Unzuverlässige Atomkraft

Insbesondere die Südstaaten sind von Trockenheit und zum Teil schwerer Dürre betroffen. Bild: US-Landwirtschaftsministerium

Die Energie- und Klimawochenschau: Von purzelnden Aktienkursen und tödlichen Strahlendosen, von zu heißen Flüssen und Reaktoren mit nassen Füßen, von Dürreschäden in Ölstaaten und einer Supermacht, die sich zum Rohstoffexporteur degradieren will

Es ist schon manchmal nicht so recht nachvollziehbar, was die Aktienkurse steigen oder fallen lässt. Eigentlich sollte man meinen, dass nach der dreifachen Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima die Papiere der Solar- und Windkraftunternehmen kräftigen Aufwind haben sollten, doch ganz so einfach scheint es nicht zu sein.

Der RENIXX World, ein vom Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien aufgestellter Aktienindex der 30 weltweit wichtigsten Unternehmen auf diesem Gebiet, hat seit Anfang April rund 40 Prozent verloren. Trotz der Rücknahme der AKW-Laufzeitverlängerung in Deutschland, trotz der schon vorher guten Entwicklung des Weltmarkts und trotz der Ankündigungen aus China (China forciert Photovoltaik-Ausbau), künftig garantierte Einspeisevergütungen für Fotovoltaikanlagen zu zahlen. Dabei waren schon die 600 Punkte, die der Referenzwert im Frühjahr hatte, nur noch ein knappes Drittel des Höchststandes, der vor dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 erreicht worden war.

Am "schwarzen Montag" ging es für den RENIXX, in dem Unternehmen wie Vestas, Yingli, Goldwind, Suntech, LDK und SolarWorld gelistet sind, dann noch einmal um 6,19 Prozent in Richtung Keller. Mit knapp 350 Punkten nähert sich der Index seinem historischen Niedrigwert von 2003. Bei der Eröffnung am Dienstag ging es zunächst noch einmal ein gutes Stück in den Abgrund, ganz wie auch der DAX einen wilden Zickzack hinlegte. Doch dann erholte sich der RENIXX auffallend und deutlich stärker als der DAX. Offensichtlich ist doch nicht alles Herdentrieb, und ein paar Investoren beginnen zu ahnen, dass viele Unternehmen der Branche inzwischen mächtig unterbewertet sind.

Auf jeden Fall hat die Branche, wenn auch vielleicht nicht jedes einzelne Unternehmen, ihre Zukunft noch vor sich. Von der Atomindustrie kann man das sicherlich weniger behaupten. Das einzige Land, das derzeit noch im ernstzunehmenden Umfang Atomkraftwerke baut, ist China. Ob sich die Volksrepublik damit einen Gefallen erweist, muss sich erst noch zeigen. Die diversen Katastrophen, Kataströphchen und Ausfälle von AKW sprechen nicht unbedingt dafür.

Das AKW Brokdorf ist zum Beispiel gerade mal wieder vom Stromproduzenten zum -konsumenten geworden (AKW Brokdorf wegen Unfall abgeschaltet). Drei Wochen war es gerade gelaufen, nachdem es zuvor fünf Wochen wegen Revision und Brennelementwechsel routinemäßig stillgestanden hatte. Die Abschaltung aufgrund eines Trafo-Fehlers scheint immerhin problemlos gewesen zu sein. Kein Vergleich, wie es bisher scheint, zum Trafobrand im AKW Krümmel 2007 (Pannenserie in Vattenfall-AKWs).

Und schon gar kein Vergleich zu der Dauerkatastrophe im japanischen Fukushima. Dort waren Anfang August an einem Rohr außerhalb des Kraftwerkgeländes extreme Strahlenwerte festgestellt worden (Strahlung steigt weiter in Fukushima). Zehn Sievert pro Stunde sollen gemessen worden sein. Eine solche Strahlungsmenge reicht aus, einen Menschen, der ihr mindestens eine Stunde ausgesetzt ist, mehr oder weniger sofort zu töten.

Ganz so schlimm waren die radioaktiven Wolken, die in den Tagen nach dem Beginn der Havarie von den Winden übers Land getrieben wurden, natürlich bei weitem nicht, aber dennoch hätten die Behörden die Bewohner der betroffenen Region warnen müssen. Neuesten Berichten zu Folge unterblieb das offenbar, obwohl in Tokyo die meteorologischen Modelle für die Ausbreitung von Partikeln die Verteilung der radioaktiven Niederschläge ziemlich gut vorhersagten.

