Verletzte und Verlassene auf den Feldern Afghanistans

Vorläufige Ergebnisse nach zehn Jahren Krieg - Teil 1

When you're wounded and left on Afghanistan's plains,
And the women come out to cut
up what remains,
Jest roll to your rifle and blow out your brains
An' go to your Gawd
like a soldier.

Rudyard Kipling

Die Kontrahenten

Am 20. September, neun Tage nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 gegen das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, stellt sich der amerikanische Präsident Georges W. Bush dem US-Kongress und verkündet die amerikanische Antwort auf die 2.997 Toten und 6.000 Verletzten, die diese Anschläge gefordert haben1: "Unser Krieg gegen den Terror beginnt nun mit Al-Qaida, aber dieser Krieg wird nicht aufhören, bevor jede terroristische Gruppe, die eine globale Gefahr darstellt, lokalisiert und besiegt wurde",2.

Georges W. Bush, Osama Bin Laden

Die Amerikaner haben ab diesem Zeitpunkt zwei Ziele: Erstens soll Osama Bin Laden, der Anführer der terroristischen Gruppe Al-Qaida gesucht, gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden. Zweitens wollen die Amerikaner einen Machtwechsel in Afghanistan herbeiführen und der Herrschaft der Taliban ein Ende setzen, weil diese beschuldigt werden, Al-Qaida maßgeblich unterstützt zu haben.

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989, die 1979 einmarschiert waren, versank das Land rasch im Chaos und fiel dem Bürgerkrieg zum Opfer. Wenngleich die Sowjets keine militärische Niederlage erlitten - es ist eher eine Pattsituation eingetretten -, ist der Abzug für die Rote Armee eine bittere Schlappe, von vielen Analysten als "sowjetisches Vietnam"3 beschrieben.4

Die Rote Armee verlor fast 15.000 Soldaten und ca. 54.000 wurden verletzt; die afghanischen Truppen verloren ihrerseits 18.000 Mann. Vom Westen und Pakistan unterstützt hatte der afghanische Widerstand damit die fast unglaubliche Leistung erbracht, die Vormachtstellung des sowjetischen Imperiums zu brechen. Doch der Preis war hoch. Die genaue Höhe der Verluste der Mujahideen ist zwar unbekannt, aber sie dürfte laut einer Studie zwischen 150.000 und 180.000 betragen5. Zwischen einer halben Million und zwei Millionen Zivilisten verloren ihr Leben, circa drei Millionen wurden verwundet, weitere zwei Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben und fünf Millionen mussten ins Exil gehen - eine humanitäre Katastrophe ohnegleichen.

Die 2001 über die Grenzen Afghanistans hinaus kaum bekannten Taliban gingen unmittelbar aus dem Chaos des Bürgerkriegs (1989-2001) hervor6. Die Taliban-Bewegung wurde um 1994 von Mullah Mohammad Omar (einem Paschtunen) in dem Dorf Singesar in der Nähe Kandahars gegründet. Zunächst war die Gruppe nur eine Art Bürgerwehr, die ihre Anhänger aus den Madressen, den Religionsschulen, rekrutierte.

Anfangs fanden die Taliban eine gewisse Akzeptanz und Legitimität unter der Bevölkerung, da sie aufgrund des herrschenden Machtvakuums und der desolaten Alltags-Zustände für Ordnung sorgten. Zwei Jahre nach ihrer Gründung, im Jahr 1996, zwingen die Taliban die Truppen um Ahmad Shah Massoud zum Rückzug. Dann können sie Kabul einnehmen und die Macht an sich reißen. Sie rufen daraufhin das Islamische Emirat Afghanistan aus. Der neue Staat wird jedoch ausschließlich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt. Mullah Mohammad Omar fungiert zwischen 1996 und 2001 als Staatsoberhaupt des Landes. Die Herrschaft der Taliban läutet von da an ein besonders dunkles Kapitel in der Geschichte Afghanistans ein.

