Verschleimte Köpfe

Milchkritiker und ihre dubiosen Weisheiten

Im postrationalen Zeitalter ist alles möglich, zum Beispiel, dass Kuhmilch in Wirklichkeit ein übles Gift ist. Neuigkeiten aus der Gerüchteküche der Nahrungsmittelhysteriker.

Nahrungsmittelideologien, -irrtümer und -mythen sind ein steter Begleiter des öffentlichen Diskurses über das Essen. Das ist so, seit genug davon da ist, dass man sich darüber den Kopf über die Frage zerbrechen kann, was zusätzlich zu seiner Nahrhaftigkeit eventuell besonders gesund sei, und was - analog zu dem echt Giftigen - eher ungesund. So gesehen war das volkstümliche und das ärztliche Gerede darüber schon immer ein Luxusphänomen, eine Art Hobby derer, die Hunger nicht mehr wirklich fürchten mussten.

Ein idealer Nährgrund für Gerüchte und pädagogischen Schulmeistereien, die mit Ernährung herzlich wenig, mit Gehorsam und Massenhysterie aber viel zu tun hatten. Wer erinnert sich nicht mit Begeisterung an Spinat, der Generationen von Kindern als phantastischer Eisenlieferant aufgenötigt wurde, bis all den kleinen und großen Popeye-Fans klar war, dass das auf einem simplen Rechenfehler beruhte.

Ähnliches gilt für andere Ernährungsirrtümer. Ob etwa ein Glas Wein pro Tag der Gesundheit eher ab- oder zuträglich ist, wird wohl im Verlauf der menschlichen Evolution nicht mehr zu klären sein. Irgendwelche obskuren Ernährungslehren wird es wahrscheinlich immer geben. Der schönste Kommentar zu der ganzen Aufregung ist und bleibt für mich der Film Der Schläfer, in dem die Ärzte des 22. Jahrhunderts festgestellt haben, dass Steaks, Sahnecremetorten und andere heute für ungesund gehaltene Nahrungsmittel in Wirklichkeit das Gesündeste sind, was sich denken lässt.

Operette mit Milch

Jetzt hat es also die Kuhmilch erwischt. Sie soll nach neueren Gerüchten unglaublich ungesund sein, und zwar vor allem, weil sie den Körper "verschleimt". Was das genau bedeuten soll, wie und wo sich der böse Schleim bildet, und warum Schleim im menschlichen Körper, der bei nüchterner Betrachtung innerlich recht feucht und schleimig ist, nichts zu suchen hat, wird nicht erklärt, stattdessen wird das Gerede von der schleimerzeugenden Wirkung der Kuhmilch mit dem Tugendterror des Vegetarismus und Veganismus angereichert, der Parolen wie "Fleisch ist Mord und Milch ist Raubmord" schon immer attraktiv fand (Menschenfeinde als Tierschützer) - et voilà: eine neue Ernährungslehre, so schlicht wie die Geister, die an sie glauben.

Die eine Aktivmutti erklärt's der anderen am Rand des Sandkastens, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die Ernährungslehren sind das Gerücht über die Nahrung - inhaltlich genauso sinnvoll wie alle anderen Gerüchte, als soziales Phänomen aber immer wieder faszinierend.

Freilich haben auch die Ärzte ihren Anteil an dieser Operette, die einen Diskurs zu nennen schon maßlos übertrieben wäre. Zum einen wirkt das konzentrierte Gegenfeuer auf allen Kanälen von der taz bis zur Süddeutschen Zeitung unangenehm kampagnenartig.

Der größte Feldversuch der Geschichte

Diese Sorte medialer Gesundheitspädagogik durch Experten bietet dem Gerücht selbst Nahrung, vor allem wg. der üblichen journalistischen Verkürzungs- und Vereinheitlichungstendenzen. Hinzu kommt die persistierende Unfähigkeit des generellen Publikums, den Gewissheitsgrad verschiedener Quellen zu unterscheiden.

Dass die Wissenschaft korrupt und unfähig sein kann (man denke nur an den Spinat und ärztliche Empfehlungen für bestimmte Zigarettenmarken); dass das unbelegte, unbelegbare Gerücht aber zwangsläufig immer korrupt ist, hat sich leider noch nicht herumgesprochen. Schneller spricht sich das Geschwätz von der Verschleimung herum, und das Internet wirkt dabei, wie üblich, als Durchlauferhitzer. Einen Parallelfall stellen die ebenso substanzlosen Tiraden über "Entschlackung" dar.

Sicherlich werden sich auch noch ein paar Quacksalber mit Doktortitel finden, die dem Gerücht pseudowissenschaftliche Würde verleihen. Schließlich macht der Unfug nicht einmal vor den Köpfen von mehrfachen Nobelpreisträgern halt - Linus Pauling ist mit seinem Vitamin-C-Wahn ein gutes Beispiel.

Letztlich kann man sich in diesem Fall auf einen der größten Feldversuche der Geschichte verlassen. Kuhmilch ist seit Jahrtausenden in unseren Breiten ein Grundnahrungsmittel; daraus hat sich eine genetische Anpassung an ihren Genuss ergeben. 85% der erwachsenen Deutschen nährt Kuhmilch gut. Für eine generelle Tendenz zur "Verschleimung" gibt es keinen Beleg. (Marcus Hammerschmitt)