Vereinte Nationen: Jemen steht kurz vor dem totalen Zusammenbruch

Im Jemen hungern die Menschen - und die KInder. Bild: YouTube-Video von Al-Jazeera

Trump freut sich über Waffenverkäufe an Saudi-Arabien, die Welt sieht dem Elend der Menschen zu, die zwischen Machtblöcken und geostrategischen Interessen zerrieben werden

Seit langem bahnt sich nicht eine menschliche Katastrophe im Jemen an, sie breitet sich aus. Und anders als im Fall von anderen Staaten vollzieht sich die Katastrophe unter den Augen der Weltöffentlichkeit, die aber lieber woanders hin blicken (Merkel besucht die Saudis). Jemen, sowieso eines der ärmsten Länder, ist für Engagement offenbar zu weit entfernt.

Es kommen auch kaum Flüchtlinge aus dem Land, das im Süden Saudi-Arabiens gelegen, vom Landweg für Flüchtlinge abgeschnitten ist. Die wenigen, die fliehen können, gehen in den Oman, nach Saudi-Arabien, Dschibuti oder ausgerechnet nach Somalia, dem nächstgelegenen failed state. Auf dem Meer patrouillieren Kriegsschiffe und lassen weder eine Versorgung noch eine Flucht zu, während die von Saudi-Arabien geführte Koalition, die sunnitische Nato, die Huthis bekämpft und keine Rücksicht auf Zivilisten nimmt (Saudi-Arabien: 200 Millionen US-Dollar täglich für den Krieg im Jemen), während der Islamische Staat und al-Qaida sich ausbreiten und höchstens einmal von einer US-Drohne bedrängt werden.

Gerade erst US-Präsident Trump bei seiner Nahostreise in Saudi-Arabien und feierte die Waffendeals mit der autoritären und fundamentalislamistischen Monarchie (Gipfeltreffen in Saudi-Arabien: Trump in der "Welt der Guten"). Trump demonstrierte, dass er nicht einmal rhetorisch geneigt ist, Menschenrechte oder andere ansonsten vom Westen propagierten Werte zu einer Grundlage seiner Politik zu machen. Mit amerikanischen Waffen bombardiert die saudische Koalition den Jemen in einem Stellvertreterkrieg mit dem Iran, aus dem vermutlich die Huthis und Teile der jemenitischen Armee Raketen erhalten, um damit auch über die Grenze hinweg Ziele in Saudi-Arabien anzugreifen.

Ein Waffenstillstand ist nach wiederholten, eher scheinheiligen Versuchen in weiter Ferne, während die Bevölkerung zwischen den sich bekämpfenden Parteien ins Elend stürzt. 17 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe nach den Vereinten Nationen, die ebenfalls machtlos zuschauen und immer wieder nur auffordern können, das Leid der Menschen zu mindern. 2 Millionen wurden vertrieben und sind besonders auf Hilfe angewiesen. 7 Millionen sind mit Hunger konfrontiert, die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser. Cholera breitet sich aus. 500 Menschen sind daran gestorben, über 60000 erkrankt, meist Kinder. Weitere 150.000 Cholerafälle werden in der nächsten Zeit erwartet. Die Luftangriffe haben einen Großteil der Krankenhäuser zerstört, so dass die medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet ist.

Der UN-Sondergesandte für den Jemen, Ismael Ould Cheikh Ahmed, forderte wieder einmal Friedensverhandlungen, räumte aber resigniert ein, dass man davon weit entfernt sei. Es sei höchst beunruhigend, dass die Kriegsparteien nicht einmal über Bedingungen diskutieren wollen, um Frieden zu erreichen.

Seit Monaten plant die saudische Koalition, die Hafenstadt Hodeidah zu erobern, die fast einzige Nabelschnur, über die Hilfsgüter in den Jemen gelangen. Würde die sowieso zahlreichen Luftangriffen ausgesetzte Hafenstadt eingenommen werden, würde dies nicht nur viele Tote mit sich bringen, sondern die humanitäre Katastrophe extrem verschärfen. Man habe bislang eine militärische Aktion verhindern können, so der Sondergesandte, die Haltung Trumps könnte aber eine schnelle Wende mit sich bringen, da die Verbrüderung mit den sunnitischen Staaten damit einhergeht, den Iran als großen Feind zu erklären.

Die Kämpfe weiten sich nach dem Sondergesandten aus, die Bevölkerung muss sich notgedrungen militarisieren und bewaffnen, viele Häuser und große Teile der Infrastruktur in Städten sind zerstört, überall werden Minen ausgelegt. Stephen O'Brien, der Nothilfe-Koordinator der UN, warnte, der Jemen stehe vor dem totalen sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Zusammenbruch, und kritisierte, dass die Welt dem nur zuschaue. Nachdem die von Saudi-Arabien gestützte Regierung die Zentralbank von Sanaa nach Aden verlegt hat, würde mehr als eine Million von Staatsangestellten keine Gehälter mehr erhalten, womit noch mehr Familien dem Verhungern ausgesetzt seien, so O'Brien. Die Angriffe der saudischen Koalition auf Hodeida hätten insbesondere dazu beigetragen, dass der Hafen nicht mehr angefahren werde, weswegen keine Lebensmittel und kein Treibstoff mehr nach Jemen kommt.

Angeblich will nun Oman Friedensverhandlungen auf der Grundlage von UN-Vorschlägen einleiten bzw. aushandeln. Dazu gehören vor allem erste Vertrauensmaßnahmen. So soll der Hafen Hodeida von einer neutralen Partei kontrolliert werden, der Flugplatz von Sanaa soll wieder für die zivile Luftfahrt freigegeben und die Gehälter der Angestellten sollen wieder ausgezahlt werden. Fragt sich nur, wer die neutrale Partei sein soll - und wer im Sicherheitsrat den nötigen Druck ausüben will, um das Schlachten zu beenden, was auch in Syrien oder Libyen nicht gelingt. (Florian Rötzer)

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