Schon kurz nach der Machtübernahme sind die Taliban bemüht, ihre reaktionäre und obskurantische Auslegung des Korans fanatisch durchzusetzen. Eine äußerst restriktive Auslegung der Scharia, also des islamischen Rechtes, wird eingeführt und bald werden die Afghanen mit Verboten überhäuft: Sport, Kino, Fernsehen, Fotografie, Musik, Tanzen, usw. werden verboten, elektronische Gegenstände werden verbannt; Mädchen und Frauen7 wird verboten, am Schulunterricht teilzunehmen. Darüber hinaus machen sich Machtmissbrauch und Gräueltaten breit, da die Taliban sich zu grausamsten Körperbestrafungsmethoden bekennen.

Strafen wie Amputationen, Steinigungen, Auspeitschungen bis hin zu öffentlichen Exekutionen sind in diesen Jahren an der Tagesordnung8. Die öffentliche Meinung im Westen nimmt die Missstände in Afghanistan aber erst im März 2001 durch die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan, der größten der Welt, wahr. Diese Zerstörung eines von der UNESCO anerkannten Weltkulturerbes begründeten die Taliban damals mit religiösen Argumenten, besonders deshalb machte sich weltweite Empörung breit.

Am 9. September 2001 fiel Ahmad Shah Massoud, der erbittertste Feind der Taliban, in Afghanistan einem Selbstmordanschlag der Al-Qaeda zum Opfer9. Zwei Tage später werden die USA von Al-Qaida angegriffen. Von diesem Augenblick an begann sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit Afghanistan zu widmen. Bis zum heutigen Tag schaut die Welt besorgt und gebannt nach Afghanistan.

Zum allgemeinen Verständnis der politischen Lage in Afghanistan darf nicht übersehen werden, dass das Land in Stammesgebiete untergliedert ist, und dass Stammesführer die wirklichen Machthaber sind. Das Land zählt (2010) je nach Quellenangaben zwischen 24,5 und 29 Millionen Einwohner. Ungefähr 40 bis 50% der Bevölkerung kann den paschtunischen Stämmen zugerechnet werden. Circa 25% der Bevölkerung gehört der Volksgruppe der Tadschiken an, 10 bis 20% sind Hazara und etwa 10% sind Usbeken.

Außerdem machen verschiedene Minderheiten etwa 10 bis 15% der Gesamtbevölkerung aus. Etwa 85% der Bevölkerung sind Sunniten und 15% Schiiten. Die Usbeken befinden sich im Norden des Landes, die Tadschiken vorwiegend im Nordosten, aber auch im Westen, die Paschtunen sind im Westen, Süden und Osten des Landes verteilt und die Hazara befinden sich größtenteils im Zentrum Afghanistans. Das Land hat zwei Amtssprachen: Pashto (eine auch in Pakistan weit verbreitete Sprache) und Dari (der persischen Sprache, der Sprache Irans, sehr ähnlich)10.

Die Militäraktion der USA in Afghanistan beginnt unmittelbar nach der Rede George W. Bushs vor dem Kongress mit der Operation Enduring Freedom (Operation andauernde Freiheit). Am 20. Dezember 2001 wird die US-Operation durch die Resolution 1386 von der UNO legitimiert. Diese Resolution sieht auch die Aufstellung und Entsendung einer Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF - International Security Assistance Force) vor. Diese Aufstellung ging als eine der Hauptforderungen aus der Afghanistan Konferenz in Bonn hervor, die zum Petersberger Abkommen vom 5. Dezember 2001 führte und als Staatsgründungsakt Afghanistans nach dem Bürgerkrieg gelten kann.

Die Bonner Konferenz einigt sich auf Hamid Karzai (geboren 1957) als Interimspräsident der Übergangsregierung, bis Wahlen organisiert werden können. Hamid Karzai herrscht seit dem Tod seines Vaters (1999) als Stammesführer der Popalzai über etwa eine halbe Million Stammesangehörige. Die Popalzei gehören zu den Paschtunen11.

