Urheberrecht nebensächlich

35 Millionen US-Amerikaner benutzen Tauschbörsen, die meisten achten (noch) nicht auf das Urheberrecht

In den USA hat die RIAA damit begonnen, über 800 Internetnutzer, die Musik in Tauschbörsen anbieten und herunterladen, mit Klagen wegen Urheberrechtsverletzungen in horrender Höhe zu überziehen. Ebenfalls im Dienst der Abschreckung will die Anwaltsagentur Landwell-PricewaterhouseCoopers im Auftrag von einigen Dutzend Software-Firmen in Spanien gegen 4.000 Internetbenutzer vorgehen (Spanische Software-Firmen wollen 4000 Nutzer von Tauschbörsen anklagen). Vermutlich dürfte die Folge sein, dass die Musikindustrie die von ihr kriminalisierten und teils mit Forderungen in Millionenhöhe konfrontierten Menschen noch mehr von ihr selbst abschreckt. Die Tauschbörsenbenutzer kümmern sich bislang, wie eine Befragung des Pew Internet and American Life Project ergab, kaum um Fragen des Copyright.

Das aggressive Vorgehen der Musikindustrie betrifft nicht einige wenige Menschen, sondern die breite Bevölkerung und die eigenen Kunden. Immerhin benutzen 35 Millionen Menschen oder 29 Prozent der amerikanischen Internetnutzer Tauschbörsen, die "abgeschreckt" oder durch Strafe über die Eigentumsverhältnisse "aufgeklärt" werden sollen (RIAA droht mit Hunderten von Klagen gegen Tauschbörsennutzer).

Politiker - meist in dem Alter (über 50 Jahre), in dem auch die Benutzung von Tauschbörsen gering ist - versuchen, das scharfe Vorgehen der Musikindustrie zu unterstützen. So hat der republikanische Abgeordnete Lamra Smith aus Texas den Gesetzesentwurf "The Piracy Deterrence and Education Act of 2003" (HR 2517) eingebracht, der Maßnahmen vorschlägt, um die Internetnutzer aufzuklären und zu warnen, aber auch das FBI zur Jagd auf die Urheberrechtssünder schicken will. Der republikanische Kongressabgeordnete Joe Pitts setzt sich für seinen "Protecting Children from Peer-to-Peer Pornography Act" (Das P2PorNO-Gesetz) ein. Noch eine Stufe schärfer ist der von den Demokraten John Conyers (Michigan) und Howard Berman (Kalifornien), letzterer mit engen Beziehungen zur Unterhaltungsindustrie, eingebrachte Gesetzesentwurf "Computer Owner Protection and Security Act" (HR 2752), der für Urheberrechtsverletzungen im Internet Gefängnisstrafen bis zu 5 Jahren vorsieht. Berman hatte auch schon andere drastische Ideen zur Bekämpfung von Tauschbörsenbenuutzern: Angriff auf die digitalen Piraten oder Howard Bermans Denial-of-Service-Angriff

Für die Befragung wurden vom April bis Mai Telefoninterviews mit 2.515 Erwachsene über 18 Jahre in den USA geführt, also noch vor der Klagewelle der RIAA, die den Tauschbörsenbenutzer möglicherweise die Folgen von Urheberrechtsverletzungen deutlicher gemacht hat. Das aber muss nicht heißen, dass damit auch gleichzeitig das Unrechtsbewusstseins wächst. Dass die amerikanische Musikindustrie nunmehr nicht mehr gegen die Betreiber der Tauschbörsen, sondern gegen deren Nutzer vorgeht, liegt an einem Urteil eines kalifornischen Gerichts von diesem Jahr. Dabei hatte die RIAA gegen Morpheus und Grokster verloren (Sieg für Grokster und Morpheus). Der Richter sah nicht die Betreiber der Tauschbörse selbst als Urheberrechtsverletzer an, auch wenn mit ihrer Software Urheberrechtsverletzungen von Nutzern begangen werden. Anstatt aber nun endlich die eigenen Angebote an den veränderten Markt anzupassen, setzt die Musikindustrie offenbar noch immer auf Kopierschutz mit abschreckenden Strafen.

Bei der Umfrage gaben jedenfalls zwei Drittel der Internetnutzer, die Musik herunterladen an, dass sie nicht darauf achten, ob die Musik urheberrechtlich geschützt ist. Diese Haltung ist bei der überwiegenden Zahl der Studenten und jungen Nutzer der Fall, aber auch noch bei der Mehrzahl der Menschen zwischen 30 und 49 Jahren. 27 Prozent sei dies bewusst, wobei Eltern offenbar die möglicherweise misslichen Folgen eher präsent sind. Nach der Umfrage ändert dies aber nichts am Verhalten. Ansonsten scheint weder Einkommen noch Geschlecht oder Ethnie eine Rolle bei der Einstellung zu spielen. Allerdings holen sich prozentual mehr Jüngere als Ältere, mehr Männer als Frauen sowie mehr Afro-Amerikaner und Latinos als Weiße Musik aus dem Netz. Wenig erstaunlich ist auch, dass Internetbenutzer aus ärmeren Einkommensschichten mehr Herunterladen als solche aus höheren. Noch weniger erstaunlich ist, dass der prozentuelle Anteil der Tauschbörsenbenutzer bei denjenigen Internetbenutzern höher ist, die über einen Breitbandzugang verfügen.

Lieber aber scheint den befragten Internetbenutzern - soweit die Antworten zutreffen - zu sein, Musik herunterzuladen, als selbst gleichzeitig auch anzubieten, was ja eigentlich der Kern der Tauschbörsen ist. Nur 21 Prozent der Internetnutzer sagen, dass sie anderen erlauben, von ihnen Dateien herunterzuladen, von den Tauschbörsenbenutzern sind es aber immerhin über 40 Prozent. Aber diese 21 Prozent sind immer noch 26 Millionen Menschen, die nun im Visier der Musikindustrie stehen. Einkommen, Ausbildung, Geschlecht, ethnische Abstammung scheinen hierbei keine Rolle zu spielen, wohl aber das Alter und der Internetzugang. Jüngere und Besitzer von Breitbandzugängen tauschen lieber, aber auch Internetnutzer, die schon länger online sind.

Wie immer man die Ergebnisse der Umfrage interpretieren mag, so scheint doch ein Zusammenhang klar zu sein: Tauschbörsenbenutzung und Einkommen. 80 Prozent derjenigen, die in Haushalten mit einem Einkommen von weniger als 30.000 Dollar jährlich leben und Dateien tauschen, achten nicht darauf, ob diese urheberrechtlich geschützt sind oder nicht. Doch auch 60 Prozent der Tauscher mit einem jährlichen Einkommen von über 75.000 Dollar haben dieselbe Einstellung.

Gleichwohl dürfte sich die Musikindustrie, die die Befragung bereits veraltet nennt, weil sie nach ihrer Abschreckungsbotschaft der Anzeigen kommt, täuschen, wenn sie meint, mit Strafandrohungen ein Unrechtsbewusstsein zu schaffen und vor allem die Verkäufe zu erhöhen. Wenn die Menschen massenhaft davonlaufen und "schwarz fahren", dann liegt das auch am System.

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