Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen

Andere Definitionen - andere Ergebnisse

Die Forscherinnen und Forscher verwendeten zwar auch das Konstrukt "sexuelle Gewalt mit Kontakt", das dem deutschen Strafrechtsparagraphen 177 (Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung) am nächsten kommt. Dabei ging es darum, ungewollt penetriert zu werden, zur Penetration gezwungen zu werden, um anderen sexuellen Zwang und um ungewollten sexuellen Kontakt. Die Ergebnisse werden aber nur zusammen mit körperlicher Gewalt und Stalking innerhalb von Beziehungen berichtet: Hiervon gaben 27,3% der Frauen und 11,5% der Männer an, schon einmal betroffen gewesen zu sein.

Stellt man der ungewollten Penetration den Zwang zur Penetration gegenüber, dann waren mit 11,5% etwa doppelt so viele Frauen betroffen wie Männer (6,7%). Für den Zeitraum der zwölf Monate vor der Befragung gaben mit 5,5% etwa genauso viele Frauen an, Opfer anderer Formen sexueller Gewalt worden zu sein, wie Männer (5,1%).

Damit sind laut der Studie zwar immer noch Frauen deutlich häufiger von bestimmten sexuellen Straftaten betroffen. In der Diskussion aber nur zu thematisieren, eine von fünf Frauen sei vergewaltigt worden, unterschlägt dutzende Millionen männlicher Opfer sexueller Gewalt und macht Gebrauch von einer fraglichen Definition von "Vergewaltigung".

Sexuelle Gewalt gegen Männer wird oft nicht erhoben

Solche Zahlen wurden von der genannten deutschen Prävalenzstudie erst gar nicht erhoben; vielleicht, weil es kein Männerministerium gibt. Ein größeres Versäumnis muss man dem Gender Equality Index des European Institute for Gender Equality, einer EU-Institution, vorwerfen. Für den Index über Geschlechtergerechtigkeit werden zwar sieben Indikatoren zur (körperlichen, sexuellen und psychischen) Gewalt gegen Frauen erhoben, jedoch kein einziger zur Gewalt gegen Männer.

Da gemäß den US-Zahlen jedoch auch Männer häufig Opfer sexueller Gewalt und gemäß der Deutschen Kriminalstatistik sogar deutlich häufiger Opfer schwerer Gewaltstraftaten werden als Frauen, ist dieses Versäumnis schwer nachvollziehbar. Gerade so ein Gender-Institut aus Steuergeldern muss neutral im Auftrag aller Geschlechter forschen. Dieses Versäumnis legt ein ausgeprägtes Opfer-sind-Frauen-Denken auf politischer Ebene und bei den Opferschutzverbänden nahe. Indem man in Studien noch nicht einmal Gewalt gegen Männer miterhebt, verschwindet das Phänomen freilich vom Radar.

Im dritten und letzten Teil werde ich darüber spekulieren, wie die Gesellschaft sich verändern wird, wenn gegenwärtige Trends fortgesetzt werden. (Stephan Schleim)