Uragan-Rakete explodiert im Zentrum von Donezk

17.000 Menschen frieren in ihren Wohnungen auf beiden Seiten der Demarkationslinie

Betroffen vom Krieg sind die Menschen zu beiden Seiten der Demarkationslinie. In der von ukrainischen Truppen kontrollierten Stadt Awdeewka, welche nur wenige Kilometer nördlich von Donezk liegt, konnten wegen der immer wieder aufflackernden Kämpfe die Reparaturbrigaden das zerstörte Stromkabel nicht flicken, weshalb die Kokerei von Awdeewka - die größte Europas - ihre Produktion fast einstellen musste. Dadurch ist auch die Fernwärme-Versorgung für 17.000 Einwohner von Awdeewka nur eingeschränkt gesichert. In den Wohnungen der Stadt herrschen zur Zeit Temperaturen um plus zehn Grad, bei Außentemperaturen von minus zehn Grad, berichtet das Internetportal Gazeta.ru.

Zerstörungen in Awdeewka. Bild: ATO

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte am Freitag, die Verantwortung für die militärische Zuspitzung in der Industriezone von Awdeewka liege ausschließlich bei Russland, das in den militärischen Einheiten vor Ort mit seinen Offizieren "die Befehle gebe". Russland habe den Befehl gegeben, die Positionen der ukrainischen Streitkräfte anzugreifen. Die Ukraine habe "immer wieder betont, dass das Feuer eingestellt werden muss".

Poroschenko erklärte, "das Grauen", welches zurzeit in Donezk durch ausbleibende Strom- und Wasserversorgung herrsche, müsse beendet werden. "Dort sind auch unsere Bürger und wir kümmern uns um sie." Wie dieses "Kümmern" genau aussieht, sagte der ukrainische Präsident nicht.

OSZE-Beobachter zählen Tausende von Explosionen

Die OSZE zählte in den letzten Tagen einen extremen Anstieg von Explosionen "im Donezker Gebiet". Gemeint ist das Gebiet von dem ein Teil unter ukrainischer, ein anderer Teil unter Kontrolle der Separatisten steht. Die Verletzung des Waffenstillstandes hätten sich "stark erhöht", heißt es in dem Bericht vom 1. Februar. Man habe 10.330 Explosionen gezählt, im Beobachtungszeitraum davor nur 2.500.

In dem Bericht vom 2. Februar schrieb die Beobachtergruppe, die Zahl der Waffenstillstandsverletzungen sei zwar zurückgegangen, die Situation bleibe aber "außerordentlich angespannt". Der Tagesbericht meldet für die Volksrepublik Donezk 5600 Explosionen. Allein in der Nacht auf den 1. Februar habe die Beobachtergruppe in Donezk 994 Explosionen gehört. Der Großteil der Verletzungen des Waffenstillstandes gäbe es in den Gebieten Awdeewka (ukrainisches Gebiet) und Jasinowata (Volksrepublik Donezk).

Zu beiden Seiten der Demarkationslinie befänden sich "Waffen", welche über die vorgeschriebene Linie Richtung Demarkationslinie bewegt wurden, schreiben die OSZE-Beobachter. Gemeint sind die schweren Waffen, die sich nach der Minsk-2-Vereinbarung nur außerhalb eines 30-Km-Korridors längs der Demarkationslinie befinden dürfen. Zu beiden Seiten der Demarkationslinie gäbe es "Beschädigungen durch Geschosse". schreiben die Beobachter in ihrem Bericht.

Hohe Zahlen von gefallenen Soldaten

Auf einem Pressebriefing erklärte der Vertreter des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Aleksandr Motusjanik, am Freitag, die Intensität der Kämpfe sei vergleichbar mit dem Sommer letzten Jahres. "Der Feind" kämpfe auf der gesamten Länge der Demarkationslinie.

Der stellvertretende Leiter des operativen Stabes der ukrainischen Streitkräfte, Andrej Zwetkow, berichtete, seit dem Beginn der verstärkten Kampfhandlungen im Donbass seien zehn Soldaten gestorben und 66 im Gebiet Awdeewka verwundet worden. Der stellvertretende Leiter der operativen DNR-Streitkräfte, Eduard Basurin, erklärte hingegen, mehr als 200 ukrainische Soldaten seien getötet und etwa 450 verletzt worden.

