Vereint im Hass

Das Morden ging weiter

"Seit dem Beitritt der DDR zur BRD, also seit 1990, haben in Deutschland, nach offiziellen Zahlen des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) über 300 000 neo-nazistische bzw. rassistische Propaganda- und Gewaltstraftaten stattgefunden.

In diesem Zeitraum gab es mehrere hundert Tote und tausende Verletzte. Der Anteil ostdeutscher Täter stammt überproportional (3:1), gemessen an der Zahl der Einwohner, aus den fünf neuen Ländern und diese Struktur lässt sich ebenfalls in Berlin feststellen, wenn man die Berliner Bezirke im Osten und im Westen vergleicht", konstatierte Harry Waibel in seinem Buch Der gescheiterte Antifaschismus der SED: Rassismus in der DDR.

Das bekannteste Beispiel dafür ist die Mordserie des NSU, der insgesamt 10 Menschen zum Opfer fielen. Davon geht zumindest die Bundesanwaltschaft aus: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoǧru, Süleyman Taşköprü, Habil Kiliç, Mehmet Turgut, Ismail Yaşar, Ismail Yasar, Mehmet Kubaşik, Halit Yozgat sowie die Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter.

Auch wenn an der offiziellen Darstellung vieles anzuzweifeln ist, zwei Dinge sind doch sicher: Neonazis konnten jahrelang unbehelligt raubend und mordend durch das Land ziehen, mindestens vom Staatsschutz gedeckt, der "Quellen" aus der Szenen anwarb und/oder in die Szene einschleuste, so Manpower und auch Geld in die Szene investierte, diese z. T. aufbaute, orchestrierte und radikalisierte.

Meines Erachtens kann dieser Komplex nur aufgeklärt werden, wenn die Bereiche Rechts-Terrorismus und Organisierte Kriminalität zusammengedacht werden. Und zwar Organisierte Kriminalität bis hin zum islamischen Terror. Die Gründe dafür habe ich in dem Artikel SOKO Braunlicht ausführlich erläutert.

Im Gegensatz zu der offiziellen Darstellung kann das Trio über die Jahre nicht auf sich allein gestellt gewesen sein. Das Thema "NSU" möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen und verweise auf die Artikel, die mein Kollege Thomas Moser über die Verhandlung in München und die diversen Parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, über deren Ergebnisse und die intensiven Bemühungen seitens des Staates, so viel wie möglich zu vertuschen, geschrieben hat.

Exemplarisch für all die Menschen, die alten und neuen Nazis nach 1990 zum Opfer gefallen sind, möchte ich an dieser Stelle an den Kapitän zur See a.D. Gustav Schneeclaus erinnern. Weil sich an diesem Beispiel die Entwicklung der Szene in Westdeutschland veranschaulichen lässt.

Gustav Schneeclaus wurde am 8. März 1992 am Busbahnhof im niedersächsischen Buxtehude erschlagen. Er war mit seinen Mördern Stefan S. und Stephan K. ins Gespräch gekommen. Alkohol spielte vermutlich eine Rolle. Die drei gerieten in Streit, nachdem Gustav Schneeclaus Adolf Hitler als "größten Verbrecher aller Zeiten" bezeichnete. Zunächst schlugen die beiden ihn "nur" zusammen.

Nur wenig später kamen sie noch einmal zurück, um mit einem Kantholz weiter auf ihn einzuprügeln und mit Springerstiefeln auf ihn einzutreten. Gustav Schneeclaus starb in der Nacht von Samstag, dem 21.3 auf Sonntag, 22.3. aufgrund seiner schweren Verletzungen, zu denen unter anderem schwerste innere Verletzungen, ein Schädelbruch, ein abgerissener Halswirbel und vier gebrochene Rippen zählten, im Alter von 53 Jahren im Stader Kreiskrankenhaus.

Die beiden Täter wurden wegen Totschlags zu sechs beziehungsweise achteinhalb Jahren Haft verurteilt.

Stefan S. blieb nach der Haftentlassung in der Szene aktiv: Er führte er den Szeneladen "Streetwear Tostedt" (Nordheide) von 2005 bis zur Schließung beziehungsweise Umstrukturierung zum Onlineversand 2013.

Der Laden war nicht nur Einnahmequelle, sondern auch Treffpunkt der Tostedter Neonazi-Strukturen, die zu den gewaltbereitesten in ganz Norddeutschland zählten. Er ist immer noch führendes Mitglied der norddeutschen Kameradschaftsszene; alljährlich feiert er seinen Geburtstag in Form eines Rechtsrockkonzertes, zu dem überregionale Kader der Szene anreisen.

Er war Teil der "Combat 18"- Terrorzelle in Pinneberg, dem "Blood & Honour"- Netzwerk, das auch das NSU-Trio unterstützte und baute nach deren Verbot den "Saalschutz Nordmark" mit auf, der seine, und auch andere, Rechtsrockkonzerte absichern sollten.

