"Urlaub in Kurdistan"?

Bei den eingeschlossenen Kurden im Norden von Aleppo

Die Reise zu den eingeschlossenen Kurden im Norden von Aleppo war sehr lang. Zu Friedenzeiten hätte man die Autostrecke, etwa 75 km, von Manbij bis nach Ahras, in Schahba, im Norden von Aleppo, nur in einer Stunde fahren können. Wir brauchten am 9. April 2019 jedoch nahezu einen ganzen Tag.

Insgesamt sind wir etwa 150 km gefahren. Mehrmals mussten wir die Fahrzeuge austauschen und viele Umwege, oft nicht asphaltierte Straßen fahren. Gegen Spätnachtmittag erreichten wir Ahrase.

Ahrase ist ein großes kurdisches Dorf im Norden von Aleppo. Verwaltungsmäßig gehört es zu Tell Rifaat/A’zaz/Aleppo. 2004 hatte das Dorf etwa 3000 Einwohner. Einige Zeit herrschten hier der IS oder die anderen von der Türkei unterstützen syrischen Islamisten. Unter großen Verlusten ist es der YPG im Februar 2016 gelungen, die Islamisten aus Ahrase zu vertreiben. Dieser Erfolg der Kurden ist auch der russischen Luftwaffe zu verdanken.

Damals startete die russische Luftwaffe massive Angriffe auf Stellungen der Islamisten im Norden von Aleppo. Die Gegend gehört der "Einflusssphäre Russlands". Im Gegensatz zu Kobani und anderen Gebieten im Nordosten Syriens, wo die US-Luftwaffe den Luftraum kontrolliert, ist der Luftraum im Nordwesten Syriens, wie in vielen anderen Regionen, unter russischer Kontrolle. Irgendwann im Laufe des syrischen Krieges kam zu einem solchen Deal zwischen Russland und den USA.

Geflüchtete Kurden aus Afrin - Fast vor jedem Zelt ist ein "Gemüsegarten". Foto: Kamal Sido

In der Region Schahba, im Norden von Aleppo, habe ich mich insgesamt zwei Tage aufgehalten. Diese zwei Tage waren aber sehr intensiv. Viele Dörfer und Flüchtlingscamps, wo Geflüchtete aus Afrin untergebracht worden waren, habe ich besucht. Auch einige Verwandte habe ich treffen können. Die Gespräche waren jedoch immer sehr kurz.

Einen Cousin von mir zum Beispiel, den ich zuletzt 2009 in Afrin traf, habe ich nur 20 Minuten sprechen dürfen. Meine Belgleiter machten Druck, "wir müssen weiter…", sagten sie immer wieder. Sie meinten die Gegend würde von der Türkei unter Beschuss genommen. Tatsächlich hörten wir laute Explosionen und Fluglärm am Himmel.

An einer Stelle zwischen den kurdischen Dörfern Zaretê (Az-Zijara) und Aqibê (Aqibah) haben wir entschieden, eine Mittagspause einzulegen. Zwischen den Oliven- und Essigbäumen hat unser Freund Marwan, den wir dort getroffen haben, einen großen Plastiksack als Esstisch, auf dem frischgepflügten Boden ausgebreitet und mit dem in Zaretê frisch gekauften kurdischen Joghurt, Tomaten, Gurken und Fladenbrot bedeckt.

In Afrin, etwa 10 km Luftlinie von der Stelle entfernt, leben meine kranke 91 Jahre alte Mutter mit einer Schwester und zwei Brüdern. Sie zu besuchen, war nicht denkbar. "Wenn du hinfährst, machen sie aus dir Hackfleisch, lieber Dr. Sido…!" sagte ein Begleiter. Mit "sie" wurden das türkische Militär und die von der Türkei unterstützten Islamisten gemeint. Täglich berichten die Menschen hier von brutalen Folterungen, von Morden an Kurden in Afrin.

"Warum unterstützt der Westen die Türkei und die Islamisten?"

