Vergrößert die Online-Ausbildung die digitale Kluft?

Probleme mit dem Telelernen

Online-Ausbildung, also virtuelle Schulen, Universitäten oder weiterbildende Institutionen, versprechen nicht nur eine Senkung der Kosten, neue Lernformen und ortsunabhängigen Zugang zum qualifizierten Wissen, sondern auch eine Einebnung der Bildungsgeographie zwischen Stadt und Land oder zwischen reichen Industrie- und armen Entwicklungsländern. Manche glauben überdies, daß über die Vernetzung das auf sozialen Ungleichheiten beruhende Bildungsgefälle eingeebnet werden könnte. Ein vom amerikanischen College Board veröffentlichter Bericht über "Die virtuelle Universität und Ausbildungschancen" setzt hinter all diese Erwartungen zumindest ein großes Ausrufezeichen: "Während Ausbildung der große Gleichmacher ist, scheint die Technik eine neue Quelle für Ungleichheit zu sein."

Höhere Ausbildung durch Online-Kurse sind natürlich am interessantesten für die Menschen, die aus familiären, beruflichen oder geographischen Gründen ansonsten Schwierigkeiten hätten, sich weiterzubilden. In diesem Bereich wird vornehmlich das Wachstum des virtuellen Ausbildungsmarktes gesehen. In den USA werden immerhin schon 26000 Online-Kurse angeboten, in die sich 750000 Studenten eingeschrieben haben. Richtig boomen aber wird der virtuelle Ausbildungsmarkt wahrscheinlich erst, wenn viele Menschen einen einigermaßen günstigen Breitbandzugang zum Internet haben werden, wobei sich hier wieder eine neue digitale Ungleichheit einschleichen könnte.

Zunächst einmal warnen die Autoren davor, daß der Einsatz von Informationstechnologien in der Ausbildung zu einer Kostenreduktion führen werde. Bislang haben neue Lerntechnologien nicht das Lernen vor Ort ersetzt, sondern lediglich ergänzt und so zu weiteren Kosten geführt, anstatt sie zu vermindern. Das mag selbst für eine reine, nicht an bestehende Institutionen angebotene Online-Ausbildung zutreffend sein, denn was an Lehrpersonal und Kosten für Gebäude entfällt, wird möglicherweise durch wachsendes technisches Personal und steigende Ausgaben für die Entwicklung oder den Kauf von Software und Hardware, die schnell veralten, kompensiert. Die American Association of University Professors geht beispielsweise davon aus, daß Online-Kurse längere Stunden erfordern und daher auch einen größeren Personalbedarf als normale Universitäten haben. Andererseits könnte die Online-Ausbildung, weil sie das Versprechen von finanziellen Einsparungen enthält, zu weiteren Kürzungen im Ausbildungsbereich führen.

Gerade weil die Online-Ausbildung nicht nur in den USA, sondern auch zunehmend in Europa zu einem kommerziellen, privatwirtschaftlichen Markt wird und, wie die New York Times kürzlich schrieb, ein Goldfieber auslöst, durch das "Universitäten eher wie amazon.com denn wie Harvard.edu" betrachtet werden, könnte dies den Druck auf die öffentlichen Ausbildungsinstitutionen nicht nur auf positive Weise verstärken, sondern dazu führen, daß nur die reicheren sozialen Schichten sich eine Teleausbildung an teuren Online-Schulen mit dem neuesten technischen Standard, der besseren Lernsoftware und dem teueren, möglicherweise besseren Lehrpersonal leisten können, was den Rückzug dieser sozialen Schicht aus den öffentlichen Bildungsinstitutionen weiter fördern könnte. Schon jetzt ist nach dem Bericht mancher Online-Kurs teurer als der Besuch einer "wirklichen Universität", allerdings können die Schüler oder Studenten möglicherweise Zeit, Reise- und Unterkunftskosten sparen.

In Kalifornien hatten Unternehmen wie Microsoft, Hughes Aircraft, Fujitsu und M.C.I. einen ehrgeizigen Plan ausgearbeitet, der vorsah, für 300 Millionen Dollar alle Universitäten des Landes durch ein Glasfasernetz zu verbinden. Dafür sollten sie aber das Recht erhalten, technische Ausbildungsprojekte in eine vorgesehenen Wert von 3,8 Milliarden Dollar während des nächsten Jahrzehnts an die Studenten und die Universitäten zu verkaufen. Widerstand seitens der Professoren und Studenten hat dieses Vorhaben einer Kommerzialisierung durch Virtualisierung bislang verhindert, aber an einer veränderten Form der "Kooperation" wird noch gearbeitet.

