Versagt der Literaturbetrieb?

Uwe Tellkamp. Foto: Smalltown Boy / CC BY-SA 3.0

Seit langem gibt die Buchbranche Anlass zur Sorge ob ihrer Schlagfertigkeit gegenüber reaktionären Akteuren. Für die am Donnerstag beginnende Leipziger Buchmesse sieht es wieder nicht gut aus

Das Dresdener Publikum klatschte. Auf der Bühne wurde gegen künstliche Befruchtung gehetzt, weil die abartig und schlimmer als die rassistisch motivierten Zeugungsheime der Nazis sei. Die so gezeugten Kinder seien Halbwesen; nicht ganz echt; zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Ohne tieferen Sinn ergoss die Rednerin ihren Schwachsinn auf das Publikum. Sie gab zu, dass sie damit nicht ganz vernünftig war. Und dennoch: Das Publikum klatschte.

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Es handelte sich dabei aber nicht um eine der berüchtigten Pegida-Kundgebungen. Das Gepöbel fand nicht vor dem und für den Pöbel statt. Nein, 2014 gab es Pegida noch nicht, als Sibylle Lewitscharoff im Schauspielhaus von Sachsens Hauptstadt ihre berüchtigte Rede hielt. Sie war damals eine der höchstdekorierten Schriftstellerinnen des Landes, und so eine Position verspricht offensichtlich Anerkennung.

Wenn Lewitscharoffs Passage des Hasses nach einer ähnlichen Veranstaltung am Ausgang des Schauspielhauses im Rahmen einer Umfrage präsentiert worden wäre, verbunden mit dem Hinweis, der Text sei eine Stellungnahme der NPD, die damals noch in Sachsens Landtag saß - das Publikum hätte wohl größtenteils Abscheu ausgedrückt.

Doch eine Bühne in einem vermeintlichen Kulturtempel strahlt Autorität aus - und die ergreift sogar diejenigen, für die dieser Ort zum Alltag gehört. Noch ein par Tage später war das Robert Koall, dem Chefdramaturg des Staatsschauspiels, deutlich anzuhören, als er im Interview mit Deutschlandradio Kultur Lewitscharoff kritisierte. Selten wirkte jemand in einem Radio-Interview so verschüchtert - fast entschuldigte sich Koall für sein Vorgehen.

Der Grund: Der Chefdramaturg hatte immerhin umgehend eine schriftliche Distanzierung von Lewitscharoff veröffentlicht. Darin gab er zu, dass er sich unmittelbar nach der Rede nicht getraut hatte, seine Kritik direkt zu äußern. Leider meinte Koall, im Radio-Interview seine schriftliche Kritik mit der Bemerkung unterfüttern zu müssen, dass er im Bekanntenkreis ein solches künstlich gezeugtes Kind habe.

Also habe ihn Lewitscharoff nochmal anders getroffen, als die Allgemeinheit. Koalls Schritt verdient Respekt, entwickelte sich aber doch zum Trauerspiel.

Selbst mit Distanz zur unhaltbaren Rede und als Interviewgast in einem wichtigen kulturpolitischen Forum wie dem Deutschlandradio Kultur konnte er nicht eine intellektuelle Argumentation durchhalten. Er zeigte Bedauern für seinen eigenen Offenen Brief, und er bemühte eine persönliche Anekdote, die für die Kritik an Lewitscharoff unerheblich ist.

Heute, rund vier Jahre später, wo es der Literaturbetrieb mit schwereren Kalibern als Lewitscharoff - die sich für ihre Rede sogar halb entschuldigt hat - zu tun hat, können wir diese Geschehnisse als symbolisch ansehen. Oder als Vorboten. Die Frage, wie der Literaturbetrieb reagiert, wenn die Reaktionären auf seinen Foren ihren Stuss absondern, stellt sich bekanntlich derzeit auf den größten Foren der Branche: den Buchmessen.

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Die Frankfurter Buchmesse hat sich bei ihrer letzten Ausgabe im Oktober schon mal blamiert. Sie ist zwar ein privatwirtschaftliches Unternehmen, denn sie wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltet, der sie als "Außenhandelsorganisation des deutschen Buchhandels" bezeichnet.

