"Urlaub in Kurdistan"?

Tee in den Bergen von Kurdistan/Nordirak, 23. April 2019. Foto: Kamal Sido

Eindrücke von einer Reise über den Nordirak nach Nordsyrien

Trotz der bedenklichen Sicherheitslage habe ich mich Ende März 2019 dazu entschieden, im Norden von Syrien und Irak "Urlaub" zu machen. Vom 31. März bis 25. April war ich wieder im Norden von Syrien bzw. im Irak unterwegs. In den beiden Regionen, die zum größten Teil von Kurden kontrolliert oder verwaltet werden, habe ich mit vielen Angehörigen der kurdischen Volksgruppe, der christlichen Assyrer/Aramäer/Chaldäer, Armenier, Yeziden (auch: Jesiden), Aleviten sowie mit Arabern und vielen Angehörigen verschiedener Nationalitäten gesprochen.

Durch meine Arbeit als Nahostreferent bzw. als Referent für ethnische, religiöse, sprachliche Minderheiten und Nationalitäten bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kenne ich die Region und die Menschen einigermaßen gut. Diese Kenntnisse erleichterten auch meine Reise um einiges. Mit vielen Menschen aus der Region stehe ich in Kontakt und traf dort überall auf bekannte Gesichter, die mir während meiner Reise geholfen haben. Allen diesen Menschen bin ich sehr dankbar.

Der Nordirak

Der Nordirak oder "das Bundesland Irakisch-Kurdistan", welches von Kurden gerne als "Südkurdistan" bezeichnet wird, entstand nach 1991. Damals griffen alliierte Truppen unter Führung der USA das Regime von Saddam Hussein an, nachdem dieses Kuwait besetzt hatte. Doch die Alliierten ließen, unter dem Druck der Türkei und Saudi-Arabien, die Bevölkerung in Kurdistan im Stich: Der irakischen Luftwaffe wurde erlaubt, Kurdistan mit aller Gewalt anzugreifen.

Aus Furcht vor einem Angriff mit irakischen Massenvernichtungswaffen, flohen mehr als 1,5 Millionen Menschen Richtung türkischer und iranischer Grenze.1 Nach weltweiten Massenprotesten entschieden sich die westlichen Staaten schließlich für die Einrichtung einer "Schutzzone" für die Kurden und andere Volksgruppen.

Khder Kareem, ehemaliger Bürgermeiste von Halbja - hier liegen viele Ofer des Giftgasangriffes auf Kurden durch irakische Truppen 1988 begraben. Foto: Kamal Sido

Infolgedessen kehrten die Menschen in ihre Dörfer und Städte zurück. Als Saddam Hussein aber seine Verwaltung aus Kurdistan abziehen ließ, bildeten die Kurden ihre eigene Verwaltung, welche sich nach dem Sturz Saddam Husseins (2003) festigte. Kurdistan wird nach der neuen irakischen Verfassung (2005) eine föderale Region. Nach Jahrzehnten bewaffneter Auseinandersetzungen kamen sich die beiden großen kurdischen Parteien KDP unter Masud Barzani und PUK unter Jalal Talabani, unter dem Druck der US-Amerikaner, allmählich näher, sodass ein Parlament und Kabinett gebildet werden.

Allerdings blieb Kurdistan seitdem bis heute (März 2019) faktisch zweigeteilt. Während die KDP in den Provinzen Erbil (kurd.: Hawlêr) (auch Regionalhauptstadt) und Dohuk (aramäisch: Nuhadra) herrscht, dominiert die PUK die Stadt Sulaymaniyah. Beide Parteien verfügen in ihren jeweiligen territorialen Machtbereichen über uneingeschränkte Kontrolle.

Irakisch-Kurdistan hat nach eigenen Angaben etwa sechs Millionen Einwohner (2018). Hinzu kommen etwa zwei Millionen Flüchtlinge. Etwa 85% der Bevölkerung sind Kurden und die restlichen 15% sind Turkmenen, Assyrer/Chaldäer/Aramäer, Araber und Armenier. Was die Religionen anbelangt, so sind mehr als 85 % der Bevölkerung in Kurdistan Muslime. Davon sind ca. 6 % Schiiten. Christen und andere Religionen sind mit ca. 6 % vertreten.

Die Mehrheit der Kurden ist sunnitisch. Neben den beiden Hauptrichtungen des Islam, Sunniten und Schiiten, sowie den Christen haben sich zahlreiche altorientalische Religionen erhalten können, beispielsweise die Yeziden oder Schabak.2

Die Angehörigen der orientalisch-christlichen Gemeinschaften sind durch die chaldäisch-katholische Kirche, die assyrische Kirche des Ostens, die alte- apostolische Kirche des Ostens, die Gregorianer, römische und syrische Katholiken, armenische Christen, sowie altsyrisch-Orthodoxe usw. vertreten. Hinzu kommen kleinere Minderheiten wie Kakai-Ahle Haq.3

Doch trotz vieler Schwierigkeiten ist Irakisch-Kurdistan heute eine Art "Tor der Kurden in die Außenwelt" geworden. Aus der ganzen Welt haben die Kurden, aber auch Angehörige anderer Volksgruppen wie Assyrer/Chaldäer/Aramäer, die Möglichkeit mit ihrem Ursprungsland in Kontakt zu bleiben. In Erbil und Sulaymaniyah habe ich nicht nur Kurden, Assyrer/Chaldäer/Aramäer, Amendier oder Yeziden aus Syrien, sondern auch aus der Türkei und dem Iran getroffen.

Die Anwesenheit vieler kurdischen Parteien aus anderen "Teilen Kurdistans" (Türkei, Iran und Syrien) führt auch zu Konflikten mit den Regierungen der Nachbachländer. Daher treten nahezu alle Kurden für den Schutz von Irakisch-Kurdistan vor externen Angriffen, insbesondere durch die Türkei und den Iran, ein.

Nordsyrien

Mit "Nordsyrien", oder wie von den Kurden bezeichnet: "Rojava", ist das Gebiet im Norden der "Arabischen Republik Syrien", entlang der syrisch-türkischen Grenze gemeint. Dieses Gebiet ist, genau wie auch ganz Syrien, eine multiethnische und multireligiöse Region. Der Bürgerkrieg und die Angriffe des selbsternannten "Islamischen Staates" (IS) hatten dazu geführt, dass viele Kurden, Christen und Yeziden Nordsyrien verlassen haben.

Die Anzahl der Araber, welche den Nordosten Syriens vergleichsweise weniger verließen, jedoch nahm zu. Auch durch die Angliederung der vom IS kontrollierten und nun von den "Syrischen Demokratischen Kräften" (SDF - Englisch: Syrian Democratic Forces) "befreiten" Gebiete nahm die Prozentzahl der Araber zu. Nach den Arabern bilden die Kurden im Nordosten von Syrien die zweigrößte Volksgruppe.

Die syrischen Kurden sind inzwischen zu einer eigenständigen Konfliktpartei geworden, unter anderem auch weil viele von ihnen allein kurdische Interessen im Blick haben und eine autonome Selbstverwaltung ihrer Siedlungsgebiete nach Vorbild der autonomen Region Kurdistan im Irak anstreben bzw. befestigen wollen.

Die syrischen Kurden sind in weiten Teilen militärisch organisiert. Sie wurden in den vergangenen Jahrzehnten vom Regime unterdrückt und sind daher keine Verbündeten von Präsident Assad. Dennoch wurde bislang trotzdem keine Allianz mit der restlichen "syrischen Opposition" gebildet, da diese von der Türkei unterstützt wird und das Verhältnis zwischen den Kurden und der Türkei historisch vorbelastet ist.

