Unter der Haube

Burka in Afghanistan. Bild: Marius Arnesen/CC BY-SA 2.0

Ein paar Anmerkungen zu den Irrtümern über Bekleidungsstücke, die viel mehr sind als Textilien

Man kann es schon bald nicht mehr hören: Burka hier, Burka da. Die gelassenen Metropolenbürger waren von Anfang an der Meinung, dass es sich um ein klassisches Sommerlochthema handele; wegen so weniger Niqab- und Burkaträgerinnen in Deutschland solle man doch bitte die Kirche im Dorf lassen. Nichts könnte Wahrheit und Vernunft ferner sein.

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Denn wer glaubt, dass es hier tatsächlich nur um erweiterte Fragen der textilen Angemessenheit im öffentlichen Raum geht, oder, in ganz schlechtem Sinn, um die Freiheit, "das zu tragen, was man will", hat nicht begriffen - oder möchte nicht begreifen - dass die Burka nur die äußerste, im Moment deutlich sichtbare Spitze eines massiven Eisbergs ist.

Es ist nicht "der Islam" als ganzer und es sind schon gar nicht alle Muslime, aber bestimmte islamische Strömungen, die sich selbst geschickt als die Speerspitze der Rechtschaffenen in Szene setzen, wollen wirklich wissen, ob sie in der Lage sind, weltweit ihre Normen durchzusetzen - zunächst für ihre Anhänger und Anhängerinnen, dann für alle anderen.

Dieser moralische Imperialismus will sich mit allen behaupteten oder tatsächlich gelebten Wertvorstellungen messen, die von der westlichen Welt je ausgegangen sind und ist bereit, für seine Idee der Rechtschaffenheit einen Konflikt einzugehen, der der Bedeutung und Intensität z.B. des Investiturstreits im Mittelalter oder des Kulturkampfs zu Zeiten Bismarcks in nichts nachsteht. Die globale islamistische Offensive erzwingt einen Kulturkampf, ob die Nichtmuslime das wollen oder nicht.

Und diese Offensive hat unvermutete Unterstützer. Wenn man den Burka-Streit als Lackmustest für die Bereitschaft der Linken und Liberalen in diesem Land sieht, sich gegen barbarisierende Tendenzen zur Wehr zu setzen, kommt einem das kalte Grausen. Sind es doch absurderweise derzeit die Linken und Liberalen, die am nachdrücklichsten entgegen aller Evidenz auf dem Standpunkt beharren, mit Betrachtungen zu den individuellen Befindlichkeiten der Burka- und Niqabträgerinnen sei zum Thema alles gesagt; eine gesellschaftliche Relevanz lasse sich höchstens daran erkennen, wie weit die Gesellschaft ihnen Toleranz entgegenzubringen bereit sei.

Ein Verbot von Niqab und Burka sei gar nicht durchführbar; eventuelle Einnahmen durch Bußgelder wären den Aufwand nicht wert; die Frauen, die zum Tragen von Niqab oder Burka gezwungen würden, dürften dann gar nicht mehr aus dem Haus; es gebe ja doch so etwas wie die Religionsfreiheit, immerhin ein Verfassungswert.

Aber ein Argument sticht in den Augen dieser Kommentatoren alle anderen: das der Freiwilligkeit. Wenn Trägerinnen von Burka oder Niqab bekunden, dass kein Zwang im Spiel ist (vgl. "Für Bank-Überfälle ist der Niqab ziemlich unpraktisch"), halten die flammenden Freunde der Freiheit jede Diskussion für beendet. Dann vermischen sie noch das Erregungsklima um den "Burkini" in Frankreich mit der Debatte um Burka und Niqab, und schon ist der Analysesetzkasten fertig bestückt.

An der bräsigen Selbstgewissheit der liberalen und linken Freiheitsverteidiger ist schlechterdings nicht zu kratzen. Dass es in diesem Land eine lange geübte und recht erfolgreiche Tradition im Umgang mit menschenfeindlichen Bekleidungsstilen gibt, interessiert sie nicht. Die Vorschriften, die das öffentliche Spazierenführen von Hakenkreuzen und SS-Runen angehen, sind ihrer Ansicht nach in keinem Fall auf die islamistische Sorte von menschenfeindlichen Extremisten anwendbar.