Trotzdem hat sie, wie eine staatliche Einrichtung, Leute zugelassen, die sie eigentlich nicht mag. Die Messeleitung inszenierte deshalb einen eigenen Protest: Ein stiller "Demo-Spaziergang" führte die Spitze des Börsenvereins mit Schildern wie "Gegen Rassismus" am Stand des Verlags Antaios vorbei. Eine seltsame Aktion von jemandem, der das Hausrecht hat. Und eine Aktion für die Galerie, die aber nichts bewirkt, die niemanden von etwas neuem überzeugt.

Einerseits ist bekannt, dass die Buchmessenleitung solche Verlage nicht mag. Faschistische und faschistoide Menschen zeichnen sich anderrerseits gerade dadurch aus, dass sie große Schwierigkeiten haben, zwischen Kritik und Verbot zu unterscheiden. Diese Demo der Messeverantwortlichen zeigte für sie einfach, dass das Establishment gegen sie ist. Dass das sogenannte gesunde Nationalempfinden unterdrückt wird.

Die Reaktionären können sich unter diesen Bedingungen so oder so feiern. Der Journalist Danijel Majic, Redakteur bei der "Frankfurter Rundschau", berichtete im November in der Zeitschrift "Der Rechte Rand" von der großen Antaios-Podiumsveranstaltung am Messesamstag. Demnach ging die Veranstaltung zwar im Gebrüll des Großteils des Publikums unter, als am Ende zwei Protagonisten der ultra-nationalistischen "Identitären Bewegung" auftraten.

Martin Sellner, einer der Redner, soll dann aber gesagt haben: "Wir sind hergekommen und haben ein Zeichen gesetzt - im Herzen des linksliberalen Establishments!" Das Video von der Rede trägt laut Majic den Titel: "Übernahme einer Buchmesse".

Für den Buchmessenleiter Juergen Boos stellte sich der Konflikt am Tag nach der Messe so dar: "Gestern trafen sich zwei Gruppen, die sich über den Hass definieren. Die wollen den Hass, um sich selbst als Gruppe stärker zu fühlen", sagte er im Gespräch mit Spiegel Online.

Einigen Medien gab er die Mitschuld an der Eskalation: "Schon im Vorhinein wurde ausführlich über die drei, vier rechten Stände berichtet und ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse skandalisiert. Das Interesse an der Sensation macht solche Veranstaltungen noch wirkmächtiger. Das finde ich ganz schlimm."

Das klingt, als ob er es falsch findet, im Voraus darüber zu berichten, dass Antaios nach Jahren der Abstinenz wieder einen Stand in Frankfurt hatte, und wie die Messeleitung auf den Zulauf, den sie von solchen Verlagen hatte, reagierte. Vor allem aber klingt es, als ob der Chef der Frankfurter Buchmesse zu keiner intellektuellen Argumentation gegen ultra-nationalistische Hassprediger fähig ist.

Er verfolgt anscheinend das Extremismus-Theorem, wonach antifaschistische Menschen von einem ähnlichen Hass motiviert sind, wie faschistische oder andere Ausländerfeinde. Zusätzlich soll der Hass der Letzteren nicht so schlimm sein, wenn er nicht durch Protest und Berichterstattung aufgewertet wird. Nein, wirkmächtig wurden solche Veranstaltungen, weil sie auf der Frankfurter Buchmesse überhaupt stattfinden konnten!

Mit Blindheit geschlagen ist anscheinend ein weiterer etablierter Akteur des Literaturbetriebs. Hubert Winkels, Leiter der Literatur-Redaktion des Deutschlandfunk, berichtete am Tag nach der Buchmesse, der Verlag Antaios habe ein Flugblatt verteilt, in dem er Autoren anderer Verlage lobte: Botho Strauß, Martin Mosebach, Thilo Sarrazin, Boris Palmer (ja, der Grünen-Politiker), Robin Alexander, Walter Kempowski, Thea Dorn, Richard Wagner, Peter Slooterdijk.

