Verschwörungstheorien zum 11. September

Zur Soziologie des Verschwörungsdenkens

"Der 11. September 2001 dürfte ein Tag sein, über den noch am Ende dieses Jahrhunderts gesprochen wird" (S. 7), schrieb der Journalist Cordt Schnibben im Vorwort zu dem Buch "11. September - Geschichte des Terrors", das er gemeinsam mit Stefan Aust, dem damaligen Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, herausgegeben hatte (Schnibben und Aust 2002). Die meisten Menschen, die Zeitzeugen der Anschläge wurden, würden diese Einschätzung wohl teilen. Zweifellos hat es in den letzten Jahrzehnten nur wenige Ereignisse gegeben, die ein ähnlich hohes Maß an globaler Aufmerksamkeit erzielten wie die Terroranschläge auf die New Yorker Twin Towers und das Pentagon in Washington am 11. September 2001. Auch nach über zehn Jahren wirken die Bilder der Einschläge der beiden Passagiermaschinen in die Zwillingstürme des World Trade Centers in eigentümlicher Weise bizarr und schockierend und haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Bild: nps.gov

Schon kurz nach den Anschlägen des 11. September wurde das Ereignis zum Gegenstand intensiver kontroverser Debatten über mögliche Drahtzieher, Hintergründe und den Wahrheitsgehalt der öffentlichen Berichterstattung. Die deutschen Leitmedien teilten dabei im Wesentlichen die offizielle Darstellung der damaligen und auch der heutigen US-Regierung, nach der die Anschläge vor allem aufgrund diverser Koordinations- und Kommunikationsprobleme zwischen verschiedenen US-Behörden nicht verhindert werden konnten. Besonders dem FBI und der CIA seien im Vorfeld schwere Fehler unterlaufen, Befehle seien unklar formuliert worden, Informationsmangel habe zu falschen Entscheidungen geführt.

Auch wenn diese Deutung der Ereignisse seit über zehn Jahren von den etablierten Medien der westlichen Staaten immer wieder reproduziert und ergänzt wird, halten sich in den entsprechenden Gesellschaften dennoch starke Zweifel an dieser Version der Anschläge vom 11. September. Darüber hinaus sind diverse alternative Deutungen entstanden, die in der Regel als "Verschwörungstheorien" bezeichnet werden.

Die damalige US-Regierung scheint sich darüber im Klaren gewesen zu sein, dass die Ereignisse des 11. September in hohem Maße aufklärungs- und deutungsbedürftig waren und in der Bevölkerung schnell diverse Interpretationen des Geschehens entstanden. Schon kurz nach den Anschlägen wurden Attentäter und Drahtzieher benannt, Spuren präsentiert und eine umfassende Deutung vorgelegt. Fast scheint es, als hätte man mit diesem Tempo der Etablierung alternativer Erklärungen der Geschehnisse Vorschub leisten wollen.

Bereits einen Monat nach den Anschlägen betonte der damalige Präsident George W. Bush in seiner Rede vor der Generalversammlung der UNO:

Wir müssen die Wahrheit über den Terror aussprechen. Lasst uns niemals frevelhafte Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September tolerieren, boshafte Lügen, die bezwecken, die Schuld von den Terroristen abzulenken.

Die Rede des Präsidenten zeigte allerdings nicht die erhoffte Wirkung, ganz im Gegenteil: Alternative Deutungen der Anschläge des 11. September erlangten in den folgenden Jahren eine enorme Popularität. Dies zeigt sich u. a. in diversen Repräsentativbefragungen zum Thema: So ergab beispielsweise eine Umfrage in den USA aus dem Jahr 2006, dass 40 Prozent der Befragten die offiziellen Darstellungen der Ereignisse anzweifelten.

Bei einer im Jahr 2003 in Deutschland im Auftrag der ZEIT durchgeführten Umfrage gaben nahezu 70 Prozent der Befragten an, sich nicht vollständig über die wahren Hintergründe des 11. September informiert zu fühlen - bei den unter 30-Jährigen waren es sogar 78 Prozent. 19 Prozent hielten es darüber hinaus für möglich, dass die US-Regierung die Terroranschläge vom 11. September selbst in Auftrag gab (vgl. Klöckner 2011, S. 83f.). In einer Befragung aus dem Jahr 2008 lag dieser Anteil sogar noch höher: Hier gaben 23 Prozent an, dass sie glauben, die US-Regierung stecke selbst hinter den Anschlägen (vgl. Anonym 2010).

