Unwort des Jahres 2017: "Alternative Fakten"

Die Frau, die das Unwort zum ersten Mal aussprach: Kellyanne Conway. Foto: Gage Skidmore / CC BY-SA 2.0

Die "Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres" moniert, dass der Ausdruck zum "Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch" geworden ist

"Alternative Fakten" ist das Unwort des Jahres, das die Jury mit dem umständlichen Namen "Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres" für das vergangene Jahr ausgewählt hat.

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Als konkurrierende Begriffe werden noch genannt: "Babycaust", das sogar fast doppelt so oft (122) wie "Alternative Fakten" (65) genannt wurde und von einer Gießener Frauenärztin vorgeschlagen wurde, die wegen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche vor Gericht kam und Aufsehen erregte. Die Ärztin wird auf einer Webseite dieses Namens nach eigenen Angaben "diffamiert, verleumdet und angeprangert".

Auch der Begriff "Nazi" wurde von Einsendern vorgeschlagen und zwar 34 Mal. "Sondierungsgespräche" fand sich den Vorschlägen, "ergebnisoffen", "Jamaika-Koalition", "atmender Deckel", "Obergrenze", "Fake News" und "Bio-Deutscher".

Zwei Begriffe, die eigens aufgeführt werden, kamen anscheinend in die engere Auswahl "Shuttle-Service" als Bezeichnung für die Rettungsaktionen der NGOs im Mittelmeer vor der Küste Libyens. Die menschenverachtende- zynische Verwendung, so die Jury, stamme vom innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion Stephan Mayer.

Als weiteres Unwort wird "Genderwahn" genannt. Mit diesem Begriff würden Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit "in undifferenzierter Weise diffamiert", so die Jury.

Insgesamt seien 1.316 Vorschläge eingegangen. Warum wurde "alternative Fakten" ausgewählt?

Als Kriterium für die Auswahl nennt die Webseite der Sprachkritischen Aktion, dass das Unwort in der öffentlichen Kommunikation eine gewisse Relevanz hat und gegen "sachliche Angemessenheit oder Humanität" verstößt, "gegen das Prinzip der Menschenwürde" und "Prinzipen der Demokratie".

Die Wahl der "alternativen Fakten", von Trumps Beraterin Kellyanne Conway Ende Januar 2017 in die Öffentlichkeit gebracht, als es um den Streit der Teilnehmerzahl bei der Amtseinführung Trump ging (siehe Video, ab Minute 2:00). Damals war Gelächter die erste Reaktion des NBC-Journalisten auf die seinerzeit unerhörte Wortschöpfung.

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Auch etwa ein Jahr später dürfte das Wort, an welchem nur die talentierten Kabarettisten und Entertainern vorbeikommen, von keinem ernst genommen werden. Überraschungseffekte sind nur mehr schwerlich zu erzielen.

Auch ist die politische Pädagogik, die hinter der Unwort-Wahl steht, offensichtlich und war nicht anders zu erwarten. Seit Trump im Amt ist, füttert er und sein Team die "Empörung der Aufrechten". Das ist Programm und es ist natürlich nicht falsch, wenn man dies anmahnt, aber so voraussehbar und ohne Erkenntnisgewinn wie das ARD/ZDF-Fernsehprogramm.

Die Bezeichnung "alternative Fakten" ist der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen. Zwar ist der Ausdruck nur aus dem US-amerikanischen Kontext und dort nur aus einem einzelnen Redebeitrag belegt: Die Trump-Beraterin Kellyanne Conway bezeichnete die falsche Tatsachenbehauptung, zur Amtseinführung des Präsidenten seien so viele Feiernde auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit, als "alternative Fakten."

Pressemitteilung: Wahl des 27. "Unworts des Jahres"

In Deutschland sei der Ausdruck seither zum "Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem auch in den sozialen Medien, geworden", so die Begründung der Jury:

"Alternative Fakten" steht für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen, die dann mit einer Bezeichnung wie "alternative Fakten" als legitim gekennzeichnet werden. Mit der Wahl dieser Wortverbindung zum Unwort des Jahres 2017 schließen wir uns daher den kritischen Stimmen in Deutschland an, die durch den im Deutschen fast ausschließlich distanzierenden Gebrauch des Ausdrucks warnend auf diese Tendenzen in der öffentlichen Kommunikation hinweisen."

Pressemitteilung: Wahl des 27. "Unworts des Jahres"

Das ist pädagogisch gut gemeint und nicht falsch, aber letztlich eine Würdigung und künstliche Aufwertung, auf die man hätte verzichten können. Diskussionen über die Faktenbasis von Behauptungen gibt es ständig, sie gehören zur Politik wie zum privaten Gespräch. Ob der rhetorische Trick mit den "alternativen Fakten" tatsächlich so weit trägt, dass nicht belegbare Fakten dann legitimiert werden? Streitsache.

Ob dieses Unwort ein kritisches Bewusstsein schärft? Da wäre das "Shuttleservice" in Zusammenhang mit den NGOs und den Migranten im Mittelmeer der sehr viel brisantere, neuralgischere Kandidat gewesen.Mit der Debatte über das Gesetz gegen Hate-Speech von Justizminister Maas sind fake news und die Frage, ab wann Behauptungen, die öffentlich gemacht werden, verletzend, irreführend, diffamierend oder hetzerisch sind, ohnehin in einer relevanten öffentlichen Diskussion. (Thomas Pany)

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