Unterhaltung im nächsten Jahrtausend

Fernsehen oder Netz?

Konferenzen in den USA haben es oft in sich: um Leute anzulocken, werden die Themen so formuliert, daß sich kaum ein interessierter Zeitgenosse der Bedeutung des Kongresses verschließen kann. Nur sind dann oft die Fragen von so großer Tragweite, daß es kaum gelingt, wirkliche Antworten zu finden. Das war nicht anders beim Kongreß Entertainment for the Next Millennium, der vom 11. bis 13. Februar in Los Angeles, der Hauptstadt der Unterhaltung, über die Bühne ging. Veranstalter war das Publikationshaus Ziff-Davis und das renommierte American Film Institute.

Siehe auch das Gespräch mit Douglas Rushkoff über Medien und Unterhaltung

Ein Kongreß ist eine Sache, Ambiance und Begleitumstände eine andere. Und wenn Hollywood etwas versteht, dann die Kunst des schönen Scheins und der Inszenierung. Das kam auch der Tagung "Entertainment for the Next Millennium" zugute. Zu den äußeren Umständen gehört einmal der Veranstalter und seine Intentionen. Hinter dem Kongreß in Los Angeles stand der amerikanische Verleger Ziff-Davis, der die beängstigende Zahl von 50 Publikationen wie PC Magazine, Family PC oder PC Gaming World herausgibt. Das Credo von Ziff-Davis läßt aufhorchen: "We believe in Technology. That is the digital manifestation of the human spirit. We believe in its optimism. In its courage. In its crazy inventiveness. We believe in the marriage of people and computers. And that the honeymoon will never be over".

Was ist Unterhaltung? Wenn du etwas machst, wofür du nicht bezahlt wirst.

Hala Makowska von Time Inc. New Media

Auf dem Deckel der gediegenen Image-Broschüre das Bild eines achtjähriger Jungen in einem Wohnzimmer vor einer Batterie von TV-Schirmen und Computermonitoren: "We believe that no matter what crazy problems we've gotten ourselves into, we can technologically wrangle our way out. That technology will fix the ozone layer, create jobs, advance the educational system, transform business, improve the public health, and create everlasting friendships".

"Entertainment for the Next Millennium" - ein zweites Aperçu: Die Fernsehstationen von Los Angeles zeigten live die Verfolgung eines mutmaßlichen Kriminellen durch die Polizei. Die aus dem Helikopter gefilmte und live ins Wohnzimmer übertragene Verfolgungsjagd findet ihren Höhepunkt - wie bei O.J.Simpson - in der Verhaftung des Verdächtigen auf dem Highway im Dschungel von L.A. Der Hotelkellner im Beverly Hills Inn, der das Frühstück serviert ist, begeistert und will sich die entscheidenden Szenen, die immer wieder gesendet werden, noch einmal anschauen: "Hey man, that's real entertainment".

Die Menschen erwarten von Unterhaltung Fernsehen und Film.

Lara Stein, M3P von Microsoft

Zur Sache selbst: Hollywood tut sich schwer mit den Neuen Medien, mit Internet und CD ROM. Das sagt nicht irgendeiner, sondern Bob Dowling, Chefredaktor und Herausgeber des "Hollywood Reporters": "Im Entertainment Business versteht niemand, was Interaktivität wirklich ist". Die traditionellen Medien sind gut im linearen Erzählen, und solange Hollywood mit linearen Erzählungen derart viel Geld macht wie heute, besteht keine Motivation, sich wirklich mit den neuen Medien zu beschäftigen. Ein Blick auf zwei neue Hollywood-Produkte bestätigt die Aussage: "Titanic", der erfolgreichste Film der letzten Zeit, ist eine wunderbare, lineare Erzählung, ein Movie eben und kein interaktives Produkt. Und ein Rundgang durch den Universal Studio Park zeigt nichts anderes: die neueste Attraktion ist ein "Ride" durch die Welt des "Jurassic Parc". Atemberaubend zwar und gewiß Fun, aber was passiert wirklich? Der Zuschauer wird in eine Gefährt geführt, angeschnallt, mit einem eisernen Bügel eingeklemmt und darf dann staunend den nur gerade dreiminütigen Nervenkitzel der Attraktion erfahren. Lustig zwar, aber nix interaktiv.

