Verfallende Ortskerne, "verdichtete" Städte

Heiß umkämpfte Grünfläche. Das Tempelhofer Feld in Berlin. Foto: Gregory Varnum / CC BY-SA 4.0

Debatte um Flächenverbrauch und Neubau von Einfamilienhäusern kommt scheinbar zur Unzeit, zeigt aber, dass Konzepte für mehr Lebensqualität in Stadt und Land fehlen

Nein, weder der Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Anton Hofreiter, noch der scheidende Linksparteichef Bernd Riexinger haben sich für ein Verbot des Neubaus von Einfamilienhäusern ausgesprochen. Aber nach knapp einem Jahr Corona-Maßnahmen war es von Hofreiter zumindest wahlkampftechnisch ungeschickt, diese Wohnform zu problematisieren - nicht nur wegen der Einfamilienhausbesitzer, sondern auch, weil momentan Umfragen zufolge sehr viele Menschen überlegen, ob sie sich das nicht doch noch irgendwie leisten können.

Selten wurden Haus- und Gartenbesitzer von Menschen in Großstadtwohnungen so beneidet wie in Zeiten von "Social Distancing" und geschlossenen Freizeitstätten - und selten haben Stadtmenschen so viel Wert auf ihre gemeinsamen Grün- und Freiflächen gelegt, auf denen zur Zeit auch gerne mal mit drei bis vier Metern Abstand im Schnee getanzt wird.

Viele von ihnen würden daher Riexinger zumindest teilweise zustimmen: "Man muss den Flächenverbrauch reduzieren, aus sozialen Gründen und aus Gründen des Klimaschutzes", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, nachdem Hofreiter mit ähnlichen Aussagen die Debatte losgetreten hatte. "Deshalb können wir mit den Einfamilienhäusern nicht so weitermachen wie bisher. Wir sollten stattdessen in den Städten verdichten und Grundstücke so bebauen, dass mehr Wohnungen rauskommen - vor allem mehr bezahlbare Wohnungen", so Riexinger weiter.

Klar, beim Eigentümerverband Haus & Grund oder bei der CDU, die auch Hofreiter und die Grünen zur "politischen Linken" zählt und vor einer "Verbotspartei" warnt, stoßen solche Äußerungen nicht auf Gegenliebe. "Verdichten" hat aber auch das Zeug zum Reizwort in linksalternativen Milieus, die unter normalen Umständen das Großstadtleben schätzen, aber eben mit ausreichend Grünflächen - auch wenn sie zum Teil selbst auf dauerhaft günstige Mieten angewiesen sind.

Beispiel Tempelhofer Feld

Dieses Dilemma zeigt der Streit um das ehemalige Flughafengelände Tempelhofer Feld in Berlin. Dessen Randbebauung wurde 2014 durch einen Volksentscheid unterbunden, nachdem die Bürgerinitiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" hierfür ein Volksbegehren gestartet und ausreichend Unterschriften gesammelt hatte. Seither gilt Tempelhofer Feld als innerstädtisches Biotop und Naherholungsgebiet - gerade auch für Menschen, die sich absehbar kein Häuschen im Grünen werden leisten können.

Als abschreckendes Beispiel für ein gesundheitsgefährdendes Stadtklima durch zu wenig Grünflächen gelten die dicht bebauten Innenstädte Nordrhein-Westfalens, wo es im Sommer teilweise bis zu zehn Grad wärmer als im Umland wird. Vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen im Herz-Kreislauf-System steigt während solcher Hitzewellen das Sterberisiko.

Aufgrund des Mangels an bezahlbarem Wohnraum in Berlin hatte allerdings auch das MieterEcho, die Zeitschrift der Berliner Mietergemeinschaft e. V., kritisch über das Volksbegehren berichtet, da der "rot-schwarze" Senat mit den Investoren vereinbart hatte, dass mindestens 50 Prozent der dort geplanten 4.700 Wohnungen nicht ins Luxussegment fallen sollten.

Nach der Fertigstellung sollten sie für Nettokaltmieten zwischen sechs und acht Euro pro Quadratmeter angeboten werden, um eine "soziale Durchmischung" zu gewährleisten. Der Kern des Tempelhofer Feldes mit einer Fläche von 230 Hektar wäre demnach nicht von den Bauplänen betroffen gewesen. Die Bürgerinitiative befürchtete jedoch, dass es nicht dabei bleiben würde und verwies zudem auf leerstehende und zweckentfremdete Wohnungen in Berlin.

So fand sich 2014 eine Mehrheit gegen die Randbebauung - zumindest unter den 46,1 Prozent der Stimmberechtigten, denen das Thema wichtig genug war, um ihre Stimme abzugeben. Von ihnen votierten 64,3 Prozent für das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes.

Sechs Jahre später initiierte die Berliner FDP ein gegenteiliges Volksbegehren, stellte aber im Januar dieses Jahres vorerst die Unterschriftensammlung ein - Hintergrund sei die aktuelle Entwicklung der Pandemie, hieß es zur Begründung.

Die Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" hatte der FDP ein billiges Wahlkampfmanöver vorgeworfen, "um unter dem Deckmantel der Bürgerbeteiligung bei den Wahlen im kommenden Jahr über die Fünfprozenthürde zu kommen". Die Wertschätzung für das Naherholungsgebiet sei während der Pandemie noch einmal gestiegen, verwies die Sprecherin der Initiative, Lisa Wiedekamm, laut Tagesspiegel im Herbst auf bis zu 90.000 Besucher an sonnigen Tagen.

Auch verkehrspolitisches Problem

Lösungsansätze für das Dilemma des Flächenverbrauchs und in Stadt und Land sieht die mietenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, Caren Lay, zum Beispiel in einer Solarpflicht für Neubauten und Dachgarten-Begrünungen, die aus ihrer Sicht öffentlich gefördert werden sollten: "Sie sorgen für ein besseres Stadtklima, für eine Erholungsfläche für Menschen, und dienen dem Erhalt der Artenvielfalt", so Lay am Montag gegenüber Telepolis. "In der Förderung von Stadt-Grün steht die Bundesrepublik noch ganz am Anfang." Statt den Neubau von Einfamilienhäusern und damit die Zersiedelung von Dörfern mit der Eigenheimzulage zu fördern, während alte Ortskerne verfallen, schlägt Lay vor, "mit öffentlichen Geldern einen behutsamen Umbau der alten Bausubstanz in den Ortskernen zu fördern, der klimaschützend ist und modernen Anforderungen entspricht".

Tatsächlich stehen auch im Berliner Umland etliche Einfamilienhäuser leer - sie sind vor allem dort halbwegs erschwinglich, wo ein Leben ohne Auto nicht mehr möglich ist, weil der nächste Bahnhof zumindest im Winter nicht zu Fuß oder mit dem Rad erreicht werden kann. Wer naturnah leben und sich "trotzdem" umweltfreundlich fortbewegen will, ist daher vielfach auf Investitionen in Bahnverkehr und ÖPNV angewiesen. (Claudia Wangerin)