Verbrannte Erde - ein Kontinent in Aufruhr

Bild (2020): Classy Melissa/gemeinfrei

Nicht nur Dürre, heiße Temperaturen und starke Winde sind schuld an der Feuerkatastrophe in Australien. Auch der jahrzehntelange Raubbau an der Natur lässt das Land austrocknen

Die Buschbrände in Australien sind eine Katastrophe (Australien in Flammen: Sündenböcke). Feuertornados reißen in einem gewaltigen Sog alles in die Flammen. Um anrückenden Flammen die Nahrung zu nehmen, setzen Feuerwehrleute die verdorrte Vegetation gleich selbst in Brand.

Der Rauch beeinträchtigt nicht nur die Atemluft in den australischen Städten und Gemeinden, er zieht auch Tausende Kilometer hinaus auf den Pazifik. Mittlerweile umkreist er den gesamten Planeten. Zudem vergiften chemische Rückstände aus verbrannten Kunststoffen und Kohlenmonoxid die Atmosphäre.

Seit Beginn der Brände im Oktober 2019 kamen bis Anfang Januar 2020 landesweit 25 Menschen ums Leben. Die Brände zerstörten Tausende Häuser und mehr als 10,3 Millionen Hektar Land - eine Fläche von der Größe Bulgariens.

Niederschlagsmenge deutlich verringert

Extremtemperaturen einhergehend mit Trockenheit - dieses Wetterphänomen ist den Meteorologen seit Jahrzehnten bekannt. Die Niederschlagsmenge habe sich während der letzten hundert Jahre im Süden und im Südwesten des Landes deutlich verringert, erklärt Katrin Meissner im Interview. Ein ähnlicher Trend sei in den letzten 30 Jahren im Osten zu erkennen.

Die Waldbrandsaison werde künftig im Frühling beginnen und insgesamt länger dauern. Inzwischen erzeugen die Feuer ihr eigenes Wetter, indem sie so genannte Pyrocumuluswolken bilden, die Gewitter verursachen und durch einschlagende Blitze ihrerseits Feuer entzünden.

Dass Eukalyptus-Wälder brennen, sei normal, sagt die Leiterin des Climate Change Research Centre an der Uni von New South Wales im November 2019 gegenüber dem Deutschlandfunk. Doch inzwischen brennen auch die tropischen Regenwälder im Norden von New South Wales, in Queensland sowie die kalt-gemäßigten Regenwälder in Tasmanien und weiter höher oben in den Bergen. Diese Wälder werden sich auch nicht mehr erholen, befürchtet Katrin Meissner. Und das gibt wirklich Anlass zur Sorge.

Auch Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) glaubt, dass mit Zunahme extremer Dürren das Risiko für Brände mit 50 bis 60 Meter hohen Flammen künftig zur Regel werden könnten. In vorindustrieller Zeit habe es etwa einmal in 500 Jahren eine extreme Dürre gegeben, erklärt die Wissenschaftlerin. Steige die mittlere Erdtemperatur um ein Grad an, werde das künftig etwa alle 50 Jahre passieren.

Wald und Tiere

Prof. Chris Dickman von der University Sydney schätzt, dass rund 500 Millionen Tiere seit Beginn der Buschbrände allein in New South Wales (NSW) ums Leben kamen. Wenn die Tiere nicht verbrennen, dann verhungern sie oder werden von eingeführten Wildtieren erlegt. Im Interview mit der BBC räumte der Wissenschaftler ein, dass Kängurus, Emus und Vögel sich von den näher rückenden Feuern in Sicherheit bringen können, wobei auch diese Arten später wegen mangelnder Nahrung oder Obdach vom Tode bedroht sind.

Weil sich die Brände inzwischen von in New South Wales auf Victoria ausgeweitet haben, dürften deutlich mehr Tiere betroffen sein, schätzt der Ökologe Colin Beale von der Universität von York. Zählt man größere Insekten wie Schmetterlinge hinzu, geht die Zahl der getöteten Tiere in die Milliarden, glaubt Andrew Beattie von der Macquarie Universität bei Sydney.

