Urban beekeeping

Foto: Susanne Aigner

Endlich erobern die Bienen die Mietshäuser der Innenstadt

Für Bienen wird das Leben auf dem Lande immer schwieriger. Intensiv genutzte Agrarflächen können Bienen und Wildinsekten nicht mehr ernähren, denn Monokulturen wie Mais verdrängen die Vielfalt an Blühpflanzen. Auch Rapsfelder blühen nur wenige Tage im Frühjahr. Die Bienen und bestäubenden Wildinsekten brauchen aber den ganzen Sommer bis in den Herbst hinein Nahrung. Im Frühjahr werden massiv Pestizide ausgebracht, welche den empfindlichen Insekten schaden. Auch Krankheiten und Schädlinge dezimieren die Bienenvölker.

In unserer urbanisierten Gesellschaft beschäftigten sich in den letzten Jahrzehnten immer weniger Menschen mit Bienenzucht. Honig konnte man im Supermarkt kaufen. Den Imkern fehlte zusehends der Nachwuchs. Doch seit wenigen Jahren kehrt sich dieser Trend um. Und das ist auch einer wachsenden Anzahl von Stadt-Imkern zu verdanken.

Summende Großstädte

Mancherorts weisen Städte eine höhere Artenvielfalt auf als ländliche Regionen. In Parkanlagen, Vorgärten und Blumenkübel blühen übers Jahr gesehen reichlich Blütenpflanzen und Straßenbäume wie Akazien, Linden und Kastanien. Kleingartenanlagen mit Blumenrabatten, Kirsch-, Apfel-, Pflaumen-, Birnenbäumen und Sträuchern bieten die ganze Saison über Nahrung. Bienen in der Stadt profitieren nicht nur von deren Blütenvielfalt, sondern sie erhalten sie auch.

Die Initiative Deutschland summt hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Menschen in der Stadt für Bienenhaltung zu begeistern. Dafür werden Bienenstöcke auf den Dächern repräsentativer Gebäude aufgestellt. In Berlin besiedeln sie inzwischen 17 Dächer öffentlicher Gebäude, darunter das Abgeordnetenhaus, das Haus der Kulturen der Welt, das Planetarium und Naturkundemuseum.

Rund 300 Wildbienenarten gibt es in Berlin, die solitär leben und ihre Nachkommen allein versorgen. Berlins Stadtimker ernten im Schnitt 47 Kilogramm pro Volk und Jahr, gefolgt von Hamburg mit 40 Kilogramm. Zum Vergleich: Die Honigernte auf dem Lande kommt etwa auf die Hälfte.

Stadtimker Frank Hinrichs, der auf dem Dach des Berliner Domes zwei Bienenstöcke mit 40.000 Bienen betreut, erklärt: "Im Umkreis von drei Kilometern - vom Tiergarten bis zum Friedrichshain - finden Bienen das ganze Jahr über jede Menge Nektar". Denn Parkanlagen, Friedhöfe, Verkehrsinseln und Balkone bieten genauso wie wuchernde Brachflächen wertvolle Nahrungsquellen für bestäubende Insekten. Oder Erika Mayr, die sieben Bienenstöcke mit rund 255.000 Bienen in Kreuzberg und zwei weitere in der Köpenicker Straße hält. Ihren Honig schleudert sie in einer Anlage im Grunewald und füllt ihn in Schöneberg ab.

Seit Jahrzehnten imkern Hobby-Gärtner in Münchener Kleingartenanlagen eher im Verborgenen. Nun erobern die Bienen die Mietshäuser der Innenstadt. Der Verkauf von Honig ist für viele kein schlechter Nebenverdienst. Ronny Andrä zum Beispiel hält seit zwei Jahren ein Bienenvolk auf seinem Balkon, fünf weitere stehen an anderen Orten verteilt in der Stadt.

An den sonnigen Tagen von März bis September herrscht reger Flugbetrieb. Im letzten Jahr erntete er 50 kg Honig. Oder Angela Schelling, in deren Garten derzeit sieben Völker stehen. 120 Kilo Honig erntete sie im vergangenen Jahr. Ein Glas Honig zu 500 Gramm kostet 6,50 €. Ihr langfristiges Ziel sind 50 eigene Bienenvölker.

2011 war der Gasteig der erste öffentliche Platz, an dem in München Bienenstöcke aufgestellt wurden. Inzwischen besiedeln Bienen das Haus der Architektur, die Neue Pinakothek, die Seidlvilla, das Gärtnerplatztheater und die Kirche St. Maximilian. Seit 2013 sind sie auch auf dem Dach der Staatsoper angesiedelt.

