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"Vegane Kinderernährung ist eine Form der Körperverletzung"

Uwe Knop über den Veganismus-Hype

Debatten über gesundes Essen und Veganismus bestimmen den Zeitgeist und nehmen immer wieder sakrale Züge an. Der Diplom-Ökotrophologe Uwe Knop [1] widerspricht der neuen Ernährungsreligion.

Herr Knop, Sie bezweifeln die Ergebnisse von Ernährungsstudien, die herausgefunden haben wollen, dass veganes Essen gesünder ist. Warum?
Uwe Knop: Weil kein einziger Beweis existiert, dass irgendeine Ernährung gesünder ist als die andere. Ernährungswissenschaften liefern nur Hypothesen, die niemals überprüft werden können: Denn man kann keine Studien durchführen, die Beweise liefern, weil diese placebokontrolliert und randomisiert sein müssen.
Allein der sehr wichtige Studienfaktor Randomisierung - also das zufällige Verteilen der Menschen in die Studiengruppen, damit diese vergleichbar sind - ist unmöglich: Denn welcher normale Esser hört schon gerne: "Sie sind in die vegane Gruppe gelost worden und dürfen jetzt fünf Jahre lang während der Studienlaufzeit keine tierischen Lebensmittel essen und trinken." Umgekehrt will man sich den Aufschrei der Empörung gar nicht vorstellen: Ein Veganer wird in die Allesesser-Gruppe randomisiert …
Auch wenn in manchen Studien beobachtet wurde, dass Veganer gesünder seien und länger lebten: Die Gründe, warum das so war, die sind vollkommen unbekannt - die Confounder lassen grüßen! Confounder sind die unbekannten Einflussfaktoren des Lebens, die jedes Ergebnis von Beobachtungsstudien, sei es noch so "reingerechnet" nichtig machen.
Ob es also die Ernährung war oder der Verzicht auf Drogen und Sex, schlechter Schlaf wegen Blähungen oder gänzlich unbekannte Gründe oder Abgründe veganen Lebensstils - kein Mensch weiß es. Wie in der Ernährungsforschung üblich gibt es natürlich auch Studien, die genau das Gegenteil von gesund zeigen: Veganer haben ein höheres Thrombose- und Gefäßverkalkungsrisiko aufgrund diverser Nährstoffmängel.

"Wer sich nicht akribisch mit tierfreier Ernährung beschäftigt, dem drohen Defizite"

Schadet veganes Essen allgemein der Gesundheit?
Uwe Knop: Pauschale Allgemeinaussagen sind in der Ernährungsforschung nicht möglich, man muss immer den Einzelfall betrachten. Und da kann vegane Ernährung durchaus der Gesundheit schaden. Denn wer sich nicht akribisch mit tierfreier Ernährung beschäftigt und genau weiß, welche Nährstoffe in welchen Nahrungsmitteln enthalten sind, dem drohen diverse Defizite: Möglich ist beispielsweise ein Mangel an Eiweiß, Eisen, Kalzium, Jod, Zink, B-Vitaminen und essenziellen Fettsäuren - das wiederum kann zu Folgeerkrankungen führen.
Wer darüber hinaus noch viele der völlig überteuerten veganen Fertigprodukte verspeist, dem könnten die überzahlreich darin enthaltenen Farb- und Aromastoffe, Verdickungsmittel, Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe Probleme machen - vorausgesetzt, man reagiert darauf sensibel, was bei vielen Veganern der Fall sein könnte, da Krankheiten oder Unverträglichkeiten als wesentlichen Grund für den Ernährungswandel gesehen werden.

"Schwächung des Immunsystems"

Unter welchen Gesundheitsschädigungen leiden Veganer konkret?
Uwe Knop: Die diversen potenziellen Nährstoffdefizite können in verschiedene Beschwerdebilder münden. Schilddrüsenprobleme durch Jodmangel führen zum Beispiel unter anderem zu Müdigkeit, einem häufigen Problem in der ernährungsmedizinischen Praxis. Eisenmangel führt zu Stoffwechselstörungen, die eine Verminderung der roten Blutkörperchen und damit Sauerstoffmangel bewirken - das wiederum kann zur Schwächung des Immunsystems führen. Und der unausweichliche Mangel an Vitamin B12 führt zu unheilbaren Nervenschäden, wenn nicht künstlich nachgeholfen wird.
Viele Veganer leiden unter B12-Mangel, weil das "Nervenvitamin" nur in tierischen Produkten in einer biologischen Form enthalten ist, die ausreichend vom Körper aufgenommen und physiologisch effizient verwertet werden kann. Daher müssen Veganer zwingend Pillen schlucken, um gesund zu bleiben - ist das gesund?
Hinzu kommt: Isolierte Nahrungsergänzungsmittel sind keine komplexen Nahrungsmittel - das heißt, für die bestmögliche Aufnahme einzelner Nährstoffe braucht unser Körper weitere Substanzen aus dem Nahrungsmittel; sozusagen die gesamte Matrix, in der sich das Vitamin befindet - und die fehlt in Vitaminpillen. Darüber hinaus kann bei "Ernährungssensiblen" der hohe Gehalt an Fruktose, Ballaststoffen und anderen schwer verdaulichen Bestandteilen in veganer Kost zu Magen-Darm-Problemen führen.

