Verführerische Vokabeln

"Big Bang Fireworks". Bild: Takashi Hososhima/CC BY-SA 2.0

Lob des Knalls? Zur Konjunktur der "Disruption"

Seit einiger Zeit machen alle in Disruption. Ist das nur ein schlaues Modewort für Remmidemmi - oder sagt der Begriff sehr viel mehr über seine Benutzer als über das, was sie meinen?

2014 schrieb ich für einen Workshop einen Text namens Creating enjoyable earthquakes", in dem ich argumentierte, dass eine der größtmöglichen Disruptionen nicht in neuen Technologien liege, sondern in der nachholenden Modernisierung ihrer Benutzer, also in der behutsamen Heranführung einer großen Anzahl von Menschen an all die Disruptionen, die bereits geschehen sind. Zweck der Übung: eine Verringerung des Unbehagens in der digitalen Kultur. Man lobte meinen Ansatz und nickte bedächtig, aber eine leichte Enttäuschung war doch spürbar: Der Science-Fiction-Autor hatte nicht über den kommenden heißen Scheiß geredet, sondern im Kern über soziale Fragen. Langweilig.

Ich fürchte, dass sich meine Skepsis gegenüber dem Begriff und seinem (anti-)zivilisatorischen Kontext seither verstärkt hat. Im Gegenzug dazu hat sich die Beliebtheit der Disruption geradezu exponentiell gesteigert. Das kann man sogar messen.

Mittlerweile muss man schon froh sein, wenn einem an der Pommesbude die neue Burgerkreation nicht als Disruption angedreht wird. Aber warum eigentlich?

Der Begriff will ja von Haus nichts anderes beschreiben als eine massive Störung, einen Bruch, ein Zerschellen. Die Liebe zu Remmidemmi und Krach ist im Kulturbetrieb nichts Neues; der Futurismus kannte sie schon vor hundert Jahren, ebenso wie die Industrial-Musik vor dreißig. Interessant wird die Sache, wenn man sich das Spannungsverhältnis zu dem Begriff anschaut, den das flotte Modesprüchlein von der Disruption beerbt hat: den der Revolution nämlich.

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"Big Bang Fireworks". Bild: Takashi Hososhima/CC BY-SA 2.0

Eine Revolution ist eine schnelle Veränderung von Verhältnissen, bei der eine Ordnung durch eine neue planvoll ersetzt werden soll. Man muss diesen Plan nicht gutheißen und er kommt immer mit seinen eigenen Widersprüchen und Widerwärtigkeiten, aber er existiert. Die Liebe zur Disruption meint zunächst einmal nur das Lob des Knalls; man könnte sagen, sie ist der Polenböller unter den sozialen Erwartungshorizonten: Nach der Zündung schimpfen die Nachbarn, eine Fensterscheibe ist zu Bruch gegangen, die Polizei kommt, oder jemand hat eine Hand verloren, aber geschehen ist endlich mal was.

Interessanterweise hat die soziale und politische Wirklichkeit in Europa jüngst den Unterschied zwischen Disruption und Revolution mit aller wünschenswerten Klarheit illustriert. Da war auf der Seite der Disruption der sogenannte Brexit, ein Vorgang von solch monumentaler Dummheit, dass er in der jüngeren Geschichte seinesgleichen sucht. Die Protagonisten des Brexits hatten keinen Plan, logen ihren Anhängern die Hucke voll und verabschiedeten sich nach dem Knall mit der Entschuldigung, sie hätten jetzt etwas Besseres zu tun als die Scherben aufzufegen.

Die Proteste in Frankreich gegen das "Loi El Khomri" (loi travail) hingegen hatten revolutionäre Züge, obwohl sie zunächst eigentlich nur auf die Verhinderung eines als "Reform" verkleideten, regierungsamtlichen Sozialmassakers abzielten. Millionen von Leuten, die von diesem Massaker betroffen sein würden, machten mit Nachdruck auf ihren Widerwillen aufmerksam - was die deutsche Presse interessanterweise so gut wie gar nicht interessierte.

Der Plan der Vielen war es, konkrete Verschlechterungen ihres sozialen Situation nicht hinzunehmen; sie waren dabei von der Lust auf das angetrieben, was ihr Staat ständig verwirklichen zu wollen behauptet: liberté, égalité, fraternité. Dass die Revolte gegen die "Reform" dann mangels sozialer Gegenmacht und zugunsten des großen Fußballblödsinns abgesagt wurde, während der Brexit tatsächlich stattfand, sagt eine Menge über die Aussichten sozialer Bewegungen im aktuellen Europa. Sie lauten, schlagwortartig zusammengefasst: Schlimmer geht immer.

Noch mulmiger kann einem werden, wenn ein weiterer, eher selten beachteter Subtext der Disruption ins Spiel kommt: der theologische. "Rapture", die Idee von einer plötzlichen Entrückung der Rechtgläubigen, ist nämlich nichts anderes als Disruption plus Gottesurteil. Wenn Disruption nicht nur den nihilistischen Spaß an der bloßen Destruktion meint, dann kommt offenbar schnell der Gedanke auf, der zu erwartende Zusammenbruch sei eine Prüfung, eine Art Eignungstest der göttlichen Meldebürokratie zu der Frage, wer den Zusammenbruch an der Seite Gottes übersteht und wer nicht.

Das klingt sehr weit von den aktuellen Businessphantasien entfernt, aber wenn man die Beobachtung der FAZ teilt, dass sich Manager mit den Phrasen über Disruption "besoffen reden" können, dann fällt die Übertragung aus dem theologischen Bereich in den betriebswirtschaftlich-säkularen nicht schwer: Die wahren Apostel der Business-Disruption scheinen von Visionen angetrieben, dass alles mal so richtig in Schutt und Asche gelegt werden muss, damit die stärksten Überlebenden sich im nachfolgenden Wasteland umso energischer ausbreiten können - ein giftiger Mix aus eschatologischer Heilserwartung, Sozialdarwinismus und kapitalistischer Konkurrenzverherrlichung.

Freilich: "Disruption" im wirtschaftlichen Zusammenhang meint sehr häufig eigentlich nichts anderes als Verdrängungswettbewerb unter Zuhilfenahme technologischer Innovation. Oder es geht sowieso nur um Dampfgeplauder und Marketingeschwätz. Aber dass die Vokabel und das Paradigma "Disruption" so tief in das kulturelle Gewebe eingesickert sind, kann einem auf ähnliche Weise Kummer bereiten wie die bedingungslose Liebe der Futuristen zu Krieg, Explosionen und Geschwindigkeit.

Das war im Vorlauf zum Ersten Weltkrieg, mit dem die technisierte Aggression ihre Fähigkeiten zur Menschenfresserei erstmals in voller Pracht unter Beweis stellte; danach entdeckten die Futuristen ihre Liebe zum Faschismus, der die Menschenfresserei auf ganz neue Höhen heben sollte. Die Disruptionsfetischisten können sich gerne einmal daran erinnern.

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