Verfahrene Situation

Der gemeinsame Feind im Krieg zwischen Israel und Hisbollah könnte Schiiten und Sunniten auch im Irak verbinden - gegen die USA

Was schon lange prophezeit wurde, wächst jetzt, je länger die Angriffe Israels auf den Libanon andauern und je länger die Hisbollah ganz offensichtlich trotzdem noch handlungsfähig ist, die Solidarität mit der schiitischen Organisation und die sowieso den arabischen Raum einende Ablehnung Israels. Hatten sich zu Beginn nicht nur viele arabische Staatschefs, sondern auch die Sunniten noch zurückgehalten (Im Stadion eingesperrt), so rufen nun auch sunnitische Geistliche zur Unterstützung der Hisbollah auf. Wenig verwunderlich ist auch, dass der schiitische Hitzkopf al-Sadr in Bagdad Hunderttausende von Anhängern zu einem großen Protest aufrufen konnte, der sich nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen die Besatzungsmacht USA richtet.

Es gab zwar schon länger Gerüchte, dass al-Sadr, der Herr einer starken Miliz, der Mahdi-Armee, ist, großen Einfluss bei den ärmeren Schiiten hat und Massen mobilisieren kann, Kämpfer in den Libanon zur Unterstützung der Hisbollah schicken will. Ob dies geschehen ist oder nicht, ist nicht bekannt. Die Gefahr, die durch den Krieg zwischen Hisbollah und Israel auftritt, bestand nicht nur darin, dass Iran und Syrien verwickelt werden könnten (oder sollen), sondern dass der Konflikt auch die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak gegen die USA aufbringen könnte. Der irakische Permierminister al-Maliki hatte schon Ende Juli scharf Israel kritisiert und sich damit auch gegen die Unterstützung Israels durch die USA gewandt, die dem israelischen Angriff bislang den Rücken gedeckt, UN-Resolutionen abgeschmettert und Forderungen nach einer Waffenruhe zurückgewiesen haben.

Hisbollah-Führer Nasrallah, der mit Raketenangriffen auf Tel Aviv droht, wird zum muslimischen Helden

Die Massen, die al-Sadr am Freitag – von der irakischen Regierung genehmigt – durch den Stadtteil Sadr-City marschieren ließ, richteten denn auch ihre Proteste nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen die USA, die gerade wieder einmal in Bagdad versuchen, mit einer größeren Militärpräsenz die tägliche Gewalt und den Bürgerkrieg zu bekämpfen. Er selbst nahm allerdings sicherheitshalber nicht an der Demonstration teil, die unter großen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt wurde. Teilnehmer malten die israelische und die amerikanische Flagge auf die Straße, traten darauf und sagten, das seien die Terroristen. Sadrs schiitische Miliz ist den Amerikanern schon lange ein Dorn im Auge. Um Bagdad sicherer zu machen, müssten nicht nur sunnitischen Gruppen, sondern auch die Mahdi-Armee, die schon des öfteren in Kämpfe mit dem US-Militär verwickelt war, entmachtet und entwaffnet werden. Die Verbindung der irakischen Schiiten mit der Hisbollah und deren enge Verbindungen mit dem Iran ist ein Pulverfass, das auch den Irak noch weiter in Flammen setzen kann.

Allerdings üben sich nun auch sunnitische Geistliche explizit in Solidarität mit der Hisbollah. Der Druck von unten ist offenbar zu stark geworden, zumal die Hisbollah vom israelischen Militär trotz der Angriffe aus der Luft und dem Einsatz starker Bodentruppen nicht entscheidend geschwächt zu sein scheint. Am Freitag allein schoss die Hisbollah 190 Raketen nach Israel ab, einige schlugen in Hadera ein, 90 Kilometer südlich der Grenze, weiter als je zuvor. Mehrere Israelis wurden getötet, 30 verletzt. Auch drei Soldaten starben bei Kämpfen. Die steigende Reichweite der Raketen lässt das strategische Ziel der israelischen Regierung, eine Sicherheitszone einzurichten, immer fragwürdiger erscheinen. Die Khaibar-1-Raketen sollen bis zu 100 Kilometer weit fliegen können. Angeblich hat Iran der Hisbollah auch Zelzal-2-Raketen geliefert, deren Reichweite noch größer ist. Nasrallah hatte bereits damit gedroht, auch Tel Aviv mit Raketen anzugreifen, wenn Israel das Zentrum von Beirut bombardieren sollte. Vermutlich wird die Hisbollah hier noch von Teheran zurückgehalten. Strategisch geschickt hatte Nasrallah zudem angeboten, keine Raketen mehr abzuschießen und Zivilisten zu schonen, wenn dies Israel auch täte.