Hamid Karzai, September 2006

Nach dem 11. September 2001 rief die NATO das erste Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus, und Deutschland beteiligt sich seit Anfang 2002 am Einsatz in Afghanistan auf der Grundlage des vielzitierten Satzes vom damaligen Verteidigungsminister Peter Struck (SPD), wonach "Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird"12.

Ende 2012 sind die US- und ISAF-Truppen seit 10 Jahren in Afghanistan. Deutschland verbucht mittlerweile um die 100.000 Einzeleinsätze von Soldaten13 und hat 1.000 Polizisten14 in einen "Krieg" geschickt, der aus Sicht der Bundesregierung lediglich einen "Stabilisierungseinsatz" sein sollte.

Deshalb sollten zuerst maximal 1.200 Soldaten den Wiederaufbau des Landes unterstützen. Aber statt sich zu verbessern, verschlimmerte sich die Lage zunehmend und erst ab Februar 2010 erkannte die Bundesregierung an, dass der Einsatz im Rahmen eines "bewaffneten Konfliktes" stattfindet. Seit dem Tabubruch des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CDU), Anfang April 2010, herrscht nun also offiziell "Krieg" in Afghanistan15. Folglich und anlässlich der negativen Entwicklung der Sicherheitslage sahen sich Bundeswehr und Bundestag im Laufe der Jahre zu einer schrittweisen Anhebung des Einsatzkontingents gezwungen. Heute sind 5.000 Bundeswehrangehörige sowie bis zu 200 Polizisten in Afghanistan stationiert16.

Dennoch soll nun der Abzug der deutschen Truppen beginnen und das Land soll 2014 in die "Ausübung seiner Souveränität"17 entlassen werden18.

Wie ist aber die politische, humanitäre und sicherheitsrelevante Lage - abseits der politischen Wunschbekundungen - zu bewerten? Ein Aufklärungsversuch mit vielen Fakten und wenig Rücksichten auf offizielle Sichtweisen ergibt eine ernüchternde Bilanz.

Die Asymmetrie des Krieges

Nach 10 Jahren Krieg am Hindukusch drängt sich dem Beobachter in aller Deutlichkeit der Eindruck auf, dass der Krieg nicht gewonnen werden kann, denn der Feind legitimiert sich durch seine Weltanschauung und nicht primär durch die Inanspruchnahme eines Territoriums. Folglich hat die "Erbeutung der Flagge des Feindes" und die darauf folgende Besatzung des Landes durch eine militärische Übermacht diesen Feind zwar augenscheinlich in die Enge gedrängt, aber bei weitem nicht vernichtet, noch wurde er dauerhaft verdrängt.

Der US-General Stanley McChrystal, Oberbefehlshaber der ISAF von 2009 bis 201019, erklärte im Oktober 2011 die Gründe für diesen Misserfolg wie folgt:

Wir hatten nicht genug Informationen [über den Feind (A.d.R.)] und wir haben immer noch nicht genug Information. Die Mehrheit unter uns, und ich schließe mich da auch ein, hatten ein nur sehr oberflächliches Verständnis der Situation und der Geschichte (des Landes, Einf..d.R.) und wir hatten ein unglaublich vereinfachtes Verständnis der Geschichte der letzten fünf Dekaden.

Die Auswirkungen dieser mangelnden Sachkenntnisse sind im Oktober 2011 vom ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr, General a.D. Harald Kujat, sehr deutlich angesprochen worden:

Der Einsatz hat den politischen Zweck, Solidarität mit den Vereinigten Staaten zu üben, erfüllt [...] Wenn man aber das Ziel zum Maßstab nimmt, ein Land und eine Region zu stabilisieren, dann ist dieser Einsatz gescheitert [...]. Wenn wir 2014 aus Afghanistan rausgegangen sind, dann werden die Taliban die Macht in wenigen Monaten wieder übernehmen.

Deutliche Worte.

