Verkehrte Ökologie - Melancology

Akademiker, Journalisten und Künstler trafen sich beim Black Metal Theory Symposium 2

Innerhalb der Subkulturforschung zur Heavy Metal-Szene und ihrer einzelnen Subgenres hat sich im Dezember 2009 zum ersten Mal eine Gruppe von Akademikern, Journalisten und Künstlern zusammengefunden, die sich einer Unterart des Heavy Metals im Rahmen der Black Metal Theory annimmt. Es fand ein erstes Symposium in Brooklyn (New York) statt. Ein zweites Symposium wurde für Januar 2011 anberaumt und rückte die Rolle der Ökologie im Black Metal in den Fokus. Die einzelnen Vorträge unterstrichen deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine herkömmliche akademische Forschung handelt. Es ergibt sich eine zuweilen häretische Polyphonie, ganz im Gegensatz zum Black Metal, der häufig mit Wiederholungen und vorgegebenen (musikalischen und konzeptionellen) Mustern arbeitet.

Am 13. Januar wurde im Londoner Stadtteil Kingston-upon-Thames über Würmer, apokalyptische Szenarien, Re-Okkultation, zeitgenössische Bildende Kunst, Tree-Hugging, die Nigredo der Alchemie, die Poesie des Black Metals, Berge als Symbole der Weiterentwicklung, nordische Wüsten, Hörbigers Eisweltlehre und schließlich noch über den Sound des Abgrunds gesprochen. Die Black Metal Theory geht von einer Vereinbarkeit all dieser Themen unter ihrem Dach aus. Ja, sie oszilliert zwischen poetischer Begeisterung und kritischer Analyse.

Poster zum Black Metal Theory Symposium 2

Entgegen der bereits bestehenden Forschung zum Heavy Metal und seinen zahlreichen Facetten verabschiedet sich die Black Metal Theory von einer soziologischen, linguistischen oder musikologischen Bestandsaufnahme. Im Fighting Cocks-Pub, in dessen Hinterzimmer das Symposium mit Unterstützung der Kingston University abgehalten wird, wirken die einzelnen Referenten eher wie Philosophen auf literarischem Urlaub. Auf die Formulierung der Vorträge wird stark geachtet: der Großteil der Sprecher liest vom Papier ab.

Theoretisch beziehen sich die Referenten auf den Poststrukturalismus französischer Schule, besonders auf Jacques Derrida sowie Gilles Deleuze und Félix Guattari, deren Nomadologie ein gefundenes Fressen für die Zähmung der Bestie Black Metal liefert. Nicola Masciandaro beginnt mit einer umfassenden Erläuterung der Würmer, führt philologische Querverweise an und wirft Coverartworks diverser Underground-Black Metal-Gruppen an die Leinwand. Aspasia Stephanou legt mit einer Betrachtung der schwarzmetallischen Welt nach: der Bezug auf die lichte Vernunft, die alle Schattenseiten (des Denkens und Handelns) verdrängt, zieht sich durch die Philosophiegeschichte.

Nicola Masciandaro

Black Metal-Theoretiker versuchen sich im Hinterzimmer des Rock- und Metal-Pubs aus diesen Fesseln zu lösen. Die Einsicht, daß es sich bei dieser anerkannten und an Akademien gerngesehenen Philosophie um Fesseln handelt, verdankt sich einer bewussten Umnachtung durch Black Metal. Die Referenten sind immer ein Stück weit Fans dieser Musik und wollen sich ganz bewusst bei der Beschäftigung mit dieser nicht dem Zauber entziehen, die sie ausstrahlt. Stephanou spricht also von einer Perversion, einem bewussten Abschied von aufklärerischen Impulsen. Führt das jedoch nicht zu Obskurantismus, nicht nur zu ästhetischem (was letztlich nur eine Spinnerei wäre), sondern auch zu politischem? Man fühlt sich an die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts erinnert. Das Spiel mit dem Tabu – sollte es nicht Grenzen haben?

Evan Calder Williams aus den USA führt das in seinem Vortrag vor, wenn er über die Faszination der Eiswelttheorie Hörbigers referiert, mit keinerlei Bezugnahme auf Black Metal. Die in London und bereits im Dezember 2009 in Brooklyn vorgestellte Theorie des Black Metals interessiert sich für atmosphärische Vorgänge, die als Ferment dieser radikalen Stilrichtung wahrgenommen werden können: Wie sich die Welt aus Eis entwickelt und Schritt für Schritt in Flüssigkeit auflöst.

In der anschließenden Diskussion wird die untergründige Angst der Musiker angesprochen, an Solidität und Härte zu verlieren. Das verbindet sich mit der Spielweise der Gitarren: schnell, um einige Töne hochgestimmt, an manchen Stellen in den Liedern keine wahrnehmbaren Melodien, sondern vielmehr ein klirrendes Rauschen. Auf Fans wie auch Laien hinterlässt Black Metal den Eindruck der Eiseskälte. Man gebe die Namen mancher Gruppen dieses Sub-Genres des Heavy Metals in eine Suchmaschine ein und lese die auffindbaren Interviews. Man wird sicher Fragen nach dem Einfluss der umgebenden Natur finden und entsprechende Antworten, dass zum Beispiel Nordnorwegen mit knapp einem halben Jahr Winter entsprechende musikalische Ideen eingebe.

