Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen

Definition von "sexueller Belästigung" der Prävalenzstudie Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Anhang der Kurzfassung, S. 42.

Warum Deutschland keine "Rape Culture" ist

Im ersten Teil (Wer ist hier eigentlich das typische Opfer?) haben wir gesehen, dass das typische Opfer schwerer Gewaltverbrechen männliche Jugendliche und junge Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit im Alter von 14 bis 29 Jahren sind. Ich endete mit Verweis auf die nach wie vor maßgebliche Prävalenzstudie des Bundesfrauenministeriums, der zufolge 6% aller Frauen schon einmal vergewaltigt wurden. Das spricht nicht dafür, dass Deutschland eine "Rape Culture" ist, das heißt eine Kultur, in der sich Frauen permanent vor Vergewaltigungen fürchten müssten. Dennoch wird in der Diskussion um sexualisierte Gewalt regelmäßig so getan.

Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland spricht von jährlich 7.000 bis 8.000 polizeilich angezeigten Vergewaltigungen. Allerdings würden nur ca. 5% der vergewaltigten Frauen diese Taten auch zur Anzeige bringen.

Eine ähnliche Rechnung machte die Aktivistin Kristina Lunz im Zusammenhang mit der "Nein heißt nein"-Kampagne des deutschen Komitees von UN Women auf. In einem Gastbeitrag auf ZEIT Online sprach sie von jährlich Hunderttausenden, die nicht angezeigt würden.

Diese Schätzung der Dunkelziffer scheint mit Blick auf die Prävalenzstudie des Frauenministeriums aber viel zu hoch gegriffen: Warum geben "nur" 6% der Frauen an, mindestens einmal im Leben vergewaltigt worden zu sein, wenn es Hunderttausende solcher Fälle Jahr für Jahr gibt? Das ist zwar nicht unmöglich, aber statistisch unwahrscheinlich.

Die Implikation wäre dann, dass zwar 19 von 20 Frauen in Deutschland niemals vergewaltigt wurden. Von den Opfern müsste dann auch die Mehrheit nur selten, eine sehr kleine Minderheit - ein Sechzigstel aller Frauen - aber ganz häufig vergewaltigt worden sein. Ansonsten wären die 6% Lebenszeitprävalenz schon nach wenigen Jahren erreicht. Wichtig ist zu betonen, dass diese Zahlen auf den Angaben der Frauen selbst beruhen.

Neben der vermuteten Dunkelziffer "Hunderttausender Vergewaltigungen" wurden auch Zahlen zur sexuellen Belästigung von Frauen für die Kampagne "Nein heißt nein" verwendet. Dort unterstützten die Schauspielerinnen Maria Furtwängler, Jasmin Tabatabai und Natalia Wörner die Verschärfung des Sexualstrafrechts mit der Aussage, mehr als jede zweite Frau erlebe sexuelle Belästigungen.

Sofern sich auch diese Zahlen auf die Prävalenzstudie stützen, bei der 58% der befragten Frauen sexuelle Belästigungen angaben, ist die genannte Häufigkeit aber fraglich. Obwohl sehr oft über solche Probleme geschrieben wird, werden Leserinnen und Leser leider kaum darüber informiert, um welche Verhaltensweisen es überhaupt geht. Das würde man sich von den Qualitätsmedien häufiger wünschen.

Der Fragenkatalog im Auftrag des Familienministeriums enthielt nämlich nicht nur eindeutige Fälle, wie "dass jemand sich vor mir entblößt hat, um mich zu belästigen oder zu erschrecken" oder "dass jemand mir zu verstehen gegeben hat, dass es nachteilig für meine Zukunft oder mein berufliches Fortkommen sein könnte, wenn ich mich sexuell nicht auf ihn/sie einließe."

Bei anderen Fragen ging es nämlich schlicht um "Kommentare über meinen Körper, mein Privatleben oder sexuelle Anspielungen, [die mir] ein ungutes Gefühl gegeben [haben]", oder "dass mir jemand ein ungutes Gefühl gegeben hat, indem er mich mehrere Male gefragt hat, ob wir uns treffen könnten". Das heißt, dass auch Äußerungen, die gar nicht sexueller Natur sein müssen, unter den Begriff der sexuellen Belästigung gefasst wurden.

So könnte etwa schon die Bemerkung, dass eine Kollegin im Urlaub aber braun geworden sei ("Körper") oder dass sie häufig ins Yogastudio gehe ("Privatleben") in die Statistik zählen, wenn die Äußerungen negativ aufgefasst werden. Dass die Sexismusdiskussion mit dem Begriff der "Mikroaggression" bereits eine alternative Formulierung dafür bereithält, wie Frauen und Minderheiten durch solche Kommentare angeblich unterdrückt werden, habe ich hier erst kürzlich beschrieben (Weg mit den Mikroaggressionen).

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