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Was die Durchführbarkeit angeht, hat der Autor Felix Bartels anzumerken:

Die mangelhafte Umsetzbarkeit von Verboten ist aus zwei Gründen kein sinnvolles Argument gegen das Verbot. (…) Dass Vergewaltigung z.B. strafbar wurde, hat an dem Umstand, dass vergewaltigt wird, nichts geändert, weil in den Situationen, worin dergleichen passiert, andere Dinge im Vordergrund stehen als der Gedanke an eine mögliche Strafe.

Dennoch käme niemand, der bei Sinnen ist, auf den Gedanken, die Strafbarkeit von Vergewaltigung wieder aufzuheben. Gesetze nämlich haben, zweitens, nicht allein eine praktische Funktion bezogen auf die Strafverfolgung; eine Gesellschaft drückt durch sie auch aus, wo sie steht und wohin sie will.

Die konkreten textilen Gitter oder die schmalen Sichtschlitze vor den Augen der Burka- oder Niqabträgerinnen bringen die liberalen Freigeister nicht auf den Gedanken, dass die betroffenen Frauen nicht erst auf eine ausschließliche Existenz an ihrem Wohnsitz beschränkt werden müssen, weil sie ihr Gefängnis immer mit sich tragen. Das ist nämlich genau der Zweck dieser Kleidungsstücke.

Nebenbei gesagt: die Besserwisserei zu den administrativen Ungeschicktheiten in Frankreich ist wieder einmal von ganz besonders deutscher Art. Wenn hierzulande innerhalb eines Jahres islamistische Anschläge mit beinahe zweihundert Toten stattgefunden hätten, würden vermutlich Muslime in Massen durch die deutschen Innenstädte gejagt, und nicht nur die, die mit dem Terror sympathisieren oder ihn unterstützen.

Am allerdümmsten ist aber natürlich das angebliche Königsargument. Die Liberalen entdecken Freiwilligkeit zielsicher da, wo ihre elementarste Voraussetzung fehlt, nämlich die Möglichkeit für ein autonomes Subjekt, straffrei zwischen Alternativen zu wählen. Felix Bartels hat Recht, wenn er sagt:

In Burka oder Niqab hingegen wird die Frau nicht bloß zum Besitz des Mannes, ihr wird genommen, was allererst menschlich genannt werden kann: ihre Besonderheit, ihre Individualität und die Möglichkeit, sich herzuzeigen bzw. unvermittelt gesellschaftlich zu werden.

Burka und Niqab negieren unmittelbar und kompromisslos jedes sinnvolle Konzept von Autonomie und Freiheit. Die (vermutete) Zustimmung der Betroffenen zu dieser Art von Verstümmelung ernst zu nehmen, verkehrt die Rede vom freien Willen in ihr Gegenteil, und darin werden die liberalen und linken Freiheitskämpfer zu Komplizen eines Terrors, der eine solche Art von Freiwilligkeit erzwingt.

Nur wer diesen Terror leugnet, kann die Auskunft seiner Opfer für bare Münze nehmen, dass es ihnen gut gehe; auf diese Weise tritt zum real existierenden Terror noch der grausige Spott der simulierten Freiheit hinzu. Diesem ideologischen Kasperletheater wird die Krone durch "Feministinnen" aufgesetzt, die in einem Hungerwettlauf von jugendlichen Magersüchtigen jederzeit und zu Recht die schädlichen Auswirkungen fremdbestimmter Körperbilder erkennen würden, aber bei der "Inspiration" einer Muslima zum Tragen des Niqabs durch Freundinnen keinerlei religiösen Wahn oder Gruppendruck entdecken.

Grundlage einer Auseinandersetzung mit den Kleidungsvorschriften des Dschihadismus ist die Erkenntnis, dass er eine religiös induzierte psychosoziale Krankheit ist, die besonders Frauen zu Opfern und Tätern gleichzeitig macht. Aber die verwirrten Freidenker verhalten sich zu dem Problem wie Impfgegner zu der Immunisierung gegen Infektionskrankheiten: Unfähig, die Gefahr zu erkennen, ja teilweise sogar bereit, die Existenz eines Problems zu leugnen, machen sie sich zu Fürsprechern der individuellen Freiwilligkeit bei einem Problem, das nur gesellschaftlich angegangen werden kann.