Die Tostedter Neonazis-Szene war Teil der "Freien Kameradschaften", einem Konzept, das in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre entstand. Vorbild waren die Neonazi-Strukturen, die schon in der DDR ähnlich gearbeitet hatten sowie die linksautonome Szene: Statt geordneter Strukturen, Vereine mit Vorstand, Verantwortlichen und Transparenz, was z. B. Zahl und Personalien der Mitglieder angeht, kleine, unstrukturierte Haufen. Die allerdings alle untereinander vernetzt waren und funktionierten, weil die Mitglieder auf die Akzeptanz von Hierarchien geeicht waren.

Der Journalist Andreas Speit hat sich intensiv mit der Rechtsrock-Szene auseinandergesetzt. Insbesondere mit der Anziehungskraft, die diese gerade für Jugendliche haben. Die Konzerte fanden über lange Jahre ausschließlich konspirativ statt, inzwischen versammeln sich Tausende ganz offiziell in Thüringen, d.h., es gab geheime Veranstaltungsorte, geheime Treffpunkte, geheime Routen. So bekamen die Jugendlichen das Gefühl, einem sehr erlauchten Kreis anzugehören.

Nachdem diese erst einmal hinter die Kulissen des rechten Netzwerks geblickt hatten, kamen sie da nicht mehr so einfach raus. Der Versuch, die Szene zu verlassen, kann durchaus tödlich enden, wie Andreas Speit in der von der Bildungsvereinigung "Arbeit und Leben", der Arbeitsstelle "Rechtsextremismus und Gewalt" sowie der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" (VVN-BdA) herausgegebenen Broschüre "Mythos Kameradschaft: gruppeninterne Gewalt im neonazistischen Spektrum" beschreibt.

Einer der bekanntesten Treffpunkte der braunen Kameraden in Norddeutschland war der "Club 88 - the very last resort" (88 steht für "Heil Hitler", die allerletzte Zuflucht) in Neumünster. Von 1996 bis April 2014 fungierte er als Anlaufstelle für prominente und nicht so bekannte norddeutsche Neonazis sowie zur Rekrutierung Jugendlicher.

Als wir Ende der 1990er Jahre im Rahmen eines Filmprojekts für die IG Metall-Küste über Neonazis in Norddeutschland vor dem "Club 88" drehten und Jugendliche befragten, die auf der ihm gegenüberliegenden Seite zur Schule gingen, offenbarten diese ein erstaunlich unbeschwertes Verhältnis zu der "allerletzten Zuflucht". Sie gaben freimütig zu, auch schon mal mitzugehen mit den "88ern", z. B. wenn es gegen "die Kurden" ging.

In diese Szene konnte Stefan S. nach seiner Haftentlassung unbehelligt wieder eintauchen. Später kam es zu Streitereien in der Szene, einige stiegen aus, wobei auch da Zweifel angebracht sind, sie verlagerten ihre Tätigkeiten auf Motorradclubs und Kampfsport. Dadurch wurde ruchbar, welchen Stellenwert Kampfsport in der Szene hat. Das wurde allerdings von der Öffentlichkeit nicht groß zur Kenntnis genommen.

Kampfsport haben übrigens auch türkische Rechtsextreme schon vor Jahrzehnten für sich entdeckt. Die Sportclubs haben dabei eine ähnliche Funktion wie der "Club 88": Sie dienen als Anlaufstelle und zur Rekrutierung neuer Anhänger. Neben dem eigentlichen Sinn, dem Nahkampftraining, versteht sich. Diese Möglichkeiten nutzen mittlerweile auch religiöse Extremisten.

Der andere Täter, Stephan K., fiel viele Jahrzehnte nicht auf, jedenfalls nicht als Aktivist der rechten Szene. Während Stefan S. nach der Haft in der Neonazi-Szene aktiv war, blieb er laut Polizeiangaben nur dem Alkohol treu - bis er am 17. Dezember 2017 in einem Hamburger Stadtteil mit einem Migrantenanteil von mehr als 70% einen Sprengsatz detonieren ließ.

Er wurde von einem Polizeibeamten auf einem Video identifiziert und gestand die Tat. Im Laufe des Prozesses, der im Juni 2018 begann, meldete sich seine Ex-Freundin und sagte aus, dieser habe bereits vor der Tat im Dezember 2017 mit einem Anschlag gedroht, sei immer rechts geblieben und verehre Hitler. In der Folge wurde sie zu einer der Hauptbelastungszeuginnen, deren Aussage auch von anderen gestützt wurde.

Außerdem gab sie an, sie habe Angst vor Gewalt durch K., auch um die gemeinsamen Kinder. Während des Prozesses gegen Stephan K.wurde bekannt, dass er "insgesamt zwölf Mal wegen Körperverletzung, Totschlag und Vergewaltigung verurteilt worden" sei. Am 29. Oktober 2018 wurde Stephan K. zu 10 Jahren Haft verurteilt.

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