Der Grund hierfür ist die jahrzehntelange Verfolgung der Kurden durch alle türkischen Regierungen und der Kampf der Türkei gegen die seit 1984 aktive und auch in Deutschland verbotene Kurdenorganisation PKK. Hinzu kommt, dass die in Rojava/Nordsyrien regierende PYD-Partei als PKK-nah gilt.

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Türkei gegen die syrisch-kurdische Region Afrin im äußersten Nordwesten des Landes hat dazu geführt, dass die Mehrheit der Kurden in Syrien endgültig mit der protürkischen syrischen Opposition gebrochen hat.

Nach der Eroberung Afrins, meiner Geburtsstadt, durch die Türkei im März 2018, kontrolliert das von Kurden angeführte Militärbündnis SDF nur noch den Nordosten von Syrien, das Gebiet zwischen den beiden Flüssen Euphrat im Westen und Tigris im Osten des Landes. Ein kleiner Streifen im Nordwesten Syriens, zwischen Aleppo und Afrin, auch als "Schahba" bezeichnet, wird zum Teil noch von Kurden kontrolliert.

Kein Visum für deutsche Staatsbürger in Kurdistan

Deutsche Staatsbürger benötigen für Irakisch-Kurdistan kein Visum. Am Flughafen Erbil oder in Sulaymaniyah bekommen sie ein Visum für 30 Tage (Stand März 2019). So bin ich immer über Erbil geflogen. Die Verhältnisse am Flughafen Sulaymaniyah sind mir persönlich nicht bekannt. Die Flüge nach Sulaymaniyah, wie ich gehört habe, sollen ebenfalls relativ unproblematisch sein.

Wer jedoch den gesamten Irak, der sich unter Kontrolle der Irakischen Armee oder der schiitischen Milizen befindet, bereisen möchte, muss sich unbedingt um ein Visum für den Irak bei der Irakischen Botschaft in Berlin bemühen.

Nach Erbil kann man direkt oder mit einer oder mehreren Zwischenstopps aus vielen deutschen Großstädten fliegen. Wer die Türkei offen kritisiert, sollte die Türkei als Transitland jedoch vermeiden. Es ist gut möglich, dass man am Flughafen in Istanbul verhaftet wird, weil man einen kritischen Beitrag zur Türkei zum Beispiel auf Facebook-Seiten veröffentlicht hat.

Der Transfer vom Flughafen Erbil in die Stadt ist in der Regel sehr einfach. Es sind genug Taxis vorhanden. Vor der Fahrt sollte man sich allerdings nach den Taxikosten informieren. Vom Flughafen Erbil bis nach Ankawa beispielweise, in das mehrheitlich von Christen bewohnte Stadtviertel, kostet eine Taxifahrt etwa 10.000 Irakische Dinare (7,5 Euro - Stand Mai April 2019). Dort befinden sich auch viele gute Hotels.

Klimawandel hat auch Kurdistan erreicht

Viele Menschen, mit denen ich mich unterhalten habe, sagen, dass sie sich nicht daran erinnern können, wann es so viel geregnet hat wie in diesem Jahr. Tatsächlich musste ich immer wieder lange warten, bevor ich das Hotel oder die Wohnung verlassen konnte.

Der Regenmantel, den ich in Deutschland immer in meinem Rucksack mitführe, kam immer wieder zum Einsatz. Dementsprechend blühte auch der Handel mit Regenschirmen in Kurdistan.

Man könnte sagen, dass der Klimawandel auch Kurdistan und den gesamten Nahen Osten erreicht hat. Überall sah ich Bäche, die über Ufer getreten waren. Nicht selten wurden Hauptverbindungstraßen für den Autoverkehr gesperrt, weil Brücken oder bestimmte Straßenabschnitte beschädigt waren.

Das war der Grund warum ich drei Tage lang die Gastfreundschaft eines Freundes, mit dem ich in den 1980er Jahren in Moskau studierte, und heute mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Dohuk lebt und als Arzt arbeitet, stark in Anspruch nahm. Drei Tage lang musste ich warten, bis sich der Tigris endlich beruhigt hat. Erst dann wurde der Grenzübergang am Tigris bei Faysh Khabur oder Fish Khabour (Sêmalka) für den Grenzverkehr wieder frei.

Der Autor bei den Hawraman-Kurden im Nordirak - Im Hintergrund die Türme der iranischen Grenzgarden, 23. April 2019. Foto: Kamal Sido

Diese "frei Zeit" in Dohuk, vom 2. bis 4. April, nutzte ich, um andere Freunde zu besuchen. So habe ich einige yezidische Freunde im Lalesh-Zentrum in Dohuk besucht. Vor dem Besuch dieses von Yeziden betrieben Kulturzentrums traf ich einen alten armenischen Freund, Wartkes Moses Sarkisjan. Er war einige Jahre Generaldirektor des Erziehungswesens in der ganzen Provinz Dohuk.

Bereits in den 1960er Jahren absolvierte er sein Studium für kurdische Philologie an der Universität Bagdad. Er hat mich zu der feierlichen Eröffnung der ersten armenisch-orthodoxen Kirche in Erbil am 6. April eingeladen, doch dieser Einladung konnte ich leider nicht nachkommen. Denn über soziale Medien habe ich erfahren, dass der Grenzübergang Sêmalka am 4. April wieder geöffnet wird, welcher wegen Hochwasser im Tigris immer wieder geschlossen worden war.

Um den Grenzübergang "Sêmalka" nach Nordsyrien passieren zu dürfen, sollte man sich vorher genaustens informieren. Sêmalka ist kein regulärer Grenzübergang, denn die Machthaber auf beiden Seiten des Tigris, die "Autonome Selbstverwaltung in Nordsyrien", die von der kurdischen Partei (PYD) (Syrien) beherrscht wird, und die "Regionalregierung von Irakisch-Kurdistan" (KRG), die von der PDK (Irak) dominiert wird, entscheiden gelegentlich willkürlich, wer die Grenze bei Sêmalka passieren darf und wer nicht. Das Verhältnis zwischen den beiden kurdischen Parteien ist noch immer ziemlich angespannt.

Daher haben die schlechten Beziehungen zwischen PDK und PYD auch direkte Auswirkungen auf die Praktiken am Grenzübergang "Sêmalka". Da ich weder ein Visum für den Irak noch für Syrien hatte, war ich auf diesen Grenzübergang angewiesen. Dennoch durfte das Überqueren dieser "kurdisch-kurdischen Grenze" im Allgemeinen für andere deutsche Staatsbürger nicht schwierig sein.

Man sollte jedoch viel Zeit und Geduld mit sich bringen. Denn die Kurdische Bürokratie hat einen sehr langen Atem. Vor der Überfahrt nach Nordsyrien sollten sich deutsche Staatsbürger, die keinen Bezug zu Syrien haben, in jedem Fall gut informieren und sicherstellen, ob und wann sie den Grenzübergang nach Nordsyrien passieren dürfen.

Von der Regierung in Syrien wird dieser Grenzübergang nicht anerkannt. Demnach könnten Nicht-Syrer wegen einer "illegalen Reise" nach Syrien von Assads Behörden auch angeklagt werden. In Rojava/Nordsyrien angekommen, dürfen sich Nicht-Syrer, die kein Visum für Syrien haben, von syrischen Assad Behörden nicht erwischen lassen.