Ein wenig Anlass zur Hoffnung geben die von den Flammen unberührten "Inseln" mitten in den Brandgebieten, auf die sich viele Tiere flüchten. Gebe es genug davon und konnten sich genügend Tiere dorthin retten, glaubt der Wissenschaftler, könnten sich Wälder und Buschgebiete eventuell wieder erholen. Allerdings hängt dies auch von der Niederschlagsmenge der kommenden Monaten ab. Auch könnten grabende Reptilien auch bei starken Brände im Boden überleben, weil der Boden ein guter Wärmeisolator ist.

Beeindruckende Vielfalt an Säugetieren

Mit mehr als 300 einheimischen Arten verfügt Australien über eine beeindruckende Vielfalt an Säugetieren, allen voran die Beuteltiere. 244 Arten existieren nur auf dem Kontinent. Innerhalb der letzten 200 Jahre allerdings sind mehr als 30 Arten und Unterarten der einheimischen Säugetiere ausgestorben. Wie sich die Tierpopulationen weiter entwickeln, wenn die Brände irgendwann gelöscht sind, ist unklar. Bis zu 40 Jahre könnte es dauern, bis die Habitate wiederhergestellt sind, schätzt Beattie.

Unter anderem starben rund 8.400 Koala-Bären in den Feuern, ein knappes Drittel der Koala-Population in New South Wales. Doch nicht nur die durch Klimaerwärmung mitbedingten Buschbrände, sondern auch die flächendeckende Abholzung von Bäumen zerstören den Lebensraum der Koalas. So werden allein in Ostaustralien jedes Jahr 500.000 Hektar Bäume abgeholzt. Damit wird immer mehr Lebensraum der Koalas zerstört.

Von ursprünglich mehr als eine Million Koalas dürften auf dem ganzen Kontinent inzwischen nur noch rund 50.000 Tiere übrig sein. Die Umweltorganisation WWF befürchtet, dass in den nächsten 30 Jahren die Koalas in Ostaustralien in freier Wildbahn ganz ausgestorben sein könnten.

Wachsende Einbußen in der Landwirtschaft

In Australien eingewanderte Siedler haben innerhalb von zwei Jahrhunderten eine gewinnbringende Agrarindustrie aufgebaut. Ihre Produkte werden in alle Welt exportiert. Wälder wurden gerodet und Dämme gebaut, um Wasser zu speichern. Zuflüsse wurden umgeleitet, um Ackerflächen zu bewässern.

Jedes Jahr werden Hunderttausende Hektar Wald gefällt, um Platz für Viehweiden zu machen. Grenzenloses Wirtschaftswachstum geht zu Lasten der Natur: Weniger Wald bedeutet höhere Temperaturen und mehr Wind. Das wiederum fördert die Ausbreitung der Buschfeuer. Gleichzeit fällt immer weniger Regen.

Wegen anhaltender Dürre ist die landwirtschaftliche Erzeugung innerhalb eines Jahrzehnts auf den niedrigsten Stand gefallen, konstatieren Analysten aus Canberra. Ernteausfälle, abnehmende Tier- und Planzenproduktion sind verantwortlich für sinkende Exporterlöse. So fiel der landwirtschaftliche Produktionswert 2019/20 gegenüber dem Vorjahr um 4,6 Prozent auf knapp 59,4 Milliarden Australische Dollar (entspricht 36,4 Milliarden Euro) - auf den tiefsten Stand seit vier Jahren.

Sinkende Agrarproduktion bei steigenden Kosten - das wirkt sich auch negativ auf die Einkommen der Farmen aus.

Wasserknappheit zwingt zu Notverkäufen, Dürreperioden dauern jetzt länger

Auf den verdorrten Weiden fanden Rinder und Schafe schon vor Einsetzen der Brandsaison kein Futter mehr. Ohne Wasser wächst auch kein Getreide. Tierfutter ist teuer geworden - das zwingt die Farmer dazu, ihre Herden weiter auszudünnen. So wie Adrian Worrell, der seit drei Jahren seine Tiere zufüttert. Der Viehzüchter verkauft ein Rind nach dem anderen. So lange die Rinder gut genährt sind, bringen sie noch etwas Geld in die Kasse. Andererseits werden die Herden immer kleiner.

Dennoch halten Farmer wie Worrell den Klimawandel immernoch für reine Panikmache. Vor 100 Jahren habe es auch schon Trockenperioden gegeben, argumentiert er. Das ist nicht falsch. Was die neuen Dürreperioden von den früheren unterscheidet, sind ihre längere Dauer und die gigantischen Dimensionen der Brände.

