Veraltete oder gar gefälschte Komponenten im indischen Kernkraftwerk Kudankulam?

Kernkraftwerk Kudankulam. Foto: Petr Pavlicek/IAEA

Hat sich Indien bei seinem Sprung ins Atomzeitalter überalterte oder gar gefälschte Bauteile für seinen Reaktor KKNPP-1 in Kudankulam im Bundesstaat Tamil Nadu andrehen lassen?

Indien befindet sich auf dem steilen Weg vom Entwicklungsland zum Industriestaat. In diesem Zusammenhang lässt man der Nutzung der Kernkraft eine besonders große Bedeutung zukommen. Man will mit allen Mitteln nicht nur militärische, sondern auch zivile Atommacht sein. Da das Land den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat, war es in der Vergangenheit den Embargos westlicher Staaten ausgesetzt, die den ergriffenen Weg zur Atommacht deutlich behinderten. Erst mit dem von George W. Bush lancierten Atom-Abkommen zwischen den USA und Indien im Jahre 2006 wurde diese Behinderung weitgehend aufgehoben.

In den 1980er-Jahren hatte man daher in Indien erfreut zugegriffen, als Russland die Lieferung zweier Reaktoren des russischen Herstellers Rosatom angeboten hatte. Nach den 1988 und 1998 abgeschlossen Vereinbarungen sollte die russische Seite die Technik und die notwendige baulichen Planungsunterlagen liefern und die indische Seite die Gebäude errichten. Der konkrete Vertrag für Kudankulam wurde am 6. November 2001 unterzeichnet und im Folgejahr war Baubeginn. Ende 2014 ging der erste Block (KKNPP-1) in Betrieb. Der zweite soll seit Oktober 2016 Strom liefern. Zum gleichen Zeitpunkt startete auch der Bau der Blöcke 3 und 4.

Kudankulam liegt im Distrikt Tirunelveli des indischen Bundesstaates Tamil Nadu unweit der Südspitze des indischen Kontinents direkt am Pazifik. Der letzte Tsunami in der Region am 26. Dezember 2004, als noch keiner der Reaktoren betriebsbereit war, soll an den damals schon vorhandenen Strukturen keine Beschädigungen durch die Flutwelle verursacht haben.

Bei den zwei bislang in Kudankulam fertiggestellten Reaktoren mit einer Nennleistung von jeweils 1.000 MW und bei den beiden im Bau befindlichen Kernkraftwerken handelt es sich um Anlagen, die speziell für den Einsatz in Indien modifiziert wurden. Man hat sie mit westlichen Kontrollsystemen ausgestattet und mit zusätzlichen passiven Sicherheitseinrichtungen versehen. Der Reaktor hat die Bezeichnung VVER (Water-Water Energetic Reactor )/(WWER/Wasser-Wasser-Energie-Reaktor)-1000/412. Die Kraftwerke tragen die Bezeichnung Typ AES-92.

Nicht erst seit der zum Jahreswechsel 2014/15 in Betrieb gegangene erste Block nach einer Betriebszeit von knapp sechs Monaten für mindestens sieben Monate schon wieder stillstand, kamen Zweifel an der Zuverlässigkeit der Reaktoren auf. Eine Gruppe indischer und europäischer Wissenschaftler um VT Padmanabhan hatten sich schon seit 2011 mit Sicherheitsfragen und dem Gefahrenpotential der Kraftwerke des russischen Typs VVER-1000 befasst und die Ergebnisse unter dem Titel Counterfeit/obsolete Equipment and Nuclear Safety issues of VVER-1000 Reactors at Kudankulam, India veröffentlicht. Sie stellten fest, dass es schon in den ersten zwei Betriebsjahren zu 15 Schnellabschaltungen (SCRAMS) kam, die für einen Betriebsausfall von 90 Arbeitstagen verantwortlich waren. Dazu kamen drei Abschaltungen für Wartungszwecke, die 136 Tage in Anspruch nahmen und der Bruch einer Leitung, bei dem sechs Arbeiter ernsthafte Verletzungen erlitten. Am 20. April 2015, nachdem das Kraftwerk gerade einmal volle 100 Tage seit der Übergabe (commercial commissioning) mit der Nennkapazität von 917 MW (netto) betrieben wurde, stellte man eine kontinuierliche Reduzierung der Leistung fest. Diese Leistungsminderung konnte man in der Folge bei 510 MW stabilisieren.

Bei der Durchsicht der in Kudankulam verbauten Komponenten stießen die indischen Wissenschaftler auf bedenkliche Besonderheiten. Offensichtlich wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion Bau- und Ersatzteile, die in der Folge des Unglücks von Tschernobyl noch vorhanden waren, weil damals der Bau von über 25 Kraftwerken des Typs VVER-1000 gestoppt wurde, für neue Kernkraftwerke verwendet. Auch der Reaktordruckbehälter zumindest des ersten Blocks in Kudankulam scheint noch aus diesen Altbeständen zu stammen. Man findet bei ihm vier Schweißnähte, die nach vorliegenden Informationen nicht den neuen Sicherheitsvorschriften entsprechen, die Russland nach dem Unglück von Tschernobyl festgelegt hat.

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