Junge ukrainische Soldaten sterben - Donezker Großmütter werden evakuiert

Am Mittwoch wurden sieben junge ukrainische Soldaten, die am Sonntag und Montag gefallen waren, unter bewegenden Gesängen auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew auf einer Trauer-Zeremonie aufgebahrt. 1.500 Menschen nahmen an der Zeremonie teil, um von den Soldaten Abschied zu nehmen. In einem Video von der Trauerzeremonie sind die Bilder der fünf jungen Soldaten zu sehen. Ob diese Soldaten ahnten, dass auch in Donezk Menschen sterben oder wegen der ständigen Beschießungen aus ihren Wohnungen evakuiert werden müssen, wie etwa die 81jährige Ljubow Awdeenka, welche diese Woche vom Katastrophenschutz mit einem Schützenpanzerwagen aus ihrer Wohnung im "Kiewer Bezirk" von Donezk evakuiert werden musste?

Dass sich die ukrainische Armee im Raum Awdeenka auf einen Angriff vorbereitete, ließe einer Äußerung eines ukrainischen Nachrichtensprechers entnehmen, der nach dem Ausbruch der Kämpfe am Sonntag von einem "Sieg des kriechenden Angriffs" sprach. Der Angriff sei einen Monat lang von der ukrainischen Armee entlang der Demarkationslinie vorbereitet worden. Offenbar war damit der Einsatz kleiner ukrainischer Kampfgruppen gemeint, die sich über offenes Gelände leichter bewegen können. Der Sprecher erklärte den Fernsehzuschauern, mehrere Städte, die jetzt in der international nicht anerkannten "Volksrepublik Donezk" liegen, wie die Städte Debalzewo und Dokutschajewsk, sowie einige Dörfer im Süden, gehörten nach dem Minsk-1-Abkommen vom September 2014 "eigentlich zur Ukraine".

Offenbar will die Ukraine verschiedene Städte und Dörfer, wie den Eisenbahnknotenpunkt Debalzewo, die sich nach dem Minsk-1-Abkommen unter ukrainischer Kontrolle befinden müssten, zurückerobern. Einen Vorstoß von mobilen ukrainischen Einheiten Richtung Debalzewo gab es bereits Mitte Dezember 2016.

Ukrainische Panzer an der Demarkationslinie

Unangenehm für Kiew war, dass der BBC-Korrespondent Tom Burridge am Mittwoch via Twitter ein Video postete, welches ukrainische Panzer in einem Stadtviertel von Awdejewka, also fast direkt an der Demarkationslinie, zeigt. Der Korrespondent kommentierte sein Video mit den Worten: "Wir trafen ukrainische Truppen und Panzer in #Avdiivka die bereit für den Einsatz scheinen - und wir konnten hören, dass es keinen Waffenstillstand gibt." Mit "wir konnten hören" war offenbar der ständige Gefechtslärm gemeint.

Screenshot aus dem Video von Tom Burridge

Auf dem Video sieht man auch, wie sich eine OSZE-Mitarbeiterin mit einem der ukrainischen Soldaten unterhält. Die Video-Enthüllung des britischen Korrespondenten löste in russischen Medien Entrüstung aus, denn nach dem Minsk-II-Abkommen dürfen schwere Waffen nur 30 Kilometer von der Kontaktlinie entfernt stationiert werden. Das Foto tauchte auch in anderen deutschen Medien, so bei Spiegel Online auf, ohne dass vermerkt wurde, dass es sich um einen ukrainischer Panzer handelte. So konnte bei dem Betrachter der Eindruck entstehen, dass dort ein russischer Panzer steht, der Wohnhäuser als Deckung nutzt.

Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte am Freitag via Facebook, die im Video gezeigten Panzer seien nicht an militärischen Handlungen beteiligt. Die Panzer befänden sich in "operativer Reserve" für den Fall, dass "der Gegner die Verteidigung der ukrainischen Streitkräfte durchbricht." In dem Bericht der OSZE-Beobachter vom 2. Februar werden die vier T 64-Panzer in der Stadt Awdeewka erwähnt. (Ulrich Heyden, Moskau)