Verpackungsfreies Konsumieren

Foto: © Ralf Roletschek / GNU Free Documentation License

Inzwischen haben die meisten Verbraucher genug vom Verpackungsmüll. Gleichzeitig gründen sich in zahlreichen Städten immer mehr "Unverpackt-Läden"

Ob graue, grüne oder gelbe Tonne - wir Deutschen trennen unseren Müll. Der gelbe Sack wird dabei allseits gerne genutzt. Denn alles, was hier drin landet, wird wiederverwertet - so glauben viele. Leider stimmt das nur zur Hälfte. Denn nur etwa die Hälfte der hier entsorgten Kunststoffverpackungen wird wiederverwertet, der Rest wandert in die Müllverbrennungsanlagen.

Der Gelbe Sack, vor 26 Jahren erfunden, ist vor allem für Kunststoffverpackungen vorgesehen. Inzwischen landen häufig auch andere Plastikteile wie Spielzeug oder Kleiderbügel darin.

In der Sortieranlage wird sein Inhalt nach Weißblech, Aluminium, Kunststoff und Verbundverpackungen sortiert. Metallhaltige Abfälle werden einfach zu Alubarren und Stahl umgewandelt. Bei Kunststoffen ist es komplizierter, denn diese setzen sich nicht nur aus verschiedenen Sorten zusammen, sondern bestehen auch, wie bei Getränkekartons, aus mehreren Lagen Papier, Kunststoff und Aluminium. Hinzu kommen Zusätze wie Farbstoffe, Weichmacher oder Stabilisatoren. Dies vermindert die Einsatzmöglichkeiten in neuen Produkten erheblich.

Verpackungen, die sich stoffmäßig einheitlich zusammensetzen, haben daher eine größere Chance, wiederverwendet zu werden, weil sie kostengünstig zu Granulat aufbereitet werden können - allerdings auch nur zu minderwertigeren Produkten: So wird aus alter Folie keine neue Folie, sondern sie wird zu Mülltonnen oder Paletten verarbeitet.

Trotz aller Nachteile rät der Naturschutzbund Deutschland (NABU) dazu, Verpackungsmüll zu trennen. Denn nur dann können Energie und Rohstoffe eingespart werden. Außerdem wird, wo weniger Rohstoffe abgebaut werden, die Natur besser geschützt und weniger Schadstoffe werden frei.

Laut Verpackungsverordnung sind Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Verpackungen flächendeckend zu entsorgen. Dazu schließen sie mit den kommunalen Abfallentsorgern Verträge ab. Für jede Verpackung zahlen die Hersteller Lizenzgebühren an das jeweilige duale System. Damit werden Gelbe Tonnen bzw. Säcke sowie die Sammlung, Sortierung und Verwertung von Wertstoffen finanziert. Die Dualen Systeme, von denen bundesweit zehn am Markt sind, beauftragen ihrerseits Müllabfuhren, die den Abfall abholen.

Allerdings werde häufig mehr Abfall eingesammelt, als von den Firmen bezahlt wird, heißt es in einer Erklärung der Europäischen Lizenzierungs-Systeme GmbH (ELS). Das Konzept könne nicht funktionieren, wenn die Ausgaben höher sind als die Einnahmen. Erschwerend hinzu kommen schwankende Preise für Sekundärrohstoffe, wegfallende Absatzmärkte sowie steigende Preise für Entsorgungsdienstleister. Die ELS, zuletzt mit sechs Prozent bundesweit am Markt, war im März 2018 wegen eines Insolvenzantrages in die Schlagzeilen geraten.

Immerhin - ab 2019 soll ein neues Verpackungsgesetz greifen, welches höhere Verwertungsquoten vorschreibt. Das sind bei Glas, Weißblech, Pappe und Papier 90 statt bisher 70 Prozent. Auch Aluminium und Kunststoff sollen dann statt bisher zu 60 zu 90 Prozent wiederverwertet werden. Bei Kunststoffen ist "Verwertung" vor allem energetisch gemeint, also durch Verbrennung im Kraftwerk. Tatsächlich recycelt werden sollen Kunststoffe dann zu 63, anstatt wie bisher nur zu 36 Prozent.

