Unterernährt oder fettleibig

In den Entwicklungsländern hungern und sterben Millionen Kinder trotz hehrer UN-Milleniums-Ziele. Währenddessen wird der Überfluss für die reichen Industrienationen zum Problemfall

Die Feststellung, dass Kinder immer und meist in erster Linie von katastrophalen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen betroffen sind, passt nahezu auf jeden Aktionsplan der Vereinten Nationen. Doch in der Realität ändert das offenbar kaum etwas. Eine neue Unicef-Studie, die sich unter dem Titel Progress for Children. A Report Card of Nutrition, mit der Ernährungssituation von Kindern rund um den Globus beschäftigt, gelangt zu dem Schluss, dass jedes vierte Kind unter fünf Jahren in den Entwicklungsländern untergewichtig ist. In der Summe sind 146 Millionen Kinder durch Hunger und Unterernährung akut bedroht, weit über 5 Millionen sterben daran. In den von Hunger betroffenen Gebieten leiden viele Millionen Kinder überdies an einem chronischen Mangel an Vitaminen, Mineralien oder Spurenelementen. Die reichen Industrienationen kämpfen derweil mit ganz anderen Problemen.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung liegt die zentrale Problemzone nicht in Afrika, sondern im asiatischen Raum. Die Hälfte aller unterernährten Kinder lebt in Bangladesch, Indien und Pakistan. In Indien ist jede dritte Frau untergewichtig und somit prädestiniert, selbst Kinder mit einem geringen Geburtsgewicht zur Welt zu bringen.

Unter diesen Bedingungen ist es so gut wie ausgeschlossen, dass die Weltgemeinschaft eines ihrer wichtigsten Milleniums-Ziele – den Hunger global zu bekämpfen und die Anzahl der Menschen, die von weniger als einem US-Dollar am Tag leben müssen bis 2015 gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 zu halbieren – noch erreichen kann. Bislang konnte die astronomische Zahl - im Bereich der Kinder unter fünf Jahren - nur um ernüchternde 5% reduziert werden. Dabei gibt es durchaus positive Beispiele: Bhutan hat die Vorgabe hier bereits erreicht, Afghanistan und die Malediven konnten ebenfalls deutliche Fortschritte erreichen, und China – sonst nicht übertrieben einsatzfreudig, wenn es um die Durchsetzung der Menschenrechte geht – hat den Anteil der hungernden Kinder seit 1990 Jahr für Jahr um 6,7% reduzieren können.

In Ostasien und der Pazifikregion, West- und Zentralafrika, Lateinamerika und der Karibik erkennt Unicef bisweilen positive Tendenzen, aber daneben finden sich wieder die Länder, in denen jede Hoffnung verloren zu sein scheint. Im Irak und im Sudan hat sich die Ernährungssituation von Kindern infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen dramatisch verschlechtert, lange Trockenperioden und Hungersnöte sorgen im östlichen und südlichen Afrika für eine Unzahl menschlicher Tragödien.

Mit einfachen Schuldzuweisungen oder allgemeinen Hinweisen auf das unterschiedliche Klima ist der Sache freilich nicht gedient. In den meisten Fällen verursacht ein ganzes Ursachenbündel das Scheitern internationaler Hilfsbemühen. Neben korrupten, in lokale Konflikte verstrickten Regierungen sind das starke Bevölkerungswachstum, ökonomische und soziale Ungleichheiten, schwere Umweltprobleme, die schlechte Infrastruktur, kulturelle Faktoren und Diskriminierungen oder Krankheiten wie Malaria, Diarrhoe und AIDS zu nennen.

Experten rechnen damit, dass allein in Afrika die Zahl der AIDS-Waisen bis 2010 auf über 18 Millionen ansteigen wird. Viele von ihnen sind selbst infiziert, allein 2004 kamen 640.000 Kinder unter 15 Jahren hinzu. Nur ein Bruchteil von ihnen bekommt antiretrovirale Medikamente, weil die meisten Mittel für ihre Altersklasse ungeeignet sind und effektivere bislang nicht entwickelt wurden. Ein weiterer, nicht so häufig genannter Grund liegt in den Kosten - die Standardtherapie mit drei Wirkstoffen für ein HIV-infiziertes Kind beläuft sich aktuell auf bis zu 816 US-Dollar im Jahr. Unicef wird im Rahmen des AIDS-Aktionstages am 12. Mai noch umfangreicher auf diese Themen eingehen.

In den reichen Industrienationen, welche die Entwicklungsländer immer noch wirtschaftlich ausbeuten, mit halbherzigen Entschuldungsstrategien abspeisen und sich deren Exporte ansonsten mit Schutzzöllen oder Subventionen für eigene Produkte vom Leib halten, häufen sich dagegen die Luxusprobleme.

Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) stören zunehmend den reibungslosen Betrieb der westlichen Welt. Die Weltgesundheitsorganisation spricht bereits von einer globalen Epidemie, und die Organisation „Trust for America´s Health“, die sich das schöne Motto „Preventing Epidemics. Protecting People“ auf die Fahnen geschrieben hat, geht davon aus, dass 119 Millionen Amerikaner – sprich: 64,5% der Gesamtbevölkerung – übergewichtig oder fettleibig sind.

Glaubt man jüngsten Untersuchungen der Bostoner Harvard University, die derzeit im „Journal of the Royal Society of Medicine“ veröffentlicht werden, müssen diese Zahlen noch drastisch nach oben korrigiert werden. Selbst von Medien, die erklärtermaßen nicht Amerika feindlich eingestellt sind, wird diese Entwicklung mit einer irritierten Mischung aus Verwunderung, Besorgnis und Ungläubigkeit betrachtet.

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass sich diese Tendenz noch verschärfen wird. Die „International Obesity TaskForce“ rechnet bis 2010 damit, dass jedes zweite schulpflichtige Kind in Amerika an Übergewicht leidet. Aber Europa ist den USA dicht auf den Versen – in vier Jahren sollen bereits 38% der hiesigen Schulkinder mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Auch im Nahen Osten, Südamerika und im Westpazifik dürfte die Zahl der übergewichtigen Kinder infolge von falscher Ernährung und zu wenig Bewegung deutlich zunehmen.

Deutschland macht da keine Ausnahme. Jedes fünfte Kind bringt aus den genannten Gründen heute schon mehr Kilo auf die Waage, als der Bodymass-Index (Körpergewicht, geteilt durch Körpergröße zum Quadrat) unter Normalgewicht (20-25) verbuchen könnte.

Auf der 71. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie wurden die volkswirtschaftlichen Kosten der Adipositas im vergangenen Jahr auf 530 Millionen Euro beziffert. Zählt man die Begleiterkrankungen hinzu – Fettleibigkeit erhöht u.a. das Risiko für Diabetes, Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Krankheiten - dürften es sogar über eine Milliarde Euro sein.

Wissenschaftler des Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit haben vor kurzem herausgefunden, dass die Genvariante rs7566605 die Vererbung eines Hangs zum Übergewicht in gewissem Umfang begünstigt. Der Leiter der Untersuchung, Johannes Hebebrand, stellte allerdings klar, dass genetische Voraussetzungen keine ausreichende Erklärung für die deutliche Zunahme von Übergewicht und Fettleibigkeit bieten.

Abgesehen von extrem seltenen genetischen Varianten, den sogenannten „monogenen Formen“, machen die Gene allein aber nicht dick - auch nicht die neu entdeckte Genvariante rs7566605. Vielmehr führt die Kombination aus genetischen Faktoren und Lebensstil bei veränderten Umweltbedingungen wie einer energiereichen Ernährung und mangelnder Bewegung dazu, dass wir stark zunehmen.

Johannes Hebebrand

Das gilt insbesondere für Kinder, welche die ungesunde Mischung aus fett- und kalorienreicher Nahrung, Fernsehen, Computerspielen und mangelnder sportlicher Betätigung nicht mehr ausreichend kompensieren können. Das Universitätsklinikum Leipzig, das sich u.a. intensiv mit Adipositas-Prävention beschäftigt, weist darauf hin, dass Kinder im Alter von weniger als sechs Jahren Mitte der 90er noch 2,5 Stunden am Tag mit aktivem Spielen verbrachten. Seitdem hat sich dieser Wert auf 1,5 Stunden reduziert.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht ratsam, das Thema Ernährung allein unter dem Gesichtspunkt seiner physischen Auswirkungen oder Aspekten der globalen Umverteilung zu betrachten. Hunger und Überfluss verraten gleichermaßen etwas über Lebensstile, wirtschafts- und gesellschaftspolitische Prioritäten sowie moralische Wertvorstellungen. Berichte wie der von Unicef herausgegebene müssten deshalb im Detail und länderspezifisch vertieft und durch eine umfassende, vorurteilsfreie Ursachenforschung ergänzt werden, um tatsächlich eine aufklärerische Wirkung entfalten zu können. Diese würde, so ihr denn die Schaffung eines neuen Bewusstseins gelingt, allerdings sowohl der 1. als auch der 3. Welt helfen können, ihre grundverschiedenen, aber eng miteinander verflochtenen Probleme zu lösen. (Thorsten Stegemann)

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