Ursachen eines Amokfluges

Joseph Andrew Stacks Tat wird von amerikanischen Steuergegnern vereinnahmt, hatte aber komplexere Hintergründe

Letzte Woche flog eine Piper Cherokee PA-28 in ein von der amerikanischen Steuerbehörde IRS genutztes Bürogebäude in der texanischen Stadt Austin, wobei außer dem Piloten des Leichtflugzeugs noch eine weitere Person ums Leben kam. Anhand eines Führerscheins stellte man fest, dass der tote Pilot der in Kalifornien wohnhafte Joseph Andrew Stack war, der kurz vorher sein Haus angezündet hatte. Auf der Website seiner Softwarefirma Embedded Art hinterließ er einen längeren Brief, in dem er Erlebnisse schildert, die sich im Nachhinein nur als Rechtfertigung seiner Tat werten lassen.

US-Medien stellten Stack überwiegend als Ideologen dar - als libertären Timothy McVeigh, der aus Hass auf den Staat und das Finanzamt ein Selbstmordattentat verübte. Beim Lesen der Quelle entsteht dagegen ein etwas anderes Bild: Das eines Mannes, der durch behördliches Handeln mehrmals hintereinander seine Altersersparnisse verlor und dem mit 53 Jahren offenbar vor einer Zukunft graute, die sein würde, wie seine Studentenzeit. Damals empfahl ihm eine achtzigjährige Nachbarin, seine aus Kostengründen vorgegebene Diät mit etwas billigem Katzenfutter anzureichern, weil das auf die Dauer immer noch gesünder sei, als ständig nur Toastbrot mit Erdnussbutter.

Die Nachbarin, die ihren Ernährungstipp selbst praktizieren musste, war die Witwe eines Stahlarbeiters, dessen Betriebsrente das Unternehmen verspielt hatte. Ihr Schicksal beeindruckte Stack offenbar so sehr, dass er der (in den USA durchaus berechtigten) Angst vor Altersarmut durch private Ersparnisse zu begegnen versuchte. Allerdings machten ihm die Regierung und ihre Vollzugsstellen dabei immer wieder einen Strich durch die Rechnung: Das erste Mal konnte Stack innerlich noch als "Lehrgeld" verbuchen: Als er zusammen mit Freunden versuchte, die für Religionsgemeinschaften sehr günstigen Steuervorschriften ad absurdum zu führen, da musste er erfahren, dass der Wortlaut eines Gesetzes nicht das Einzige ist, was zählt. Stack wurde damals nach eigener Schilderung vom Finanzamt ganz anders behandelt als die einflussreichen Kirchen und verlor dabei das erste Mal seine in 10 Jahren angehäuften Altersersparnisse in Höhe von etwa 40.000 Dollar.

Das zweite Mal war es Ronald Reagans Steuerreform von 1986, die für den freiberuflich Tätigen extreme aber gut versteckte Verschlechterungen beinhaltete, weshalb er viel Zeit und Geld dafür aufwendete, Politiker und Behörden auf die voraussichtlichen Folgen hinzuweisen, aber als Antwort lediglich das Versprechen bekam, dass man die Vorschrift nicht in der von Stack befürchteten Weise anwenden werde. Allerdings hielt man dieses Versprechen nicht ein - und der Ingenieur verlor ein zweites Mal all seine Altersersparnisse.

Anfang der 1990er verursachte die Schließung von Luftwaffenstützpunkten eine lokale Wirtschaftskrise in Südkalifornien, welche die US- und die Staatsregierung Stacks Wahrnehmung nach nicht etwa mit Hilfen für die betroffenen Bürger, sondern mit Subventionen für Darlehensbanken abzumildern versuchte, die sich billig die Häuser bankrotter Familien aneigneten. Im Zuge dieser Wirtschaftskrise verlor der Kleinunternehmer das dritte Mal seine Altersersparnisse.