Nicht nur Infektionskrankheiten und die medizinische Dummheit sind ansteckend, sondern auch die soziale, ob sich das nun auf national oder islamistisch "befreite" Zonen bezieht.

All das entlarvt die ideologische Misere der "aufgeklärten" Burkaverbotsgegner, die jede ernsthafte Orientierung an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufgegeben haben und stattdessen nach immer ausgefeilteren Sophistereien suchen, um Abfall als Gold vorzuführen. Wie erwähnt, kann das durchaus bis dahin gehen, dass gerade in der Selbstunterdrückung ein Beweis der Selbstbestimmung erkannt wird.

Eine Neuauflage des Witzes, der vom Ausbruch eines Mathematikers aus dem Gefängnis erzählt: Der kluge Mann definierte einfach alles außerhalb seiner Zelle als "drinnen", und die Grundfläche der Zelle damit als "draußen". Orwell lässt grüßen, aber das Gelächter bleibt aus.

Der laizistische, demokratische Verfassungsstaat ist ganz sicher nicht der Endpunkt sozialer Entwicklung, als der er sich gerne sieht, vor allem nicht, wenn seine eigentliche Verfassung der Kapitalismus ist. Aber er ist ein zivilisatorischer Fortschritt gegenüber der theokratischen Barbarei, vor allem dann, wenn sie den Kapitalismus umarmt und mit dem Mysterientheater von Himmel, Hölle, Engeln und Propheten garniert.

Wer den laizistischen, demokratischen Verfassungsstaat gegenüber dem moralischen Imperialismus der Theokratie (und zwar jeder Theokratie) verteidigen will, der wird um kluge und klug angewendete Verbote nicht herumkommen. Man kann, man sollte sich sogar wünschen, dass diese Verteidigung ohne Polizei, Repression und Justiz auskommt, aber die Zeiten, in denen das Wünschen hilft, müssten erst einmal zurückkehren.

Eine linke Position zum Thema ist durch Verachtung für die Burka geprägt, nicht für ihre Trägerinnen. Das schließt ein, dass man den unauflösbaren Widerspruch zwischen ihren Freiwilligkeitsbekundungen und ihrer religiös begründeten Selbstverstümmelung in aller Deutlichkeit benennt.

Linke, Liberale und erst recht Feministinnen müssten dafür kämpfen, dass die Auseinandersetzung um Burka und Niqab zunächst die Menschenrechte der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt. Sie könnten dem Beispiel der Aktiven bei Terre des Femmes folgen, die genau das machen, und nicht erst seit gestern.

Das würde selbstverständlich zur Folge haben, dass die Vorstellungen rechtsradikaler Menschenfeinde, Immigranten aus "anderen Kulturkreisen" seien gar nicht zur Weiterentwicklung fähig, zurückgewiesen würden.

Weiterhin würde eine linke, aufklärerische Position zum Thema darauf beharren, dass ein Verbot der Symbole und Hilfsmittel von barbarischer Unterdrückung keinen Sinn macht, wenn es für die Betroffenen dieser Unterdrückung keine Alternativangebote gibt. Dass Aussteigern aus der rechtsradikalen Szene Unterstützung angeboten wird, ist gesellschaftlich allgemein akzeptiert, auch wenn der Umgang mit ihnen oft jeder Beschreibung spottet.

Warum Aussteigern und Aussteigerinnen aus der dschihadistischen Szene diese Unterstützung verweigert werden sollte, ist ein Rätsel. In der Tat wird diese Unterstützung bereits vielen muslimischen Frauen gewährt, die vor barbarischer Unterdrückung in ihren Familien fliehen, und zwar in Frauenhäuser. Dass diese Tatsache kaum öffentlich kenntlich gemacht und gefeiert wird, ist ebenfalls ein Rätsel.

Aufgeklärte Linke hätten da einiges zu tun. Und sie würden natürlich auch Muslime und Ex-Muslime unterstützen, die genau wissen, was moralischer Imperialismus auf islamische Art bedeutet, und bereit sind, das öffentlich zu dokumentieren, teilweise unter Lebensgefahr. Leute zum Beispiel wie Nasser Dashti, Rana Ahmad und Mina Ahadi.

Wie man sieht, wäre das ein komplizierter Kampf an mehreren Fronten. Aber Appeasement gegenüber dem Islamismus ist keine Alternative. (Marcus Hammerschmitt)

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