Urfaschismus: Die Gruppen und ihr Druck

Alle sozialen Formen sind an sich von vorneherein faschistisch, reaktionär und an sich die Pest dieser Welt, sie produzieren Mitläufer

.. die Kindlein, sie hören es nicht gerne, wenn die angeborene Neigung des Menschen zum "Bösen", zur Aggression, Destruktion und damit auch zur Grausamkeit erwähnt wird.

Sigmund Freud

Gemeinschaften haben Spielregeln und erst diese haben die Menschen zivilisiert, erträglich gemacht. Der zwangsläufige Schaden dabei ist, Gruppen zerstören das, was authentische Individualität sein könnte. Jedoch unter "Individualität" verstehen Menschen heute ohnedies meist nur was Bescheidenes, nämlich sich erlaubte und leistbare Konsumvorlieben erfüllen. Etwa gern Orange-Wein trinken, in den USA shoppen und Eis essen, Sri Lanka als jährlichen Urlaubsort lieben und sich heimlichen Polyamorie-Gedanken hingeben.

Was Freud 1930 angemerkt hat, ist nach wie vor beachtenswert: Die Jugend wird zu wenig auf die bedeutende Rolle, die Sexualität in ihrem Leben spielen wird, vorbereitet. Genau so wenig wird sie für die Aggressionen gerüstet, die ebenfalls eine dominante Rolle in ihrem Leben einnehmen. Aggression, das ist nicht nur persönliche Wut, Neid oder Gehässigkeit zwischen Personen, sondern ebenso der Druck, den eine Gruppe, eine Gemeinschaft, das "Soziale" ausübt. Umberto Eco hat das Mitte der 1990er Jahre beschrieben - im Endeffekt ist die Gruppe, der einer angehört, die Ursprungsform des Faschismus.1 Das betrifft alle Gruppen, doch dazu später.

Unkenntnis wie Gesellschaft tickt

Ein halbes Jahrhundert nach 1968 scheinen die großen gesellschaftlichen Milieus ihre Kenntnisse über grundsätzliche menschliche Verfasstheit weitgehend verloren zu haben. Bildungssystem und ebenso die Medien haben da nachhaltig versagt, heute wird zum "Sozialen" meist nur oberflächliches Blabla geäußert. Menschen aller Kulturen, sofern sie nicht ver-rückt sind, haben anthropologische Konstanten, etwa das Inzest-Tabu oder eine nachhaltige Distanz allem Fremden gegenüber (und mehr dazu später). Um hier gleich den Beißreflex des "fortschrittlichen" Milieus zu unterbinden, sei auf den links verorteten Soziologen Zygmunt Bauman verwiesen, der sich damit umfassend beschäftigt hat.

Ebenso mangelt es an einem Basiswissen zur psychischen Struktur - dass Aggression zum Menschen dazugehören soll, darüber mögen manche heftig in Rage (sic!) geraten, weil es nicht geben soll, was nicht gefällt. Ebenso werden häufig grundsätzliche soziale Reaktionsweisen verleugnet, etwa Manipulationen oder Intrigen. Wie sie funktionieren, bleibt dann ausgeblendet und unerkannt, obwohl man sich gelegentlich gern solcher Mechanismen bedient.

Diese Verständnisdefizite betreffen heute grundsätzlich alle Milieus, wenn man das ins bekannte Schema pressen will: linkes/fortschrittliches wie rechtes/konservatives Denken gleichermaßen ignorieren das "Soziale". Was die spätkapitalistisch/neoliberalen Eliten natürlich ungemein freut, denn der seinen Verstand gebrauchende, nachdenkliche Citoyen ist für sie, als Bürger wie als Konsument, doch eher unbeliebt.

Anpassungszwang durch Gruppen

Nach den Eltern sind es informelle Gruppen, die ein Kind nachhaltig domestizieren, das beginnt im Kindergarten und endet erst mit dem Tod. Bei diesen Gruppen, egal welcher Art, gibt es kein Recht auf oder eine Pflicht zur Integration. Wer dazugehören will, der muss sich anpassen, also die geltenden Spielregeln, Meinungen, Haltungen übernehmen - sonst kommt er gar nicht erst rein oder fliegt schnell wieder raus.

In Kindergärten wird diese Härte gemildert, die Pädagogin interveniert für Außenseiter und "motiviert" die Gruppe, in die einer oder eine rein soll. Individuen, die sich mit vorhandenen Gruppen schwertun, können natürlich eine eigene bilden, dazu müssen sie extrovertiert, gesellig und attraktiv sein. Eine rivalisierende Gefolgschaft zu haben, kann eine wohltuende und spannende Sache sein. Solche simplen Grundsätze sollten alle als Kinder, spätestens als Jugendliche gelernt haben. Und Introvertierte, jene, die sich den Gruppenregeln nicht fügen wollen, bleiben, selbstgewählt oder ausgestoßen, ziemlich allein.

