Verführen als neues Verbraucherschutz-Modell?

Der sanfter Zwang des libertären Paternalismus

Das ist der Angelpunkt des "libertären Paternalismus": de jure hat der Mensch zwar seine Wahlfreiheit, de facto - aus psychologischen Gründen - jedoch meist eben nicht. Traditioneller (harter) Paternalismus würde Junk Food gleich verbieten, ein libertärer ("weicher") Paternalismus schafft hingegen mit einer entsprechenden "choice architecture" passende Hürden: Es geht ihm darum, die Entscheidungen, die andere treffen, zu lenken. Beschönigend gesprochen heißt das dann:

Eine richtige Entscheidungsarchitektur übt keinen Zwang auf Bürger, Konsumenten oder Kunden aus. Sie gewichtet die Optionen und führt dadurch zu besseren Entscheidungen.

Deborah Kistler
Bild: Karl Kollmann

Ein besonders schönes Beispiel zur Beeinflussung durch Entscheidungsarchitektur und verdeckte Nudges bietet sich bei der Bereitschaft der Menschen zur Organspende im Dienst der medizinischen Transplantationsindustrie.

In Deutschland gab es 2013 (aufs ganze Jahr gerechnet) 905 tote Organspender mit übrigens durchschnittlich 3,5 entnommenen Organen, in Österreich (zur Vergleichbarkeit auf die deutsche Bevölkerung hochgerechnet) 1870.

Was ist der Grund für diese Verdopplung? Nun - Entscheidungsarchitektur: In Österreich ist jeder Tote per Gesetz ein Organ-Ersatzteillager für seine Gesellschaft - außer man meldet sich umständlich, mühsam und mit bleibender Skepsis, ob sich im Todesfall das Medizinsystem daran hält (nämlich im dafür angelegten Widerspruchsregister nachzusehen), davon ab. In Deutschland braucht es hingegen eine ausdrückliche Zustimmung dazu, den Organspendeausweis; diesen haben etwa 20 Prozent der Bevölkerung.

Welches Land es mehr mit dem Paternalismus, und welches es mehr mit Liberalität, Menschenwürde und Selbstbestimmung hält, das liegt auf der Hand. Übrigens, bei über 8 Millionen Einwohnern befinden sich in Österreich nur 28.875 Personen im Widerspruchsregister, also gerade einmal ein knappes halbes Prozent der Erwachsenen.2 Das hat man also schön hingekriegt, und unsere Nudge-Autoren erwähnen das natürlich als sehr löbliches Ergebnis.

Faszinierte Politik

Wie nicht anders zu erwarten, ist einer der Nudge-Autoren mittlerweile im Beraterteam von Barack Obama gelandet. Der Faszination der Anschubs-Sozialtechnologie erlegen ist inzwischen auch Angela Merkel, sie suchte im August 2014 drei Referenten für ihr Nudge-Team im Bundeskanzleramt, davor waren schon die Briten und die Dänen aktiv.

Selbst renommierte mitteleuropäische Verbraucherforscher wie etwa Frau Lucia Reisch3 und viele andere, empfehlen Nudging längst schon als die verbraucherpolitische Strategie für Nachhaltigkeit, Energieeffizienz oder Gesundheit schlechthin.

Zurechtgerückt

Natürlich ist der Schönsprech der Verhaltensökonomen, etwa vom libertären Paternalismus oder von Optionengewichtung für die Menschen, Unfug. Es geht hier ganz simpel darum, das, was Marketing seit Jahrzehnten macht - nämlich mehr oder weniger subtile Manipulation aus Gewinnabsichten und gegen die Menschen umzusetzen - weiter in den allgemeinen Lebensraum hineinzutragen. Wohl ebenso, um damit, unter ökonomischem Segel und mit banaler Theorie, an der Seite der Politik auch selber besser ins Geschäft zu kommen. Marketing war immer schon Verkaufsgeschäft.

Und Paternalismus: Der Staat, bzw. die politische Elite sorgt nicht aus Menschenfreundlichkeit für seine / ihre Bürger. Zur Erinnerung: Alle wesentlichen sozialpolitischen Fortschritte - und von denen gibt es in den letzten Jahren schon lange nichts mehr - wurden dem Staat, den politischen Eliten abgetrotzt (sofern die Menschen nicht durch Marketing brav gestellt und entmündigt wurden).

Übrigens…

Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) ist selbst ein besonders gutes aufmerksamkeitsökonomisches Beispiel für Anpassung: Mit alten psychologischen Ergebnissen und einem neuen Begriff (Nudge statt Manipulation - klingt ja netter) dient sie sich der Politik als neue Ökonomie (statt als alte Sozialpsychologie) an. Schlau ist, unsere Nudge-Autoren verscherzen es sich im Buch weder mit den Demokraten noch mit den Republikanern; und über ihrer obsessiven Beschäftigung mit Rentensparplänen und passenden Nudges dafür vergessen sie lediglich, daß viele Menschen (wir reden hier von US-Verhältnissen, denn dort leben die Autoren, wenn sie mittlerweile nicht in der Weltgeschichte herumreisen) gar nicht das Geld für Aktien oder Anleihen ausgeben können, da sie es einfach nicht haben.

Es ist herrschaftsangepaßte Ideologie, die sich hier zum Politikrezept verdichtet und durch Sammlung alter verhaltensforscherischer Versatzstücke das Wiederaufleben des dubiosen, jedenfalls geistlosen Behaviorismus protegieren möchte. (Karl Kollmann)