Ursachen der zahlreichen Konflikte im Vielvölkerstaat Myanmar

Vertriebene Rohingya. Bild: Tasnim News Agency/Seyyed Mahmoud Hosseini/CC BY-SA-4.0

Der Rohingya-Konflikt ist nur einer unter vielen, die von westlichen Medien kaum wahrgenommen werden, ihnen liegt ein entfesselter Nationalismus zugrunde

Seit vielen Monaten ist Myanmar, das ehemalige Burma, im Zentrum des medialen Interesses. Die Rohingya, eine muslimische Volksgruppe, wird von Soldaten des burmesischen Militärs, oder von Mobs aus der lokalen Bevölkerung systematisch vergewaltigt, getötet und ins benachbarte Bangladesch vertrieben. Führende UNO-Diplomaten sprechen von "ethnischen Säuberungen wie aus dem Lehrbuch", Frankreichs Präsident Macron vom Genozid.

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Die Massaker und die Massenflucht lenken von der Tatsache ab, dass dieser Konflikt nicht der einzige ist, der in Myanmar gegenwärtig ausgetragen wird. Im Nordosten des Landes flammen immer wieder Kämpfe auf, infolge derer ebenfalls unzählige Zivilisten fliehen müssen und getötet werden. Diese Ereignisse werden von westlichen Medien kaum wahrgenommen oder gänzlich ausgeblendet, weil sie sehr komplex sind und nicht ins Bild eines von friedliebenden Buddhisten bewohnten Hoffnungslandes passten. Diesen Konflikten liegt ein lange kontrollierter und nun entfesselter Nationalismus zugrunde, der seit Jahrzehnten von der Militärregierung kultiviert und zum Rang der Staatsdoktrin erhoben wurde.

Den Bundesstaat Rakhaing, das ehemalige Arakan, das die Grenze zwischen dem indischen Subkontinent und Südostasien bildet, bevölkern neben buddhistischen Arakanesen und Bamar-Burmesen islamisierte Bengalen, die Rohingya.

Dieser Begriff ist eine relativ rezente Bezeichnung für unterschiedliche muslimische Gruppen. Er wurde von westlichen Medien und Menschenrechtsorganisationen in den Neunzigerjahren auf alle Moslems in Rakhaing ausgedehnt, obwohl sich viele von ihnen mit diesem Namen nicht identifizieren. Andererseits wird er von den Aufständischen zu einer klaren Abgrenzung zur buddhistischen Mehrheitsbevölkerung vereinnahmt.

Rohingya-Aktivisten versuchen eine Geschichte der muslimischen Tradition in Rakhaing zu konstruieren, die es so nie gegeben hatte. Historiker gehen davon aus, dass es sich bei dieser Volksgruppe um ein Mischbevölkerung aus muslimischen Bengalen, die seit dem 16. Jahrhundert nach Arakan strömten und - in überwiegender Anzahl - aus bengalischen Moslems aus Chittagong im heutigen Bangladesch, die in der Kolonialzeit aus Britisch-Indien (dessen Teil Burma war) eingewandert waren. Ob auch Nachfahren einer alt angesessenen muslimischen Bevölkerung aus dem Königreich Arakan im heutigen Rakhaing leben, wie dies muslimische Aktivisten behaupten, ist geschichtlich nicht bewiesen.

Allen diesen Gruppen ist gemeinsam, dass sie ein staatenloses und entrechtetes Volk sind, das weder von Myanmar, in dessen Grenzen es seit der Unabhängigkeit lebt, noch von Bangladesch, dessen Sprache, Religion und Kultur es teilt, anerkannt wird. Das unterscheidet die Rohingya von der muslimischen Bevölkerung in anderen Teilen Myanmars, die Burmesisch spricht, burmesische Namen trägt und besser integriert ist.

Die Regierung Myanmars betrachtet die Rohingya als Fremde im eigenen Land, bezeichnet sie als "Bengalis" oder Ausländer. Laut Vereinten Nationen gehören sie zu einer der "am stärksten verfolgten Minderheiten der Welt". Nach einer Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetztes wurden den Rohingya 1989 die Personalausweise abgenommen. Ihr Land und ihre Rinder werden, oft von buddhistischen Nachbarn, regelmäßig konfisziert oder zerstört. Auf den von Moscheen geräumten Plätzen werden buddhistische Klöster erreichtet. Rohingya brauchen eine Genehmigung, wenn sie heiraten wollen, haben kein Wahlrecht, die Infrastruktur in ihrem Bundesstaat ist desolat, die medizinische Versorgung ist, bis auf einige wenige internationale NGOs, so gut wie nicht existent. Willkürliche Inhaftierungen, Vergewaltigungen, Folter und Morde runden das Bild des Grauens ab.

