Utøya und Folgen: Gedenken an Terroropfer in Norwegen und München

Blumen am Tatort auf der Fjordinsel im Juli 2011. Foto: Paalso / Paal Sørensen / CC-BY-SA-3.0

Auf einer Fjordinsel und in Oslo erschoss vor zehn Jahren der Rechtsterrorist 77 Menschen. Ein Bewunderer des Täters erschoss genau fünf Jahre später neun Personen im OEZ München

In Norwegen wurde und wird an diesem Donnerstag der Opfer der Terroranschläge in Oslo und auf der Insel Utøya vor genau zehn Jahren gedacht. Überwiegend waren es Jugendliche, die an einem Zeltlager der norwegischen Jusos auf der Fjordinsel Utøya teilgenommen hatten. Hier erschoss der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 insgesamt 69 Menschen, nachdem er im Osloer Regierungsviertel eine Bombe gezündet hatte, die acht Menschen getötet hatte.

Mehrere Medien porträtierten in den letzten Tagen Überlebende, die bei den Anschlägen zum Teil schwer verletzt und traumatisiert worden waren.

Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg sprach auf einer ersten Zeremonie am Morgen in Oslo von einem "Angriff auf die Demokratie" - Breivik hatte vor dem Massaker ein "Manifest" mit der Überschrift "2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung" verfasst, aus dem hervorging, dass er sich als Retter des christlichen Abendlandes und der weißen Rasse sah. Aus seiner Sicht musste vor allem die Jugend der Sozialdemokraten ausgelöscht werden, deren Migrationspolitik er für den drohenden Untergang verantwortlich machte.

Die Utøya-Überlebende und Vorsitzende der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Astrid W. E. Hoem, ging in ihrer Rede an diesem Donnerstag auf die Radikalisierung von Tätern wie Breivik und die Bedeutung des Kampfes gegen Hassbotschaften und Rassismus ein. Nicht alle hasserfüllten Worte führten zu Terror, aber jeglicher Terror habe mit hasserfüllten Worten begonnen, sagte sie. Zehn Jahre nach den Anschlägen müsse man sich ehrlich eingestehen, dass der Hass nicht gestoppt worden sei.

Amok-Framing im Fall des Münchner OEZ-Attentats

Auch in der bayerischen Landeshauptstadt ist der 22. Juli ein Gedenktag: Exakt fünf Jahre nach dem Massaker in Norwegen hatte hier der 18jährige David Sonboly in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) neun Menschen und anschließend sich selbst erschossen. Der Deutsch-Iraner begriff sich als "Arier", hasste Türkinnen und Türken und hatte noch während der Tat gerufen: "Ich bin kein Kanake, ich bin Deutscher". Der familiäre Hintergrund seiner Opfer lag überwiegend in muslimisch geprägten Ländern.

Den fünften Jahrestag der Breivik-Attentate hatte er wohl nicht zufällig gewählt. Trotzdem wurde Sonboly von den Behörden zunächst hartnäckig als "Amoktäter" eingeordnet. In einem Gutachten für das bayerische Landeskriminalamt stellte die Gießener Kriminologin Prof. Dr. Britta Bannenberg aber auch fest:

Sonboly besaß mehrere Bilder und Videos von Breivik, sprach über ihn in Chats mit Gleichaltrigen und hatte teilweise ein Facebook-Profilbild von Breivik, was andere Jugendliche sehr befremdlich fanden. Die Wahl eines Profilbildes ist typischerweise ein Anzeichen einer Identifikation mit der dargestellten Person, was hier aber nicht zur Einschaltung der Polizei führte.

Das Tatdatum wählte er sicher bewusst, es handelte sich um den fünften Jahrestag des Attentats in Oslo und Utoya (22. Juli 2011). Auch die großspurige Bezeichnung seiner zweiseitigen Hassbotschaften an die Nachwelt mit "Manifest" deutet auf eine Übernahme von Breivik hin. Breivik hinterließ ein Pamphlet des Hasses und der Rechtfertigung seiner Taten mit einem Umfang von über 1.500 Seiten.

Sein eigenes "Manifest" hatte Sonboly unter dem Namen "Ich werde jetzt jeden Deutschen Türken auslöschen egal wer.docx" abgespeichert.

Die Gutachterin erwähnte außerdem, dass er in der Schule und in der stationären Unterbringung durch das Zeichnen von Hakenkreuzen und durch ausländerfeinliche Aussagen aufgefallen war: "In der Psychiatrie war auch Therapeuten bekannt geworden, dass er ausländerfeindliche Ansichten mit drastischen Worten vertrat." Im Internet habe sich Sonboly in "Amok-Fangruppen" bewegt - die Gruppenbezeichnungen und Profilnamen - darunter "Free Anders Breivik" und "2083" hätten für für sich gesprochen, so die Gutachterin.

Allerdings behauptete sie wenige Din-A-4-Seiten später:

Sonboly besuchte keine rechtsextremistischen Seiten, verkehrte nicht mit rechtsgerichteten Personen und war schon gar nicht Anhänger der rechtsextremen Szene.

Im Prozess gegen Phillipp K., der ihm die Tatwaffe verkauft hatte, wurde bekannt, dass Sonboly auf der Gaming-Plattform "Steam" in einer Gruppe namens "Anti-Refugee-Club" Kontakt zu William Atchison gehabt hatte, der Ende 2017 im US-Bundesstaat New Mexico ein rassistisches Attentat in eine High School verübte. In diesem Fall waren die Opfer zwei Jugendliche lateinamerikanischer Herkunft.

Das LKA Bayern und die Gutachterin wurden seither scharf kritisiert, weil sie das Motiv letztlich entpolitisiert und die psychischen Probleme des Täters, teils länger zurückliegende Mobbing-Erfahrungen und die Zurückweisung durch ein Mädchen mit arabischem Namen überbetont hatte - und somit von einer "Amoktat" ausgegangen war.

Drei weitere Gutachten wurden von der Stadt München in Auftrag gegeben - und alle drei Verfasser kamen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass der Neunfachmord im OEZ als politisch motivierter, rechtsterroristischer Akt eingeschätzt werden kann. Zur Abgrenzung von Amok und Terror schrieb der Passauer Politikwissenschaftler Florian Hartleb in einem dieser Gutachten:

Der Einsame-Wolf-Terrorismus ist das Produkt der Selbstradikalisierung eines Individuums, die von einer im Einzelfall zu gewichtenden Mixtur aus persönlichen Kränkungen und politisch-ideologischen Motiven ausgelöst wird.

Amok hingegen stehe für "eine willkürliche extrem zerstörerische Gewalttat, oft mit tödlichen Folgen, die ohne für Außenstehende erkennbaren Auslöser geschieht", wie auch Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei im Jahr 2017 geschrieben habe.

Im Gedächtnis vieler Münchnerinnen und Münchner ist das OEZ-Attentat trotzdem als Amoklauf in Erinnerung geblieben. In einem aktuellen Beitrag für die Passauer Neue Presse kritisiert Gutachter Hartleb, dass es "bis heute nicht im Verfassungsschutzbericht" auftaucht.

Sonbolys Waffenlieferant Phillipp K. hat nach Überzeugung des Landgerichts München I nichts von den Plänen seines Kunden gewusst. Er wurde 2018 wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in fünf Fällen und Verstößen gegen das Waffengesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Breivik, dessen Taten Sonboly inspiriert hatten, war 2012 in Norwegen zur dortigen Maximalstrafe von 21 Jahren plus Sicherungsverwahrung verurteilt worden. (Claudia Wangerin)