Venezuela: Urbane Landwirtschaft als "Produktivitätsrevolution" und Regierungsprogramm

Urbane Landwirtschaft zur "Lebensmittelsouveränität". Bild: http://minppau.gob.ve

Da auch Lebensmittel knapp und teuer wurden, setzt die angeschlagene Regierung nicht nur auf den Ausnahmezustand, sondern auch auf den Anbau in den Städten zur Selbstversorgung

Im einst reichen Ölland Venezuela herrscht aufgrund der niedrigen Ölpreisen, einer anhaltenden Dürre und Misswirtschaft sowie Korruption seit Monaten Notstand. Präsident Maduro regiert nach der Wahlniederlage nur noch mit dem Ausnahmezustand, der Mitte Mai um weitere 60 Tage verlängert wurde.

Die Regierung sieht sich in einem "Wirtschaftskrieg" und malt auch einen drohenden militärischen Krieg an die Wand. Die Opposition, die im Parlament eine Mehrheit besitzt, will den Präsidenten mit einem Referendum stürzen, die Regierung klammert sich an die Macht und will dies verhindern (Venezuela: Wahlbehörde lässt Prüftermin verstreichen). Das Land versinkt im Chaos und Gewalt. Hoffnung gibt es allerdings für die Regierung, weil im Augenblick der Ölpreis wieder leicht gestiegen ist, auch der Wasserstand in den Stauseen ist höher geworden.

Die auf über 200 Prozent gekletterte Inflation frisst die Gehälter weg, sofern die Menschen noch Arbeit haben, auch die immer wieder erfolgende Erhöhung des Mindestlohns kann die Spirale nach unten nicht stoppen. Selbst die Herstellung der Banknoten hält mit der Inflation nicht mehr mit. Das Land muss nun auch Banknoten importieren, kann aber nicht so viel bezahlen, wie notwendig wären. Die Lebensmittel werden knapp oder unbezahlbar, subventionierte Lebensmittel gibt es nicht mehr ausreichend, der Schwarzmarkt boomt. Das Militär wurde ermächtigt, die Lebensmittelversorgung zu gewährleisten, Soldaten bewachen Supermärkte. Die Trinkwasser- und Stromversorgung ist rationiert, im öffentlichen Dienst wurde die Zweitagewoche eingeführt, entsprechend verkürzt sind auch die Schulzeiten. Medikamente sind ebenfalls knapp.

Im Januar hatte Präsident Maduro ein neues Ministerium eingerichtet und wurde damit aus Not wahrscheinlich zu einem Pionier. Das weltweit wohl einzigartige "Ministerium für urbane Landwirtschaft" sollte zur Bekämpfung der ernsten wirtschaftlichen Situation dienen, die durch fallende Ölpreise und "den Krieg des US-Empire gegen unsere nationale Ökonomie" geführt werde. Die Selbstversorgung der städtischen Bevölkerung, die Gemüse und Obst anbaut oder Geflügel und Kaninchen züchtet, soll nun die Versäumnisse der Regierung kompensieren, die zu lange glaubte, allein mit den Gewinnen des Ölexports den Wohlstand des Volkes erhöhen und sichern zu können.

Ende Februar hatte die angeschlagene venezolanische Regierung den "Plan de 100 Días para la Agricultura Urbana" ausgerufen. Im Laufe von 100 Tagen sollten 1200 Hektar oder 12 Quadratkilometer in den Städten zum Anbau von Gemüse und Obst genutzt werden. Damit könne man 30.000 Tonnen Lebensmittel produzieren, genug für 1300 Menschen. Auf einem Quadratmeter können, so heißt es im Landwirtschaftsministerium mit Verweis auf Kuba, bis zu 20 kg Gemüse geerntet werden. Urban Gardening wird damit zum Regierungsprogramm, um die Lebensmittelversorgung zu verbessern. Präsident Maduro sprach gleich von einer Produktivitätsrevolution.

Urbane Landwirtschaft. Bild: http://minppau.gob.ve

Zuständig für den Plan, an dem die Regierungspartei PSUV, das Landwirtschaftsministerium, Kommunen, ökosozialistische Brigaden und auch Soldaten mitwirken, ist Lorena Freitez, Ministerin für urbane Landwirtschaft. Sie kündigte an, dass die ersten Ernten zunächst an die Familien, dann an die Bewohner der Stadtviertel und der Überschuss auf die Menschen drum herum verteilt werden soll. Ziel sei es, auf diese Weise 20 Prozent der Gemüse- und Obstversorgung für die Menschen der acht Städte Barcelona, Barquisimeto, Caracas, Los Teques, Maracaibo, Maracay, Mérida und Valencia liefern zu können. Damit würde die Unabhängigkeit des Landes von Importen aus dem Ausland gestärkt.

Mitte April meldete das Ministerium, es hätten sich fast 22.000 Produktionseinheiten registriert, von denen aber bis dahin nur 5.500 aktiv gewesen seien. Überschwänglich feierte Freitez die Mitwirkenden als "Bürger der Zukunft", die sich nützlich machen und mithelfen, die Probleme der Kommunen zu lösen. Kürzlich erklärte sie, die urbane Landwirtschaft sei auch ein Gegenmittel zur Demoralisierung. Die Menschen würden damit aus der Erstarrung geraten und Lösungen entdecken, um den gegen das Land geführten "Wirtschaftskrieg" zu bekämpfen.

Am 22. Mai wurde mit der ersten Ernte begonnen. Die urbane Landwirtschaft, die von Stadtbewohnern für Stadtbewohner gemacht wird und eine direkte Vermarktung garantieren soll, wird als neue Form des Wirtschaftens und der Verteilung von Agrarprodukten bezeichnet. Daraus entstünden "produktive Städte", eine "alternative und dezentralisierte Herstellung von Lebensmitteln" und eine Annäherung zwischen Produzenten und Konsumenten.

Mittlerweile wurde eine wöchentliche Fernsehsendung namens Papaya gestartet, in der urbane Landwirte ihr Wissen weitergeben. Den Anfang machten Mitarbeiter vom Núcleo de Desarrollo Endógeno Fabricio Ojeda im Osten der Hauptstadt. Fabricio Ojeda gibt es seit 2003, einst war es ein Müllplatz, der unter Chavez für die Belange des Stadtviertels genutzt werden sollte. Neben landwirtschaftlicher Nutzfläche wurden hier eine Klinik, ein Supermarkt und einige Kooperativen angesiedelt. Jetzt können die Familien aus der Umgebung, so heißt es, hier biologisch hergestelltes Obst und Gemüse zu "gerechten Preisen, weit unter den Machenschaften in den privaten Geschäften liegen", kaufen.

In der Fabricio Ojeda war allerdings 2013 noch unter Chavez im Rahmen der Fundación de Capacitación e Innovación para Apoyar la Revolución Agraria (Ciara) ein großes Gewächshaus vor allem für den Anbau von Tomaten und Paprika gebaut worden, um mitzuhelfen, "ein produktives Land zu entwickeln und zur Lebensmittelsouveränität voranzuschreiten". Seit 2011 wurden Teile des Geländes landwirtschaftlich genutzt. Neu ist die jetzige Initiative zur urbanen Landwirtschaft mithin nicht. (Florian Rötzer)