Bienenfreundliche Städte

Auch in anderen Städten sind Honigbienen unterwegs. In Karlsruhe prägen Bienen inzwischen das Stadtbild: Hier gibt es inzwischen 250 Imker und 1.300 Völker mit rund 52 Millionen Bienen. Ein Ende ist nicht abzusehen.

In Mannheim siedelten drei Professoren Bienenvolk auf dem Dach der Hochschule an. In den umgebenden Kleingärten und Parks mit mehr als 30 Pflanzenarten, darunter Linden, Robinien, Lavendel, finden die Bienen genügend Nahrung. 20 kg vorzüglichsten, qualitativ hochwertigen Honig ernteten sie im letzten Jahr. Dafür erhielten die drei Stadtimker die Silbermedaille vom Deutschen Imkerbund.

Imker Thomas Kalb platzierte sein Bienenvolk zwischen Gärten und Parkanlagen auf einem Mannheimer Hoteldach. Er verkauft unter anderem reinen Lindenblütenhonig. In Mainz installierte man auf dem Dach des Umweltministeriums im letzten Frühling vier Bienenkästen. In Rheinland-Pfalz waren bis dahin 13 Schulen in die Imkerei eingestiegen.

Auch in und um Kassel haben Marie Heppner und Michael Hertweck auf sechs Standorten ihre Bienenkästen stehen. In den üppig wuchernden Park- und Grünanlagen finden die Insekten genügend Nahrung. Und in Hamburg-Harburg kümmert sich der Imker Thomas Krieger um drei Bienenstöcke auf dem Dach des sozialen Dienstleistungszentrum (SDZ), das eigens hierfür großflächig mit Mauerpfeffer und Steinbrech bepflanzt wurde.

Manchmal kommen Bienen auch ungerufen, wie im Sommer 2013 im Kreis Neustadt (Waldnaab). Hier besiedelten 70.000 Bienen eigenmächtig das Dach eines Wohnhauses. Doch anstatt in Panik auszubrechen, holten die besonnenen Hausbewohner zwei Imker aus dem Nachbarort, die das Bienenvolk fachgerecht umsiedelten.

Skulptur mit Bienen, Pierre Huyghe, Dokumenta 13. Bild: Susanne Aigner

Bienen in der Stadt seien weniger gefährdet als auf dem Land, behauptet Jean Paucton, einer von rund 500 Imkern in Paris. Seit fast 30 Jahren hält der pensionierte Requisiteur Bienenvölker auf dem Dach der Opera Garnier. Eigentlich wollte er hier seinen Bienenstock nur vorübergehend für zwei Wochen abstellen. In dieser Zeit aber hatten die Bienen doppelt so viele Honig produziert wie seine Völker auf dem Lande.

Daraufhin siedelte er fünf Völker auf dem Dach an. Nicht nur wegen der Vielfalt sei Paris ein Paradies für Bienen, betont er, sondern auch, weil es in der Stadt zwei bis drei Grad wärmer ist und hier alles viel länger blühe. Regelmäßig besuchen Schulklassen die Bienenstöcke, um den "Betonhonig" zu probieren.

Mit Bienen im Taxi durch New York

In New York werden Bienen seit Anfang des 20. Jahrhunderts gehalten. Dabei fördern die Luftströmungen und Wirbel rund um die Wolkenkratzer offenbar die Flugbewegungen. Auf den Dachgärten von Manhattan saugen sie Nektar aus Blüten und nippen Wasser aus den Teichen. Einige New Yorker Hobby-Imker gründeten die New York City Beekeepers Association.

Einer von ihnen, David Graves, imkerte bereits 15 Jahre, als er für seine Bienen ein neues Zuhause suchte, weil sie an ihrem früheren Standort durch Braunbären bedroht waren. Er stellte seinen Bienenstock auf den Wochenmarkt mit einem Schild "Wir brauchen ein Zuhause" auf - und hatte innerhalb kürzester Zeit mehr Angebote, als er wahrnehmen konnte.

Mit Taxi und Lift transportierte er sie auf die Dächer der Hochhäuser. Heute unterhält er sieben Stöcke in Brooklyn und Manhattan sowie zwei auf dem Dach einer Schule in der Bronx. Hier lernen die Schüler alles rund um die Bienen und Honiggewinnung. Seinen New York City Rooftop Beelicious Honey verkauft er für fünf Dollar pro Halb-Pfund-Glas, bei einer Honigernte von 50 Pfund je Stock und Jahr.

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