Die Herstellung einer Verbindung zu diesen Autoren seitens Antaios war aber für Winkels eine "Skurrilität". Sei Urteil: "Da ist nichts dran." Mag sein, dass die Genannten nicht mal AfD wählen - wobei fraglich ist, woher Winkels das wissen will. Aber Literaten müssen sich nicht auf das Niveau polternder Agitatoren herablassen. Vielleicht lehnen sie sie wirklich ab, und sei es aus kulturellen Gründen, dienen ihnen aber als Stichwortgeber.

Das hat zumindest ein Teil der Genannten getan. Es ist bemerkenswert, dass der Literatur-Redakteur Winkels nicht einmal fragt, wie groß AfD und Pegida heute wohl wären, wenn Thilo Sarrazin nie ein Buch veröffentlicht hätte.

Und jetzt kommt die Leipziger Buchmesse. Es wird wohl ein Höhepunkt in dieser Auseinandersetzung sein. Schon letztes Jahr hat Antaios-Chef Götz Kubitschek dort den Politologen Volker Weiß, der einer der fähigsten Kritiker dieses Milieus ist, "minutenlang beschimpft", wie Danijel Majic berichtet.

Auch sonst gab es da schon anti-rassistische Proteste. In Sachsen dürfen sich die nationalistischen Dumpfbacken mehr zu Hause fühlen, nicht zuletzt aufgrund der räumlichen Nähe zum Sitz des Verlags Antaios.

Die Gegenseite allerdings wohl auch. Im Februar schrieb die Gruppe "The future is unwritten" im Internetauftritt der Kampagne "Nationalismus ist keine Alternative": "Es gibt das Potenzial für massiven antifaschistischen Widerstand - und wir freuen uns darauf, dass Leipziger Antifaschist_innen ihr Potenzial ausschöpfen werden."

Die Leipziger Messeleitung nimmt wie die Frankfurter die Haltung ein, niemanden aus politischen Gründen auszuschließen. Hier ist die Veranstalterin allerdings tatsächlich in öffentlicher Hand: Die Leipziger Messe GmbH gehört halb der Stadt, halb dem Land. Das Neutralitätsargument ist deshalb nicht schlecht - aber es überzeugt nicht, denn der Staat bedient sich grundsätzlich der Form privatwirtschaftlicher Firmen, um sich seiner Verantwortung zu entziehen.

Vier Beispiele: Staatliche Museen und Theater sind als GmbH organisiert, was elementare Nachteile für die dort Beschäftigten im Vergleich zum öffentlichen Dienst bedeutet; staatliche Wohnungsbaugesellschaften sehen sich nicht unbedingt als soziale Akteure - in Berlin wurde 2015 sogar durch eine soziologische Studie zu den Hintergründen von Zwangsräumungen bekannt, dass zwei der kommunalen Wohnungsunternehmen überschuldeten Menschen keine Chance ließen.

Ebenfalls in Berlin erregten in den letzten Jahren Streiks von Krankenhauspersonal bundesweites Aufsehen, weil nicht mehr Geld, sondern mehr Personal zur Sicherung einer vernünftigen Krankenpflege gefordert wurde - bestreikt werden musste das Uni-Klinikum Charité; und die Deutsche Bahn gehört vollständig dem Staat, richtet sich aber weder in der Gestaltung des Streckennetzes, noch der Preise an der breiten Masse aus.

Zusätzlich zu dem vielleicht noch akzeptablen Argument, die Messe sei ein quasi-öffentlicher Raum, nannte Leipzigs Buchmessenchef Oliver Zille im Januar ein definitiv inakzeptables: "Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann."

Nein, angesichts der bundesweiten AfD-Stammtische und vieler noch schlimmerer solcher Foren gerade im Leipzig umgebenden Dunkeldeutschland besteht kein Bedarf, extra weitere Orte für so eine Auseinandersetzung zu schaffen.

Obwohl - nützlich ist so ein Ort ein bisschen, weil sich dort die Literatur-Stars auf neue Weise offenbaren können. So hat das schon am Donnerstag in Dresden vor einem großen Publikum der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Uwe Tellkamp (Erfolgsbuch "Der Turm") getan.