"Warum unterstützt der Westen die Türkei und die Islamisten?", wird von Menschen aus Afrin, aber auch in ganz Nordsyrien gefragt. Viele fragten mich: "Wieso erlauben die NATO, die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, der türkischen Regierung, Afrin, eine friedliche und stabile Region innerhalb Syriens, anzugreifen?" Viele Menschen, insbesondere Kurden, Armenier, Assyrer/Aramäer, Christen und Yeziden sind sehr wütend auf die Regierungen in Deutschland und in der EU.

Aus der Sicht dieser Menschen unterstützt die deutsche Bundesregierung die Islamisten. Warum denken die Menschen so? Es wird vermutet, dass 2010/11 bestimme Kreise in Deutschland, aber auch in den USA ein "Konzept für die arabischen Länder" hatten. Diese Kreise glaubten oder glauben immer noch an die Existenz eines moderaten politischen Islam.

Man dachte/denkt, dass die Diktaturen in Ägypten, in Libyen und Tunesien durch eine aktive Unterstützung der Muslimbrüder abgeschafft werden können. Die Muslimbrüder stehen aber in enger Verbindung mit anderen radikal-islamistischen Gruppierungen. Der politische Islam ist radikal in allen seinen Formen, sowohl im Sunnitentum als auch im Schiitentum.

Haben die Christen noch eine Zukunft in Syrien? - Eine zerstörte assyrische Kirche in Tell Tamer, 14. April 2019. Foto: Kamal Sido

In Syrien wissen wir, dass die oppositionelle "Syrische Nationalkoalition", die von der deutschen Bundesregierung als "legitime Vertretung des syrischen Volkes" betrachtet wird, weitgehend von den Muslimbrüdern unterwandert ist. Die "Syrische Nationalkoalition" hat in Berlin ein Verbindungsbüro. Und so erhalten, direkt oder indirekt, viele Islamisten in Syrien auch Hilfe von der deutschen Bundesregierung.

Es ist bekannt, dass die "Syrische Nationalkoalition" voll hinter den völkerrechtswidrigen Angriffen auf Afrin steht. Diese Gruppe ist auch mitverantwortlich für Morde und grausame Folter an gefangenen Kurden in Afrin. Sie steht für die Vertreibung von 300.000 Kurden, Christen, Yeziden und Aleviten aus Afrin. Muslimbrüder dürfen nicht verfolgt werden, sie dürfen sich auch politisch betätigen. Aber ihnen zur Macht zu verhelfen, dürfen wir nicht zulassen.

Die Erfahrungen der Menschen, nicht zuletzt in Afrin, mit der türkischen Armee und den von der Türkei unterstützten Milizen zeigen, dass der politische Islam immer radikal ist. Er hat das Ziel, die Scharia überall einzuführen.

Das machen al-Qaida in Idlib und die pro-türkischen Gruppen in Afrin. In Afrin haben sie faktisch das islamische Scharia-Recht eingeführt. In Afrin gibt es überhaupt keine Christen mehr. Die türkische Armee - übrigens eine NATO Armee - ähnelt einer islamischen Garde. Man sieht es bei Aufmärschen der türkischen Armee. Oft marschieren die türkischen Soldaten mit Rufen: "Takbir", "Allahu Akbar".

Afrin darf sich nicht wiederholen!

Ich war das letzte Mal vor zwei Jahren in Nordsyrien. Was hat sich bis heute geändert und in welcher Lage habe ich die Menschen vor Ort in Nordsyrien dieses Mal vorgefunden? 2017 hatten die Menschen mehr Hoffnungen als heute, obwohl der IS noch nicht militärisch zerschlagen war.

Heute haben sie große Angst und alle sprechen seit der Besatzung Afrins 2018 nur noch von einer Gefahr: einem neuen Krieg Erdogans gegen die Kurden und andere Volksgruppen, wie gegen die Region Afrin im Januar-März 2018.

