Verschlusssache Lockerbie

Wenn der Fall des Attentats auf den Pan Am-Flug 103 über Lockerbie neu verhandelt wird, liegt die Lösung wahrscheinlich in Deutschland

Im Wesentlichen geht es um die Frage, was der Bundesnachrichtendienst (BND) über die wirklichen Hintergründe weiß, wie und warum die Boeing 747 am 21.12.1988 über der schottischen Ortschaft Lockerbie explodierte. Alle 259 Insassen der „Maid of the Seas“ sowie elf Dorfbewohner starben bei dem Anschlag.

Brachte ein Toshiba-Radiowecker den Tod? Dann wäre der Bombenbauer ein V-Mann des BND. Marwan Abdel Razzaq Mufdi Khreesat soll Bombenexperte, vor allem aber V-Mann des jordanischen Staatssicherheitsdienstes gewesen sein, der eng mit der CIA gearbeitet haben soll. Vor allem aber, so der ehemalige Agent des Bundesnachrichtendienstes Wilhelm Dietl in seinem Buch „Die BKA-Story“, sei Khreesat als V-Mann von den Jordaniern an den BND, vermittelt worden – genauer an dass Referat 16 C.

In seinem Buch „Deckname Dali“ beschreibt der Ex-Agent des Referats 16 A (Nah- und Mittelost), wie er seine Informanten an das Terrorismusreferat 16 C abgeben musste. Danach sei „das beste Terrorismusabwehrsystem, das es je gegeben hatte, mausetot“ gewesen. Offenbar. Denn Khreesat durfte unter den Augen und abhörenden Ohren von BKA und Verfassungsschutz in Neuss Bomben basteln. Mit dabei: Hafez Kassem Dalkamoni mit Tarnnamen Hafez Mohammed Hussein im syrischen Dienstpass. Er habe in Genf über den Austausch von Geiseln verhandelt, so der schreibende Agent.

Im Rahmen der Operation „Herbstlaub“ schlugen Polizisten eines Sondereinsatzkommandos und Terrorismusermittler zu. Sie verhafteten 16 Verdächtige, ließen jedoch 12 wieder frei, darunter ausgerechnet den Bombenbauer Khreesat. Der hatte die Drähte glühen lassen und versichert: „Ich bin doch einer von Euch.“ Beim Entschärfen der Höllenmaschinen des „Kollegen“ kam ein BKA-Mann um´s Leben, ein weiterer wurde schwer verletzt, und eine Bombe blieb verschwunden. „Der Schlüssel für die Ermittlung der wahren Täter liegt in Neuss“, erklärte Dr. David Thomas Schiller auf Anfrage, Experte für Terrorismus und den Nahen Osten.

Spuren in die DDR und Verbindungen zum Fall Barschel?

Aber auch, wenn der Zünder aus anderer Quelle stammen sollte, gibt es eine deutsche Spur. Verurteilt für den Anschlag von Lockerbie wurde der Libyer Abd Al Bassit Ali al Mikrahi. Bei seiner Verhaftung soll er Zünder des Typs MST-13 bei sich gehabt haben. Hersteller dieser Zünder: die Schweizer Firma Mebo. Dessen Besitzer, Edwin Bollier, hatte im Zuge der Ermittlungen widersprüchliche Angaben gemacht. Zunächst gab er an, Zünder dieses Typs direkt an Tripolis geliefert zu haben. Später korrigierte er dies: Man habe 1987 auch sieben Exemplare an das Institut für technische Untersuchungen der DDR geliefert. Ehemalige Stasi-Verantwortliche bestätigten damals die Tätigkeit Bolliers für das Mfs.

1994 wechselte Bollier abermals die Seiten und spürte, so die Zeitschrift Focus, für die Libyer Widersprüchen in den Lockerbie-Ermittlungen nach. Damals behauptete er, nur ein Foto des Chip-Fragments gesehen zu haben, das obendrein manipuliert gewesen sei. Diese Behauptung kommt jetzt in neuem Gewand daher. Wie die Berliner Zeitung berichtete, erklärte in einer eidesstattlichen Aussage Ulrich Lumpert, Mitarbeiter der Firma Schweizer Firma Mebo, er habe den Ermittlern eine Zeitschaltuhr übergeben, die gar nicht in den Trümmern gefunden worden sei. Außerdem kündigte der Besitzer des Unternehmens, Edwin Bollier, Schadenersatzklagen an. Dabei wurde er bei der Stasi als IM Rubin geführt. Er soll sowohl Libyen als auch die DDR mit Embargowaren aller Art versorgt haben; Datenterminals, Stimmanalysatoren und Chiffriergeräte der Crypto-AG. Über allem soll es schützende Hände im Westen gegeben haben.

