Unzutreffend, aber schmerzhaft: Der Open-Access-Sting der Zeitschrift Science

Artikelgebühren & Predatory Publishing

Bohannons Artikel legt weiterhin nahe, die Nutzung von ACPs zur Finanzierung von Open Access Journals mindere deren Qualität. Er stellt damit die Vermutung in den Raum, ein Verlag, der Einkünfte aus der Veröffentlichung von Artikeln erziele, sei bereit, Artikel zu publizieren, ohne deren Qualität zu prüfen.

Angesichts der Tatsache, dass über 70% der Open-Access-Zeitschriften, wie erwähnt, keine APCs einstreichen und dass diejenigen, die es tun, oft sehr geringe Gebühren verlangen, die eine Entscheidung pro/contra Publikation einzelner Artikel wirtschaftlich kaum beeinflussen dürften, ist diese Vermutung keinesfalls auf alle Open-Access-Zeitschriften verallgemeinerbar.

Sie ist zudem aber auch nicht auf diese zu beschränken: Bereits 2005 ergab eine Untersuchung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dass 38,5% der befragten Wissenschaftler in Closed-Access-Zeitschriften Publikationsgebühren zahlten, in den Lebenswissenschaften (aus den auch Bohannons Sample stammt) sogar etwas über 75%.

Auch für das Jahr 2012 berichtet Bernhard Mittermaier, Leiter der Zentralbibliothek des Forschungszentrums Jülich, von Gesamtausgaben für Publikationsgebühren in Höhe von 364.162 €. Allerdings entfallen davon alleine 216.107 € für Artikelgebühren in Closed-Access-Zeitschriften, die diese z.B. für farbige Abbildungen und längere Artikel erheben.

Dazu kommen Zahlungen für Artikel im Hybrid Open Access, einer Sonderform, bei der Autoren einzelne Artikel aus einem Closed-Access-Journal für Open Access freikaufen können. Hybrid Open Access wird in der Open-Science-Community sehr kritisch betrachtet, da solche Inhalte nicht über spezielle Open-Access-Suchmaschinen gefunden werden können und zudem Closed-Access-Zeitschriften subventionieren.

Weiterhin, und das ist für Bohannons Qualitätsdebatte sehr wichtig, werden hybride Open-Access-Artikel exakt der gleichen Begutachtung unterzogen wie die Closed-Access-Artikel, die mit ihnen im selben Journal erscheinen. Für echtes Gold Open Access, für das Bohannon eine durch die Zahlung von APCs verminderte Qualität unterstellt, zahlt das Forschungszentrum Jülich nur 37.454 € an Artikelgebühren, das entspricht 10,3% des Gesamtvolumens.

Unter der von Bohannon formulierten Annahme, die Zahlung von APCs korrumpiere die Qualität einer Publikation, müsste auch das Publikationsverhalten von Closed-Access-Zeitschriften untersucht werden, denn wie das Beispiel des Forschungszentrums Jülich belegt, werden teils knapp 90% der Artikelgebühren in diesen entrichtet.

An dieser Stelle sollte auch erwähnt werden, dass Closed-Access-Verlage in Verhandlungen mit Bibliotheken ihre Preise durchaus mit dem Verweis auf die von ihnen produzierten Seitenvolumina begründen und so, ungeachtet der APC-Diskussion und im klassischen Subskriptionsgeschäft, durchaus vom Verlegen einer Vielzahl an Artikeln profitieren.

Blick nach vorn: Bealls Liste, DOAJ, Submission Fees, Publikationskompetenzen von Wissenschaftlern

Dennoch, das muss klar sein, sollen Verlage, deren Publikationsverhalten unseriös ist, als fragwürdig kritisiert werden, dies muss vor allem auch im Interesse der Open-Access-Akteure liegen. Ein entsprechendes Werkzeug hierzu existiert für Open-Access-Zeitschriften mit der Liste Jeffrey Bealls, die überdies die Kriterien zur Bewertung der Zeitschriften offenlegt. Bealls Liste hat anscheinend erzieherischen Effekt, so lehnte der auf ihr geführte Hindawi-Verlag die Publikation des Bohannon-Papers ab.

Weil Neues (wie Open Access) aber besser als Altbekanntes (Closed Access) sein sollte, kann es nicht genügen, die Mängel von Altem und Neuen gegeneinander aufzuwiegen: Es muss offen über Maßnahmen diskutiert werden, die den Missbrauch elektronischer Publikationsumgebungen und der APCs erschweren. So wird teils bereits eine Zertifizierung von Open-Access-Zeitschriften vorgeschlagen.

Ob das Directory of Open Access Journals als Clearingstelle für Fragen zu Seriosität von Zeitschriften in Frage kommt, scheint etwas fraglich. Zwar bemühte man sich dort um im Sommer des Jahres um verschärfte Aufnahmekriterien für das DOAJ, beschränkte sich aber sehr auf oberflächliche und formale Kriterien, wie etwa die Existenz eines Editorial Boards, das einzurichten eine Leichtigkeit ist und Seriosität niemals garantieren kann.

Eine weitere Möglichkeit, Missbrauch der APCs vorzubeugen, wäre es anstelle der Publikationsgebühren Submission Fees anzuwenden, die bereits bei der Einreichung eines Artikels fällig werden. So würden Verlage kein Geld am Publizieren verdienen, sondern an Einreichungen - deren Zahl wiederum mit der wahrgenommenen Seriosität des Journals steigen sollte. Wer in einer ihm unbekannten Open-Access-Zeitschrift publizieren will, sollte allerdings im Zweifelsfall Quellen wie Bealls Liste nutzen. Man könnte dies als zeitgemäße Erweiterung der Publikationskompetenzen der Wissenschaftler betrachten, die auch bislang nicht blind im erstbesten Journal, egal ob Open oder Closed Access, veröffentlichten.

Jedoch muss auch Jeffrey Beall an seiner Liste arbeiten, denn nicht nur die leicht zu erkennenden, typischerweise aus Indien oder Nigeria stammenden und über schlecht gemachte Homepages verfügenden, unseriösen Zeitschriften publizierten Bohannons Fake-Paper, sondern auch konventionelle Verlage wie Wolters Kluwer, Sage oder Elsevier, für die angeblich die Qualität ihrer Journals über allem anderen steht. Leidtragende des selbst unseriösen, seichten und sensationslüsternen Science-Artikels ist letztlich die Vielzahl der integren Open-Access-Verlage, die Bohannon genauso aus seiner Betrachtung ausschloss wie die Closed-Access-Zeitschriften.

Disclosure: Der Autor ist bekennender Open-Science- und Open-Access-Sympathisant, sowie unter anderem Mitglied der Open Science Working Group der Open Knowledge Foundation (OKFN).

(Ulrich Herb)