Immerhin wird nun über Entschädigungen geredet. Fukushima-Betreiber Tepco wird den rund 80.000 Evakuierten und Geschäftsleuten wohl über 100 Milliarden US-Dollar zahlen müssen, berichtet (http://www.power-eng.com/articles/2011/08/timeline-of-events-in-japan.html) die Internetseite von Power Engineering. Die Regierung hat, um den Konzern zu entlasten, einen Fonds für die Behebung der Schäden aufgelegt und werde in diesen 26 Milliarden USD einzahlen. Die japanischen AKW-Betreiber sollen sich mit jährlichen Zahlungen in nicht genannter Höhe beteiligen (Japanische Regierung will Tepco vor der schnellen Pleite retten).

Derweil ist im US-Bundesstaat Nebraska noch vollkommen unklar, wann das dort seit Anfang Juni von den Fluten des Missouri eingeschlossene AKW Fort Calhoun wieder in Betrieb genommen werden kann. Business Week schreibt, dass das Kraftwerk vielleicht schon im Herbst wieder Strom liefern, aber dass sich der Zeitpunkt je nach Wetter und den notwendigen Reparaturen auch bis ins Frühjahr verschieben könne.

Auch sonst ist es um die Zuverlässigkeit der Atommeiler nicht zum besten bestellt. Im US-Bundesstaat Alabama mussten kürzlich die drei Reaktoren des AKW Browns Ferry runtergefahren werden, weil der Tennessee River, aus dem sie ihr Kühlwasser beziehen, zu warm geworden ist. Alabama leidet wie weite Teile des Südwestens der USA unter einer ungewöhnlichen Hitzewelle. Reihenweise werden jenseits des Atlantiks derzeit neue Temperatur-Rekorde aufgestellt.

Damit einher geht eine Dürre, die besonders Texas fest im Griff hält. Dort ist, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, seit Januar 40 Prozent des sonst üblichen Niederschlags gefallen. Auch Arizona, Louisiana und Teile Georgias liegen im Zentrum eines ausgedehnten Dürregebiets, das sich über elf Prozent der 48 südlichen US-Staaten erstrecke. Nach Aussagen des US-Wetterdienstes, so die Agentur, könnten die extremen Bedingungen in einigen Staaten noch bis Oktober anhalten. Die Verluste für die Landwirtschaft gehen schon jetzt in die Milliarden.

Selbst Schuld könnten Zyniker meinen, denn die Südstaaten der USA sind meist fest in der Hand der rechten Republikaner und der Ölindustrie, was dazu führt, dass es dort Klimaschutz und erneuerbare Energieträger besonders schwer haben. Unter den 50 Bundesstaaten der USA gibt es nur elf, die für ihre Energieversorger nicht einmal freiwillige Selbstverpflichtungen für die Anteile erneuerbarer Energieträger eingeführt haben, geschweige denn verbindliche Quoten. Acht dieser Staaten liegen im Südosten, schreibt die Washington Post.

Ganz anders stellt sich die Lage hingegen am entgegen gesetzen Ende des Landes dar. Der Bundesstaat Washington, an der Pazifikküste im Nordwesten gelegen, gilt als eine der Hochburgen des Umweltschutzes und auch der Linken. Nur ein einziges Kohlekraftwerk ist dort noch im Betrieb und auch das soll in den nächsten zehn Jahren seinen Dienst quittieren. Entsprechend schlecht sind die dortigen Bürger auf Pläne für einen neuen Kohle-Exporthafen zu sprechen.

The Sacramento Bee aus Kalifornien berichtet von einem geplanten Hafenausbau in der Nähe von Seattle. Von dort soll künftig Kohle aus dem Mittleren Westen der USA oder aus Minen noch weiter östlich nach China verschifft werden. Den Anwohnern drohen erhebliche Staub und Lärmbelastungen durch kilometerlange Kohlezüge. Klimaschützer weisen zudem auf die zusätzlichen Treibhausgase hin, die eine Folge des Kohleverbrauchs wären. Außerdem scheint manchem zu schwanen, in welch ungünstige ökonomische Position die USA geraten, wenn sie quasi chinesische Fertigwaren mit Rohstoffen bezahlt.