Ein großes Problem der prinzipiell auf den globalen Bildungsmarkt ausgerichteten Online-Kurse besteht vor allem bei nicht an existierende Universitäten angebundenen virtuellen Schulen in der Qualität der Ausbildung und in der Anerkennung der Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt. So schrieb etwa am 19. März James Perley, der Vorstand des Akkreditierungsausschußes für Universitäten der American Association of University Professors, an den Universitätsverband von Ilinois, daß man bei der Zulassung von reinen Online-Universitäten größere Vorsicht ausüben sollte. Anlaß für den Brief war die Zulassung der Jones International University als der ersten Cyberuniversität, die sich auch "University of the Web" nennt, bei der lediglich zwei Professoren (4 Prozent des Lehrkörpers) voll angestellt werden, um 36 Kurse zu betreuen, wobei monatlich mehr hinzukämen. Das sei zu wenig, um die erforderliche Betreuung der Stundenten zu leisten. Überdies hätten sich 92 Prozent der Studierenden nur eingeschrieben, um bestimmte Zertifikate zu erhalten oder nur einige Kurse mitzumachen. Prinzipiell sei zu überlegen, ob weiterbildende Institutionen tatsächlich als Universitäten mit Hochschulabschlüssen zugelassen werden sollten. Für Universitäten sind normalerweise Forschungseinrichtungen wie Bibliotheken, Lernzentren oder Labore vorgeschrieben, die Online-Universität aber biete gerade einmal einen Zugang zu einer Linkliste für Literatur an. Auch mit der geforderten akademischen Freiheit stehe es schlecht, weil die Online-Universität lediglich fertige Software für Kurse anbiete, deren Qualität zu wünschen lasse und deren Kürze (achtwöchige Kurse mit einer Stunde pro Woche) keine in die Tiefe gehende Ausbildung ermögliche.

Das noch größere Problem besteht freilich in der Regulierung des globalen Ausbildungsmarktes, wie der Bericht des College Board sagt. Wie sollen sich Studenten in der Vielzahl der möglichen Angebote auf der ganzen Welt entscheiden können, wenn Vergleichskriterien mangeln und die Qualität und Art der Ausbildung in hohem Maß variiert?

Der Bericht "What's the Difference?" des Institute for Higher Education Policy stellt fest, daß es bislang noch zu wenige Erkenntnisse über die Qualität und Effektivität von Online-Kursen gibt und daß man bislang auch nicht die Unterschiede zwischen unterschiedlichen Lernweisen der Studenten beachtet habe. Angeblich seien die Prüfungsergebnisse der Telestudenten besser als der Durchschnitt, aber das könnte, wenn es denn zutrifft, auch darauf zurückzuführen sein, daß eine weitaus größere Zahl von Eingeschriebenen die Online Kurse vorzeitig abbricht als die Kurse auf Universitäten (32 Prozent gegenüber 4 Prozent) und diejenigen einen größeren Vorteil besitzen, die stärker eigenmotiviert lernen können.

Zunächst einmal können virtuelle Universitäten nur von jenen besucht werden, die dafür die nötige Ausrüstung und die Kompetenz im Umgang mit der Technik besitzen. Bislang jedenfalls ist in den USA - und anderswo - die Verbreitung von Computern höchst ungleich. Gerade jene Studenten, die einen Zugang zur Online-Ausbildung am nötigsten haben, sind am meisten benachteiligt. Die Einkommenshöhe bestimmt weitgehend, wer einen Computer und einen Internetzugang zuhause besitzt. Während drei Viertel aller Haushalte mit einem Jahreseinkommen von über 75000 Dollar einen Computer zuhause besitzen, ist dies nur bei einem Sechstel der Haushalte mit einem Einkommen von unter 15000 Dollar der Fall. Auch wenn in den USA bereits 89 Prozent aller Grundschulen und höheren Schulen über einen Internetzugang verfügen, so haben die Hälfte bislang nur einen Zugang in der Bibliothek oder beim Direktor. Während nur in 40 Prozent der Schulen in den Regionen mit der höchsten Konzentration an armen Schülern ein Internetzugang in der Klasse vorhanden ist, ist dies bei 60 Prozent der Klassen in Schulen mit dem geringsten Anteil an armen Schülern der Fall: "Die fortgeschrittensten Bürger - und Schulen - können am besten von den neuesten Techniken profitieren. Ein Vorsprung vergrößert den weiteren Vorsprung", kommentiert der Bericht des College Board.