Knappe 10 Jahre später war es das nach den Terroranschlägen auf die WTC-Türme und das Pentagon verhängte Flugverbot, das Stacks Firma in arge wirtschaftliche Bedrängnis brachte. Zwar behielt er diesmal zumindest einen Teil seines Vermögens, trotzdem ärgerte ihn die Tatsache, dass die großen Fluggesellschaften mit vielen Milliarden aus der Steuerkasse entschädigt wurden, während kleine und mittelständische Unternehmen wie das seinige leer ausgingen. Und das Steuergeld, mit dem die großen Unternehmen subventioniert wurden, kam seiner Wahrnehmung nach von Personen wie ihm selbst. Als er nach einem Jahr ohne Einkommen keine Steuererklärung abgab, das IRS ihn aber erst nach Ablauf der Einspruchsfrist darüber informierte, dass er dies trotzdem hätte tun müssen, kostete ihn das folgende Verfahren alleine an Prozesskosten runde 10.000 Dollar.

Den letzten als Enteignung empfundenen Vorfall, der das Fass anscheinend zum Überlaufen brachte, verursachte ein von Stack bezahlter Certified Public Accountant. Der gab eine fehlerhafte Erklärung ab, die dem seiner eigenen Darstellung nach ahnungslosen Stack eine Steuerprüfung einbrachte. Offenbar in Anspielung darauf, dass sich der CPA seiner Verantwortung entzog, stellt der Ingenieur in seinem Abschiedsbrief verbittert fest, dass zu Beginn der Depression Ende der 1920er Jahre viele Spekulanten Selbstmord begingen, weil sie ihr Geld verwettet hatten. Heute hätten sie das Problem dadurch gelöst, dass Finanzprofis nur mehr das Geld anderer Leute vernichteten - und zwar die Profite einstrichen, aber für die Verluste nicht mehr gradestehen müssten.

Dieses letzte Erlebnis war Stack offenbar zu viel: Er kam nun zu der Erkenntnis, dass sich das Spiel bei gleichbleibendem Verhalten erneut wiederholen würde und wollte durch eine radikale Verhaltensänderung Aufmerksamkeit erzwingen:

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I saw it written once that the definition of insanity is repeating the same process over and over and expecting the outcome to suddenly be different. I am finally ready to stop this insanity. Well, Mr. Big Brother IRS man, let's try something different; take my pound of flesh and sleep well.

Ein Versuch, der, wie man jetzt feststellen muss, offenbar misslang. Nicht nur, dass die erregte Aufmerksamkeit begrenzt war - es feiern ihn auch noch jene als Helden, die Stack eher als Teil des Problems gesehen haben dürfte: Radikale Steuergegner aus der Tea-Party-Fraktion, die für Unternehmen und Bürger unterschiedslos Abgabensenkungen fordert und Obamas Gesundheitsreform vehement ablehnt.

In seinem Brief zeigte sich Stack nämlich auch ausgesprochen unzufrieden mit dem amerikanischen Gesundheitssystem. Und zwar nicht, weil er abstrakte Angst vor Euthanasie hatte, sondern vor einer von der Pharma- und der Versicherungslobby geschaffenen Struktur, die seinen Ausführungen und einer Studie der Harvard-Universität nach jedes Jahr für zehntausende Tote verantwortlich ist.

Dem Rechtfertigungsschreiben nach war es nicht ein bloßer Unwille, Steuern zu zahlen, sondern die Ungleichbehandlung von großen Unternehmen und natürlichen Personen, die ihn verzweifeln ließ: Dem Ingenieur schien es, dass sein Erspartes, das man ihm regelmäßig durch Steuerforderungen abknöpfte, mehr oder weniger direkt in die Kassen von Unternehmen wie General Motors floss, die für ihre Managementfehler sofort und relativ problemlos mit Staatshilfen belohnt wurden.

Man wird nach dem Lesen von Stacks Abschiedsbrief das Gefühl nicht los, dass seine Tat durch ein spekulationsgeschützteres Rentensystem, eine öffentliche Gesundheitsvorsorge und ein etwas bürgerfreundlicheres Einspruchsverfahren vielleicht verhindert hätte werden können. So aber gemahnt das Ereignis daran, dass gerade das von der FDP als Vorbild gepriesene amerikanische Steuersystem keineswegs einfacher und durchaus nicht gerechter ist als das aktuelle bundesdeutsche. (Peter Mühlbauer)

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