Damit streift der Laie nur eine Facette dieser Musik, die auf ungeübte Ohren wie gewaltiger Gitarren-, Gesangs- und Schlagzeugkrach wirkt. So einfach ist es nicht, Gefallen am Black Metal zu finden. Es gehört zu seinen Eigenschaften, dass er sich ständig unter dem Blick des Beobachters wandelt. Dennoch ist es möglich, vorsichtig Tendenzen nachzuzeichnen, die er seit seiner Entstehung in den Achtzigern entwickelte.

Eingeschwärzte Ökologie setzt die Vorzeichen verkehrt: statt sich um die Erhaltung des Ökosystems zu kümmern, werden Vorgänge des Zerfalls und der Fäulnis im Black Metal besonders hervorgehoben. Black Metal Theory vermeidet eine moralische oder ethische Einschätzung, sondern geht den Gründen für solch eine Haltung zur Umwelt nach.

Der Unterschied zwischen chthonisch (erdgebunden) und transzendent wird in Kingston-upon-Thames stark gemacht, die einzelnen Vorträge leben von einer ausgeprägten Dialektik. Die Provokation, die viele Subarten des Metals durchzieht, nutzt sich im Verlauf der Zeit sicher ab. Black Metal lebt immer noch davon, sowohl konzeptionell wie auch akustisch. Der zumeist krächzende Gesang verunsichert den Radiohörer. Noise –Verstörung – Zerstörung: drei Wörter, die auf das Banner der Black Metal-Combos geschrieben werden können, mit Abstrichen gewiss, denn manche Gruppen haben längst den Weg ins Pop-Establishment gefunden.

Harter Sound ist spätestens seit Rammsteins internationalem Durchbruch ein wichtiger Markt für die Musikindustrie. Nein, Rammstein ist kein Black Metal, aber manche Bands dieser Stilrichtung lassen sich gerne von Mainstream-Erfolgen inspirieren, um nach und nach ein Corporate Design zu erstellen. Das spricht sich in einem bandinternen Mythos, einem mehr oder minder ausgearbeiteten Konzept und einem Outfit aus, das für Fotos und Konzerte entsprechend eingesetzt wird. So werden Geschichten in der Geschichte des Black Metals geschrieben, Stories, die weitererzählt und verändert werden. Die Black Metal-Theoretiker nehmen sich dieser polyphonen und weitverzweigten Linie an und sehen sich selbst als eine Speiche im Rad der Bewegung.

Es geht immer auch um persönliche Anekdoten, so führt Hager Weslati ihre mitunter seltsamen Gefühle an, als dunkelhäutige Frau in einer Szene gelandet zu sein, die allzu häufig vom nordischen Wikinger mit wehendem Haar erzählt und trotz der Genrebezeichnung häufig die Weiße in Form von Schnee und Frost aufsucht, um abzukühlen, alles Warme, Heiße, Feuchte zu unterdrücken. Es geht im Black Metal nach Weslatis Interpretation um die "contemplation of my extinction": Wie kann ich mich selbst ausfindig machen und des Lebens überdrüssig werden. Bei ihrem Vortrag am 13. Januar wird deutlich, wie die Black Metal Theory allmählich zu einer Art Lebensphilosophie für die unangenehmen Seiten der Psyche wird.

Hager Weslati

Der Black Metal gilt als Katalysator der Theorie. Weslati arbeitet mit dem iranischen Philosophen Reza Negarestani zusammen, der an diesem Donnerstag leider nicht in London anwesend sein konnte, sondern sich in Malaysia aufhielt. Er entwickelte in seinem Buch "Cyclonopedia" eine Theorie der Materialität und untersuchte die viskose dunkle zähflüssige Masse des Öls und Petroleums. Über das Thema seines Vortrags auf dem Black Metal Theory Symposium II herrschte lange Unklarheit, denn nur ein langgezogener Strich diente als Platzhalter. Nicola Masciandaro, Organisator des 1. Symposiums, hat kürzlich in einem Interview einen speziellen methodischen Zugang der Black Metal Theory abgestritten, kann sich jedoch auf den Essay als präferierte Gattung einlassen.

Banner des 3. Regiments für harte Musik und Literatur der Art Militia

Das 3. Black Metal Theory Symposium soll im nächsten Winter in Edinburgh, Schottland stattfinden. Erneut wird nicht der Kontinent, sondern der halbe Weg zwischen USA und Europa ausgewählt, um eine kleine Restdistanz zur Philosophie zu wahren. Die Black Metal Theory versucht nicht, wie es in New York und London deutlich wurde, eine Außenperspektive auf dieses kulturelle Phänomen zu üben, sondern vielmehr aus der Innenperspektive einen Blick nach außen zu wagen.

Das Hörerlebnis kommt in der Black Metal Theory dem Denken ziemlich nahe, da nach und nach die angehäuften Melodien und Gitarrenwände entblößt werden, bis zuletzt ein minimalistischer sich wiederholender Ton übrig bleibt. Ähnlich wie ein roter Faden, der sich durch das wilde Denken zieht. Der Essay dient dieser Theorie als bevorzugtes Medium der spekulativen Erkundung einer kompromisslosen Musikrichtung. Dadurch erhellt die Theorie den wüsten Black Metal an manchen Stellen, was angesichts real existierender Gewalt sicher nicht das Schlechteste ist und trotz aller Liebe zum Mystizismus zu mehr Verständnis führen könnte.

Teil 2: Black Metal Theory: Einschwärzung der Theorie.

(Dominik Irtenkauf)

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