Das israelische Militär tötete auch am Freitag Dutzende von Zivilisten, über 30 Arbeiter alleine in der Nähe der Grenze, die Gemüse auf Lastwagen aufluden. Nach Kana wird dies nun bereits als das nächste Massaker bezeichnet. Das israelische Militär untersucht auch dieses Mal den Vorfall und sagt, man sei davon ausgegangen, dass hier Waffen transportiert würden. Damit aber würde nur wieder deutlich, dass das israelische Militär entweder über schlechte Informationen verfügt oder alles bombardiert, wo nur der leiseste Verdacht besteht. Zudem hat die israelische Luftwaffe weitere Straßen und Brücken – auch in christlichen Stadtteilen Beiruts - bombardiert, so dass nun die Versorgung von Beirut in Frage gestellt ist. Über Land können keine Hilfslieferungen mehr in die Stadt oder in andere Teile des Landes gebracht werden, auf dem Meer blockieren israelische Kriegsschiffe die Zufahrt. Die UN geht davon aus, dass mittlerweile 900.000 Menschen im Libanon auf der Flucht sind.

Für die Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten im Irak könnte die neue Einheit möglicherweise dämpfend sein. Gegen einen gemeinsamen äußeren Feind findet man – ein altbekannter Mechanismus - schneller und einfacher Gemeinsamkeiten und kann die Differenzen besser überbrücken. Im Irak sind es zwar die amerikanischen und britischen Soldaten, die von sunnitischen und schiitischen Gruppen bekämpft werden, aber die USA werden zunehmend mehr mit Israel identifiziert. Die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten müsse man hintanstellen, wenn es um einen Angriff auf den Islam gehe. Im „Widerstand“ sei man vereint, so heißt es auf Islam Online. Aufgerufen werden hier die Muslims auf der ganzen Welt zwar zur Unterstützung, das aber müsse mit friedlichen und legalen Mitteln geschehen.

Auch die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) fordert einen unmittelbaren und bedingungslosen Waffenstillstand und eine Verurteilung Israels durch den UN-Sicherheitsrat. Selbst der moderate Premierminister Malaysis, Abdullah Ahmad Badawi, warnt davor, dass der Ärger der Muslims wächst und die Neigung zum Terrorismus zunehmen könnte. Vermutlich wurde eine entschlossene Reaktion der internationalen Gemeinschaft schon zu lange aufgeschoben, um den Konflikt jetzt noch ohne langfristigen Schaden beenden zu können. Schließlich wurde auch die Position möglicher Mittler beschädigt. Die Anerkennung der Vereinten Nationen wird tatsächlich durch die Vetos der USA zugunsten Israels weiter untergraben. Kaum vorstellbar ist, wie die in Diskussion befindliche internationale Streitkraft die Kontrahenten auseinander halten sollte. Vorbedingung wäre der Eintritt in Verhandlungen mit Iran und Syrien, aber auch mit der Hisbollah. Das Prinzip, nicht mit „Terroristen“ zu verhandeln, hat sich bereits als fatal im Hinblick auf die gewählte palästinensische Regierung erwiesen.

Die Verhandlungen zwischen Frankreich, den USA und Großbritannien über eine neue UN-Sicherheits-Resolution, die eine Waffenruhe fordert, ziehen sich auf fatale Weise hin. Deutschland scheint abgetaucht zu sein. Mit Irak, Iran, Syrien, Libanon, den palästinensischen Gebieten und Israel brennen mittlerweile zu viele Probleme in der Region, lässt man weitere Konflikte wie Somalia oder Afghanistan beiseite, als dass einfache Lösungen noch viel helfen könnten. Deutlich jedoch wird, dass die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts, den die Bush-Regierung erst einmal als Altlast von Clinton beiseite geschoben hat und immer nur halbherzig und sporadisch auf Druck von außen angegangen ist, eine zentrale Rolle in der gesamten Region spielt. Dazu müsste aber auch glaubwürdiger Druck auf Israel ausgeübt werden.

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