Verletzte in Mali - wofür?

Archivbild: MEDizinische EVAKuierung (med. Evak.), Airbus A310-304 MRTT MedEvac "Hans Grade" der Luftwaffe. Foto: Presse- und Informationszentrum der Luftwaffe (2003)

Erstmals werden Bundeswehr-Soldaten im Blauhelm-Einsatz bei einem Anschlag im Norden des Landes verwundet

Kurz nach 14 Uhr am 25. Juni bestätigte die Bundeswehr, was bereits seit Stunden als Elefant im Raum stand: Dass auch Angehörige der Bundeswehr unter den Opfern eines Anschlags im Norden Malis waren, der sich bereits am frühen Morgen ereignet und über den die UN-Mission Minusma (Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali) bereits kurz vor Mittag berichtet hatte. Dort war bereits von "15 Blauhelmen" berichtet worden, die verletzt worden seien.

Kurz vor 18 Uhr präzisierte die Bundeswehr dann, dass am Freitag gegen 08:30 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit "deutsche Minusma-Soldaten rund 180 Kilometer nördlich von Gao durch einen Selbstmordanschlag mit einem improvisierten, fahrzeuggestützten Sprengsatz angegriffen (wurden). Dabei wurden zwölf deutsche Soldaten verwundet, drei von ihnen schwer. Ein weiterer UN-Soldat einer Partnernation wurde ebenfalls verwundet".

Die verwundeten Soldaten sollen laut Pressemitteilung der Bundeswehr "mit einem bereit gehaltenen strategischen Verwundetenlufttransport (StratAirMedevac) zeitnah zur weiteren Behandlung nach Deutschland ausgeflogen werden".

Der Fahrer des "Kamikaze-Fahrzeugs" kam beim Anschlag vermutlich ums Leben. In Meldungen war davon die Rede, dass sich die Bundeswehr auf einer "Patrouille" befunden habe. Offensichtlich hatte sie aber am Ort des Anschlags, etwa 180 km nördlich ihrer Basis bei Gao, zuvor eine "Temporary Operating Base" aufgebaut. Dort hatte sich bereits zuvor ein Anschlag ereignet. Laut anderen Berichten, die dem nicht widersprechen müssen, begleitete die Bundeswehr Einheiten der malischen Armee in die Region Kidal, die von tendenziell separatistischen Tuareg-Milizen kontrolliert wird.

Aktuell ist die Bundeswehr mit etwa 900 Kräften an der UN-Mission Minusma beteiligt, die insgesamt etwa 14.000 Kräfte v.a. aus afrikanischen Staaten umfasst. Minusma löste Mitte 2013 die Vorgängermission Afisma (Afrikanisch geführte internationale Unterstützungsmission in Mali) ab, die im Zuge der französischen Militärintervention Serval und mit logistischer Unterstützung aus Deutschland, der EU und Nato aufgebaut wurde.

Während Frankreich seine Operation anschließend auf die sog. G5-Sahel-Staaten (neben Mali Mauretanien, Niger, Burkina Faso und Tschad) ausweitete und auf die "Bekämpfung des Terrorismus" ausrichtete, soll Minusma die Umsetzung eines Friedensabkommens, die allgemeine "Stabilisierung Malis" und den "Schutz der Zivilbevölkerung" gewährleisten.

Spannungsverhältnisse

Das Friedensabkommen von Algier erweist sich allerdings als völlig dysfunktional und der "Schutz der Zivilbevölkerung" steht in einem erheblichen Spannungsverhältnis zum französischen Ansatz, politische Differenzen als "Krieg gegen den Terror" auszuhandeln.

Letztlich hat sich der Ansatz zur "Stabilisierung Malis" durch eine Vielzahl internationaler Interventionen, Truppenstationierung und eine umfassende Militarisierung der Region als - erwartbar - kontraproduktiv erwiesen. Alleine in den letzten zwölf Monaten putschte sich das malische Militär - der zwingenden Unterstützung durch die internationalen "Partner" bewusst - zweimal selbst an die Macht.

Die Zahl der bewaffneten Gruppen und ihre Rekrutierungsfähigkeit steigen immer weiter. Die Machtfrage scheint sich im Gefecht zu entscheiden und die eigentliche Macht liegt bei jenen lokalen und internationalen Akteuren, die von der Perpetuierung dieses Zustandes profitieren.

Laut dem französischen Dschihad-Experten Wassim Nasr sind die beiden Dschihadisten-Gruppierungen al-Qaida und Jama'at Nasr al-Islam wal Muslimin (JNIM) und al-Qaida dort sehr aktiv. Nasr hat guten Zugang zu lokalen Informanten. Seinen Angaben zufolge war das Einsatzteam augenscheinlich schlecht über die Situation vor Ort informiert.

Die deutsche Beteiligung an Minusma

Die 900 Kräfte der Bundeswehr sind überwiegend im Camp Castor beim Flughafen von Gao stationiert. Ihre Aufgaben sind v.a. Informationsgewinnung, Aufklärung und Lagebild für die Minusma und deren Partner - implizit damit auch Frankreich. Und natürlich trägt die Bundeswehr damit auch zur Sicherung des Flughafens Gao bei, von wo aus Frankreich angeblich auch bewaffnete Drohnen startet. Deutschland selbst hat dort (von Airbus geleaste) Aufklärungs-Drohnen vom Typ Heron-1 stationiert, wie sie zuvor nur in Afghanistan zum Einsatz gekommen sind.

Das Mandat der deutschen Beteiligung an Minusma war wiederholt auf zuletzt 1.100 Kräfte erhöht worden. Bundesverteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer hatte zudem angekündigt, zusätzliche Hubschrauber der Bundeswehr nach Mali zu verlegen - für den taktischen Verwundetentransport. Dieser wird aktuell und lückenhaft von einem privaten Dienstleister erbracht - und scheiterte nach aktueller Nachrichtenlage an der Realität.

Daneben ist die Bundeswehr mit mittlerweile bis zu 600 Kräften führend an einer EU-Mission beteiligt, die etwas weiter im Süden - ungeachtet der Putschgeschichte und der von ihr begangenen Menschenrechtsverletzungen - die malische Armee ausbilden soll.

Zunehmende Einbindung privater Unternehmen

Der deutsche Beitrag hat sich auch durch die zunehmende Einbindung privater Unternehmen - von der Kantine über die medizinische Versorgung bis zum Betrieb der Aufklärungsdrohnen und der medizinischen Evakuierung - deutlich stärker erhöht, als in den offiziellen Mandatsobergrenzen abgebildet: Immer mehr Funktionen wurden an private Dienstleister abgegeben. Darüber hinaus sind sowohl Spezialkräfte des Heeres (das skandalumwitterte KSK) als auch der Marine vor Ort.

Gegenwärtig wird zunehmend klar, dass diese Spezialkräfte ihrerseits "vertrauenswürdige" bzw. windige Unternehmen brauchen, die für sie Räume und Fahrzeuge mieten, Flüge buchen, usw.. Ein riesiges Geschäft, mindestens neunstellig, das im Umfeld und teilweise in Personalunion der Angehörigen der Spezialkräfte stattfindet.

Soweit der vorläufige Stand bezüglich deutscher Spezialkräfte (mit einer Vorgeschichte vor Ort). Bei den französischen (und anderen) Spezialkräften, die dort eingesetzt sind, dürfte das ähnlich und ggf. etablierter und sogar umfangreicher ablaufen. Auch das ist ein Aspekt, wenn es um "lokale und internationale Akteure" geht, "die von der Perpetuierung dieses Zustandes profitieren". (Christoph Marischka)