Die Reaktionen verschiedener überregionaler deutscher Zeitungen auf derartige Vermutungen waren eindeutig: Alle abweichenden Erklärungen zu den Ereignissen des 11. September werden pauschal haltlosen "Verschwörungstheorien" und damit dem Bereich des Irrationalen, Lächerlichen, politisch Bedenklichen oder bisweilen gar Pathologischen zugeordnet. Diese Stoßrichtung wird dabei oftmals schon anhand der Überschriften der entsprechenden Artikel deutlich:

Die Artikel gehen dabei jedoch in der Regel kaum oder gar nicht auf die einzelnen Argumente im Rahmen der alternativen Deutungen ein, sondern beurteilen sie pauschal als "Mythen", "Wahn", "Hirngespinste", "Märchen", "Paranoia" oder "Blödsinn" und bringen sie oft in Zusammenhang mit besonders absurden Verschwörungstheorien aus anderen Diskursfeldern, um sie so zu diskreditieren (vgl. Anton 2011, S. 99-114; Klöckner 2011). Somit löste der 11. September neben dem War on Terrorism von Anfang an auch einen anderen Krieg aus: Einen Krieg um die Wahrheit, um die Bestimmung der Wirklichkeit, um die Anerkennung und Durchsetzung bestimmter Deutungen der Ereignisse.

Bild: Kevinalbania/CC-BY-SA-3.0

Wer ermordete John F. Kennedy wirklich? Wie kam der AIDS-Erreger in die Welt? Gaben demokratische Staaten selbst Terroranschläge in Auftrag? Verschwörungstheorien genießen in der Bevölkerung große Popularität. In den Wissenschaften haben sie bislang jedoch einen eher schlechten Ruf - und den Leitmedien gelten sie als Ausdruck überzogenen politischen Misstrauens oder gar kollektiver Paranoia der Staatsbürger.

Die Soziologen Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael K. Walter haben nun einen Sammelband vorgelegt, dessen fünfzehn Beiträge aus ganz verschiedenen Perspektiven erläutern, wie solche Bewertungsunterschiede zustande kommen und woraus der anhaltende Erfolg von Verschwörungsdenken in der Öffentlichkeit resultiert. Die wissenschaftliche Klärung der Hintergründe, Strukturen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Verschwörungstheorien führt, für einige vielleicht überraschend, nicht zu einer weiteren pauschalen Verdammung des "konspirologischen" Denkens. Im Gegenteil scheint es ganz so, als wären Verschwörungstheorien ein wichtiges Element der Meinungsbildung in demokratischen Gesellschaften - und ein unverzichtbares Gegengewicht zu amtlichen Verlautbarungen und dem Deutungsmonopol der Massen- und Leitmedien.

Der Text von Andreas Anton wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Springer VS Verlags in leicht gekürzter Form dem eben erschienen Buch entnommen:

Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens, Hrsg. Andreas Anton, Michael Schetsche, Michael K. Walter,Wiesbaden: Springer VS Verlag, Oktober 2013

Wenn man das Verhältnis zwischen den massenmedial scharf kritisierten "Verschwörungstheorien" und den dort als fraglos "real" bezeichneten Verschwörungen näher untersuchen will, eignet sich das Beispiel 11. September besonders gut, weil sowohl die offizielle Deutung der Ereignisse als auch alternative Interpretationen von einer Verschwörung ausgehen: Im ersten Fall von einer Verschwörung der islamistisch-dschihadistischen Organisation Al-Qaida unter maßgeblicher Führung von Osama bin Laden, im anderen Fall von einem verschworenen Kreis ranghoher Personen aus Politik, Geheimdiensten und Militär in den USA.

Damit hören die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Erklärungen der Ereignisse doch beinahe auch schon auf. Das konsensuelle Wissen, d. h. die Schnittmenge geteilter Vorstellungen zwischen der offiziellen Version und den alternativen Deutungen, ist erstaunlich gering. Wie zu zeigen sein wird, bestehen zu nahezu allen Einzelfragen der genauen Abläufe der Ereignisse völlig unterschiedliche Auffassungen.

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