Verdienen und verschwenden

Die "Superreichen": Die Gated Community der 0.01 Prozent und der Rest der Gesellschaft. 2.Teil

Eine Geschichte der "New York Sun" lief kürzlich als „Fait divers“ auch durch deutsche Medien. Es geht um ein Dinner von sechs Hedge-Fonds-Managern beim Nobelchinesen Tse Yang in Manhattan. Am Ende des Abendessens sollen die Hedgies für 4800 Dollar Cognac geordert haben, einen 1863er "Hardy Perfection“, das 0,2 Glas für 800 Dollar. Zwei der Gäste sollen ein paar Tage später noch mal zurückgekehrt sein und sich zwei weitere Gläschen für 1600 Dollar genehmigt haben. Nichts ungewöhnliches, so der Manager, seine Gäste würden sich derartigem Konsum öfter hingeben, als man glaubt. Beweist diese Nachricht aus Richistan (vgl. Die unerträgliche Leichtigkeit der Schwerreichen?), dass es dort recht sportlich zugeht, was das große Geld anbelangt, oder ist es doch eher ein Skandal, der die Missachtung gegenüber dem „ehrlich verdienten Geld“ anderer zeigt. Eine amüsante Kaprize oder nur ein kleiner Tropfen aus der großen Trickle-Down-Flut, von der wir letztlich alle profitieren?

Mag sein, dass manche jetzt Schadenfreude empfinden über die Loser der andauernden Finanzkrise, über die nervös gewordenen Mitglieder der Trilliarden reichen Hedge-Fond-Brüderschaft. Der Turbo-Reichtum dieser neuen Business-Class hat zweifellos seine Gegner und Neider. Aber er hat auch seine Anhänger.

Jeder kann reich werden, diese Lieblingsillusion des Kapitalismus vermitteln auch heute noch genügend Artikel, sogar aus dem Feuilleton. Jugend, Ehrgeiz und gute Ausbildung genügen demnach, um den buckligen Mythos vom Millionen schweren Ex-Tellerwäscher immer wieder neu mit heißer Luft aufzupumpen. Moderne Helden des upgedateten Aufstiegs-Mythos: Fonds-Manager. Ihr Reichtum wird mit Sportsgeist assoziiert, mit Mut zum Risiko und totaler Hingabe zur Ur-Erzählung des Kapitalismus: Wer an sich glaubt und dafür etwas tut, den treibt es nach oben wie den Korken im Wasser.

Der Aufstieg von Unten nach Oben gehört zu den zugkräftigsten Plots unserer Welt; es dürfte kaum jemand geben, der sich dem Sog dieser Erfolgsgeschichten entziehen kann; Filme handeln von solchen Träumen, Literatur, Hip-Hop, Fernsehshows; Studiengänge werden damit gefüllt, teure Kleidung und die Phantasie. Es ist der Motor im Kapitalismus, heißt es oft. Und vielleicht ist es auch so, dass er tatsächlich total gesiegt hat. Denn, wie die Guardian-Autorin Madeleine Bunting beobachtet, ist das große Geld mittlerweile von seinem hartnäckigsten Makel, das es nämlich Opfer kostet, befreit:

Huge wealth is now regarded as a fabulous spectator sport and massively enviable. It is also, most importantly, regarded as legitimate - the global economy is akin to a vast lottery, some just get lucky. The "winner takes all" has become a respectable formula of economic life, not evidence of a systemic injustice. Any other view is dismissed, in that derogatory phrase, as the "politics of envy".(...) The wealth may be obscene but the means of achieving it are presumed, naively, not. This wealth is perceived as victimless - not achieved at the expense of someone else's exploitation, but as a product of the near mystical vagaries of global stock markets.

Solange der Öffentlichkeit hauptsächlich Hedge-Fonds-Manager als Verlierer der rätselhaften Launen der Aktienmärkte präsentiert werden, bekommt das Bild vom nicht ausbeuterischen Superreichen auch keine Kratzer, immerhin trägt der Hedgie mit seinen Verlusten zwar irritiert und zitternd, aber irgendwie sportlich auch die Konsequenzen.

Man soll die Reichen nicht dafür hassen, dass sie reich sind, schrieb das New York Magazin vor zwei Jahren in einem viel beachteten Artikel, der genau ausrechnete, wie sehr die New Yorker von dem „ostentativen und ridikülen“ Reichtum der neuen Schicht („Suddenly they're everywhere“) profitieren.

Der berühmte „Trickle-Down Effekt“ („Die Flut hebt alle Schiffe“) für die weniger Begüterten sieht demnach in Zahlen so aus. Nach Annahmen, die das Magazin von einem Fachmann namens Mark Zandi von Economy.com übernahm, würden 30.000 New Yorker, die im Durchschnitt mehr als 500.000 Dollar im Jahr verdienen, etwa 153.000 Jobs im Dienstleistungsgewerbe unterstützen. Und ein Hedge-Fonds-Manager, der jährlich 1 Million für Dienstleistungen ausgibt - Fahrer, Haushaltsangestellte, Immobilienmakler, Restaurantangestellte und Psychotherapeuten -, würde die Lebenshaltungskosten von 25 Menschen übernehmen.

Nun zeigt aber das Leben der gestern verstorbenen „Queen Of Mean“, Leona Helmsley, dass Richistanis zwar Jobs schaffen – aber nicht immer dafür bezahlen. Als die Verkörperung der hässlichen Seite von Reagonomics Mitte der 80er Jahre eine Luxusvilla für 8 Millionen Dollar umbauen ließ, „vergas“ sie sowohl die Handwerker, als auch die Steuern dafür zu bezahlen. Bei dem darauf folgenden Prozess zitierte eine Ex-Haushälterin Helmsley mit der Aussage „Wir zahlen keine Steuern. Nur die kleinen Leute zahlen Steuern.“

Als Helmsley schuldig gesprochen, brach eine Menschenmenge vor dem Gericht in Jubel aus.

Wenn sich aber Geld nicht durch die normale ökonomische Aktivität der Superreichen nach unten verteilt, dann gibt es vielleicht eine andere Möglichkeit – die Mode der Philantropie. Wie bereits Thorsten Veblen in seiner „Theorie der feinen Leute“ darlegte, kann sich der prestigeträchtige Konsum nicht nur in Richtung des Unnützen, sondern als auf die Spitze getriebene Dekadenz auch in Richtung des Nützlichen entwickeln, ein Beispiel hierfür wäre der Satz, den die große Gegenspielerin der „Queen of Mean“, Brooke Astor, die ebenfalls vor kurzem verstorben ist, prägte:

Geld ist wie Dung. Es ist nichts wert, wenn du es nicht verteilst.

Fortsetzung folgt...

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