Die Menschen wissen sehr genau, dass, wenn die türkische Armee und die von der Türkei unterstützten syrischen Islamisten kommen, genau das geschieht, was in Afrin geschehen ist: Mord, Vertreibung, Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt, Unterdrückung der Frauen. Denn in Afrin ist dies alles bereits geschehen. Ursprünglich konnten in Afrin Minderheiten wie Yeziden, Aleviten und Christen relativ frei leben.

Jetzt ist Afrin "Christen-frei". Immer mehr Yeziden und Aleviten fliehen oder werden vertrieben. Darüber hinaus werden Autonomiestrukturen, die von Kurden, Arabern, christlichen Assyrern/Aramäern, Armeniern, Yeziden, Aleviten und anderen Minderheiten zerstört. Hinzu kommt, dass die kurdische Sprache, die seit einigen Jahren in Nordsyrien nicht mehr verfolgt wird, in Afrin vom öffentlichen Leben verbannt wird.

Alles Kurdische wird verschwinden. Wenn man heute aus Aleppo nach Afrin kommt, wird man an der Brücke über dem Afrin-Fluss mit einem großen Porträt von Erdogan und dem Slogan "Allahu akbar (Allah ist groß) empfangen - vieles sieht aus, wie in einem "Islamischen Staat". Daher haben die Menschen in Nordsyrien insbesondere Kurden, Christen, Yeziden, Aleviten und andere Minderheiten mehr Angst vor Erdogan als vor dem Assad-Regime.

Nach zwei Tagen habe ich die Region Schahba am 11. April, gegen 7 Uhr verlassen. In der späten Nacht, am gleichen Tag, war ich wieder in Sicherheit, in Amuda, im Nordosten des Landes, und meldete mich wieder auf Facebook und anderen sozialen Medien.

Wieder bei den Assyrern/Aramäern und Armeniern in al-Hasaka

Einen Tag habe ich mich in Amuda erholt. Am nächsten Tag, dem 13. April, machten wir uns auf den Weg nach al-Hasaka. Dort hatte ich im Jahr 2016 eine Armenierin interviewt, die ich jetzt wieder treffen wollte. Die Armenier gehören zu den Minderheiten, die besonders Angst vor einem erneuten Angriff von Erdogan haben.

Die Armenierin Bahiya Gergis Daoud lebt jetzt ganz allein und wird von Nachbarn und Angehörigen in Deutschland unterstützt. Ihre Großeltern überlebten den Völkermord von 1915, an dem übrigens auch viele Kurden, Handlanger der Machthaber im Osmanischen Reich, beteiligt waren. Frau Daoud und viele Angehörige anderer christlichen Minderheiten wären beinahe in die Hände des IS gekommen, wenn nicht die kurdische YPG gewesen wäre.

Der YPG ist es damals gelungen, die Stadt vor dem IS zu beschützen. Im Nordosten Syriens, aber auch im ganzen Land, sind die zahlenmäßig kleinen Minderheiten wie die Assyrer/Aramäer, Armenier, Yeziden und Christen zwischen die Fronten geraten und werden immer weniger. In der Provinz Al-Hasaka, insbesondere in Tell Tamer haben wir viele leerstehende oder zerstörte Häuser und ganze Dörfer der Assyrer gesehen. Auch einige zerstörte Kirchen habe ich fotografiert.

Die Assyrer sind aus diesen Dörfern schon lange weggezogen oder mussten vor dem aktuellen Krieg mit dem IS fliehen. Ob die Christen jemals zurückkehren werden, ist ungewiss. Wahrscheinlich werden sich Muslime in diesen Häusern und Dörfern niederlassen. Die zerstörten Kirchen könnten als Moscheen wiederaufgebaut werden. So wird das christliche Leben für immer verschwinden.

Das kann sehr schnell geschehen, wenn der NATO-Partner Türkei die Region wieder angreift. Daraus macht Erdogan keinen Hehl. Er erklärt nahezu jeden Tag, dass er vorhat, auch Al-Hasaka im Nordosten von Syrien anzugreifen. Was würde dann die Armenierin Bahiya Gergis Daoud machen? Auch wenn sie flieht, wird sie es nicht schaffen, weit zu kommen, da sie ist alt und krank ist.