Urban Mining - neue Wege aus der Rohstoffknappheit?

Wie viel Zukunft steckt in Mülldeponien, alten Gebäuden und schrumpfenden Städten? Ein Gespräch mit Rainer Lukas vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie

Im hessischen Reiskirchen können Beobachter sehen, wie groß die Angst vor der Rohstoffknappheit ist. Stefan Gäth, Professor für Abfall- und Ressourcenmanagement, versucht dort mit Hilfe von Probebohrungen festzustellen, welche Metalle sich in welcher Konzentration in dem Müllberg befinden. Nach der Auswertung der ersten Bohrungen vermuten die Forscher dort Rohstoffe im Wert von mindestens 65 Mio. Euro. Ein ordentlicher Batzen und seit der Beschränkung des Exports Seltener Erden vermuten immer mehr Rohstoffanalysten, dass sich in der Zukunft mit dem Abbau solcher Deponien durchaus Geld verdienen ließe.

"Urban Mining" ist das dazugehörige Stichwort, das derzeit in den Führungsetagen der deutschen Industrie herumgeistert. Japanische Studien haben ergeben, dass auf der Pazifikinsel derzeit noch etwa 300.000 Tonnen der Seltenen Erden auf den verschiedenen Müllkippen auf ihre Förderung warten.

Ein Fund, der für Japan durchaus als Rettung bezeichnet werden kann. Denn Japan befindet sich seit Monaten in einem diplomatischen Konflikt mit der Volksrepublik China, welche ihrerseits der Hauptexporteur dieser wichtigen Industriestoffe ist. Derzeit hat es den Anschein, dass China den Export nach Japan wieder aufnehmen möchte. Sicher ist dies jedoch nicht. Denn diplomatische Verwicklungen zwischen den beiden Staaten haben durchaus eine lange Tradition.

Auch in Europa wird das Thema immer akuter. In einem internen Strategiepapier des EU-Industriekommissars Antonio Tajani wird laut FAZ darüber nachgedacht, das derzeit gegen China vor der WTO laufende Verfahren weiter auszuweiten. Darüber hinaus heißt es dort, dass Entwicklungsländern ihre Handelsprivilegien entzogen werden sollten, sofern diese ihren Export mit Rohstoffen einschränkten.

Rainer Lucas, Projektleiter in der Abteilung “Stoffströme und Ressourcenmanagement” am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, erläutert im Gespräch mit Telepolis, wie ein gezieltes und durchdachtes Urban Mining bereits weit im Vorfeld solchen Schwierigkeiten entgegenwirken und einen wertvollen Beitrag zur Rohstoffsicherheit Deutschlands leisten könnte.

Nötig ist eine Strategie, die sich auf die nächsten 20 oder 30 Jahre bezieht

Herr Lukas, wie teuer käme denn ein konsequentes Urban Mining System, bei dem alle Rohstoffe wiederverwertet würden?
Rainer Lukas: Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass sich Urban Mining nicht nur auf alte Mülldeponien bezieht. Auch die Wiederverwertung von Baustoffen und Metallen aus alten Gebäuden und Infrastrukturen gehört dazu. Für eine Deponie beispielsweise ist eine wirtschaftliche Rechnung sehr schwierig. Das kann man erst wissen, wenn Probebohrungen gemacht wurden und wenn klar ist, auf was man sich da einstellen muss. Es gibt in den Deponien ja auch ein hohes Schadstoffpotential. Es muss mit bedacht werden, was mit diesen Schadstoffen passieren soll, wenn sie an die Industriemetalle herangehen wollen. Entsprechend entstehen unter Umständen wieder neue Entsorgungskosten.
Das bedeutet aber doch auch, dass ein entsprechendes Recycling von altem Elektroschrott die gleichen Probleme erzeugen würde?
Rainer Lukas: Das stimmt natürlich. Aber die Mehrheit dieser Güter werden heute nicht in Deutschland entsorgt. Handys - beispielsweise - haben ein zweites und drittes Leben. Das Recycling dieser Materialien in Afrika, wenn es überhaupt statt findet, hat mit Urban Mining im eigentlichen Sinne nichts zu tun. Dass der Urban-Mining-Begriff heute häufig so benutzt wird, halte ich für sehr problematisch.
Ich denke, Urban Mining bezieht sich auf stationäre Güter, wie beispielsweise Gebäude und Infrastrukturen, in denen Materialien gelagert sind, die am Ende der Nutzungsphase in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt werden können. Denn bei einem Handy stellt sich doch die Frage, wo ist denn der Ort der letzten Nutzung und was passiert dort mit dem Material? Es ist bedauerlich, dass die Produktverantwortung für die Konsumgüterelektronik häufig an der deutschen Grenze endet. Der Effekt ist, dass die in den Geräten enthaltenen seltenen Metalle unwiderruflich verloren sind.

