Urkatastrophe des Neoliberalismus

Gelände der Union-Carbide-Fabrik in Bhopal. Foto (von 2010): Julian Nyča/CC BY-SA 3.0

Bhopal: 35 Jahre später kämpfen die Opfer noch immer um Entschädigung. Sie bekommen in Deutschland selbst von Medien, deren Markenkern die Ökologie ist, nicht die nötige Öffentlichkeit

Tausende erblindeten, Unzählige erlitten Hirnschäden, Lähmungen, Lungenödeme, Herz-, Magen-, Nieren-, Leberleiden und Unfruchtbarkeit. Bis zu 25.000 Menschen starben mittel- oder unmittelbar nach dem Giftunfall im indischen Bhopal, der sich am 3. Dezember zum 35ten Mal jährte. In der indischen Millionenstadt Bhopal war in der Nacht vom 2. zum 3. Dezember 1984 aus einer Anlage des US-amerikanischen Konzern Union Carbide ein tödliches Giftgas ausgetreten.

Noch immer kämpfen Opfer und ihre Angehörigen um Entschädigung. Die Muttergesellschaft von Union Carbide, DOW-Chemical, hat es abgelehnt, vor indischen Gerichten zu erscheinen. Dabei wurde der Konzern von der US-Regierung unterstützt. Sie überredete die indische Regierung, einen Vergleich zu akzeptieren, dessen Betrag durch die Versicherungen gedeckt war. Vor 15 Jahren sah es einmal für kurze Zeit so aus, als würde der Konzern der Forderung nach Entschädigung nachkommen.

Ein vermeintlicher Konzernsprecher übernahm Anfang Dezember 2004 zum 25. Jahrestag der Katastrophe die Verantwortung und kündigte Entschädigung an. Weltweit wurde die sensationelle Wende verbreitet, die Aktien des Konzerns fielen. Doch bald stellte sich heraus, es handelte es sich um eine Aktion der Politikkünstler von The Yes Men, die auf diese Weise den Kampf um Entschädigung unterstützen wollen.

Als sich herausstellte, dass die Meldung über die Entschädigung ein Fake war, stiegen die Aktien wieder. Die Börse war zufrieden. 2019 gab es am 2. und 3. Dezember in zahlreichen Ländern kleinere Aktionen. Der Jahrestag der Katastrophe wird weltweit als "Bhopal-Aktionstag" begangen. In Berlin wurde eine Mahnwache vor der US-Botschaft abgehalten.

Beispiel für antiökologischen Kolonialismus

Michael Gottlob von der Indiensektion der Menschenrechtsorganisation Amnestie International gehört zu den Menschen, die sich seit Jahren für eine Entschädigung der Bhopal-Opfer einsetzen und ganz klar die gesellschaftlichen Strukturen benennen, die die Katastrophe möglich gemacht hat. Er berichtet regelmäßig über den Kampf der Überlebenden um eine angemessene Entschädigung und kämpft für die Behebung der Gesundheits- und Umweltschäden in dem betroffenen Gebiet:

Bhopal gehört zu der langen Reihe von Desastern - von Seveso über Tschernobyl bis Fukushima -, die für den fahrlässigen Umgang mit technischen Risiken stehen. Das Gasunglück ist in das globale Gedächtnis eingegangen, auch als Beispiel dafür, dass westliche Konzerne gefährliche Produktionen in die Länder der Dritten Welt auslagern.

Michael Gottlob, Amnestie International

Auch die Stiftung ethecon benennt ganz klar die Ursachen für die Katastrophe von Bhopal. "Kapitalistische Barbarei in Bhopal hält an", lautet die Überschrift in einer Pressemitteilung zum Jahrestag. Am 23. November 2019 hatte Ethecon seinen alljährlich vergebenen Blue Planet Award an Rachna Dhingra vergeben, die mit dafür gesorgt hat, dass die Opfer von Bhopal auch nach 35 Jahren noch gehört werden.

Nach ihrem Studium in den USA, wo sie Überlebende von Bhopal kennenlernte, wurde Rachna Dhingra zu einer wichtigen Stimme ihres Widerstands. Auf dem ethecon-Kongress klagte sie in einer kämpferischen Rede nicht nur Dow Chemical an, sondern den globalen Kapitalismus. Zuvor hatte bereits das ethecon-Gründungsmitglied Axel Schnura-Köhler den Unfall von Bhopal als "Urkatastrophe der Globalisierung" bezeichnet.

Die Chemieanlage enthielt weniger Sicherheitselemente als ähnliche Projekte in den USA. So konnten die Baukosten gesenkt werden. Im nichtwestlichen Ausland wurden Sicherheitsstandards auf ein Level abgesenkt, das in den USA rechtlich nicht akzeptabel wäre.

Kaum Berichterstattung über den Kampf der Bhopal-Opfer

Nun könnte man denken, dass der Kampf der Bhopal-Opfer in einer Zeit, in der der Kampf um eine saubere Umwelt und auch die Problematik der Auslagerung von Giftstoffen in den globalen Süden auf der Agenda stehen, auch der Kampf der Überlebenden aus Bhopal größere Aufmerksamkeit bekommt.

Doch das ist nicht der Fall. So hat selbst die linksliberale Tageszeitung Taz, deren Markenkern die ökologische Berichterstattung ist und die täglich zwei Seiten für diese Themen zur Verfügung stellt, die Rundreise von Rachna Dhringa in Europa ebenso konsequent ignoriert wie die Verleihung des Blue Planet Award in Berlin. Eine Nachfrage, warum eine Zeitung wie die Taz dem Kampf der Überlebenden von Bhopal ignoriert, blieb unbeantwortet. (Peter Nowak)