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Venture Capital 2.0

Business Crowdfunding bei Startups boomt

Die Crowdfunding-Plattform seedmatch hat kürzlich binnen weniger Stunden zwei Projekte im "Live Crowdfunding" erfolgreich finanziert. Die easyCARD Insurance GmbH hat in nur 87 Minuten 100.000 Euro eingesammelt. Auch die amerikanische Plattform kickstarter [1] passierte jüngst gleich dreimal die Millionenmarke. Welche Chancen stecken hinter dem neuen Trend, um gerade kleine oder mittelständische Unternehmen zu finanzieren?

In weniger als vier Stunden sammelte [2] das junge Unternehmen SugarShape 100.000 Euro auf der Crowdfunding-Plattform Seedmatch [3] ein. Der Online-Shop hat sich auf elegante Dessous für Frauen mit großer Oberweite und schmalem Körper spezialisiert.

In der Idee wittern offenbar nicht nur die Gründer ein großes Potential. Das Besondere: Die Kundinnen reden bei Kollektionsauswahl und Messsystem mit, um die richtige BH-Größe herauszufinden. Vom Erfolg überzeugt waren offenbar auch insgesamt 179 private Investoren, die per Mausklick den virtuellen Scheck kurzerhand überwiesen.

Nach einer zunächst längeren Anlaufphase hat die Plattform seedmatch inzwischen eine weitere Hürde übersprungen: Mehr als 500.000 Euro sind seit dem Start von Seedmatch im August 2011 von Privatpersonen für sechs Startups zusammengetragen worden. Was bislang dem künstlerischen und kreativen Sektor vorbehalten war, scheint nun auch die Welt der Unternehmensfinanzierung zu erobern.

Fest steht, bringt ein Startup eine Idee plus der entsprechenden Community gleich mit ein, die möglichst viele in ihren Bann zieht, dann lässt sich binnen weniger Stunden eine erkleckliche Summe einsammeln. So konnte seedmatch binnen fünfeinhalb Stunden im Februar noch ein weiteres Startup [4] mit 100.000 Euro finanzieren, und zwar lingoking, ein Unternehmen, das sich auf die Vermittlung von telefonischen Live-Konferenzdolmetschern spezialisiert hat.

Dynamischer, aber wenig durchlässiger Markt

Nicht schön reden sollte man allerdings, dass nicht jedes x-beliebige Unternehmen in den Genuss einer derartigen "Sofort-Finanzierung 2.0" kommen kann. Denn auch dieser neue Markt arbeitet ähnlich wie die klassische Finanzbranche hoch selektiv. Nur jene Ideen mit dem größten Sex Appeal, sprich Anziehungskraft für eine breitere Masse, begutachtet die Community in der Regel mit einer dynamischen Wachstumsspritze.

Für die übrigen Startups, oftmals auch jene mit durchaus größerem Potential und einer bodenständigen Geschäftsidee, bleibt nur die Losung: Klinken putzen, nicht selten über mehrere Jahre hinweg. Deshalb gilt es, die selektive Struktur des Business-Crowdfundings genauer unter die Lupe zu nehmen.

Gerade kleinere und risikoreiche Investitionen versprechen oftmals nur geringe Margen. In der Regel ist bei dem Kunstbegriff Crowdfunding eine Aktion durch eine Mindestkapitalmenge gekennzeichnet, die durch die Masse fremdfinanziert sein muss, bevor die Aktion startet.

Im Verhältnis zur Mindestkapitalmenge leistet jedes Mitglied der Masse (Crowdfunder) nur einen geringen finanziellen Anteil. Das Modell weist einige Gemeinsamkeiten aber auch Besonderheiten im Vergleich zum Social Lending und Sponsoring sowie Fundraising auf.

Manuell aufwändiger Prozess erhöht Vermittlerprovision

In der kommerziellen Variante fungiert eine professionelle Online-Plattform bzw. ein IT-Dienstleister beim Crowdfunding als Mittelsmann gegen eine Vermittlungsprovision, die in der Regel bis zu 10 Prozent der Gesamtsumme beträgt. In der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Crowdfunding durch medienwirksame Großprojekte mit populären Künstlern, wie der Musikgruppe Public Enemy, die ihr neues Album direkt durch die Fangemeinde mitfinanzieren ließ.

Mit Crowdfunding wird zum einen die Marktmacht der institutionellen Investoren umgangen, zum anderen können einzelne Investoren ihr Kapital auf verschiedene Firmen streuen, um ihr eigenes Risiko zu minimieren, aber auch die Preisbildung zu verbessern. Nachdem sich zunächst erste Plattformen aus dem kulturellen oder philanthropischen Bereich wie startnext.de oder betterplace.org bereits erfolgreich etabliert haben, rücken derzeit Plattformen für geschäftliche Kredite wie seedmatch.de und innovestment.de zur Finanzierung eines Start-Ups in den Fokus.