Was macht überhaupt die Faszination von Gruppen, diesen kleinen Gemeinschaften, also den Umgang mit anderen Menschen aus? Einerseits liefern sie Informationen: Nur Verrückte und Narzissten glauben, dass sie ohnedies über alles Bescheid wissen. In vielen Fällen sind Menschen unsicher, egal ob man einen bestimmten Cocktail gut, die Philosophie insgesamt als Blödsinn finden oder Migranten als Schutzsuchende bzw. als Invasoren sehen soll. Da bietet es sich an, die eigene Meinung entlang der privaten Umwelt, längs der Mitmenschen zu orientieren. Macht man ja beim Kauf eines neuen teuren Geräts genauso: Was sagen Andere dazu, was meinen Verbraucherschützer, der Warentest?

Sich nach dem Verhalten von Anderen zu richten, sich an die Meinung der Gruppe anzupassen, also lernfähig zu sein, ist eine Kulturleistung der menschlichen Gattung. Dumm ist es nur, wenn das genauso wie beim passiven Konsum abläuft, da verzichtet man dann auf eigenen Verstand und auf nachdenkliche Distanz zur vordeklinierten Meinung.

Zugehörigkeit

Andererseits ist das Zugehörigkeitsbedürfnis ganz wichtig: Mutterseelenallein - ohne Bindungen und Beziehungen - fühlt man sich meist nicht besonders gut. Dabeisein, von Anderen gemocht und besser noch, geschätzt zu werden, ist der Kern unseres sozialen Wesens. Der warme Stallgeruch der Gemeinschaft also.

Nun ist es nicht so, dass der Einzelne seine Gruppen unterschiedslos mag. Bei Verwandten findet man meist nur wenige Personen sympathisch; ebenso in der Organisation, in der einer sein Geld verdient, oder bei den Wohnungsnachbarn. "Gute" Kollegen, Bekannte, Freunde werden aber meist entscheidende Peer-Gruppen sein.

Vorteile - Nachteile

Dem schönen Wir-Gefühl, der emotionalen Auflösung des kognitiven persönlichen Ich, und dann der Anerkennung, die man für positive Beiträge zur Gruppe erhält - das betrifft den Klassenkasperl genauso wie einen, der sinnvolle Vorschläge liefert -, also der Solidarität, die man als Gruppenmitglied erfährt, stehen Nachteile gegenüber. Übrigens, Solidarität gegenüber anonymen, fremden Anderen gibt es nicht, sondern bestenfalls Hilfsbereitschaft oder Mildtätigkeit, Solidarität ist immer nur reziproker Altruismus unter Gemeinsamen.

Zurück zu den Nachteilen. In einer Gruppe herrscht immer Group Think, also emotional überformte kognitive Inzucht, um das etwas poetischer zu formulieren. Man wird oft eigenes Denken und eine eigene Meinung vermeiden, einerseits um dem Gegenüber nicht weh zu tun, andererseits um nicht bei der Gruppe insgesamt anzuecken. Fällt man unliebsam auf, murren die nämlich, und gibt man nicht klein bei, folgen Sanktionen, Rüffel, Vorwürfe, schließlich der Zuruf, dass sich einer schleichen könne.

Meist wägt man daher sorgsam ab, ob man entgegen der Mehrheitsmeinung sich äußern soll, das hat man einmal als "Schweigespirale" bezeichnet. Menschen riskieren ungern ihre soziale Zugehörigkeit. Das trifft auf linke/fortschrittliche, wie rechte/konservative Menschen gleichermaßen zu - bei ihren Zugehörigkeitsgruppen sind die meisten erst einmal feig und faul.

Gruppenkohäsion, Konformitätsdruck zum einen - dafür das stallgeruchsartige angenehme Wir-Gefühl. Faschismus und Stalinismus haben so funktioniert, ebenso kriminelle oder künstlerisch tätige Gruppen und alle anderen. Das ist Gruppenalltag; es ist menschliche Verfassung. Außer der linksorientierten Bewegung des Anarchismus und manchen Hippies der 1968er Jahre hat niemand dieses markante Dilemma angesprochen.

Urfaschismus

Lesen wir es verkehrt herum. Basis aller Gruppen, egal ob links, rechts, mitte oder grün, Bergwanderer, Mitgliedern einer Ortspartei oder einer Jugendclique, ist das, was Umberto Eco (annähernd als Muster, eine sozialpsychologische Abhandlung beten wir jetzt nicht herunter) als Grundstrukturen des Urfaschismus ausgemacht hat.