Außerdem fordert der NABU neben einer Besteuerung, die gegenwärtige Anzahl von Müllverbrennungsanlagen auf wenige moderne Anlagen zu reduzieren. Denn, so das Argument, so lange in den zahlreichen Anlagen billig Plastikabfälle verbrannt würden, blieben die Recyclingkapazitäten ungenutzt.

Bereits 2016 forderten der NABU, die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie der Deutsche Naturschutzring (DNR) ein Wertstoffgesetz, dass sich nach ökologischen Kriterien ausrichtet und mehr auf Recycling und Mehrwegverpackungen setzt. Vor allem fordert es ein Einwegpfand, um der achtlosen Entsorgung von Getränkeverpackungen in die Umwelt entgegenzuwirken.

"Wohin mit dem Verpackungsmüll?" - diese Frage wird immer aktueller - nicht nur vor dem Hintergrund des wachsenden Online-Versandhandels. Seit Supermärkte ihre kostenlosen Plastiktüten ausmustern bzw. diese nur noch gebührenpflichtig anbieten, ist der Abfall durch Plastiktüten immerhin rückläufig. So wurden 2016 statt 5,6 Milliarden noch 3,6 Milliarden Plastiktüten verbraucht.

Ein hoffnungsvoller Ansatz, doch reicht diese Maßnahme bei weitem nicht aus, um zu verhindern, dass Plastikteile die Ökosysteme belasten. Zahlreiche Studien weisen seit Jahren auf den wachsenden Plastikmüll in den Ozeanen hin. Unterdessen versuchen Umweltverbände mit Appellen an die Politiker der Plastikflut Einhalt zu gebieten.

Das Grundproblem beginnt bei der Herstellung: Wo keine Verpackung produziert wird, muss keine weggeworfen, verbrannt oder aufbereitet werden. Dessen ungeachtet werden seit Jahren immer kleinere Verpackungen und vorportionierte Produkte erzeugt. Der hieraus entstehende Müll belastet zusätzlich die Umwelt.

Die Unternehmen sollten nachhaltige Verpackungskonzepte entwickeln, fordert Gerd Bovensiepen, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC). Für seine Studie "Verpackungen im Fokus" vom Februar 2018 befragte das Institut eintausend Menschen.

Im Ergebnis würde die große Mehrheit auf Plastik oder auf Umverpackungen bei Lebensmitteln lieber verzichten. Eine überwältigende Mehrheit von 95 Prozent sprach sich dafür aus, das Verpackungsmaterial auf ein Minimum zu reduzieren. Außerdem befürworten viele die Verwendung von mehr recyclingfähigem Material. Mehr als ein Dritttel der Befragten war der Ansicht, dass bei vielen Produkten, insbesondere Drogerie- und Hygieneartikeln, weniger Verpackungsmaterial ausreichen würde.

77 Prozent gaben an, sie würden mehr als früher auf die Menge an Verpackungsmaterialien und eine nachhaltige Verpackung achten. Jeder Dritte gibt sogar an, auf ein Produkt verzichten zu wollen, wenn dieses zu viel oder nicht nachhaltig genug verpackt sei. Etwas mehr als ein Fünftel wäre bereit, mehr Geld für ein Produkt mit nachhaltiger Verpackung auszugeben.

Relativ beliebt sind Mehrwegverpackungen: Neun von zehn der Befragten würden Verpackungen mehrmals nutzen. Rund zwei Drittel gaben an, bevorzugt Produkte Getränke oder Joghurt in Mehrwegverpackungen zu kaufen. Auch die Autoren der Studie halten es aus ökobilanzieller Sicht für besser, Verpackungen länger im Kreislauf zu behalten.