Schrumpfende Städte und ungenutzte Gebäude

Sie verstehen Urban Mining in erster Linie als Abbau in alten Gebäuden. Gibt es überhaupt genügend Gebäude, die abgerissen werden könnten, damit sich so etwas lohnt?
Rainer Lukas: Gerade in Ostdeutschland, aber auch immer mehr in Westdeutschland schrumpfen die Städte und dadurch bleiben immer mehr Gebäude ungenutzt. Um die dort verbauten Materialien wieder zu verwerten, brauchen sie zunächst einmal eine Analyse über den Baubestand und natürlich seiner momentanen Nutzung. Sie müssen auch klären, wann für ein Gebäude ein Nutzungsende absehbar ist. Die Rahmenbedingung ist natürlich der Bevölkerungsschwund. Denn da wo Leerstand ist, wird auch abgerissen.
Wie kompliziert ist das dann diese Rohstoffe wieder in den Kreislauf zurück zu bringen?
Rainer Lukas: Von der Technik her ist das momentan überhaupt kein Problem. Industriemetalle, wie Kupfer oder Blei, werden bereits heute bis zu 90% wieder verwertet. Aber wenn sie in die Zukunft schauen, stellen sie fest, dass immer mehr seltene Metalle verbaut werden. Da liegt dann schon die Herausforderung darin, wie bekomme ich die Elektronik, die verbauten Solaranlagen oder einfach auch nur den hohen Aluminiumanteil wieder heraus. In den klassischen Industriemetallen ist das aber kein Problem mehr.

Wir bräuchten einen Gebäude- oder Infrastrukturpass

Sie sprechen die seltenen Metalle an, über die derzeit so viel in den Medien gesprochen wird. Inwiefern spielen diese heute schon eine Rolle im Urban Mining?
Rainer Lukas: Bislang kaum. Außer in alten Deponien, werden sie diese derzeit auch nicht groß finden in Deutschland. In neuen Gebäuden und modernen Infrastrukturen jedoch sehr wohl. Viel wichtiger ist also ein Blick in die Zukunft.
Beim Urban Mining brauchen sie eine Strategie, die sich auf die nächsten 20 oder 30 Jahre bezieht. Der erste Schritt wäre, dass das, was heute verbaut wird überhaupt erst einmal registriert wird. Wir bräuchten so etwas wie einen Gebäude- oder Infrastrukturpass. Die Bauunternehmen müssen erst einmal verpflichtet werden aufzuzeichnen, wo sie was verbuddeln, damit wir später wissen, wo wir die Materialien wieder herausholen können. Die Hauptaufgabe momentan ist erst einmal, eine Informationsgrundlage zu schaffen, damit später ein systematisches Urban Mining überhaupt betrieben werden kann. Nur so kann das Urban Mining einen kontinuierlichen Beitrag zur Rohstoffsicherheit in Deutschland leisten.
Sie möchten also so etwas wie eine Landkarte erstellen, auf der dann alle verbauten Rohstoffe eingezeichnet sind?
Rainer Lukas: Richtig. Das wäre dann beispielsweise eine Aufgabe für die neue Rohstoffagentur, so etwas auf den Weg zu bringen.
Die Rohstoffagentur greift ihrer Meinung nach also zu kurz mit ihrem Ansatz?
Rainer Lukas: Die Agentur hat ja erst dieses Jahr mit ihrer Arbeit begonnen. Sie sollte so schnell wie möglich einen systematischen Ansatz entwickeln, um die sekundären Materiallager zu erfassen. Derzeit entsteht erst allmählich die Einsicht, dass auch in Deutschland die Abfallwirtschaft zur Rohstoffwirtschaft transformiert werden muss. Die Schweiz ist da deutlich weiter. Dort gibt es in Zürich ein großes Modellprojekt. Da kann man sehen, wie so etwas gemacht werden kann. Dort werden alle verbauten Rohstoffe entsprechend registriert, um sie dann in der Zukunft wieder finden zu können. (Ralf Heß)
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