Ein weitgehend konformes, in sich "stimmiges" Denken dieser Gemeinschaft; eine halbwegs gut hergestellte Disziplin (Gemeinschaften mögen keine abweichenden Meinungen, meist traut sich der Einzelne das ohnedies nicht); es gibt ein Zentrum, eine Führungsperson hat sich herausgebildet; das Gemeinschaftsgefühl, also Emotion ist eine wesentliche Basis (Vernunft ist weniger gefragt); ein gewisser eigener Traditionalismus wird gepflegt; gern wird ideologisch Esoterisches dazugeschwurbelt; bei nachhaltiger Abweichung folgt Strafe, Ausschluss, gegebenenfalls bis zur Vernichtung; basisdemokratische Verhältnisse sind eine rare Ausnahme, Inklusion (Zugang zur Gruppe) ist mühsam und mitunter ein unterwürfiger Prozess.

Was dem einen oder anderen Leser vielleicht aufgefallen ist, die eben erwähnte Charakterisierung der Gruppenstruktur ist nahezu deckungsgleich mit der sogenannten F-Skala, einem Erhebungsinstrument, mit der die "autoritäre Persönlichkeit", also der "Nazi-Charakter", gemessen werden sollte. Aus historischen Gründen halbwegs verstehbar, man hat sich vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit dem NS-Faschismus beschäftigt - und da die Autoren links waren, wollten sie die linke Seite nicht beschädigen. Natürlich war der Linksfaschismus eine verheerende, blutige Realität (Stalin, Mao, Pol Pot und viele andere).

Zwänge und Konformismus

Zurück zu den netten soziale Gruppen, zu denen wir gehören wollen. Isolation ist schlimm und schon bei Säuglingen potentiell tödlich. Aber: Alle sozialen Formen sind an sich von vorneherein faschistisch, reaktionär und an sich die Pest dieser Welt, sie produzieren Mitläufer. Egal ob mit linker, rechter oder irgendwo dazwischen liegender Ausrichtung. Überall sind die sozialen Mechanismen gleich.

Fakten dazu: Menschen gehen bevorzugt auf ihnen Ähnliche zu - Gleich und Gleich gesellt sich gern, so die Alltagstheorie des Volksmunds. Das heißt heute soziale Homophilie und hat mit Homosexualität nichts zu tun. Die Milieus bleiben unter sich und wehren Eindringlinge ab, Pierre Bourdieu hat das für Frankreich ausführlich beschrieben.2

Konformitätsdruck schleicht sich von einem selbst unbemerkt ein. Dominante Meinungen in der Gruppe schaffen still und leise ein Framing, also eine Rahmung der eigenen Wahrnehmung, öfter geäußerte Haltungen bewirken auch bei einem zufälligen Empfänger Lernen (Lernkurve). Gruppen und Gemeinschaften produzieren damit Gruppendenken (Groupthink), heute modisch oft als Filterblase bezeichnet.

Menschen sind tief geprägt von Dissonanzminderung, damit sind sie ausgesprochen anfällig für Konformität. Ausbrechen daraus ist schwierig, mitunter gelingt das durch Reaktanz (Widerstand gegen Beeinflussung, wenn sie als solche erkannt wird, also wenn man etwa darauf aufmerksam gemacht wird, dass man gerade manipuliert wird). Die meisten Menschen glauben, selbst wenig beeinflussbar zu sein, das ist eine systematische Selbstüberschätzung (Overconfidence). Lässt sich alles in jedem besseren Lehrbuch zur Sozialpsychologie nachlesen.

Diese Dynamik, welche bewirkt, dass die oft unbewusste totalitäre Anpassung des Einzelnen an die Gruppe oder Masse, letztlich an Gesellschaft, so gut funktioniert, diese, sarkastisch gesagt, gruppenproduzierte Menschenfeindlichkeit, ist nicht etwas Neues. Sie ist in den 1950er Jahren in der Sozialpsychologie ausgiebig beforscht worden. Und zuvor schon, in den 1920er Jahren, von Edward Bernays3 (10 Strategien der Manipulation) und Walter Lippmann4 (Die Welt, mit der wir es in politischer Hinsicht zu tun haben, liegt außer Reichweite) ausführlich beschrieben worden. Angewandt für die Massenmanipulation der US-Amerikaner im Ersten Weltkrieg und als PR-Maschine für die nordamerikanische Industrie. Funktioniert bis heute.

Folgerung

Klar scheint, wenn es nicht gelingt, die Menschen vom sozialen Druck, also aus dem Konformitätszwang ihrer Gruppen zu befreien, braucht man sich erst gar nicht mit der Frage einer besseren Gesellschaft zu beschäftigen. Ohne eine Reduktion der sozialen Anpassungs-Deformation wird es nicht zu authentischem (sozialen) Fortschritt kommen.

Selbst in den Zeiten, wo es einmal liberaler zuging, etwa in den späten 1960er Jahren, haben sofort neu sich bildende Gruppierungen mit Gruppendenken und Konformitätszwängen begonnen. Die alten Strukturen blieben, die Oberfläche wurde renoviert; neue SJW oder Antifa und alte Nazis funktionieren nach gleichen undurchschauten Mechanismen.

(Karl Kollmann)

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