Vier von zehn Konsumenten haben beim Einkaufen Probleme zu erkennen, ob sie eine Einweg- oder Mehrwegverpackung in den Händen halten. Drei Viertel befürworten bei Verpackungen auch im Online-Versand ein Mehrwegsystem.

Wer ist eigentlich für den ganzen Verpackungsmüll verantwortlich? In dieser Frage hielten 45 Prozent die Hersteller, 22 Prozent den Handel und 18 Prozent den Gesetzgeber für zuständig. 15 Prozent - immerhin - sahen sich selber in der Pflicht.

Bei manchen Lebensmitteln aus dem Supermarkt fragt man sich schon, ob halb nur so viel Verpackung drumherum nicht ausgereicht hätte. Oft ist eine Verpackung gar nicht nötig. Ein Zehntel der Befragten hat schon mal Produke ohne Verpackungen eingekauft oder tut dies regelmäßig. Damit liegen sie ganz im Trend: Landauf, landab gründen immer mehr Menschen eigene Lebensmittelläden, die Produkte ohne Verpackungsmüll anbieten.

Allein in Deutschland dürften es mittlerweile fünzig so genannte Unverpackt-Läden geben. Kunden, die hier einkaufen, bringen ihre Glasbehälter, Papiertüten, Stoffbeutel etc. selber mit oder kaufen diese im Laden und füllen darin ihre Waren selber ab. Das Brot kommt in den mitgebrachten Beutel, Wurst in ensprechende Behälter. Frischmilch gibts in Pfandflaschen. Die Behälter werden zwei Mal gewogen - einmal leer und einmal mit Waren befüllt. Bezahlt wird nur der Inhalt.

Häufig werden solche Läden über Crowdfunding startfinanziert. Auch Helen Neuwirth griff auf diese Form der Finanzierung zurück, als sie im Sommer 2017 in Kassel ihren Lebensmitteladen "Butterblume" gründete. In ihrem verpackungsfreien Laden können sich die Kunden Haferflocken, Linsen, Nudeln und Reis aus Spendern abfüllen, genauso wie Waschmittel, das in großen Kanistern bereit steht. Auch Trockenfrüchte, Gewürze und Tee lagern in großen Gläsern. Das hat außerdem den Vorteil, dass sich Kunden auch mal kleinere Mengen abfüllen und ausprobieren können.

Je weiter der Transportweg eines Lebensmittels, desto schwieriger sei es, ganz ohne Verpackung auszukommen, erklärt die Inhaberin gegenüber hr4. Daher werden in ihrem Laden keine Südfrüchte angeboten - mit Ausnahme von Avocados, Bananen und Zitronen, die sie auf Kundennachfrage ins Sortiment aufgenommen hat.

Obst, Salate und Gemüse werden - möglichst aus der Region - in Pfandkisten geliefert. Das bedeutet, dass das Gemüse je nach Saison angeboten wird und wo immer es geht in Bio-Qualität. Bei Kosmetik, Wein und Brotaufstrichen geht es noch nicht ganz ohne Verpackung. Trotzdem bemerkt die Ladenbesitzerin ein Umdenken bei vielen ihrer Kunden. In einem Unverpackt-Laden einzukaufen, dürfte in jedem Fall ein besonderes Erlebnis sein.

Bei Obst und Gemüse halten übrigens achtzig Prozent der Befragten in oben genannter PwC-Studie Verpackungen grundsätzlich für überflüssig. In vielen Geschäften und Supermärkten werden Obst und Gemüse bereits lose in Kisten angeboten.

Greifen nun immer mehr Menschen zu einer Handvoll Karotten zum Selbstabwiegen, anstatt zu den verpackten, würden die Hersteller - getreu dem Grundsatz von Angebot und Nachfrage - bald ganz auf Plastikverpackungen verzichten. So könnte sich auf lange Sicht eine Einkaufskultur entwickeln, die eines Tages vielleicht ganz ohne Kunststoffe auskommt.

Anzeige