Nichtsdestotrotz fangen die europäischen Verbündeten der USA an, nach beinahe einem Jahrzehnt Krieg die Vor- und Nachteile ihres Engagements neu zu gewichten. Die britische Regierung, der stärkste Verbündete der USA, prüft zurzeit zum Beispiel verschiedene Optionen, die den Abzug der Truppen beschleunigen könnten. Dabei würde ein solcher, politisch bedingter Abzug gegen die ausdrücklichen Empfehlungen des Militärs vor Ort geschehen und nicht zuletzt budgettechnische Gründe zum Anlass haben20.

Die französische Regierung scheint ihrerseits sogar noch resignierter. Im Juli vergangenen Jahres bekräftigte der Premier François Fillon (UMP, Union pour un Mouvement Populaire) die Position des Präsidenten und Parteifreundes Nicolas Sarkozy und erklärte:

Frankreich [...] kämpft in Afghanistan Seite an Seite mit den Alliierten [...], um den Terrorismus in diesem Land zu besiegen. Frankreich hat auch dafür gekämpft, dass ein Rechtsstaat und dass menschenrechtsschützende Institutionen Fuß fassen können, aber Frankreich ist nicht dazu berufen, ewig in Afghanistan zu bleiben, weil jedes Land sich selber regieren sollte.

In Anbetracht der militärischen Tatsachen mag die politische Botschaft etwas verwundern, denn noch im Juli 2010 zeigte sich der Stabschef der französischen Armee, Admiral Édouard Guillaud, anlässlich einer Anhörung vor dem französischen Senat äußerst besorgt über die Lage:

Der Krieg in Afghanistan [...] ist ein komplizierter Krieg, es ist auch ein mörderischer Krieg und ein Krieg mit offenem Ende. Unsere Soldaten werden bei jedem Einsatz unter Beschuss genommen oder werden Opfer von IED (unkonventionelle Sprengvorrichtungen, A.d.R.). Wir zählen im Schnitt 5 bis 7 Kampfhandlungen pro Woche. [Dieser Krieg] ist kompliziert, weil der Feind unsichtbar bleibt, zu allem bereit ist und keine Regel oder Gesetze kennt. Dieser Krieg ist umso komplizierter, weil wir Kollateralschäden unter allen Umständen vermeiden wollen, da solche Kollateralschäden den Taliban in die Hände spielen.

Die Vorsicht und Warnungen des Militärs an die Politiker sind nicht von der Hand zu weisen. Vor Ort sprechen die Statistiken nämlich für sich. Im gesamten Jahr 2002 hatten alle Streitkräfte der Koalition 70 Tote zu beklagen. In den darauf folgenden Jahren werden die Verluste Jahr für Jahr höher und 2010 verliert die Koalition 711 Mann, das Zehnfache verglichen mit 2002, am Anfang der Operation21.

Vergangenes Jahr sind 566 Soldaten gefallen, das heißt weniger als im Vorjahr, aber mehr als 2009 (521)22. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Soldaten in wesentlich sichereren Fahrzeugen unterwegs sind. Die ungepanzerten Geländewagen23 wurden mittlerweise fast alle durch explosionsgeschützte Transportfahrzeuge24 ersetzt. Verbessert sich die Lage wirklich?25 Wohl kaum.

Zurzeit haben die Amerikaner 90.000 Soldaten vor Ort. Mit 9.500 Soldaten ist Großbritannien das zahlenmäßig am stärksten engagierte Land nach den USA. An dritter Stelle kommt Deutschland mit 5.000 Soldaten und Frankreich mit circa 4.000 Soldaten26. Diesen Ländern folgt Italien mit 3.400 Mann. Spanien, Rumänien und Polen haben zwischen 1.500 und 2.600 Mann vor Ort. Die Türkei stellt 1.740 Soldaten zur Verfügung, Australien hat etwa 1.450 und Kanada 2.830 Mann vor Ort. Insgesamt sind zurzeit ca. 130.000 Soldaten in Afghanistan stationiert (2003 waren es nur 20.000)27.

Laut offiziellen Angaben28 unterstützen auch 90.000 "contractors", Mitarbeiter von Privatfirmen, die Soldaten der Koalition in Afghanistan, zum Beispiel im logistischen Bereich oder bei der Bewachung von wichtigen Objekten wie Botschaften. Die Tätigkeit dieser Firmen ist sehr kontrovers und war schon mehrmals der Grund für heftige Konflikte mit der afghanischen Regierung29.