Überfahrt über den biblischen Fluss Tigris

Am 4. April gegen 10 Uhr überquerte ich überraschend schnell den biblischen Fluss Tigris bei Sêmalka nach Nordsyrien. Meinem Studienfreund aus Moskauer Zeit ist es gelungen, alle Formalitäten am Grenzübergang, auf der irakisch-kurdischen Seite, für mich schnell zu erledigen. Als wir mit einem kleinen Bus die provisorische Brücke über den Tigris erreichten, konnte ich mich noch einmal davon überzeugen lassen, wie hoch das Wasser im Tigris war.

Man sagte mir, dass die Strömung an diesem Flussabschnitt zu dieser Jahreszeit gerade sehr schnell ist. Die Überfahrt war nicht ungefährlich. Die Wellen von Tigris schlugen sehr kräftig gegen unseren kleinen Bus. Die Brücke, wie ich später erfahren habe, musste einen Tag später geschlossen werden. Der schnelle Tigris soll eine parallel errichtete Brücke sogar fortgerissen haben.

Bei den syrischen Kurden angekommen, musste ich auch einige Formalitäten erledigen. Auch hier bekommt man ein Visum. Dieses wird aber von der syrischen Regierung nicht anerkannt. Man darf sich also nur im von Kurden und ihren Verbündeten kontrollierten Gebieten bewegen und aufhalten. Im Gegensatz zu Erbil, wo man am Flughafen auch einen Vermerk, Datum der Ein- oder Ausreise in den Reisepass bekommt, wird hier kein Eintrag in den Reisepass gemacht. Die Einreiseerlaubnis wird als gesondertes Blatt erteilt.

Der Kurde Kim gibt der Verbindungsperson den Aufenthaltsort telefonisch durch - in Manbij, vor der Reise nach Nord-Aleppo, 9. April 2019. Foto: Kamal Sido

Sowohl im Nordirak als auch in Nordsyrien sollte man bereits an der Grenze ein wenig Landeswährung, syrische Lira und irakische Dinare, mitführen. Für eine Taxifahrt von Punkt A zum Punkt B, mit einer Entfernung von 30 Kilometer, bezahlt man in Nordsyrien etwa 10.000 Syrische Lira. Das sind etwa 41 Euro (Stand April 2019). Allerdings ist die syrische Lira von ständigen Wechselkursschwankungen betroffen.

Im Syrischen Bürgerkrieg, der seit 2011 geführt wird, wurde die Lira gegenüber dem US-Dollar stark abgewertet und erreichte im April 2019, als ich mich in Nordsyrien aufhielt, einen Tiefststand von rund 572 Lira. Im Vergleich dazu, bekam man im Jahre 2011 für einen US-Dollar 59 syrische Lira.

Nach der Erledigung aller Formalitäten, auf der syrisch-kurdischen Seite, habe ich einen Freund (Sadun), den ich bei einer früheren Reise im Jahre 2016 kennengelernt hatte, angerufen. Er lebt in einem Dorf, nicht weit weg vom Grenzübergang. Mit seinem privaten PKW fuhr er mich von Sêmalka nach Qamischli. Die Fahrt dauerte sehr lang, da die Autostraßen sich in einem sehr schlechten Zustand befinden und seit 2011 kaum saniert wurden. Hinzu kam das Hochwasser dieses Jahr.

Die über die Ufer getretenen Bäche und Flüsse haben viele Brücken und Straßenabschnitte auch zerstört. Für eine Strecke von etwa 115 Kilometer brauchten wir etwa vier Stunden. Auf dem Weg nach Qamischli sahen wir viele Erdölfeder. Dies ist auch die reichste Region Syriens an Erdöl und Gas. Wir fuhren durch die kleinen Städte Al Maabada (Girgê Legê), Aljawadea (Çil Axa) und Qahtaniyah (Tirbe Sipiyê).

Unterwegs suchten wir immer wieder nach Benzin. Am Straßenrand trifft man oft Menschen mit Kanister aus Plastik, die Benzin verkaufen. Das sind kurdische oder nordsyrische "Tankstellen". Wie ich von Sadun erfuhr, war das Benzin auch von sehr schlechter Qualität. Es wird in der Regel in der Region selbst auf eine primitive Art hergestellt.

In Qamischli angekommen, besuchten wir Ahmad Sulaiman (den ehemaligen Sprecher des Kurdischen Hohen Rats und Politbüromitglied der Pêshverû-Partei). Auch Sadun ist Mitglied dieser linksliberalen kurdischen Partei. Hier haben wir unseren großen Hunger stillen können. Ahmad Sulaiman, seine Gattin Newroz und andere Freunde, erwarteten uns schon. Unsere Ankunft wurde von Sadun telefonisch durchgegeben.

Qamischli ist eine multiethnische und multireligiöse Stadt und wird militärisch hauptsächlich von Kurden bzw. von ihren verbündeten Milizen kontrolliert. Dort lebten 2011 etwa 200.000 Menschen. 40.000 von ihnen sollen Christen gewesen sein, die jedoch bereits zur Hälfte die Stadt verlassen haben sollen. Die "Asayîş", die Polizei der "Autonomen Selbstverwaltung" Nordsyrien und andere bewaffnete Verbände, die mit der PYD verbündet sind, herrschen in Qamischli. Zudem existieren hier auch christliche und arabische Milizen.

In Qamischli sowie in Al-Hasaka, der Provinzhauptstadt, ist aber auch noch die syrische Regierung präsent, die u.a. den Flughafen in Qamischli kontrolliert. Nach meinen Kenntnissen befürwortet auch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung die Anwesenheit des Regimes in der jetzigen Form. Der Flughafen wird von der Regierung betrieben und war lange Zeit "das einzige Tor in die Außenwelt". Es gibt regelmäßige Flüge nach Damaskus. Wenn das Regime aus Qamischli ganz abziehen würde, wird auch der Flughafen nicht mehr in Betrieb genommen.

Die Anwesenheit der Assad-Truppen in der Stadt bietet auch einen gewissen Schutz vor Angriffen der türkischen Armee, die nur einige wenige Hundert Meter, im Norden hinter der Grenze, entfernt stationiert sind. Das Regime mischt sich auch kaum in die täglichen Angelegenheiten der Menschen in Qamischli ein. Es herrscht eine Art Waffenstillstand zwischen Assad und den Kurden.

Die Entstehungsgeschichte von Qamischli hängt mit Grenzziehung zwischen der Republik Türkei und Syrien Anfang der 1920er Jahre zusammen. Da die Eisenbahnlinie (Bagdad-Bahn) zur staatlichen Grenze wurde, lag die heute mehrheitlich kurdische Stadt Nusaybin im Norden von Qamischli auf einmal auf der anderen, nämlich der türkischen Seite. Damals begann die Stadt Qamischli auf der syrischen Seite zu entstehen.

Die Kurden bezeichnen das Kurdengebiet im Norden, hinter der Eisenbahnlinie, auf der türkischen Seite, bis heute als Serxetê (deutsch: oberhalb der Linie). Wegen der unüberschaubaren Situation in Qamischli bevorzuge ich Amuda als Ort für meinen Aufenthalt.

Nach dem Mittagessen in Qamischli fuhr ich mit einem anderen Freund, Kim, nach Amuda. Den Kurden Kim, der als Bauunternehmer arbeitet, lernte ich 2016 kennen. In Amuda bekam ich von Freunden den Schlüssel einer leerstehenden für die Region schönen Wohnung, in der ich mich aufgehalten habe. Von dort aus habe ich meine Reisen in andere Gegenden unternommen. Die Stadt Amuda liegt nur wenige hundert Meter von der türkischen Grenze entfernt und hatte vor dem Beginn der syrischen Revolte (2011) etwa 50.000 Einwohner, überwiegend Kurden.

