Veranstaltet Kim Jong-un eine große Show mit der Sprengung der Atomtestanlage?

Untersuchungen legen nahe, dass die Atomwaffentestanlage in Punggye-ri bereits mit dem letzten Atomtest unbrauchbar wurde, weswegen Nordkorea seitdem auf Annäherung setzen könnte

Am 12. Juni soll das Treffen zwischen Kim Jong-un und US-Präsident Trump stattfinden. Trump rechnet sich aus, dabei seinen bislang größten außenpolitischen Erfolg durch ein Abkommen mit Nordkorea über die Abschaffung der Atomwaffen erzielen zu können. Er sieht das als Erfolg seiner Politik an, neben der Verschärfung der Sanktionen und Druck auf China dem "kleinen Raketenmann" mit "fire und fury" gedroht zu haben. Welche Beweggründe Kim Jong-un bzw. das nordkoreanische Regime hatte, zunächst auf Südkorea zuzugehen und dann den USA Verhandlungen anzubieten, nachdem man zuvor auf Demonstration der Stärke durch Waffentests gesetzt hatte, ist Spekulation. Man muss annehmen, dass angesichts des Ausstiegs der USA aus dem Atomabkommen mit Iran die Vorsicht im nordkoreanischen Regime gestiegen ist, sich auf ein Abkommen einzulassen, das den kontrollierten Abbau der Atomwaffen und der Atomwaffenentwicklung zum Kern hat.

Die nukleare Aufrüstung diente Nordkorea nicht nur zur Abschreckung eines möglichen Angriffs, sondern natürlich auch als Grundlage für Verhandlungen aus einer Position der Stärke heraus. Dass man trotz der Entwicklung des Abkommens mit dem an den Angeboten festhält, muss nicht schon von der Ernsthaftigkeit Zeugnis ablegen. Ähnlich wie Trump braucht auch Kim Jong-un Erfolge und eine Bühne, um sich als großer Staatenlenker darzustellen, der mit seiner Strategie erfolgreich ist.

Vermutet wird, dass Nordkorea bis zu 60 Atomwaffen besitzen könnte, unklar ist, inwieweit die Langstreckenraketen tatsächlich mit einem nuklearen Sprengkopf einsetzbar wären. Die Möglichkeit besteht jedoch, dass Nordkorea auch amerikanische Ziele angreifen oder eine Atombombe hoch über den USA sprengen lassen könnte, um einen EMP-Angriff auszulösen, der weite Teile des Landes durch Ausschaltung der Stromnetze und der elektrischen und elektronischen Geräte lahmlegen könnte.

Wenn nun Nordkorea ankündigt, noch vor dem Treffen die vermutlich einzige Atomwaffentestanlage in Punggye-ri "transparent" vor den Augen der Weltöffentlichkeit durch Einladung von Journalisten aus aller Welt zwischen dem 23. und 25. Mai zu schließen, nachdem bereits im April die Einstellung von Atomtests versprochen wurde (Kim Jong-un verkündet Atomtest-Moratorium), könnte dies die Vermutung stärken, dass dies weniger auf diplomatische Schritte denn auf Probleme zurückgehen könnte, die eine Veränderung der politischen Strategie verlangen.

Pompeo und Kim wirken bei dem Treffen am letzten Mittwoch zufrieden. Bild: KCNA

Der letzte unterirdische Test in Punggye-ri am 3. September 2017 war der bislang stärkste. Nordkorea behauptet, hier wie schon im Januar 2016 eine Wasserstoffbombe, eine "multifunktionale thermonukleare Atombombe mit großer Vernichtungskraft", mit der Stärke 6,3 erfolgreich getestet zu haben. In Folge des Tests wurde bereits ein Erdbeben mit der Stärke 4,1 registriert, dem Ende September ein weiteres Erdbeben folgte. Auch im Oktober 2017 hatte die CBTO in der Nähe des Testgeländes zwei Erdbeben der Stärke 2,9 und 2,4 registriert.

In Südkorea wurde bereits befürchtet, dass der Berg über dem Tunnelsystem einbrechen und dadurch eine große Menge an Radioaktivität freigesetzt werden könnte. Gleichwohl wurde von Beobachtern anhand von Satellitendaten vermutet, dass Vorbereitungen für einen weiteren Atomwaffentest zu erkennen seien. Es seien Aktivitäten an einem Tunnel zu sehen (Bereitet Nordkorea einen weiteren Atomwaffentest vor?). Und dann zirkulierte Ende Oktober noch die Meldung, dass durch den Atomwaffentest im September ein Tunnel eingestürzt sei, was hundert Arbeitern das Leben gekostet habe, bei einer Rettungsmission seien weitere hundert Arbeiter verschüttet worden.

Ende April hatten allerdings Beobachter von 38north berichtet, dass am 20. April noch Aktivitäten auf dem Testgelände zu sehen gewesen seien. Allerdings macht die in Hongkong erscheinende Zeitung SCMP zur selben Zeit darauf aufmerksam, dass nach zwei chinesischen Wissenschaftlerteams der unterirdische Atomwaffentest im September ein großes Loch bzw. einen Kamin entstehen ließ, das sich aber wieder geschlossen habe. Gleichwohl kam Zhao Lianfeng vom Institut für Geologie an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften zu dem Schluss, beide Studien würden belegen, dass das Testgelände unwiederherstellbar beschädigt sei (Testgelände scheint unbrauchbar geworden zu sein. Das Wissen, das in Nordkorea schon früher vorhanden gewesen sein sollte, könnte Nordkorea bewogen haben, von einer Droh- zu einer Versöhnungspolitik umzuschwenken.

Ein internationales Team von Wissenschaftlern, darunter auch Forscher vom Deutschen GeoForschungszentrum in Potsam und der Leibniz Universität Hannover hat in der aktuellen Ausgabe von Science einen Bericht veröffentlicht, nach dem das Testgelände zumindest teilweise zusammengebrochen ist. Eine Analyse von seismischen Daten und 3D-Bildern vom deutschen Satelliten TerraSAR-X habe ergeben, dass die Detonation etwa 450 Meter unterhalb des Bergs Mantap erfolgt sei. Nach den Berechnungen wäre die Stärke der Detonation mit 209 kt bzw. zwischen 120 und 304 kt stärker gewesen, als bislang vermutet wurde. Zudem wurde festgestellt, dass einige Minuten nach dem ersten Erdbeben durch den Zusammenbruch eines Tunnels 700 Meter weiter im Süden ein weiteres Erdbeben ausgelöst wurden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das zweite Erdbeben darauf hinweist, dass "wahrscheinlich das Tunnelsystem zusammengestürzt ist."

Jetzt will die nordkoreanische Führung das gesamte Tunnelsystem sprengen. Alle Wächter und Wissenschaftler sollen abgezogen und die Anlage völlig gesperrt werden. Dadurch wird aber auch eine unabhängige Untersuchung verhindert, ob nicht die unterirdische Testanlage sowieso bereits unbrauchbar geworden ist. Unmöglich wird aber auch, mehr Erkenntnisse über die Atomwaffentests vor Ort zu gewinnen. Vielleicht ist dies auch der Sinn der Aktion.

Es dürfte Jahre dauern, bis Nordkorea wieder eine unterirdische Testanlage aufbauen kann, wenn dies nicht heimlich bereits geschehen ist. Denkbar wäre, dass Kim Jong-un mit dem Versöhnungskurs mit Südkorea und Verhandlungen mit den USA Zeit gewinnen und vor allem die chinesischen Sanktionen lockern will. (Florian Rötzer)

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