Um ihrer Mission gerecht zu werden, sind grundsätzlich alle Kontingente auf die Unterstützung der Amerikaner insbesondere im Rahmen der Luftunterstützung und der Luftverladekapazitäten angewiesen. Die Bundeswehr beispielsweise verfügt in Afghanistan nur über eine lückenhafte Ausrüstung und Bewaffnung. Zwar sind laut Bundesverteidigungsministerium zurzeit "1.250 geschützte (meint: gepanzerte, Anm. d.V.) Fahrzeuge unterschiedlichster Schutzklassen und Funktionen"30 im Einsatz. Sie verfügt weder über Kampfhubschrauber31, noch sind genügend Transporthubschrauber vorhanden. Es stehen nur sechs ältere wartungsintensive Sikorsky CH-53 zur Verfügung, weshalb noch 2008 lediglich zwei bis drei gleichzeitig einsatzfähig waren32.

Weiterhin sind die Aufklärungsflüge der Kampfjets vom Typ Tornado nach einer Entscheidung des Bundesverteidigungsministeriums Ende November 2010 von der Luftwaffe eingestellt und die Flugzeuge abgezogen worden33. Schließlich sind Kampfpanzer (etwa vom Typ Leopard 2, wie von Dänemark und Kanada eingesetzt34), sowie Artillerie aufgrund politischer Überlegungen Mangelware35. Somit wird die Kampfkraft der Truppen in Berlin politisch gezügelt.

Sikorsky CH-53. Bild: Igge. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Was den unmittelbaren Schutz der Soldaten vor Ort angeht, kann man der Bundesregierung aber nicht vorwerfen, auf die Verschlechterung der Lage nicht reagiert zu haben. Ende 2007, nachdem es in Afghanistan immer brenzliger wurde, bestellte die Bundeswehr neue splitter- und minengeschützte Fahrzeuge vom Typ Eagle IV beim Schweizer Hersteller Mowag, eine Sparte des amerikanischen Rüstungsgiganten General Dynamics. Seit Ende 2008 werden die - jetzt insgesamt 495 - bestellten Fahrzeuge an die Truppe ausgeliefert, manche wurden nachdrücklich und gesondert im Eilverfahren geordert. Bis Ende 2012 sollen 105 weitere Eagle IV an die Truppe ausgeliefert werden36. Inklusive Waffenstation und Kampfelektronik liegt der Stückpreis dieser Fahrzeuge bei rund einer Million Euro37.

Betrachtet man die Zusammensetzung eines in der Größe ähnlichen, aber weitestgehend autonomen Kontingents, wie zum Beispiel dasjenige Frankreichs, genauer, so wird deutlich wie personal- und materialintensiv - und dementsprechend kostspielig - der Einsatz in Afghanistan ist. Frankreich setzt in Afghanistan nicht nur Soldaten ein. Zusätzlich werden 150 Gendarmen im Rahmen von Ausbildungsmaßnahmen zugunsten der afghanischen Polizei vor Ort stationiert. Darüberhinaus wird ca. ein Drittel aller Einsatzkräfte des französischen militärischen Abschirmdienstes (DPSD38) in Afghanistan eingesetzt, um die Kontrolle und Überwachung der circa 1.600 Afghanen zu bewerkstelligen, die für die französische Armee arbeiten39.

Wie für alle westlichen Länder ist der logistische und materielle Aufwand besonders hoch. Frankreich hat zum Truppentransport 418 seiner insgesamt 3.585 radangetriebenen Transportpanzer vom Typ Renault VAB40 und 65 kleinere gepanzerte Fahrzeuge41 sowie 8 hochmoderne Schützen- und Spähpanzer vom Typ Renault-Nexter VBCI42 (Stückpreis 4,5 Millionen Euro)43 nach Afghanistan verlegt.