Regelmäßig berichteten internationale NGOs von Hungerkatastrophen, Choleraausbrüchen und von ganzen Landstrichen, die von der dort endemischen Malaria dahingerafft werden. Seit Jahrzehnten fliehen Tausende Menschen über den Grenzfluss ins benachbarte, selbst bitterarme Bangladesch, wo sie in grenznahen Lagern Elend erwartet. Die Regierung Bangladeschs duldet sie, wünscht aber eine rasche Repatriierung nach Myanmar. 1,5 Millionen Rohingya haben in den letzten Jahrzehnten Myanmar verlassen und leben neben Bangladesch auch in Indien, Thailand, Malaysia und anderen Ländern der Region.

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Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich in der muslimischen Bevölkerung Widerstand formierte. Eine kleine, 20 Mann starke Gruppe, die sich Arakan Rohingya Salvation Army, kurz ARSA, nennt und von Rückkehrern aus dem saudischen Exil gebildet wurde, attackierte im Oktober 2016 einen Polizeiposten und tötete neun Polizeibeamte. Damit kam es zu einer Internationalisierung der Bewegung. Ihr Anführer ist ein in Saudi-Arabien sozialisierter Pakistani und viele der Kämpfer dürften aus Bangladesch, Pakistan und anderen muslimischen Ländern stammen.

Um Aufmerksamkeit seitens der Weltöffentlichkeit und Unterstützung vonseiten ihrer Glaubensbrüder zu bekommen, sollen die Angreifer die Offensive der burmesischen Armee durchaus in Kauf genommen haben, haben aber den Ausmaß der militärischen Antwort unterschätzt. Das bedeutet aber auch, dass die ARSA von den angestammten Rohingya keinesfalls nur mit Sympathie bedacht wird. Zwar schließen sich ihr auch desperate junge Rohingya an, doch viele lokale Moslems machen die Angreifer für das Leid der eigenen Bevölkerung verantwortlich.

Dieser Angriff gilt als Auslöser des aktuellen Konflikts. Die offizielle Begründung der Armeeführung, auch die von Aung San Suu Kyi ist, dass es sich um bengalische Terroristen handle, die in Rakhaing einen islamischen Staat errichten wollen. Die Armeeführung sah diesen Angriff wohl als eine Gelegenheit, unter dem Deckmantel des Kampfes gegen islamischen Terrorismus das Rohingya-Problem ein für alle Male zu lösen.

Obwohl die burmesische Armee seit der Unabhängigkeit von Großbritannien in 1948, von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt, zwanzig groß angelegte Militäroperationen gegen die muslimische Zivilbevölkerung Rakhaings führte, haben die Militärs wohl nicht mit einem derart starken internationalen Echo gerechnet. Seit November ist auch China im Spiel. Der mächtige Nachbar hatte sich beim aktuellen Konflikt bisher schützend vor die Regierung Myanmars gestellt, hatte alle UN-Sicherheitsrat-Resolutionen gegen Burma blockiert.

Am 19. November 2017 verkündete der chinesische Außenminister Wang Yi einen "Drei-Phasen-Plan" zur Beilegung der Krise. Nur vier Tage später folgte das Abkommen zwischen Bangladesch und Myanmar zur Repatriierung der Vertriebenen. Allerdings geht es China hier weniger um Menschenrechte und Schutz von Minderheiten, als um die Wahrung eigener Wirtschaftsinteressen: In Rakhaing, in der Stadt Kyaukpyu, baut China einen großen Hafen und eine Sonderwirtschaftszone. Die chinesischen Exportgüter werden ohne den Umweg der Straße von Malakka schneller und günstiger in alle Welt verschifft werden.

Der Bundesstaat Rakhaing hat eine jahrzehntelange Geschichte von Unabhängigkeitskämpfen nicht-muslimischer Gruppen. Die "Arakan Libaration Army", eine buddhistische Widerstandsorganisation, die um die Autonomie dieser Gebiete kämpfte, legte 2012 ihre Waffen nieder und ruft seither ihrerseits zur Vertreibung der Moslems auf.

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