"Unabhängiger Prädiktor für Erektile Dysfunktion"

Was sind die langfristigen Gesundheitsrisiken bei konsequentem Veganismus?
Uwe Knop: Alle oben aufgeführten Gesundheitsschädigungen können sich langfristig etablieren, besonders die irreversiblen Nervenschäden - und das ist ganz gefährlich bei Kindern, die ja noch wachsen und bei denen sich das neurologische System noch entwickelt. Hier kann ein Vitamin-B12-Mangel schwerwiegende Folgen haben, wenn die neurologischen Schäden beispielsweise die Gehirnentwicklung beeinträchtigen.
Nicht umsonst raten etliche Fachorganisationen bei Säuglingen und kleinen Kindern von einer veganen Ernährung ab - offiziell abgeraten wird übrigens auch Schwangeren, Stillenden, Kranken und Senioren. Für so manch kritischen Ernährungsmediziner ist vegane Kinderernährung gar eine Form der Körperverletzung, weil hier die ganz große Gefahr lauert, dass vegan ernährte Kinder aufgrund diverser Mangelzustände gesundheitliche Probleme entwickeln können, die sie ihr Leben lang begleiten.
Aber nicht nur bei Kindern gilt besondere Vorsicht: Auch Männer, die ohne "das Tier im Manne" leben, könnten spezielle Probleme bekommen - und zwar mit "ihrem besten Stück". Denn Veganer haben von allen Essern die höchsten Harnsäurespiegel - und ein hoher Harnsäurespiegel ist ein "unabhängiger Prädiktor für Erektile Dysfunktion (ED)", also ein eigener Vorhersagefaktor für Erektionsstörungen. Wenn Mann dann noch viel Soja futtert, tragen eventuell auch die östrogenartigen Substanzen mit weiblicher Geschlechtshormonwirkung ihren Teil zur potenziellen VED bei (Vegane Erektile Dysfunktion).
Welche psychischen Effekte kann eine Ernährungsumstellung mit sich bringen?
Uwe Knop: Sowohl die Uni Graz als auch die Uni Hildesheim haben herausgefunden, dass "Fleischverzichter" häufiger an psychischen Störungen wie Depressionen oder Angstzuständen leiden. Ob der Verzicht auf tierische Lebensmittel dafür verantwortlich ist, ob umgekehrt vorwiegend psychisch Labile der Pflanzenkost frönen, oder ob das Nervenkostüm durch einen Vitaminmangel instabil wird: Niemand weiß es.

"Auch dicke Veganer leben unter uns"