Vertrieben durch den NATO-Partner Türkei und die syrischen Islamisten - Geflüchtete aus Afrin warten aus einen Rückkehr in ihre Heimat. Foto: Kamal Sido

Die Zahl der Menschen, die dort heute leben, ist unbekannt, da viele Kurden ausgewandert und eine Vielzahl von arabischen Flüchtlingen aus den im Süden liegenden Kampfgebieten in Amuda Zuflucht gefunden haben. In der ganzen Stadt befinden sich noch zehn Christen und deren zwei aus Lehm errichtete Kirchen, von denen eine syrisch-orthodox und die andere armenische ist, zwar noch stehen, jedoch werden Gottesdienste dort aber nur sehr selten abgehalten.

Amuda ist auch der Sitz eines in der ganzen Region bekannten Radiosenders arta.fm. Arta.fm sendet in vier Sprachen: Kurdisch, Arabisch, Aramäisch und Armenisch. Es handelt sich um einen sehr gut funktionierenden alternativen Radiosender. Er wurde im Juli 2013 von Sirwan Haji Berko, eines von dort stammenden deutschen Staatsbürgers, gegründet.

Hier sind auch andere Medien wie der TV-Sender "Ronahi", der arabischsprachige TV-Sender "Alyom" oder der kurdischsprachige Sender "Rojava". Amuda ist auch der Sitz vieler Behörden der "Autonomen Selbstverwaltung" in Nordsyrien.

Kobani: Auferstanden aus Ruinen - Die "Einladung der Internationalen Anti-IS-Koalition"

Über ar-Raqqa, einst die Hauptstadt des IS, und Ain Issa fuhren wir, Kim und ich, nach Kobani, um einer "Einladung der von den USA angeführten Internationalen ANTI-IS-Koalition" zur "Siegesfeier" über den IS nachzukommen.

In Ain Issa, welches zum Gouvernement ar-Raqqa gehört, befinden sich viele Behörden der "Autonomen Selbstverwaltung" in Nordsyrien. Nicht weit von hier sind auch amerikanische Truppen, darunter auch die Luftwaffe, die der Region einen gewissen Schutz vor dem IS, der Türkei, dem Iran und Assad bieten, stationiert.

Die Stadt ist mehrheitlich arabisch-sunnitisch. Im Juli 2015 sollen rund 15.000 Menschen, davon 15% Kurden, hier gelebt haben. Mit Tränen in den Augen traf ich hier einige Kurden, Geflüchtete aus Afrin. Darunter Hevi Mustafa, die kurdische Alevitin und bis März 2018 Präsidentin des Kantons Afrin. Als ich diese bekannten Gesichter aus Afrin sah, lief die ganze tragische Geschichte von Afrin wie ein Film vor meinen Augen ab. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich noch auf viele andere traurigen Gesichter aus Afrin stoßen werde.

Gegen 18 Uhr, am 8. April, begann die "Siegesfeier" über den IS in der legendären kurdischen Stadt Kobani. Die Einladung haben wir in Wirklichkeit von einem Vertreter der "Autonomen Selbstverwaltung" erhalten. Bei der Feier waren viele junge Frauen und Männer in Uniform zu sehen. Es waren Angehörige der kurdischen "Volksverteidigungseinheiten" (YPG) und der anderen mit YPG Verbündeten arabischen oder assyro-aramäischen Milizen, die in dem von den USA unterstützten Militärverband der "Demokratischen Kräfte Syriens" (SDF) eingegliedert sind.

Der Ex-Außenminister Frankreichs, Bernard Kouchner - Träger des GfbV-Preises (Victor-Gollancz-Preis) von 2014 in Kobani, bei einer Feierlichkeit zum Sieg über dem IS am 8. April 2019. Foto: Kamal Sido

Rechts von der Bühne, in dem großen Saal, mit vielen runden und schön dekorierten Esstischen, waren die Nationalflaggen der USA, Großbritannien und Frankreich neben der Fahne der SDF sowie den Flaggen der einzelnen Milizen, aus denen die SDF bestehen, zu sehen. Anwesend waren US-amerikanische Offiziere, hochrangige kurdische, arabische, assyro-aramäische, christliche, yezidische Politiker sowie muslimische Geistliche aus Nordsyrien mit vielen Gästen aus aller Welt.

Unter den Gästen durfte ich Bernard Kouchner, den ehemaligen französischen Außenminister und Mitgründer von "Médecins sans Frontières" (Ärzte ohne Grenzen) begrüßen. Kouchner kenne ich seit 2014. Damals wurde er in Göttingen von der GfbV mit dem Victor-Gollancz-Preis ausgezeichnet. An den für Kobani schwersten Tagen setzte sich Kouchner für die Kurden und andere Minderheiten in Nordsyrien ein und plädierte an die Regierungen in Frankreich, den USA und Großbritannien, die Zivilbevölkerung in Nordsyrien vor den Angriffen des IS zu schützen.

Mit Unterstützung der USA gelang es den Kurden 2014, den IS in Kobani zu stoppen und bis Frühjahr 2019 aus der gesamten nordöstlichen Region Syriens, vom Euphrat bis zum Tigris zu vertreiben. Ob Kouchners Bemühungen für den Schutz der Kurden vor den Angriffen des NATO-Staates Türkei Erfolg haben werden, sei dahingestellt.

Weil die Türkei die Grenze zu Kobani nahezu vollständig geschlossen hat, war Kobani lange Zeit von der Außenwelt abgeschnitten. Die Kurden von Kobani mussten aus eigner Kraft und unter großen Schwierigkeiten ihre Stadt wiederaufbauen. In der Nacht vom 8. auf den 9. April sind wir mit dem Auto durch die ganze Stadt gefahren. Kobani war sicher, die Menschen, auch viele Frauen ohne Kopftuch, waren auf den Straßen.

Mit meinen Gedanken war ich plötzlich bei den Frauen und Männern von Kobani, die im Herbst 2014 um ihr Überleben gegen den IS kämpften. Kim, mein Begleiter, der eine Dose Bier der deutschen Marke "Henniger" in der Hand hielt, sagte lächelnd: "Tja, eigentlich wollten die Dschihadisten vom IS mit Hilfe der Türkei hier das islamische Scharia-Recht einführen. Sie sind gescheitert… sonst hätte ich hier kein Bier mehr trinken dürfen… Nosh!" (aus dem Kurd. Übersetzt: zum Wohl!)" "Freu dich bloß nicht zu früh, es könnte noch dazu kommen. In Afrin hat die Türkei es geschafft, faktisch das islamische Scharia-Recht einzuführen. Erdogan wird weiterhin versuchen, auch hier Gleiches tun…", antwortete ich dem immer gutgelaunten Freund Kim.

Als wir in unserem einfachen Hotel ankamen, konnte ich die Nacht nicht durchschlafen. Denn ich musste eine für mich schwierige Entscheidung treffen: "Soll ich mich auf eine gefährliche Reise in die Region Schahba, im Norden von Aleppo, zu den eingeschlossenen Kurden von Afrin einlassen oder sollte ich es besser lassen?" Die Fahrt zu den Kurden in Schahba, eine flächenmäßig kleine Region zwischen Aleppo und Afrin, die zum Teil von Kurden noch gehalten wird, war nämlich sehr gefährlich.

Der Reiseweg verläuft durch ein Gebiet, das nicht von Kurden, sondern von verschiedenen kurdenfeindlichen, von der Türkei oder pro-Assad Milizen kontrolliert wird. Irgendwann gegen 5 Uhr morgens wurde der Entschluss von mir gefasst: "Zu den eingeschlossenen Kurden von Afrin muss ich fahren, denn ich bin diesen Menschen verpflichtet. Schließlich sind sie meine Leute und meine Verwandten. Dort, in Afrin, bin ich auch geboren".