Im arktischen Archipel, das heißt, zwischen den Inseln im Norden Kanadas, wird sich in den nächsten Tagen aller Voraussicht nach die Nord-West-Passage öffnen und neben dem bereits seit einigen Wochen weitgehend freien Küstengewässern Sibiriens einen zweiten Seeweg vom Pazifik in den Nordatlantik frei geben. Für die Schifffahrt mag das erfreulich klingen, für das Klima auf der Nordhemisphäre und langfristig den ganzen Globus ist das eher eine Katastrophe.

Das Aufbrechen der beiden noch vor wenigen Jahren ganzjährig für normale Schiffe unpassierbaren Passagen ist zum Synonym für den Eisschwund im hohen Norden geworden, der sich nicht nur darin ausdrückt, dass im Sommer mit stark zunehmender Tendenz immer weitere Teile des arktischen Ozeans immer länger eisfrei sind und so von der im Hochsommer 24 Stunden am Tag scheinenden Sonne erwärmt werden können. Auch die Dicke des verbleibenden Packeises auf dem Meer nimmt von Jahr zu Jahr ab, sodass die Eisdecke immer anfälliger für warmes Wetter wird. Je dünner das Eis, desto wahrscheinlicher sein vollständiges Verschwinden im nächsten Sommer.

Das jährliche Minimum der Bedeckung wird gewöhnlich Mitte September oder auch ein paar Tage später erreicht, das Tauen wird also noch rund fünf bis sechs Wochen weiter gehen. Derzeit ist die Bedeckung sehr nahe den historischen Niedrigwerten von 2007, vermutlich wird in diesem Jahr jedoch ein neuer Minusrekord knapp verfehlt werden, wie die Prognosen Hamburger Wissenschaftler zeigen.

Aktuelle Ausdehnung des Meereises auf der Nordhalbkugel. Die Daten beruhen auf Messungen von Mikrowellenempfängern an Bord verschiedener US-amerikanischer Satelliten. Für jedes Planquadrat (25 x 25 km) wird aus den Rohdaten berechnet, ob es zu mindestens 15 Prozent mit Eis bedeckt ist. Bild: NSIDC

Und zu guter Letzt die gute Nachricht der Woche. Wie die britische Zeitung Guardian schreibt, wird China demnächst voraussichtlich eine Obergrenze für den Energieverbrauch festlegen, der 2015 nicht überschritten werden darf. Das wäre praktisch eine Verschärfung der chinesischen Klimaschutz- und Effizienzziele.

Die chinesische Wirtschaft wird bis 2015, wenn sie das Tempo der letzten 20 Jahre beibehält, um 40 bis 50 Prozent wachsen. Insofern wäre die Begrenzung des Wachstums des Energieverbrauchs auf ein Plus von etwas über 25 Prozent schon ein erheblicher Fortschritt. In etwa entspricht es dem bereits im kürzlich verabschiedeten Fünf-Jahres-Plan enthaltenem Ziel, die Energieeffizienz der Wirtschaft in diesem Zeitraum um 17 Prozent zu steigern. Gleichzeitig stellt die Mengenbegrenzung aber eine Verschärfung der Vorgaben dar, insbesondere dann, wenn die Wirtschaft besonders stark expandiert.

Vermutlich wird der Wert bei 4,1 Milliarden Tonnen Steinkohleneinheiten liegen. Beobachter gehen davon aus, dass diese Maßgabe für die einzelnen Akteure einfacher zu handhaben ist. Vor Ablauf des letzten Fünfjahresplans waren Ende 2010 Kraftwerke abgeschaltet und Strom rationiert worden, um das Plansoll zur Einsparung noch einhalten zu können. Das war zwar keine besonders nachhaltige Maßnahme, hat aber immerhin zu einer vorübergehenden Minderung der Treibhausgasemissionen geführt und zugleich den Unternehmen und Provinzverwaltungen gezeigt, dass die Regierung in Beijing (Peking) es wirklich ernst meint, wenn sie die Begrenzung der Emissionen verspricht.

Eine Obergrenze sei wichtig, zitiert Guardian Deborah Seligsohn, die in Chinas Hauptstadt für das World Resources Institute arbeitet. Das neue Ziel verschärfe zwar nicht die bisher geltenden, aber sorge für mehr Klarheit. Die Regierung habe es unter anderem durch die Stilllegungen im letzten Jahr sehr deutlich gemacht, dass die formulierten Ziele auch erreicht werden müssen. "Jetzt wissen die Provinzen Bescheid und werden von Anfang an an der Planerfüllung arbeiten." (Wolfgang Pomrehn)

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