Verfassungsschutz: Zahl der Salafisten in Deutschland nimmt zu

Noch ganz öffentlich: Treffen von deutschen Salafisten in Koblenz im Jahr 2011. Foto: Blogotron / CC0 1.0

BfV-Chef Maaßen spricht von einer "anhaltenden Attraktivität der salafistischen Ideologie", die sich nun mehr in privaten Zirkeln ausbreite. Die Zahl der Anhänger wird auf 10.800 beziffert

Die Zahl der Salafisten in Deutschland sei auf ein "Allzeit-Hoch" gestiegen, gab der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen am heutigen Sonntag in Berlin bekannt. Das Bundesamt zählt derzeit 10.800 Salafisten.

Das sei ein Plus von 500 in nur drei Monaten, präzisiert die Tagesschau. In ihrem Bericht wird die nach Einschätzung der Expertin Claudia Dantschke "sehr hohe Steigerung" einem Erklärungsversuch unterzogen. Dantschke, Mitarbeiterin von Hayat-Deutschland, einer Beratungsstelle, sich mit Deradikalisierung befasst - auch Ahmad Mansour ist dort tätig - wird seit einigen Jahren als Kennerin der radikalen Islamistenszene in Deutschland beschrieben.

Sie zeigt sich der Tagesschau gegenüber kritisch, was die konkreten Zahlen der Steigerung anbelangt. Darauf dass die Salafisten gerade in den drei vergangenen Monaten "so erfolgreich" gewesen sein sollen, reagiert sie mit Skepsis. Maaßen nannte dafür laut Berichten keine Erklärungen. Dantschke verweist darauf, dass dies mit den Kriterien zu tun habe, nach denen die einzelnen Bundesländer zählen. Deren Zahlen würden dann an das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergeschickt.

Beunruhigender Großtrend

Dessen ungeachtet, ob sich hier ein wenig belastbarer, möglicherweise zu Fehlannahmen (Stichwort "gesteigerte Aktivitäten") führender kurzzeitiger Trend durch Zahlenmaterial ergibt, deren zugrundeliegende Methodik unbekannt ist, die Steigerung der Zahlen über mehrere Jahre hinweg ist überdeutlich, in seiner Größenordnung beachtlich und beunruhigend.

Vor sechs Jahren zählte man 4.000 Salafisten, vor einem Jahr 9.700 und nun über 1.000 mehr - die von Maaßen genannten 10.800. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Salafisten in Deutschland über einen stetigen Zulauf verfügen.

Es gibt mehr Überwachung durch den Verfassungsschutz und den BND, der Islamismus gilt als "wichtigster Bereich", wie heise online kürzlich berichtete, dazu setzten Razzien, Verbote und Verhaftungen seit gut einem Jahr (siehe Zweiter großer Schlag gegen deutsche Salafisten) Signale, dass Behörden und Ermittler Salafisten genauer im Auge haben und schärfer gegen sie vorgehen.

So ist es keine Überraschung, was der Verfassungsschutz neben der "anhaltenden Attraktivität der salafistischen Ideologie" (Maaßen) als beobachtete Phänomene herausstellt: Dass die offene Missionierung auf den Straßen zurückgegangen sei und sich auf Private konzentriere.

Radikalsierung in "kleinen konspirativen Zirkeln"

Man beobachte nun, dass die Radikalisierung eher in "kleinen konspirativen Zirkeln und im Internet" stattfinde. Als besondere Herausforderung genannt werden "Frauennetzwerke", zu denen die Nachrichtendienste nur erschwert Zugang hätten. Die Salafistenszene sei derzeit von "Fragmentierung und Privatisierung"geprägt.

Die Zahl 500 taucht dann noch bei einer anderen besonderen Herausforderung der Verfassungsschützer auf, die im Zusammenhang mit Salafisten genannt wird: Mit dieser Zahl wird die Menge der Islamisten in Deutschland beziffert, die "etwa ausTschetschenien, Dagestan oder Inguschetien stammen" (Deutschlandfunk).

Hohes Gefährdungspotential durch Extremisten aus Nordkaukasien

Maaßen nennt die Affinität zu Waffen und Gewalt von "extremistischen Nordkaukasiern" als Grund, weshalb die Sicherheitsbehörden bei diesen Kreisen besonders aufpassen müssen. Sie seien durch den Tschetschenienkrieg und die Kämpfe in Syrien und im Irak, wo sie maßgeblich beteiligt gewesen seien kampferprobt und würden ein hohes Gefährdungspotential darstellen mit länderübergreifenden Netzwerken und Verbindungen zur organisierten Kriminalität.

Als Schwerpunkte dieser Szene ohne feste Strukturen nennt der Verfassungsschutz in Deutschland Brandenburg und Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen. (Thomas Pany)

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