Die Schafzüchter Jane und Charlie Pye hatten auf ihrer 25.000 Hektar großen Farm in New South Wales bis vor kurzem noch Zugang zu unbegrenztem Wasser. Vor hundert Jahren schon haben ihre Vorfahren das Große Artesische Becken ein gigantisches unterirdisches Wasserreservoir, angebohrt und Rohre verlegt.

Ohne diese Wasserquellen wäre Schafzucht hier unmöglich. Innerhalb von sieben Jahren soll es im Osten des Kontinents nur ein einziges Mal ausreichend geregnet haben. An den Sommertagen wird es bis zu 46 Grad Celsius heiß, hinzu kommen Sandstürme und Trockenheit.

Seit Monaten versiegen die Flüsse und trocknen die Böden aus. Stauseen, die eigentlich die Bevölkerung mit Trinkwasser versorgen sollen, sind auf Tümpelgröße zusammengeschrumpft. Laut Verwaltungschef Roger Bailey enthielt der Stausee nahe der Stadt Coonabarabran im November 2019 noch 200.000 Kubikmeter Wasser - von ursprünglich 1,4 Millionen. In Privathaushalten ist der Wasserverbrauch reglementiert, die Bewässerung von Gärten untersagt.

Weil der Regen ausbleibt, soll nun das Grundwasser die Städte mit Wasser versorgen. Dafür werden immer mehr unterirdische Wasseradern angezapft. Fragt sich, wie lange das Wasser unter der Erde noch reichen wird. Mancherorts ist der Grundwasserspiegel so tief gesunken, dass für einige Städten im Südosten die Wasserversorgung nicht garantiert ist. Auch wurden, um ein Massensterben von Fischen zu vermeiden, Fische aus dem Darling River in große Speichertanks umgesiedelt.

Baumwollplantagen verbrauchen gigantische Wassermengen

Das mächtige Murray-Darling-Becken ist mit über einer Million Quadratkilometern die größte fruchtbare Region im Südosten. Im nördlichen Bundesstaat Queensland entspringend, durchqueren die Flüsse über eine Länge von 1.400 Kilometer New South Wales und Victoria in Richtung Süden, bevor sie ins Meer münden.

Die Fließgewässer sind nicht nur ökologisch von Bedeutung, sie sind auch die Voraussetzung für Rinder- und Schafzucht, für Gemüse- und Obstanbau. 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte des Landes stammen aus dieser Region. Davon leben zwei Millionen Menschen, inklusive der Menschen und Tiere auf abgelegenen Farmen.

Das meiste Wasser verbrauchen allerdings Baumwollplantagen wie Cubbie Station - mit 96.000 Hektar eine der größten Baumwollfarmen der Welt. Dies ist nun schon das zweite Jahr, in dem die Farm wegen Wassermangel keine Baumwolle mehr produzieren kann. Allerdings sieht der Geschäftsplan des Unternehmens ohnehin vor, dass Baumwolle nur in sechs von zehn Jahren geerntet wird.

Bei der Baumwollproduktion werde ein Großteil des Wasserbedarfs mit Regenwasser abgedeckt, behauptet der Dachverband australischer Baumwollzüchter Cotton Australia. Fakt ist aber, dass in langen Dürrezeiten das Wasser auch den Flüssen entnommen wird. Zudem haben Unternehmen wie Cubbie Station das Recht, große Mengen Wasser in Staubecken zu lagern. Auch dann, wenn weiter flussabwärts immer weniger Wasser ankommt.

Denn die großen Investoren erhalten Wassernutzungsrechte im Wert von Hunderten Millionen Dollar. Wenn der Preis am höchsten ist, werden die Lizenzen verkauft. So wird Wasser zum lukrativen Handelsgut.

Eine weitere Gefahr ist die Versalzung der landwirtschaftlichen Böden. Unter vielen Äckern in zehn bis 20 Metern Tiefe liegen salzhaltige Gesteinshorizonte. Wegen ungeeigneter Bewässerungsmethoden löst sich das Salz vom Grundwasser und wird an die Oberfläche transportiert. Darunter leidet vor allem die Bodenfruchtbarkeit. Nur der Anbau salztoleranter Pflanzen könnte helfen, diesen Trend umzukehren.