Um die digitale Kluft nicht zu vergrößern, dürfte man die Online-Ausbildung nicht alleine den Kräften des freien Marktes überlassen, sondern sei der Staat aufgefordert, die Chancen der Menschen aus den armen sozialen Schichten zu verbessern, zumal eine frühe Kompetenz im Umgang mit den Techniken sich positiv auf die Lernmöglichkeiten in der höheren Ausbildung auswirkt, wenn Computer und Internet beim Lernen eine immer größere Rolle spielen: "Politische Programme müssen die digitale Kluft zwischen den Weißen und den Minderheiten, zwischen den Wohlhabenden und den stärker Benachteiligten verkleinern.". Die Informationsindustrie wird dazu aufgerufen, sich ihrer sozialen Verantwortung zu stellen und sich nicht nur um teure lukrative Endprodukte, sondern vor allem um die Erweiterung des Zugangs zu Computern und zum Internet zu kümmern.

Und hinter der ganzen Diskussion, wie gut oder schlecht Online-Ausbildung ist, ob sie nur als Ergänzung dienen sollte oder wie wichtig der Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden bzw. das soziale Lernen ist, taucht ein anderes Problem auf. Online-Kurse setzten nicht nur Hardware voraus, sondern auch eigens dafür hergestellte Software, also geistiges Eigentum. Wenn ein Professor Software für einen Kurs entwickelt, gehört diese dann ihm oder der Universität? Werden landes- oder gar weltweit Standardprogramme als Massenware vertrieben und von Universitäten gekauft, die die Vielfalt der Wissensdarstellung und -aneignung reduzieren? Werden einige Universitäten bevorzugt, die das Personal und das Geld haben, um lizensierbare Ausbildungsprogramme zu entwickeln, während andere diese nur einkaufen können?

Ganz allgemein wird die Ausbildung immer stärker in das Umfeld der Wahrung des geistigen Eigentums eintauchen. Möglicherweise behindern allzu strenge Copyright-Gesetze die weitere Ausbreitung der Online-Angebote, denn alle fremden Inhalte, die in kommerzielle Ausbildungssoftware und Online-Angebote aufgenommen werden, auch längere Passagen aus der Literatur, müssen wahrscheinlich bezahlt werden. Kann heute ein Lehrer in der Klasse etwa noch ein Theaterstück kopieren oder einen Text aus einem Buch oder einer Zeitung vorlesen, so ist das bei Online-Kursen wahrscheinlich schon eine Verletzung des Copyright, denn das findet nicht mehr in einem geschlossenen Raum statt. Digitale Dateien können bislang ohne weiteres kopiert und weitergegeben werden, weswegen die Copyright-Halter weitegehende Ausnahmeregelungen für die Online-Ausbildung ablehnen. Telelernen kann man überall, etwa auch in einem Internetcafe. Wenn man für Telelernen eine riesige Ausnahmeregelung vorsieht und jedem, so Fritz Attaway, Berater der Motion Picture Association of America, "der sich 'Telelehrer" nennt, erlaubt, Material zu digitalisieren und an eine große Zahl von Menschen zu verteilen, dann geht die Kontrolle über ein Produkt schnell verloren." Wenn sich überdies durchsetzen sollte, Copyright-geschützte Dateien mit digitalen Wasserzeichen und Kopierblockaden zu in der Form "pay per use" oder einer digitalen Terminatortechnologie online zu vertreiben, könnte bald der Vorteil des Internet als einer globalen Datenbank für Informationen schwinden, aber auch die Funktion von öffentlichen und Universitätsbibliotheken gefährdet sein, wenn nicht klare Ausnahmeregelungen vorgesehen werden. Wie es um den Schutz persönlicher Daten in Online-Institutionen steht, also ob Emails oder Videokonferenzen protokolliert und die Leistung des Lehrpersonals überwacht werden, ist noch eine ganze andere Frage ... (Florian Rötzer)

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