Sie vertreten weiter die Position, dass Fleischverzicht nicht automatisch schlank macht. Kann man sich aber, was die Figur angeht, mit veganen Nahrungsmitteln nicht üppiger ernähren als mit tierischen Produkten?
Uwe Knop: Vegane Ernährung macht genauso wenig schlank wie Fleisch-Kost. Was beim Abnehmen zählt, das ist allein die negative Kalorienbilanz: Also weniger Energie aufnehmen als verbrauchen. Wie man den Körper in diesen Mangelzustand treibt, das interessiert ihn nicht. Auch umgekehrt ist es egal: Denn üppig essen und dick werden kann man mit oder ohne tierische Produkte - wir leben ja de facto in einem Schlaraffenland, in dem es alles zu essen gibt, was man sich vorstellen kann.
Ergo: Auch dicke Veganer leben unter uns, da können Sie sicher sein. Nur dienen sie nicht als Vorzeigeobekjekt der veganen Lobbyisten, hier steht man eher auf die Sixpack-Poser. Dazu sollte man wissen: Mit veganer Kost hat die Verwandlung von Speckman in Six-Packman nichts zu tun.
Uwe Knop
Sie bestreiten, dass der Verzehr von Fleisch negative Auswirkungen auf die Umwelt hat. Warum?
Uwe Knop: Die These der fleischfreien Erdrettungsvisionäre lautet: Weniger Tierisches essen bedeutet weniger Viehzucht - und das ist gut fürs Klima und die Umwelt. Doch diese These hakt an diversen Stellen: Laut Daten der Welternährungsorganisation FAO kann etwa sechzig Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausschließlich für Tierzucht genutzt werden. Würden die Menschen keine tierischen Lebensmittel mehr verzehren, müssten demnach riesige Flächen neues Agrarland entstehen, um pflanzliche Lebensmittel anzubauen, die diese Energielücke schließen. Neue Flächen bedeutet: Die Tiere, die dort leben, müssen weg - oder sie sterben bei der Ernte (Mäuse, Kaninchen, Feldhamster, Igel, Insekten …).
Hinzu kommt: Viele Gemüsesorten wie etwa Tomaten, Salat, Gurken, Zucchini, Auberginen, Spargel und mehr liefern nahezu null Kalorien - aber der Anbau verbraucht jede Menge Wasser, Dünger und Pestizide. Die Klimabilanz sieht bei weniger Fleisch demnach auch nicht gerade rosig aus. Ergo: Veganes Gemüse ist der reine Luxus zulasten der Natur. Hoch brisant würde es auch für den Bio-Landbau: Ohne Kühe & Co. kein Naturdünger - so gäbe es in der veganen Welt nur noch Bio mit Kunstdünger.
Könnte dem Welthunger mit der Umstellung von Fleischproduktion auf Soja nicht Einhalt geboten werden?
Uwe Knop: Das weiß kein Mensch. Weltrettungsszenarien, die auf dem Teller der Menschheit hochgerechnet werden, sind derart komplex, dass sie einem Blick in die Glaskugel gleichen. Diese Form der "nutri-fiction" basiert auf absolut instabilen und nicht belastbaren Rechenszenarien.
Haben Sie Informationen darüber, welche Bevölkerungsgruppen sich bevorzugt vegan ernähren?
Uwe Knop: Bei fleischfreien Kostformen dominieren die Frauen: Mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer sind Vegetarier - so die Schätzungen, die jedoch je nach Institut unterschiedlich ausfallen (und das besonders bei Veganern, die weniger als 1% der Bevölkerung ausmachen sollen). Eine aktuelle repräsentative Umfrage unter 2.000 Deutschen hat beispielsweise ergeben: 1% der Frauen und 0% der Männer sind Veganer.
Grundsätzlich weiß man relativ wenig über Veganer - einfach deshalb, weil es so wenig davon gibt. Aufgrund dieses Diaspora-Charakters werden bei vielen Studien die wenigen Veganer mit in andere Gruppen gepackt - wie beispielsweise beim aktuellen Nationalen Ernährungsmonitoring der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und des Max Rubner-Instituts (MRI), wo Veganer und Vegetarier als gemeinsame Gruppe 2% der Bevölkerung ausmachen.
Was sind ihrer Meinung nach die Gründe für den aktuellen Veganismus-Hype?
Uwe Knop: Vorwiegend egoistisch-individuelle: Identitätssuche, Persönlichkeitsprofilierung, Gesundheit und Schlankheit. Die meisten Veganer sind anscheinend junge Hipster in Großstädten, die aus Lifestylegründen auf tierische Produkte verzichten - also weniger basierend auf dem veganen Urgedanken, dem Tierschutz. Als Veganer vermittelt man der Gesellschaft eine Botschaft: "Ich bin etwas Besonderes, denn ich esse anders als ihr." Ob dieses "Special-One"-Schild gewollt oder unbewusst vor sich hergetragen wird, das ist wohl immer eine Frage des Einzelfalls.
Können Sie antizipieren, welche Ernährungstrends uns demnächst bevorstehen?
Uwe Knop: Ganz hoch im Kurs steht aktuell die "Genbasierte Ernährung" - also Essen maßgeschneidert auf das persönliche Erbgut. Hier tummeln sich bereits diverse Anbieter von Gentests auf dem Markt - dabei weiß die Wissenschaft so gut wie nichts, und das wird auch noch sehr lange so bleiben. Also hat auch dieser Trend nur einen Zweck: Verkaufen, verkaufen (und für dumm) verkaufen.
Das gilt übrigens auch für den aktuellen Vegan-Hype: Bücher, Pillen, Gemüsehobel, Hautscanner - sehr gut für kommende Hypochonder oder Orthorektiker-, Spezialzutaten, Gesundheits-Tees, Fleischimitate, vegane Lebensmittel und weitere überteuerte Produkte des veganen Kommerzes kosten viel und wollen gekauft werden. Die Botschaft "Ich bin Veganer" wird damit auch automatisch von der Sekundärbotschaft flankiert: "Ich habe das Geld, mir all die teuren Spezialprodukte zu kaufen."
Welche Ernährungsform empfehlen Sie?
Uwe Knop: Jeder sollte das essen, was ihm schmeckt und was einem gut bekommt. Dabei ist der echte Hunger essenziell, denn nur richtiger Hunger macht Essen zum vollen Genuss - also am besten: Essen Sie nur dann, wenn Sie wirklich hungrig sind.

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