Erst dann konnte ich ein wenig schlafen. Gegen 7 Uhr standen wir auf. Nach der Rasur habe ich gründlich geduscht. Ich konnte ja ich nicht wissen, wann ich mich wieder rasieren und duschen kann. Als es soweit war, teilte ich Kim meinen Entschluss über die Fahrt zu den Kurden von Afrin mit.

Das Wichtigste und Notwendigste habe ich in einen Rucksack eingepackt. Dann rief ich eine Person, der ich vertraue und die die Reise organisieren sollte, an und sagte: "Ich fahre!". Mit ihm hatte ich längst alle Modalitäten besprochen.

Dieser wiederholte nur: "Sei bitte vorsichtig, folge den Anweisungen der Begleiter und melde dich auf sozialen Medien erst dann, wenn du wieder in Sicherheit bist…". "Das werde ich tun müssen, schließlich möchte ich wieder in meine Heimat, nach Deutschland…!", sagte ich.

Bei den eingeschlossenen Kurden im Norden von Aleppo

Die Reise zu den eingeschlossenen Kurden im Norden von Aleppo war sehr lang. Zu Friedenzeiten hätte man die Autostrecke, etwa 75 km, von Manbij bis nach Ahras, in Schahba, im Norden von Aleppo, nur in einer Stunde fahren können. Wir brauchten am 9. April 2019 jedoch nahezu einen ganzen Tag.

Insgesamt sind wir etwa 150 km gefahren. Mehrmals mussten wir die Fahrzeuge austauschen und viele Umwege, oft nicht asphaltierte Straßen fahren. Gegen Spätnachtmittag erreichten wir Ahrase.

Ahrase ist ein großes kurdisches Dorf im Norden von Aleppo. Verwaltungsmäßig gehört es zu Tell Rifaat/A’zaz/Aleppo. 2004 hatte das Dorf etwa 3000 Einwohner. Einige Zeit herrschten hier der IS oder die anderen von der Türkei unterstützen syrischen Islamisten. Unter großen Verlusten ist es der YPG im Februar 2016 gelungen, die Islamisten aus Ahrase zu vertreiben. Dieser Erfolg der Kurden ist auch der russischen Luftwaffe zu verdanken.

Damals startete die russische Luftwaffe massive Angriffe auf Stellungen der Islamisten im Norden von Aleppo. Die Gegend gehört der "Einflusssphäre Russlands". Im Gegensatz zu Kobani und anderen Gebieten im Nordosten Syriens, wo die US-Luftwaffe den Luftraum kontrolliert, ist der Luftraum im Nordwesten Syriens, wie in vielen anderen Regionen, unter russischer Kontrolle. Irgendwann im Laufe des syrischen Krieges kam zu einem solchen Deal zwischen Russland und den USA.

Geflüchtete Kurden aus Afrin - Fast vor jedem Zelt ist ein "Gemüsegarten". Foto: Kamal Sido

In der Region Schahba, im Norden von Aleppo, habe ich mich insgesamt zwei Tage aufgehalten. Diese zwei Tage waren aber sehr intensiv. Viele Dörfer und Flüchtlingscamps, wo Geflüchtete aus Afrin untergebracht worden waren, habe ich besucht. Auch einige Verwandte habe ich treffen können. Die Gespräche waren jedoch immer sehr kurz.

Einen Cousin von mir zum Beispiel, den ich zuletzt 2009 in Afrin traf, habe ich nur 20 Minuten sprechen dürfen. Meine Belgleiter machten Druck, "wir müssen weiter…", sagten sie immer wieder. Sie meinten die Gegend würde von der Türkei unter Beschuss genommen. Tatsächlich hörten wir laute Explosionen und Fluglärm am Himmel.

An einer Stelle zwischen den kurdischen Dörfern Zaretê (Az-Zijara) und Aqibê (Aqibah) haben wir entschieden, eine Mittagspause einzulegen. Zwischen den Oliven- und Essigbäumen hat unser Freund Marwan, den wir dort getroffen haben, einen großen Plastiksack als Esstisch, auf dem frischgepflügten Boden ausgebreitet und mit dem in Zaretê frisch gekauften kurdischen Joghurt, Tomaten, Gurken und Fladenbrot bedeckt.

In Afrin, etwa 10 km Luftlinie von der Stelle entfernt, leben meine kranke 91 Jahre alte Mutter mit einer Schwester und zwei Brüdern. Sie zu besuchen, war nicht denkbar. "Wenn du hinfährst, machen sie aus dir Hackfleisch, lieber Dr. Sido…!" sagte ein Begleiter. Mit "sie" wurden das türkische Militär und die von der Türkei unterstützten Islamisten gemeint. Täglich berichten die Menschen hier von brutalen Folterungen, von Morden an Kurden in Afrin.

"Warum unterstützt der Westen die Türkei und die Islamisten?"

"Warum unterstützt der Westen die Türkei und die Islamisten?", wird von Menschen aus Afrin, aber auch in ganz Nordsyrien gefragt. Viele fragten mich: "Wieso erlauben die NATO, die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, der türkischen Regierung, Afrin, eine friedliche und stabile Region innerhalb Syriens, anzugreifen?" Viele Menschen, insbesondere Kurden, Armenier, Assyrer/Aramäer, Christen und Yeziden sind sehr wütend auf die Regierungen in Deutschland und in der EU.

Aus der Sicht dieser Menschen unterstützt die deutsche Bundesregierung die Islamisten. Warum denken die Menschen so? Es wird vermutet, dass 2010/11 bestimme Kreise in Deutschland, aber auch in den USA ein "Konzept für die arabischen Länder" hatten. Diese Kreise glaubten oder glauben immer noch an die Existenz eines moderaten politischen Islam.

Man dachte/denkt, dass die Diktaturen in Ägypten, in Libyen und Tunesien durch eine aktive Unterstützung der Muslimbrüder abgeschafft werden können. Die Muslimbrüder stehen aber in enger Verbindung mit anderen radikal-islamistischen Gruppierungen. Der politische Islam ist radikal in allen seinen Formen, sowohl im Sunnitentum als auch im Schiitentum.

Haben die Christen noch eine Zukunft in Syrien? - Eine zerstörte assyrische Kirche in Tell Tamer, 14. April 2019. Foto: Kamal Sido

In Syrien wissen wir, dass die oppositionelle "Syrische Nationalkoalition", die von der deutschen Bundesregierung als "legitime Vertretung des syrischen Volkes" betrachtet wird, weitgehend von den Muslimbrüdern unterwandert ist. Die "Syrische Nationalkoalition" hat in Berlin ein Verbindungsbüro. Und so erhalten, direkt oder indirekt, viele Islamisten in Syrien auch Hilfe von der deutschen Bundesregierung.

Es ist bekannt, dass die "Syrische Nationalkoalition" voll hinter den völkerrechtswidrigen Angriffen auf Afrin steht. Diese Gruppe ist auch mitverantwortlich für Morde und grausame Folter an gefangenen Kurden in Afrin. Sie steht für die Vertreibung von 300.000 Kurden, Christen, Yeziden und Aleviten aus Afrin. Muslimbrüder dürfen nicht verfolgt werden, sie dürfen sich auch politisch betätigen. Aber ihnen zur Macht zu verhelfen, dürfen wir nicht zulassen.

Die Erfahrungen der Menschen, nicht zuletzt in Afrin, mit der türkischen Armee und den von der Türkei unterstützten Milizen zeigen, dass der politische Islam immer radikal ist. Er hat das Ziel, die Scharia überall einzuführen.

