Venezuela: Bitcoin gegen Staatsversagen

Bild: SobreBitcoin

Bürger nutzen niedrige Strompreise

In Venezuela hat sich die wirtschaftliche Lage in den letzten Jahren deutlich verschlechtert: Das Bruttoinlandsprodukt ging 2015 um etwa zehn Prozent zurück. Die Inflationsrate wird dieses Jahr nach Schätzungen des IWF 500 Prozent übersteigen. Und in der Hauptstadt Caracas demonstrierten Bürger mit dem Slogan "Wir haben Hunger" für Lebensmittel, die in dem Land inzwischen so knapp und teuer sind, dass die Regierung den Bürgern Urban Gardening empfiehlt (vgl. Venezuela: Urbane Landwirtschaft als "Produktivitätsrevolution" und Regierungsprogramm).

Während Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt extrem teuer oder gar nicht zu bekommen sind, wird der Strompreis von der Regierung niedrig gehalten. Das hat dazu geführt, dass sich in Venezuela ein Erwerbszweig entwickelt hat, der zwar "Mining" heißt, aber nichts mit Bodenschätzen zu tun hat: Bitcoin Mining. Dabei lassen findige Venezolaner spezialisierte Rechner Tag und Nacht laufen, um neue Münzen der Digitalwährung zu errechnen. Anderswo würde sich das wegen hoher Stromkosten kaum oder gar nicht nicht lohnen. In Venezuela schon.

Zu den niedrigen Stromkosten kommt eine wirtschaftliche Situation, in der auch gut ausgebildete junge Leute kaum Chancen haben, einen regulären Arbeitsplatz zu finden der sie ernährt. Und während sie für eine reguläre Arbeit nur in der Landeswährung Bolivar bezahlt werden, für die es immer weniger zu kaufen gibt, können sie mit Bitcoins über Kurierdienste in Miami Lebensmittel, Ersatzteile, Medikamente und andere knappe und begehrte Güter aus den USA importieren, die sie dort unter anderem bei Amazon kaufen. Der Versender akzeptiert zwar noch keine Bitcoins, aber Geschenkgutscheine von Diensten wie eGifter, die das machen.

Die Digitalwährung hat in der Kriminalitätswelthauptstadt Caracas, in der viele Straßen heute nachts deutlich leerer sind als früher, einen weiteren Vorteil: Man kann sie ohne Wissen der Regierung transferieren, ist dabei aber nicht auf Bargeld angewiesen, das schnell das Leben kosten kann. Anders als andere Protagonisten der informellen Ökonomie stellen die Bitcoin-Produzenten einer Reportage der libertären US-Zeitschrift Reason zufolge ihren relativen Reichtum deshalb nicht offen durch teure Autos oder Kleidungsstücke zur Schau, sondern geben sich eher ärmlich und unauffällig.

Das hat auch den Vorteil, dass die Behörden weniger leicht auf sie aufmerksam werden. Die nahmen im März zwei wichtige Bitcoin-Münzer fest: Joel Padrón und José Perales. Diesen Festnahmen folgte Kampagnejournalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der die Venezolaner warnte, Bitcoins seien – obwohl nicht offiziell verboten - ein Werkzeug von "Cyberkriminellen".

Padrón und Perales werden des "Missbrauchs von Elektrizität" und der Verursachung von Stromausfällen beschuldigt. Trotz – oder vielmehr gerade auch wegen – der niedrigen Strompreise ist Energie in Venezuela nämlich regelmäßig so knapp, dass der Strom zeitweise mehrere Stunden am Tag ausfällt. Vor allem dann, wenn gegen Ende der Trockenzeit der Pegel im wichtigsten Großkraftwerk des fast ganz von Wasserkraft abhängigen Landes sinkt (vgl. Venezuela: Zweitagewoche für den öffentlichen Dienst).

Padrón wird außerdem des Schmuggels beschuldigt, weil er seine Bitcoins mit vier Computern aus China erzeugte, die speziell dafür konstruiert waren. Auf ihn aufmerksam wurde man angeblich wegen des ungewöhnlich hohen Stromverbrauchs in seinem Kurierdienstbüro, in dem die Rechner standen. Aufgrund der Fernmeldung einer Software, die ihm anzeigt, wann die Geräte laufen, glaubt der nach dreieinhalb Monaten aus der Untersuchungshaft entlassene Bitcoin-Münzer, dass man die Rechner inzwischen beim Geheimdienst Servicio Bolivariano de Inteligencia Nacional (Sebin), dessen Beamte ihm die Computer abnahmen, selbst zur Bitcoin-Produktion nutzt.

Andere Personen aus der venezolanischen Bitcoin-Mining-Szene berichteten dem Reason-Reporter von Erpressung durch Sebin-Beamte, die Schutzgeld kassierten. Man tauscht sich deshalb vor allem anonym und verschlüsselt aus und gibt auf den Profilen, die man anlegt, niemals wahre persönliche Daten an.

Zusammen mit Padrón und Perales wurde auch Daniel Arraez festgenommen, der seit dem 18. Oktober wieder auf freiem Fuß ist. Arraez ist Angestellter der in Brooklyn ansässigen Firma SurBitcoin, die Bolivar in Bitcoins und Bitcoins in Bolivar tauscht. Das nutzen unter anderem Venezolaner, die im Ausland arbeiten, um ihre Verwandten in der Heimat zu unterstützen. Der Transfer ist nämlich etwa 40 Prozent günstiger als mit Western Union - und weniger bürokratisch.

SurBitcoin arbeitet mit einer Bank in Venezuela zusammen. Dass dem Unternehmen die Lizenz dafür noch nicht entzogen wurde, führt Unternehmensgründer Rodrigo Souza auf dreierlei Ursachen zurück: Er verweigert große Transaktionen die "Probleme bringen" könnten und konzentriert sich auf einfache Leute, deren durchschnittlicher Umtausch bei umgerechnet etwa 35 US-Dollar liegt. Er zählt Personen zu seinen Kunden, die zur Regierungspartei und zum Verwaltungsapparat gehören. Und er ist sich sicher, dass das Geschäft im Falle der Schließung seines Unternehmens schnell auf Peer-to-Peer-Dienste wie LocalBitcoins ausweichen würde, die die venezolanische Regierung noch weniger unter Kontrolle hat.

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