Natürlich eröffnen die interaktiven Medien neue Distributionskanäle für Movies und CD's. Natürlich erhalten gerade TV und PC dadurch ganz neue Funktionen. Nur: That's the Future - und die Bandweiten, die dafür benötigt werden, sind heute noch nicht da. Zwei Feststellungen - nicht neu zwar aber doch interessant genug, um dabei innezuhalten: Es ist das traditionelle Kabel TV, das heute den Schlüssel zu diesen neuen Diensten hat, und wir sind gut beraten, wenn wir auch in Europa die Vorgänge rund um die Kabelgesellschaften aufmerksam verfolgen. Die Frage ob der PC oder der TV das Endgerät der Zukunft sein wird ist obsolet - vielleicht will gar niemand wirklich, daß die beiden Geräte wirklich verschmelzen, denn viele Leute sitzen schon heute am PC, während gleichzeitig der Fernseher läuft. Wer wissen will, was in der letzten Folge der "Lindenstraße" passiert ist, erhält im Internet eine Antwort. Es leuchtet ein, daß er dafür nicht bereit ist, den Fernseher auszuschalten. Und warum sollte es bei den Endgeräten TV und PC bleiben? Zugang zum Netz gibt schließlich das Telefon, und die großen Gerätehersteller werden noch in diesem Frühjahr Telefonapparate auf den Markt bringen, die Zugang zum Netz verschaffen werden.

Einen dezenten Hinweis, daß es in Zukunft wohl noch ganz andere Peripheriegeräte als TV und PC mit Tastatur und Maus geben wird, vermochte auch die Show zu geben, die einen spektakulären Akzent bei der Eröffnung des Kongresses setzte: Das Media Lab des MIT zeigte zusammen mit dem Californian Institut of Arts die Modeschau Wearables mit den Kleidern der Zukunft. Darin sind Microchips und Peripheriegeräte eingenäht und bilden ganz andere Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine als PC und TV.

Beim Netz geht es nicht um Unterhaltung oder um das Spielen mit Dingen. Es geht um die Interaktion mit anderen.

Douglas Rushkoff

Wenn Bob Dowling sagt, daß Hollywood die interaktiven Medien (noch) nicht verstanden hat, dann trifft das nicht für alle Studios und Produzenten gleichermaßen zu. Die große Ausnahme ist ausgerechnet Disney. Seit Jahren beweist Disney, wie das Neue das Alte auf perfekte Art und Weise ergänzt: kein Zeichentrickfilm, der nicht eine oder mehrere attraktive Nebenprodukte auf CD ROM hat, und auch im Internet ist der Unterhaltungsriese Disney natürlich präsent. Eine der klügsten Interventionen wurde denn auch vom Disney-Fellow Alan Kay vorgebracht wurde. Er schlägt vor, zwischen soft Fun und hard Fun zu unterscheiden, zwischen aktiver und passiver Unterhaltung, zwischen dem Tennis-Match am TV und dem Tennis-Match, den man selber spielt, zwischen Internet und TV.

Die Killer Applikation im Internet ist nach wie vor nicht das World Wide Web mit all seinen Verheißungen und Frustrationen. Was wirklich täglich weltweit millionenfach genutzt wird ist Email! Im übrigen jene Form des Netzes, die von Frauen am meisten genutzt wird, wie von Angela Gunn, der Web Doyenne der neuen Publikation "Yahoo - Internet Life", zu erfahren war. Und damit ist auch für Hollywood die entscheidende Frage gestellt: Ist direkte Kommunikation auch Unterhaltung? Die Antwort dürfte klar sein: Ja, natürlich. Und von genau dieser Art der Unterhaltung kommen im Moment die interessantesten Impulse. Man schaue etwa die neusten Funktionen im Online-Buchhandel an (Amazon:www.amazon.com/), oder in den virtuellen Gemeinschaften (The Globe) (Dominik Landwehr)

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