Das machen al-Qaida in Idlib und die pro-türkischen Gruppen in Afrin. In Afrin haben sie faktisch das islamische Scharia-Recht eingeführt. In Afrin gibt es überhaupt keine Christen mehr. Die türkische Armee - übrigens eine NATO Armee - ähnelt einer islamischen Garde. Man sieht es bei Aufmärschen der türkischen Armee. Oft marschieren die türkischen Soldaten mit Rufen: "Takbir", "Allahu Akbar".

Afrin darf sich nicht wiederholen!

Ich war das letzte Mal vor zwei Jahren in Nordsyrien. Was hat sich bis heute geändert und in welcher Lage habe ich die Menschen vor Ort in Nordsyrien dieses Mal vorgefunden? 2017 hatten die Menschen mehr Hoffnungen als heute, obwohl der IS noch nicht militärisch zerschlagen war.

Heute haben sie große Angst und alle sprechen seit der Besatzung Afrins 2018 nur noch von einer Gefahr: einem neuen Krieg Erdogans gegen die Kurden und andere Volksgruppen, wie gegen die Region Afrin im Januar-März 2018.

Die Menschen wissen sehr genau, dass, wenn die türkische Armee und die von der Türkei unterstützten syrischen Islamisten kommen, genau das geschieht, was in Afrin geschehen ist: Mord, Vertreibung, Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt, Unterdrückung der Frauen. Denn in Afrin ist dies alles bereits geschehen. Ursprünglich konnten in Afrin Minderheiten wie Yeziden, Aleviten und Christen relativ frei leben.

Jetzt ist Afrin "Christen-frei". Immer mehr Yeziden und Aleviten fliehen oder werden vertrieben. Darüber hinaus werden Autonomiestrukturen, die von Kurden, Arabern, christlichen Assyrern/Aramäern, Armeniern, Yeziden, Aleviten und anderen Minderheiten zerstört. Hinzu kommt, dass die kurdische Sprache, die seit einigen Jahren in Nordsyrien nicht mehr verfolgt wird, in Afrin vom öffentlichen Leben verbannt wird.

Alles Kurdische wird verschwinden. Wenn man heute aus Aleppo nach Afrin kommt, wird man an der Brücke über dem Afrin-Fluss mit einem großen Porträt von Erdogan und dem Slogan "Allahu akbar (Allah ist groß) empfangen - vieles sieht aus, wie in einem "Islamischen Staat". Daher haben die Menschen in Nordsyrien insbesondere Kurden, Christen, Yeziden, Aleviten und andere Minderheiten mehr Angst vor Erdogan als vor dem Assad-Regime.

Nach zwei Tagen habe ich die Region Schahba am 11. April, gegen 7 Uhr verlassen. In der späten Nacht, am gleichen Tag, war ich wieder in Sicherheit, in Amuda, im Nordosten des Landes, und meldete mich wieder auf Facebook und anderen sozialen Medien.

Wieder bei den Assyrern/Aramäern und Armeniern in al-Hasaka

Einen Tag habe ich mich in Amuda erholt. Am nächsten Tag, dem 13. April, machten wir uns auf den Weg nach al-Hasaka. Dort hatte ich im Jahr 2016 eine Armenierin interviewt, die ich jetzt wieder treffen wollte. Die Armenier gehören zu den Minderheiten, die besonders Angst vor einem erneuten Angriff von Erdogan haben.

Die Armenierin Bahiya Gergis Daoud lebt jetzt ganz allein und wird von Nachbarn und Angehörigen in Deutschland unterstützt. Ihre Großeltern überlebten den Völkermord von 1915, an dem übrigens auch viele Kurden, Handlanger der Machthaber im Osmanischen Reich, beteiligt waren. Frau Daoud und viele Angehörige anderer christlichen Minderheiten wären beinahe in die Hände des IS gekommen, wenn nicht die kurdische YPG gewesen wäre.

Der YPG ist es damals gelungen, die Stadt vor dem IS zu beschützen. Im Nordosten Syriens, aber auch im ganzen Land, sind die zahlenmäßig kleinen Minderheiten wie die Assyrer/Aramäer, Armenier, Yeziden und Christen zwischen die Fronten geraten und werden immer weniger. In der Provinz Al-Hasaka, insbesondere in Tell Tamer haben wir viele leerstehende oder zerstörte Häuser und ganze Dörfer der Assyrer gesehen. Auch einige zerstörte Kirchen habe ich fotografiert.

Die Assyrer sind aus diesen Dörfern schon lange weggezogen oder mussten vor dem aktuellen Krieg mit dem IS fliehen. Ob die Christen jemals zurückkehren werden, ist ungewiss. Wahrscheinlich werden sich Muslime in diesen Häusern und Dörfern niederlassen. Die zerstörten Kirchen könnten als Moscheen wiederaufgebaut werden. So wird das christliche Leben für immer verschwinden.

Das kann sehr schnell geschehen, wenn der NATO-Partner Türkei die Region wieder angreift. Daraus macht Erdogan keinen Hehl. Er erklärt nahezu jeden Tag, dass er vorhat, auch Al-Hasaka im Nordosten von Syrien anzugreifen. Was würde dann die Armenierin Bahiya Gergis Daoud machen? Auch wenn sie flieht, wird sie es nicht schaffen, weit zu kommen, da sie ist alt und krank ist.

Ein Besuch im Camp "Al-Hol - Kann der IS wieder "auferstehen"?

Von al-Hasaka aus machten wir uns, Kim und ich, auf den Weg nach Al-Hol. Al-Hol ist eine kleine Stadt- im Gouvernement Al-Hasaka, im Nordosten Syriens, wo sich auch das Flüchtlingslager "al-Hol" befindet.

Wenn Rami Abdul Rahman, Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) in Großbritannien, über Al-Hol" redet, spricht er von einem "zweiten islamischen Staat al-Hol". Denn in diesem Camp leben viele Angehörige und Familienmitglieder der IS-Kämpfer aber auch andere Flüchtlinge, die mit dem IS sympathisieren.

"Wenn sich alle Insassen, die sich dort befinden zusammenschließen und die Sicherheitsposten der von Kurden angeführten SDF angreifen würden, könnten sie sich selbst befreien und sehr einfach in die Türkei gelangen", sagte Abdul Rahman bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von der SOHR und der GfbV in Berlin im März 2019.

Im Jahre 2011 gelangten tausende Dschihadisten aus aller Welt über die Türkei nach Syrien, um einen "heiligen islamischen Krieg" zu führen. Erdogan könnte sie wieder über die Türkei passieren lassen, so wie er damals auch diese Leute aus Deutschland und Europa nach Syrien passieren ließ. Erdogan könnte Deutschland und Europa mit diesen Dschihadisten genauso erpressen, wie er es mit den syrischen und anderen Flüchtlingen macht. Das ist eine große Gefahr sowohl für die Menschen vor Ort als auch für die Menschen in Deutschland und in Europa.

IS-Anhänger warten auf eine "Aufnahme" in ihren Ursprungsländern, Al-Hol-Camp, 15. April 2019. Foto: Kamal Sido

Als ich mit Rami Abdul Rahman Mitte März dieses Jahres in Berlin war und Gespräche mit Politikern führte, forderten wir unter anderem die deutsche Bundesregierung dazu auf, "ihre Leute" aus Syrien zurückzuholen. Damit meine ich deutsche Staatsbürger, die wahrscheinlich legal mit deutschen Pässen über die Türkei nach Syrien gegangen sind, gekämpft und sich wahrscheinlich an Kriegsverbrechen, wie an den Yeziden, beteiligt haben.

