen, wie sie zu ihren Haltungen kommen. Es gibt von Fall zu Fall unterschiedliche Optionen, mit dem Hass umzugehen. Aber klar - wer beispielsweise den Holocaust leugnet, den muss man sperren. Für jeden Troll braucht man individuelle Lösungen.
Ein Buch wie "Unter Weißen" geht das Risiko ein, nur von jenen gelesen zu werden, bei denen es offene Türen einrennt. Wie erreicht man die anderen?
Mohamed Amjahid: Meine Hand ist ausgestreckt, ich bin bereit, mit allen konstruktiv zu streiten. Ich habe ein Interesse, möglichst viele Menschen anzusprechen. Und zwar gerade jene, die nicht meiner Meinung sind und die nicht jeden Tag mit dem Thema in Berührung kommen, auch die FAZ- und Bild-Leser möchte ich erreichen. Jene, die nur noch auf rechten Blogs unterwegs sind, kann man vermutlich kaum noch erreichen, aber ansonsten ist das Potential, miteinander ins Gespräch zu kommen, groß in Deutschland. Diskurs kann ja auch Spaß machen - konstruktiv streiten, sich selbst hinterfragen, sich alle Argumente anhören. (Gerrit Wustmann)
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