Unterstützt werden die Bodentruppen zusätzlich von der Luft mit vier Kampfhubschraubern vom Typ Eurocopter Tiger (eben dieser Maschinentyp bleibt der Bundeswehr verwehrt, weil er laut Zulassungsstelle44 fluguntauglich sein soll45). Darüberhinaus können die französischen Truppen auf fünf Transporthubschrauber vom Typ Eurocopter Cougar und Caracal, sowie fünf Mehrzweckhubschrauber vom Typ Aérospatiale Gazelle zurückgreifen.

Renault VAB bei einer Militärparade in Frankreich. Bild: Pierre Delattre. Lizenz: CC-BY-SA-2.0

In einem Land wie Afghanistan mit seinen gefährlichen und sehr schlechten Straßenverhältnissen ist die Luftunterstützung der am Boden kämpfenden Einheiten ein wichtiges Element der Kriegsführung. Besonders Hubschrauber werden benötigt, sei es, um Bodenziele zu bekämpfen oder um Truppen (etwa Verstärkungseinheiten) schnell zu verlegen oder Verletzte zu evakuieren. Seit 2007 werden die französischen Streitkräfte darüberhinaus von sechs in Kandahar stationierten Kampfflugzeugen vom Typ Dassault Mirage oder Rafale unterstützt. Drohnen vom Typ SIDM Harfang übernehmen Aufklärungsaufgaben von der US-Basis Bagram aus. Schließlich werden sowohl eine Boeing C-135 FR für die Luftbetankung als auch zwei C-160 Transall für die taktische Lastverlegung aus Duschanbe in Tadschikistan betrieben46.

Besonders erwähnenswert ist die Tatsache, dass die französische Armee, wie alle in Afghanistan eingesetzten Streitkräfte, Spezialfahrzeuge kaufen musste, um sich gegen die erhöhte Gefahrenlage durch Minen und unkonventionelle Spreng- und Brand-Vorrichtungen zu wappnen. So werden elf gepanzerte Radtransporter vom Typ Nexter Aravis47 (Stückpreis circa 1,3 Millionen Euro) eingesetzt, eine Neuentwicklung, die speziell zum Schutz vor Minen und Sprengvorrichtungen ausgelegt ist48. Ein anderes Beispiel: Es wurden auch fünf Minenräumungsfahrzeuge vom Typ Force Protections Inc. Buffalo zum Stückpreis von circa 10 Millionen US Dollar in den USA angeschafft, um gegen unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen vorgehen zu können. Um eine Vorstellung dieser Summe zu bekommen, kann man sich mit folgendem Vergleich behelfen: 10 Millionen US Dollars entsprechen dem Preis von 455 brandneuen Volkswagen Golf.49 Krieg ist eben eine teuere Angelegenheit!

Die Gesamtkosten des Einsatzes steigen proportional zur Verschlechterung der Sicherheitslage: 2010 wird der Einsatz in Afghanistan Frankreich circa 470 Millionen Euro gekostet haben (2009 beliefen sich die Kosten noch auf nur 450 Millionen), es ist also mehr als die Hälfte der 867 Millionen Euro, die das Land sich seine Auslandseinsätze insgesamt kosten lässt.50 Die Deutschen hat der Einsatz am Hindukusch nach offiziellen Angaben schon 5,5 Milliarden Euro gekostet. Laut einer Untersuchung des Berliner Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind es sogar eher 17 Milliarden Euro, wenn man zusätzlich zu den reinen Material-, Personal-, Infrastruktur- und Einsatzkosten auch "die Investitionen des Entwicklungsministeriums oder des Auswärtigen Amts zur Stabilisierung der Region, [sowie] die gesellschaftlichen Kosten durch Tod oder Verletzung von Soldaten" hinzuzählt51.