Professionelle Kapitalgeber sind hellhörig

Ins Visier der professionellen Szene geriet Business Crowdfunding vor zwei Jahren, etwa durch solch werbewirksame Projekte wie Diaspora. Vier Studenten benötigten für die Entwicklung einer neuen Internetplattform rund 10.000 US-Dollar. Die Plattform präsentiert sich dabei als anwenderfreundliche Alternative zum sozialen Netzwerk Facebook. Sie warb gegenüber dem weithin bekannten Original mit dem Argument von mehr Datenschutz und einer dezentralen Speicherung der Nutzerdaten direkt auf dem Rechner des Anwenders.

Immerhin mehr als 200.000 US-Dollar kamen so bei der Aktion rasch zusammen. Unter den Spendern für Diaspora befand sich auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Ein weiteres Praxisbeispiel verdeutlicht das Grundprinzip. Eine New Yorker Futuristin warb bei der weltweit führenden Plattform Kickstarter.com [5] um Unterstützung für ein ähnlich gelagertes Vorhaben, das die Initiatorin über ein professionelles Video-Testimonial ihren potentiellen Unterstützern als "The Future of Facebook Project" präsentierte.

Laut Projektbeschreibung sollen darin Spezialisten und andere Interessierte die nicht nur geschäftlichen Zukunftsperspektiven des weltweit größten sozialen Netzwerks Facebook ausloten. Das Spendenziel bei diesem Vorhaben lag bei 5.000 US-Dollar, eine durchaus adäquate Summe bei derartigen Finanzierungen. Binnen weniger Wochen kam bei dem "The Future of Facebook Project" deutlich mehr Geld als die anvisierte Summe zusammen.

Mobilisierungspotential als Gradmesser der Attraktivität

Der Reiz des Crowdfunding-Modells besteht nun darin, dass die anonyme Masse ein vorgeschlagenes Projekt direkt im Netz begutachten und es ebenso spontan mit einer Spende oder einem Darlehen unterstützen kann. Die populärste, weltweit bekannteste Plattform ist die amerikanische Plattform kickstarter.com. Aber auch andere Namen kursieren, wie das deutsche Portal Pling [6], auf dem beispielsweise ein Leipziger Spielentwickler die ursprüngliche Spendenzielmarke von 10.000 Euro deutlich übertraf.

Ein weiteres Praxisbeispiel, das im Frühjahr bei kickstarter.com erfolgreich abgeschlossene Projekt Tiktok, zeigt das Potential von virtuellen Finanzgemeinschaften jenseits von vernachlässigbaren Kleinbeträgen auf. Eine kleine US-Firma bat im Netz um Unterstützung für ein neues Produkt. Und zwar für eine Halterung, um den iPod Nano als Multitouch-Armbanduhr zu konstruieren. Der Erfolg der Aktion ließ in diesem Fall nicht lange auf sich warten.

Denn 13.512 Geldgeber spendeten insgesamt 941.718 Dollar. Die Tiktok-Entwickler hatten ursprünglich nur 15.000 Dollar als Spendenziel veranschlagt. Ist der Stein einmal ins Rollen gekommen und stufen immer mehr Menschen aus der weltweit verstreuten Internetgemeinde die Idee als attraktiv ein, dann ist der Umweg über eine derartige Internetplattform für Unternehmen nicht nur eine gute Methode zum Geldeintreiben.

Den Werbe- und Marketingeffekt gibt es, so zumindest lautet die fast euphorische Erwartungshaltung, gleich noch kostenfrei hinzu. Dies funktioniert aber nur, wenn bereits ein gewisser Bekanntheitsgrad vorhanden ist, man also die eigene Community als quasi informelle Währungseinheit in den Crowdfunding-Kreislauf mit einbringen kann. Doch wer hat schon eine solche Gemeinschaft zum Anzapfen?

In der Schweiz können Jungunternehmer unter bestimmten Bedingungen Anteile möglichen Investoren anbieten. Dieser Bedarfslücke versucht nun c-crowd [7] Rechnung zu tragen. Die Betreiber haben ihr Geschäftsmodell dazu bereits mit einer Freigabe der schweizerischen Finanzmarkaufsicht FINMA abgesichert. Die zunehmende Beliebtheit von Crowdfunding auch in vermeintlich als konservativ angesehenen Milieus zeigt, dass sowohl Spender als auch Investoren damit begonnen haben, bestehende Strukturen zu hinterfragen.

Somit lässt sich feststellen: Der Markt für kleinteilige Wachstumsfinanzierungen mit niedriger Einstiegsschwelle befindet sich nicht nur im Kernrevier von Social Sponsoring und Fundraising in einer neuen Entwicklungsphase. Insbesondere Existenzgründer, Künstler, Startups und Kleinunternehmen adressieren mit Hilfe von Web 2.0-basierten Plattformen via Crowdfunding und Social Lending neue Chancen in der Unternehmensfinanzierung.