Diese Leute müssen zurückgeholt werden und wenn genug Beweise vorhanden sind, vor Gericht gestellt werden. Das gilt auch für Frankreich und andere Staaten. Es kann nicht sein, dass man diese Leute nach Syrien gehen lässt, aber nicht wiederhaben will.

Wie bereits erwähnt wurde, glauben viele Menschen in Syrien, dass dieser "Dschihad-Tourismus" Teil eines großen "Plans" war, der unter den Augen der Behörden in den NATO-Staaten gelaufen ist. Nach UN-Angaben sollen mindesten 40.000 Islamisten aus 110 Ländern, vor allem über die Türkei nach Syrien und den Irak gegangen sein, um für "die Sache des Islams" zu kämpfen.

In der syrischen Provinz Idlib befinden sich unter den Augen des türkischen Militärs nach verschiedenen Schätzungen immer noch 15.000 bis 30.000 ausländische Dschihadisten. Wer für diesen Dschihad-Tourismus verantwortlich ist, kann ich nicht genau sagen.

Ein Untersuchsuchungsausschuss zum Beispiel im Deutschen Bundestag oder im Europäischen Parlament könnte herausfinden, ob diese Behauptungen Hand und Fuß haben oder nur "Verschwörungstheorien" sind. In jedem Fall dürfen Deutschland und andere NATO-Staaten die syrischen Kurden bei der Bewältigung dieser Frage nicht im Stich lassen.

"Keine Demokratie ohne alternative Medien und starke Opposition"

Es ist bei mir zu einer Tradition geworden, dass ich, immer, wenn ich zu den Kurden im Irak oder Syrien fahre, dort vor allem mit Vertretern der "unabhängigen" und alternativen Medien sowie mit den Repräsentanten der oppositionellen Gruppen unterwegs bin.

Ich versuche dem "Motto" "Keine Demokratie ohne alternative Medien und starke Opposition" treu zu bleiben. Denn viele Befreiungsbewegungen weltweit haben sich in schlimme Diktaturen verwandelt.

Fast bei jedem Besuch in Nordsyrien versuche ich die Erlaubnis zu bekommen, Gefängnisse zu besuchen und mit Gefangenen zu reden. Bei diesem Besuch habe ich zwar keine Gefängnisse besucht, veröffentliche jedoch auf meiner privaten Facebook-Seite einen kurzen Aufruf in arabischer und kurdischer Sprache, und bat um Informationen über Namen von Gefangenen, die ich besuchen könnte.

Kinder wollen Fußball spielen und keinen Krieg - Erdogan droht mit einem neuen Krieg auch gegen Amuda, 14. April 2019. Foto: Kamal Sido

Die Leiterin für die Gefängnisse in der "Autonomen Selbstverwaltung" Nordsyrien, die ich von früheren Gefängnisbesuchen kennengelernt habe, bat ich um eine Audienz. Am 15. April kam es tatsächlich zu einer Unterredung in Qamischli.

In Qamischli habe ich auch führende Politiker der Opposition wie Hamid Haj Darwish, Präsident der "Kurdisch-Demokratische Fortschrittspartei" - (Pêşverû), Mostafa Mashaekh, den stellvertretenden Parteisekretär der "Kurdischen Demokratischen Einheitspartei Partei in Syrien" (YEKITI), und viele andere getroffen. Bereits im Norden von Aleppo traf ich den Parteisekretär der "Kurdischen Demokratischen Einheitspartei Partei in Syrien" (YEKITI), Muheddin Sheikh Ali, der sich wie auch Hunderttausende Kurden aus Afrin auf der Flucht befindet.

In meinen Gesprächen und vielen Interviews, die ich in den lokalen Radios, TV-Sendern und Zeitungen führte, habe ich kurdische Politiker aufgefordert, ihre Konflikte untereinander und mit den Nachbarn friedlich auszutragen. Auf viele Fehlentwicklungen in der Politik, Wirtschaft und im Umgang unter den kurdischen Gruppen habe ich hingewiesen. Sehr scharf kritisiere ich seit Jahren den Personenkult um Führer der kurdischen Parteien und Organisationen.

Auch wenn Nordsyrien insgesamt noch über keine klaren staatlichen Strukturen verfügt und sich in einem blutigen Krieg gegen den IS befindet sowie von der Türkei oder dem Assad-Regime bedroht wird, gibt es dort doch eine lokale "De-facto-Regierung" mit Polizei, Gerichten, Gefängnissen und anderen Intuitionen.

Daher ist ein streng kritischer Umgang mit der kurdischen Bewegung wie auch mit anderen Befreiungsbewegungen notwendig. Durch demonstrative Besuche von Büros der oppositionellen Gruppen und durch Gespräche mit Oppositionellen sowie mit alternativen Medien möchte ich jedes Mal unterstreichen, dass die Sache der Demokratie und Menschenrechte nicht auf Morgen, in die Zukunft verschoben werden darf. Demokratie muss jeden Tag auch in den schwierigsten Zeiten und Krisen gelebt werden.

In einem Krieg gilt das humanitäre Völkerrecht für alle, auch für Kurden. Die Macht in einer Gesellschaft darf niemals zentral gebündelt sein, sondern auf verschiedene, voneinander relativ unabhängige Gruppen der Gesellschaft verteilt sein. Anderenfalls entsteht die Herrschaft einer Gruppe, einer Elite oder einer Person. Das betonte ich in allen meinen Gesprächen sowohl in Nordsyrien als auch bei den Kurden im Irak.

Dort muss nicht nur die ethnische und religiöse Vielfalt aufbewahrt werden, sondern auch der politische Pluralismus. Nahezu jedes Gespräch von mir mit Politikern und Medien endete mit folgenden Sätzen: "Menschen- und Minderheitenrechte sind universelle Werte, die für uns alle gelten.

Die kurdischen Verwaltungen, die in Nordsyrien oder im Nordirak entstehen oder entstanden sind, werden von Deutschland von Europa aus nur dann erfolgreich unterstützt werden können, wenn dort Mindeststandards an Menschen- und Minderheitenrechten eingehalten werden."

Am "Roten Mittwoch" bei den Yeziden von Amuda

Nach meinem Besuch im Flüchtlingslager "al-Hol" wollte ich Nordsyrien verlassen. Da ich aber einer Einladung der Yeziden unbedingt nachgehen wollte, verlängerte ich meinen Aufenthalt um einige Tage. Am 17. April feierten die Yeziden in Nordsyrien, wie auch in der ganzen Welt den "Roten Mittwoch". Auf Kurdisch bezeichnet dieses Fest als "Çarşema Serê Nîsanê". Das bedeute "erster Mittwoch des Aprils". Hierbei gilt der alte orientalische julianische Kalender.

Das Fest ist im Volk auch unter "Çarşema Sor" (Roter Mittwoch) bekannt. Es ist wie ein "Neujahrsfest" der Yeziden. Übrigens ist der Wochentag "Mittwoch" bei den Yeziden ein heiliger Tag der Woche, wie der "Samstag" bei den Juden oder der "Sonntag" bei den Christen. Die Yeziden richten an diesem Tag die Türe ihrer Häuser und Wohnungen mit Blumenschmuck her und färben oder bemalen Hühnereier bunt. Das Fest wird in Andenken an die Schöpfung der Erde von yezidischen Würdenträgern gefeiert.

Hunderte Fahrzeuge waren vor der Mehrzweckhalle "Belisan" einige Kilometer von Amuda entfernt zu sehen. Dort traf ich auf viele bekannte Politiker und Journalisten aus der Region. Nicht weit von der "Belisan" befindet sich auch das "Yezidenhaus" im Dorf "Qizlacho". Diese yezidische Einrichtung kümmert sich auch um yezidsiche Frauen und Kindern, die durch die SDF aus der IS-Knechtschaft befreit wurden.