Im März 1995 sollte Bollier in der Schweiz im Beisein von BKA-Beamten vernommen werden – im Rahmen des Todesermittlungsverfahrens Dr. Uwe Barschel. Besonderes Interesse der damaligen Ermittler: „Außer elektronischen Bauteilen lieferte Bollier auch vor 1987 chemische Materialien, darunter auch hochgiftige, in die DDR.“ Es habe sich um einen Zufallsfund gehandelt, dem die Schweizer keine Bedeutung beigemessen hatten, man konzentrierte sich auf Sprengmittel.

Über die Ergebnisse der Bollier-Vernehmung in Sachen Barschel ist bis heute nichts bekannt geworden, sie müssen wohl in eine ganz besondere Sonderakte aus den Barschelermittlungsakten ausgelagert worden sein. Und das, obwohl es eine Schnittmenge zwischen Bollier und dem Schweizer Privatermittler Jean Jacques Griessen geben muss. Der hatte mit (Aufklärungs-)elektronik aller Art gehandelt, war im Libyen-Geschäft tätig, hatte für den Privatagenten Werner Mauss in Sachen Geiseln im Libanon gearbeitet und ermittelte den Tod Uwe Barschels für dessen Bruder Eike.

Weitere Erkenntnisse könnten auch Blicke in alte Mfs-Akten bringen, ebenso wie die Archive des russischen Geheimdienstes. Die hatten sich noch 1994 darüber gewundert, noch nicht einmal nach ihren Erkenntnissen gefragt worden zu sein.

„Es sieht fast so aus, als ob man die Wahrheit gar nicht wissen möchte"

Bei einer Neuaufnahme des Verfahrens wird es auch um die Frage der Drahtzieher hinter dem Anschlag gehen. Der Libyer Mekrahi wurde u.a. verurteilt, weil ein Ladenbesitzer in Malta ihn als den erkannt haben wollte, der die Kleidungsstücke kaufte, die später im Wrack gefunden wurden. Inzwischen ist er jedoch nicht mehr sicher. Bereits Reporter des amerikanischen TV-Senders ABC hatten seine Aussage erschüttert, indem sie ihm Fotos von Mekrahi vorlegten und Bilder eines zweiten Verdächtigen, der dem Libyer ähnlich sieht: der mutmaßliche palästinensische Terrorist und ursprüngliche Kronzeuge Abu Talb. In seiner Wohnung in Schweden wurden Schaltuhren, Zünder und maltesische Kleidungsstücke gefunden. Dennoch wurde diese Spur nicht weiter verfolgt. Damals war es politisch opportun, Libyen als einzigen Auftraggeber zu verurteilen.

Heute könnte eine andere Spur, die bereits 1989 vorlag, politisch gewollter sein. Ayatollah Khomeini habe den Befehl gegeben als Rache für den Airbus, den die USA im Persischen Golf abgeschossen hatten. Gekaufte Terroristen sollten das Attentat ausführen, schrieb in der Zeitschrift Quick der Autor und Agent Wilhelm Dietl. Er war es auch, der den Kronzeugen im Mykonos-Prozess vermittelte: Mesbahi. Dieser Mesbahi nun sagte in Berlin aus, die Teheraner Mullahs hätten Libyen um Amtshilfe beim Anschlag auf den Pan Am Jumbo gebeten. Im Mykonos-Urteil heißt es über Mesbahi, auch er habe in Sachen Geiseln im Libanon in Genf verhandelt.

Damit aber bekommen andere Mosaiksteinchen eine neue Bedeutung. Der israelische Ermittler Juval Aviv, der für die Fluggesellschaft Pan Am den Tathergang untersuchte, fand heraus: der Syrer Monzer Al Kassar soll auf derselben Route im großen Stil Drogen geschmuggelt haben, um so 1987 Amerikanische Geiseln zu befreien. Diese – gewissermaßen „erlaubte“ Schmuggelroute – sei von Terroristen benutzt; die Koffer seien ausgetauscht worden. Auf Kassar war wiederum Dietl angesetzt, wie er in „Deckname Dali“ schreibt. Monzer Al Kassar wurde am 8. Juni dieses Jahres in Spanien verhaftet. Auch über Al Kassar gibt es Ermittlungen im Zusammenhang des Tods von Uwe Barschel.

Irritierenderweise machte sich Dietl über den Polizeichef John Boyd lustig, weil der alle Protokolle persönlich lese und „über ihnen brüte wie Sherlock Holmes.“ Die Scottish Criminal Cases Review Commission (SCCRC) verlangt, der Fall müsse neu aufgerollt werden. Vielleicht müssen dann die 15.000 Zeugenaussagen noch einmal von einem persönlich ergebnisoffen gelesen werden, damit nicht nur das Rätsel um Lockerbie gelöst wird. Oder sollte der Quick-Journalist und BND-Agent Wilhelm Dietl Recht bekommen? Am 10.5.1989 resümierte er: „Es sieht fast so aus, als ob man die Wahrheit gar nicht wissen möchte.“

Wenn der Prozess wieder aufgerollt werden sollte, werden er und seine ehemaligen Dienstherren beim BND vielleicht viel Zeit in Schottland verbringen. (Susanne Härpfer)