Trotzdem stellen sich Fragen zur Skalierbarkeit und der wirtschaftlichen Gesamtrechnung des Modells. Schließlich bleibt das Gros neuer Ideen weiterhin unfinanziert, was angesichts des Hypes um das Crowdfunding gelegentlich übersehen wird. Am reizvollsten sind die großen Ideen, die Träume und Wünsche von möglichst vielen Menschen ansprechen. Gleichzeitig gibt es nicht allzu viele solcher "rulebreaker". Oder provokanter ausgedrückt: 99 Prozent und mehr der hoch fliegenden Gründerpläne gehen auch weiterhin leer aus.

Anders gefragt: Wie schaffen es die Betreiber, einen Return-on-Invest bzw. einen tragbaren "Business Case" zu generieren? Das sind zugegebenermaßen schwierige Fragen. Jeden Tag klopfen bei Plattformen wie Seedmatch oder Innovestment einige Startups an. Die Betreiber selektieren die attraktiven Unternehmen aus der Frühphase, was aber die Masse verkleinert, wenn die Betreiber sich überwiegend auf die "Rosinen" fokussieren. Das scheint indes aus Sicht der Betreiber die Voraussetzung für eine verlässliche Wachstumsstrategie zu sein, von der alle Interessengruppen gleichermaßen profitieren.

Sich jedoch immer nur daran zu versuchen, alle Partner in das gleiche Boot zu platzieren, das kann wiederum die betriebswirtschaftliche Gesamtbilanz schmälern bzw. die Zielgruppe stark begrenzen. Hinzu kommen unter Umständen hohe Initial- und Fixkosten, manuelle Prozesse lassen sich nur schwer automatisieren, auch die Volumina sind je nach Land durch regulatorische Bedingungen in der Regel begrenzt.

Gibt es bald noch höhere Finanzvolumina?

Das Beispiel Schweiz hat gezeigt, dass man auch dort beginnen kann, wo andere aufhören, nämlich im Millionenbereich – also mit Einstiegsinvestments der privaten Investoren ab dem vierstelligen Bereich. In der Regel erfolgen diese Crowd Investments allerdings gemeinsam mit weiteren Partnern, teilweise aus der Private Equity, teilweise auch aus dem klassischen Bankenmilieu.

Es bilden sich also unterschiedliche Klassen, Zielgruppen und Marktsegmente beim Crowdfunding und -investing. So hat die deutsche Plattform Innovestment [8] kürzlich stille Beteiligungen gestartet und Seedmatch hat die spezifische Gruppe der Existenzgründerinnen entdeckt. Weitere Kooperationen werden folgen müssen, um die Wertschöpfungskette vertikal wie horizontal zu erweitern.

Die wachsende Akzeptanz von Crowdfunding und Social Lending offeriert auch der gesellschaftlichen Mitte neue Optionen, nämlich gewinnbringend konstitutive Elemente in die eigene Produktphilosophie zu integrieren. So könnten Geld- und Kreditinstitute sinnvolle Projekte in der näheren Region ausschreiben und auf einer breiteren Basis etablieren. Dies würde nicht nur die Markenpräsenz als renommierter Dienstleister am Ort stärken, sondern könnte darüber hinaus eine positive Sogwirkung im Neukundengeschäft entfalten.

Ein Beispiel: Eine Sparkasse in Gummersbach stellte auf ihrer Homepage ein Spendengesuch des Sport- und Fördervereins Freibad Bergneustadt auf ihre Homepage. Zielmarke: 200.000 Euro. Binnen kurzer Zeit kamen so fast 150.000 Euro zusammen, was die Dynamik derartiger Aktivitäten als kommunikativer Hebel zum Kunden und dessen Mobilisierungspotenzial nur unterstreicht.

Allerdings kann eine derartige Initiative gerade bei einer klassischen Bank als Initiator kaum auf einer vordergründigen Marketingphilosophie aufsetzen. Ansonsten surft die Internetcommunity lieber gleich direkt zu anderen Plattformen, bei denen die Ausrichtung und Tonalität stimmt. Fakt ist aber auch, zum Nulltarif gibt es weder bei klassischen Investoren wie bei den neuen Himmelsstürmern im Web 2.0 keine ausreichende Wachstumsspritze. Im Klartext: Um die Provision, die der Betreiber als professioneller Mittelsmann in jedem Falle einfordern dürfte, um die kommt das Startup wohl nicht herum.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3393441

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.vdi-nachrichten.com/vdi-nachrichten/startzeit/article.asp?id=3685
[2] http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2012-02/22801901-sugarshape-raist-via-seedmatch-auf-die-schnelle-mal-100-000-euro-245.htm
[3] http://www.seedmatch.de
[4] http://www.gruenderszene.de/interviews/lingoking-seedmatch-timo-muller-nils-mahler
[5] http://Kickstarter.com
[6] http://www.pling.de/
[7] http://www.c-crowd.com/
[8] http://www.innovestment.de/