Die befreiten Frauen und Kinder halten sich einige Tage bei ihren Glaubensgeschwistern in Qizlacho auf, bevor der Transfer in den Nordirak, nach Sinjar (Shingal), wo der IS 2014 den Massenmord an Yeziden begangen und tausende yezidische Frauen und Kinder verschleppt hatte, organisiert wird.

In vielen Reden, die bei diesem Fest gehalten worden sind, wurde Hilfe für die Yeziden in Sinjar aber auch überall, wo die Yeziden leben, gefordert. Einige Redner gingen auch auf die Schwierigkeiten des Wiederaufbaues in Sinjar ein. Es wurde auf den Streit über die administrative Zugehörigkeit der Region Sinjar zwischen Kurdistan und Bagdad hingewiesen. "Solange dieser Streit nicht beigelegt wird, werden die Menschen auch nicht zurückkehren", wurde betont.

In der Tat wollen die Yeziden endlich Klarheit haben: "Wer ist der Herr in Sinjar? Wer regiert dort?". Wenn ich gefragt wurde, was ich bei dieser Frage denke, so erklärte ich, dass die Yeziden selbst über ihr Schicksal entscheiden müssen. Das gilt auch für die Zukunft von Sinjar, ob diese Region administrativ ein Teil von Kurdistan oder Irak sein soll.

Wenn man mich fragen würde, würde ich sagen, dass die Yeziden in Kurdistan besser aufgehoben sind, als unter der Kontrolle von Bagdad. Wenn die Yeziden sich jedoch anders entscheiden, dann ist das ihr gutes Recht und dieses muss respektiert werden.

Die Zukunft Nordsyriens

Im Nordosten Syriens, insbesondere in den mehrheitlich arabisch-sunnitischen Gebieten, in denen bis vor kurzem der IS herrschte, kommt es immer wieder zu Anschlägen, Autobomben und gezielten Attentaten auf Politiker sowie Vertreter der autonomen Selbstverwaltung in Rojava/Nordsyrien. Auch wenn der IS über kein Territorium im Nordosten Syriens verfügt, attackiert dieser immer die SDF.

Als ich am 11. April in Manbij war, explodierten zwei Autobomben. Ich hielt mich dort nur etwa eine Stunde auf. Ob die Anschläge weniger werden und die Kämpfe aufhören, ist von den Verhandlungen und Deals zwischen Assad, Putin und Erdogan abhängig. Wenn Putin und Erdogan sich wieder gegen die Kurden einigen, dann könnte es sehr schnell losgehen.

Es gibt Gerüchte, dass Assad und Putin den Rest von Afrin, die Dörfer in der sogenannten Schahba-Region, im Norden von Aleppo, Erdogan überlassen will. Dafür sollte Assad dann Idlib bekommen. Das sind aber noch Gerüchte.

Vieles lässt aber darauf schließen, dass die islamistischen oppositionellen Gruppen in Nordsyrien, die von der Türkei unterstützt oder geduldet werden, nur noch eine Aufgabe haben: den Interessen der Türkei, insbesondere denen von Erdogan, zu dienen und die Kurden, Christen und Yeziden im Norden von Syrien zu bekämpfen.

Diese islamistischen Milizen sind faktisch Söldner des türkischen Staates. Wie bereits erwähnt wurde, erhalten diese Gruppen, mindestens auf Umwegen, finanzielle Unterstützung auch von der deutschen Bundesregierung.

Was ist mit Baschar-al-Assad?

Der syrische Diktator Baschar-al-Assad, der schon vor dem Beginn der syrischen Revolte im März 2011 in seinen Gefängnissen foltern ließ, begann und begeht im Laufe des "Bürgerkrieges" Massenverbrechen. Ob er das Land noch regieren kann und darf, ist von den internationalen Akteuren, insbesondere von Russland und den USA, abhängig.

Bis März 2011 war Assad ein "guter" Partner der deutschen Bundesregierung. Jetzt muss es aber eine Alternative zu Assad geben. Wenn ich gefragt werde, sage ich: "Es gibt eine Alternative zu Assad und sie heißt unter anderem: "Syrian Democratic Council" (SDC). Der SDC, eine demokratische Plattform, die aus Kurden, Arabern, Assyrern/Aramäern/Chaldäern, Armeniern, Drusen, Christen, Yeziden, Aleviten und aufgeklärten Muslimen besteht, ist der politische Arme der SDF.

Der SDC steht für ein demokratisches Syrien, Frauenrechte, Glaubensfreiheit und nicht für das islamische Scharia-Recht. Die Türkei und ihre Unterstützer im NATO-Bündnis verhindern aber jegliche politische und diplomatische Unterstützung für das oppositionelle Bündnis SDC. Auch die deutsche Bundesregierung unterstützt nur noch die protürkische "Syrische Nationalkoalition". Der SDC darf bis her auch nicht an den Verhandlungen über die Zukunft Syrien teilnehmen, so wie es die Türkei will.

Diese Blockade-Politik wird von unserer deutschen Bundesregierung einfach hingenommen. Wie gesagt, die von Islamisten unterwanderte "Syrische Nationalkoalition" ist keine Alternative zu Assad. Es kann nicht sein, dass man einen Diktator wie Assad durch einen radikalen Islamisten, einen "syrischen Erdogan", austauscht. Deshalb fordern wir, die deutsche Bundesregierung immer wieder dazu auf, mäßigend auf Erdogan einzuwirken, und ihn nicht ständig gewähren lassen.

Wenn jemand Demokratie in Syrien unterstützen will, dann sollten auch und vor allem dem SDC und den syrischen Minderheiten geholfen werden und nicht nur der "Syrischen Nationalkoalition"! Selbstverständlich hat Berlin das Recht, mit Islamisten, Erdogans Freunde, in Syrien zu reden und sie zu unterstützen. Aber nur und allein auf sie zu setzten, nur sie zu unterstützen ist ein Skandal.

Wer nur die "Syrische Nationalkoalition" unterstützt, schwächt die Demokratiebewegung in Syrien insgesamt, schwächt die Frauenbewegung, schwächt die Minderheiten und stärkt letztendlich den Diktator Assad, das "kleinste Übel". Hilfe und Unterstützung für Akteure im syrischen Bürgerkrieg, wie auch in jedem anderen Krieg, muss an Bedingungen geknüpft sein: Einhaltung von Menschen- und Minderheitenrechtlichen Mindeststandards sowie des humanitären Völkerrechts.

Die Zukunft Nordsyriens ist im Großen und Ganzen von der Gesamtentwicklungen Syriens abhängig. Wie werden sich die USA und Russland in Syrien verhalten? Werden sie sich einigen und endlich ein gemeinsames Konzept für ein Syrien der Zukunft entwickeln? Es gibt einige Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, die eine friedliche Beilegung des Konfliktes in Syrien fordern.

Die Umsetzung dieser Resolutionen könnte helfen, den Krieg zu beenden. Die Menschen sind des Krieges müde, sie wollen ein Ende der Gewalt. Ob ich wieder Nordsyrien besuchen könnte, ist von den oben erwähnten Entwicklungen abhängig. Ein Besuch in Afrin zum Beispiel, wo ich geboren bin, kommt nicht in Frage, solange das türkische Militär und die syrischen Islamisten dort das Sagen haben. Denn "das türkische Militär und die syrischen Islamisten werden aus mir Hackfleisch machen".

Kamal Sido ist Nahostexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)