Verschenken Sie ruhig Ihr ganzes Geld!

(Keine Angst, Sie verlieren höchstens Ihr Selbstvertrauen)

Die Wissenschaft vermag uns doch immer wieder zu überraschen. Diesmal geschehen in der Februarausgabe des Journal of Aging Studies.

Entgegen allen Erwartungen des gesunden Menschenverstandes scheinen reiche Menschen, wenn sie in die Jahre kommen, mehr von sich selbst zu halten als arme. Man hätte doch vermuten müssen, dass sämtliche Reiche ihr Geld verjubeln und verschenken, wenn sie älter werden, weil sie ja doch wissen, dass es sie nicht froh machen wird. Aber nein, Wohlstand scheint, zumindest in fortgeschrittenem Alter, geradezu als Maßstab für Selbstachtung zu dienen.

Nicht, dass die Selbstachtung nicht auch bei den Gutbetuchten sinken würde, wenn das Alter kommt. Auch dies ist ein Ergebnis der Studie ("Self-esteem and the intersection of age, class and gender"), welche Telefoninterviews mit insgesamt 17,626 Teilnehmern (in Kanada) auswertet. Mit der Ankunft des Lebensherbstes steige die Unsicherheit, das Selbstvertrauen nehme ab. Und wer dann noch keine Kohle hat, um dessen Selbstachtung ist es schnell geschehen, wenn er nicht, ja was?, sich rasch welche verdient? Nein, so die Forscher, wichtig sei eine Neuevaluierung der Wertesysteme. Man müsse begreifen: Alt und arm ist nicht gleich schlecht. Jung und reich ist nicht gleich gut. Doch wie soll man das jemandem in unserer Gesellschaft beibringen? Die Regierung macht es uns nicht leichter (vgl. Die beste Demokratie, die man für Geld haben kann).

Und überhaupt, wann geht es eigentlich los mit dem Verlust der juvenilen Arroganz? Mitte der vierziger Jahre? Oder schon mit Mitte dreißig, in einem Alter in dem, wie eine andere Erhebung besagt, ein Forscher weiß, dass sein Zug abgefahren ist, wenn er noch nichts Großes erforscht hat? Denn diese andere Erhebung besagt, dass sowohl kriminelle als auch wissenschaftliche Genies meist noch recht jung sind, wenn sie ihre größten Coups landen. 65 Prozent aller (männlichen) Forscher und Verbrecher sind in ihrer produktivsten Phase jünger als 35. Und das Eheleben soll sowohl auf geniale als auch auf kriminelle Unternehmungen einen extrem erhebenden Effekt ausüben? Nein, im Gegenteil, es ist die Geniebremse schlechthin. Also nicht heiraten, immer jung und reich bleiben und es klappt auch mit der Selbstachtung - zumindest in unserer schönen Gesellschaft (vgl. Don't marry, be happy).

Aber ist das Fehlen von Unsicherheit und Selbstzweifeln schon Glück? Nein, sagen wieder andere Forscher: Denn eine kürzlich durchgeführte Studie des Worldwatch-Instituts weiß zu berichten: Der westliche Lebensstil macht reich und dick, aber nicht glücklich (vgl. Siegeszug ohne Gewinner?). Und die London School of Economics will herausgefunden haben, dass nach eigenem Bekunden die glücklichsten Menschen der Welt in Bangladesch leben. Etwas weniger zwanghafte Wertvorstellungen können viel ausmachen. Wissenschaftler sind sich leider selten so einig wie die Einwohner von Bangladesch. Denn es gibt von ihnen natürlich auch Schriften, die das Glück im Geld suchen und gefunden haben (vgl. Geld macht glücklich, oder?). Alles sehr verwirrend. Eines aber ist klar: Wollte man gerecht sein, dann sollten vor allem die dummen Menschen reich sein dürfen (ein paar von ihnen soll es ja schon geben), denn die haben es nötig. Man hat nämlich herausgefunden, dass Menschen mit einem hohen Intelligenzkoeffizienten in Armutsvierteln eine höhere Lebenserwartung haben als Menschen mit einem niedrigen IQ (vgl. Bleib auf dem Perserteppich!). Zum Schluss noch eine Anmerkung für jene, die älter werden und eine angeknackste Selbstachtung haben. Sie schätzen sich selbst vollkommen falsch ein! Wissenschaftler geben es Ihnen schwarz auf weiß: Sie werden mit den Jahren immer besser (vgl. Der alte Mann und das Mehr). So steht es zumindest im "Journal of Personality and Social Psychology". Wie ein guter Wein, so die Studie, reift die Persönlichkeit eines Menschen, wenn er älter wird und gewinnt an Qualität. Man muss es nur wissen. (Michaela Simon)

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