Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen

Leben in einer "Rape Culture"

Definitionsprobleme sollten nicht davon ablenken, dass erlebte sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigungen sehr schlimm sein können. Die Zahlen zur Häufigkeit stellen bei näherer Betrachtung jedoch die aus feministischer Sicht bisweilen vorgetragene Sichtweise in Frage, dass das Erleben einer Vergewaltigung eine grundlegende Erfahrung vieler Frauen sei, dass wir also in einer "Rape Culture" lebten. Dennoch schrieb etwa die amerikanische Frauenrechtlerin und Feministin Catharine MacKinnon:

Der erste Geschlechtsverkehr ist eine allgemein bestimmende Erfahrung der Definition des Geschlechts. Für viele Frauen ist das eine Vergewaltigung.

MacKinnon

MacKinnon, eine Absolventin der Yale Law School, hat die Gesetzgebung über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz mitgeprägt. Ihr Versuch, die Pornoindustrie für Sexualstraftaten verantwortlich zu machen, ist jedoch gescheitert. Vielleicht sind die Zahlen in den USA aber anders. Analysieren wir daher ein anderes Beispiel für das Spiel mit den Zahlen.

Studie über sexuelle Gewalt in den USA

Ein frappierenderes Beispiel für den leichtfertigen Umgang mit Opferzahlen findet sich nämlich in Übersee. So wird etwa eine repräsentative Befragung erwachsener Frauen und Männer durch die Centers for Disease Control and Prevention in den USA aus dem Jahr 2014 als Beleg dafür zitiert, dass beinahe eine von fünf Frauen (19,3%), aber nur 1,7% der Männer schon einmal vergewaltigt wurden (etwa in der Washington Post oder in Glamour).

Ein Blick auf die Daten führt Überraschendes zutage: So wurden beispielsweise versuchte Vergewaltigungen mitgezählt (6,4% der Frauen; 0,7% der Männer), bei denen es zu keinem Geschlechtsverkehr kam (weder Oral-, Vaginal- noch Analverkehr). Außerdem zählte Sex unter Einfluss von Rauschmitteln, bei dem man nicht mehr einwilligungsfähig war, automatisch als Vergewaltigung (9,3% der Frauen; 1,1% der Männer).

Was zählt als Vergewaltigung?

Was ist aber, wenn man sich selbst bewusst in einen schweren Rauschzustand bringt, um etwa seine Hemmungen zu überwinden und Geschlechtsverkehr zu haben? Oder wenn beide Partner zu berauscht sind? Wer vergewaltigt dann wen? Gemäß den Fragen der Forscher würde dann jeder den anderen vergewaltigen. Da Mehrfachnennungen möglich waren, bewegen sich die korrigierten Zahlen zwischen 11,5 und 19,3% bei den Frauen und 0,7 und 1,7% bei den Männern. Damit wären Vergewaltigungen in den USA doppelt bis dreimal so häufig wie laut der Prävalenzstudie für Deutschland.

Problematischer ist aber die eigentliche Definition von "Vergewaltigung" in der Studie: Es ging nämlich ausschließlich darum, von jemandem sexuell penetriert worden zu sein. Gezwungen zu werden, jemanden zu penetrieren ("made to penetrate"), galt jedoch nicht als solche. Deshalb konnten gemäß der Studie Männer eigentlich nur von anderen Männern vergewaltigt werden. Bei den Antworten auf die Frage, zur Penetration gezwungen zu sein, sind die Geschlechter dann auch gespiegelt: Dies bejahten mit 6,7% zehnmal so viele Männer wie Frauen (0,6%).