Für die USA sind die Kosten des Einsatzes astronomisch. Die Kosten der Operation in Afghanistan überschreiten jetzt sogar die schon erheblichen Kosten des Irak-Krieges. Laut der Tageszeitung USA Today beliefen sich die Einsatzkosten in Afghanistan für das Fiskaljahr 2010 auf 105 Milliarden Dollar. Im Vergleich dazu hätten die Kosten des Irakkrieges 2010 ca. 66 Milliarden betragen. Die Kosten für den Einsatz in Afghanistan dürften 2011 aber noch höher als im Jahr zuvor ausgefallen sein und 117 Milliarden Dollar erreicht haben. Im vergangenen Jahr wurden 46 Milliarden für die noch andauernden Operationen im Irak ausgegeben. Die Bilanz 2011 verzeichnet demnach insgesamt 163 Milliarden Dollar (125 Milliarden Euro) für die so genannten "Kriege gegen den Terror" 52. Bemüht man wieder den VW Golf zum Vergleich, so wäre der Gegenwert dieser Summe 7,36 Millionen nagelneue Autos dieses Fabrikats. Die Summe entspricht auch dem Bruttoinlandsprodukt, das heißt dem Gesamtwert aller produzierten Waren und Dienstleistungen innerhalb eines Jahres, von Pakistan mit seinen 172,8 Millionen Einwohnern (2007) 53.

Bei dieser Kostenaufstellung werden nicht einmal die Zerstörungen, die Afghanistan (und Pakistan) durch den Krieg erleiden, mit berücksichtigt, auch nicht die Kosten, die den amerikanischen Staat belasten, weil die Investitionen ins Militär die nötige Förderung von Wirtschafts- und Sozialstrukturen unterminiert (2010 lebten 46,2 Millionen der Amerikaner unter der Armutsgrenze)54. Sind solche Kosten zum Erreichen von politischen Zielen überhaupt noch zu rechtfertigen? Sei es dahin gestellt.

Einer der Gründe für die hohen Kosten der Operationen in Afghanistan ist, dass das Land praktisch eine Enklave und somit die Material- und Truppenverlegung besonders problematisch ist. Die Luftverlegung ist extrem teuer und die billigere Verlegung per Schiff und über Landwege (obligatorisch für das schwere Gerät) muss erst über pakistanische Häfen abgewickelt werden, um dann durch die Berge, über eine Entfernung von Hunderten von Kilometern, zu den Einsatzorten in Afghanistan weiter verfrachtet zu werden. Deshalb sind in Afghanistan die Durchschnittskosten des Einsatzes per Soldat zweimal höher als im Irak55. Eine Studie von Stratfor ergab, dass der Nachschub von Kraftstoff für die Truppen in Afghanistan mit bis zu 105 Euro pro Liter zu Buche schlägt und dass der Unterhalt eines einzigen Soldaten, inklusive aller Nebenkosten, bis zu einer Million Dollar pro Jahr kostet56.

Dies bedeutet wiederum, dass der Krieg in Afghanistan auch ein wirtschaftlicher Zermürbungskrieg ist. Die Vereinigten Staaten haben heute schon Gesamtschulden in Höhe von 14,5 Billionen Dollar, die jeden Tag weiterwachsen und unaufhörlich weiterwachsen werden. Wenn man die Verpflichtungen des amerikanischen Staates zu aktuellen Schulden hinzurechnet, beziffert sich das Staatsdefizit laut Wirtschaftsforscher Laurence J. Kotlikoff schon auf 211 Billionen57.

Für die Taliban - oder generell die Aufständischen - ist es also nicht zwingend notwendig, eine einzige Schlacht auf dem Feld für sich zu entscheiden, um sich durchzusetzen. Es reicht durchaus, sich dem Feind zu entziehen, während eine gewisse Spannung aus dem Hinterhalt erzeugt wird, um diesen Feind dazu zu zwingen, eine finanzielle Anstrengung zu unternehmen, die nicht in Einklang gebracht werden kann mit den erhofften Früchten des Krieges. Wird dieses Ziel erreicht, sind in einem asymmetrischen Krieg die Aufständischen dann in der Lage, das Land zurückzuerobern, wenn die Großmacht dieses verlassen musste.

Teil 2: Taktische Erfolge der Koalition, aber die Zivilbevölkerung leidet am meisten

(Laurent Joachim)