Er stimmte anlässlich einer Debatte über das Meinungsspektrum auf der Leipziger Messe das alte Lied vom besorgten Bürger an, der angesichts der vielen Flüchtlinge - von denen 95 Prozent nicht wegen Krieg oder Verfolgung hier seien - und des nicht zu "uns" passenden Islams den "Gesinnungskorridor" von Bundesregierung und "tendenziöser" Presse anprangerte.

Tellkamp hatte schon im Herbst gemeinsam mit bekannten Reaktionären wie Michael Klonovsky und Vera Lengsfeld eine windige Solidaritätserklärung für die in Frankfurt verbal wie tätlich angegriffenen Verlage unterschrieben.

Nun kassierte er eine Distanzierung seitens seines Verlags Suhrkamp. Wegen der Kritik an Tellkamp hebt wieder das Geheul über angebliche Sprechverbote an, übrigens nicht nur bis hin zu Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) , sondern auch im Deutschlandfunk, wo beklagt wird, dass die Medien "reflexhaft" auf Tellkamps "Weckruf" reagierten, mit dem er seine "Ängste" ausgedrückt habe ("Dass ein Großteil der Flüchtlinge aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommt, ist bekannt", meint die Journalistin Alexandra Gerlach).

Wer solche Stimmen auf der Messe gekontert sehen möchte, kann sich an eine Initiative dranhängen, die kritische Veranstaltungen gegen die einschlägigen Verlage organisiert. Das Bündnis Verlage gegen rechts vereint über 70 Verlage und 160 Einzelpersonen, darunter mit Alexander Vieß angeblich sogar jemanden aus der Öfentlichkeitsarbeit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Es hat per Crowdfunding über 11000 Euro gesammelt.

Doch dieses seit Monaten arbeitende Bündnis ist gerade kein Beweis dafür, dass die Branche endlich angemessen reagiert. Die teilnehmenden Verlage sind fast ausnahmslos klein, einer größeren Öffentlichkeit dürften nur wenige bekannt sein.

Auch hier ist es also die Zivilgesellschaft, die für die nötige Kritik an den bornierten und gefährlichen Hetzern sorgt. Der Großteil des Literaturbetriebs, das Establishment, hält sich bisher sehr zurück (Suhrkamps Stellungnahme gegen Tellkamp ändert daran nichts) - profitiert aber mitunter von eben jenem Engagement. So kündigte die Wochenzeitung Junge Freiheit am 7. März ihre Teilnahme an der Leipziger Buchmesse und gab als einen von zwei Gründen dafür die Kooperation der Messeleitung mit "Verlage gegen Rechts" an.

Der Literaturbetrieb zeigt sich in seiner Masse unfähig, der Gefahr der ultra-nationalistischen, hetzerischen und geschichtsverdrehenden Schriften, die bei den großen Branchentreffen ausliegen, angemessen zu begegnen. Somit steht das intellektuelle Niveau der Branche in Frage. Sibylle Lewitscharoff hatte in ihrer Rede offen gesagt, dass sie sich mit ihrer Kritik an der künstlichen Befruchtung nicht an der Vernunft ausrichtete, wurde aber dennoch beklatscht.

Martin Walser, auch heute noch einer der größten Lieblinge des Literaturbetriebs, hatte in seiner berühmt-berüchtigten Paulskirchenrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gleich drei Mal seine "moralisch-politische" Unzulänglichkeit zugegeben, was das Verständnis für den öffentlichen Umgang mit dem Holocaust angeht.

Dieses vielleicht nie kritisierte Eingeständnis ist schon mal unabhängig von der Diskussion über Gedenken und Geschichtspolitik schlimm, weil es eine Absenkung des intellektuellen Niveaus beinhaltet! Walser kritisierte das Mahnmal im Herzen Berlins und wollte Schriftsteller und Deutscher sein dürfen, ohne täglich mit dem Holocaust konfrontiert zu werden (wer ihm das täglich "vorhielt", hat er wohl nie erklärt).

Für seine Rede auf einem der größten deutschen literarischen Foren erntete er dennoch stehenden Applaus fast des ganzen Saals. Die Branche scheint knapp 20 Jahre später nicht viel weiter zu sein. Wenn es in Leipzig nun zu noch heftigeren Auseinandersetzungen als in Frankfurt kommt, ist sie deshalb indirekt mitverantwortlich dafür.

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