Verschwunden oder nicht dokumentiert?

Ellen Thiemann über ungeklärte Todesfälle im größten Frauenzuchthaus der DDR

Hoheneck war das größte Frauengefängnis der DDR. Ellen Thiemann lebte in diesem Staat. 1972 wollte sie mit Mann und Sohn fliehen. Sie wurde entdeckt und von 1973 bis 1975 in Hoheneck eingesperrt. Über diese Zeit hatte sie im Jahr 1984 den Erlebnisbericht Stell Dich mit den Schergen gut geschrieben. Später folgte Der Feind an meiner Seite über ihren Ex-Mann - den Ex-Fußballer, Sportjournalisten und Stasi-IM Klaus Thiemann, der seine eigene Frau verraten hatte.

Später erhielt Ellen Thiemann Zugang zu weiteren Unterlagen über das Frauengefängnis und konzentrierte sich wieder auf dies Thema. Sie erfuhr von Zwangsbehandlung durch Psychopharmaka, Folter und möglicherweise zwei Morden, von Zwangsadoptionen der Kinder von Insassen und Bedrohungen selbst nach dem Fall des DDR-Regimes. Jetzt erschien ihr drittes Buch: Wo sind die Toten von Hoheneck? Neue Enthüllungen über das berüchtigte Frauenzuchthaus der DDR.

"Wachteln" von Hoheneck Mitte der 1950er-Jahre. Vorn mit Brille die gefürchtete Margarete Suttinger, genannt "Einsfuffzig-mit-Hut". Bild: Archiv Ellen Thiemann
Frau Thiemann, Sie haben Ihr neues Buch über das Frauengefängnis Hoheneck auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Sie waren selber Gefangene in Hoheneck - ist das nicht schwierig, das dann vorzulesen?
Ellen Thiemann: Meine Buchpremiere fand in der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke statt, einem ehemaligen Stasi-Gefängnis in Leipzig. Das empfand ich als völlig deplaziert, weil der Veranstalter keinen Saal dafür bereitgestellt hatte, sondern einen langen, schmalen Flur, in dem wir zwei Stunden regelrecht zusammengepfercht waren. Unter den Anwesenden waren auch etwa 15 Personen aus der Opferszene.
Opferszene? Kennt man sich untereinander?
Ellen Thiemann: Viele kennen sich von früher oder haben Kontakte durch Opferverbände aufgenommen wie den Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen oder die Vereinigung der Opfer des Stalinismus, kurz VOS genannt.
Ist so eine Gemeinschaft hilfreich, um die Erlebnisse zu verarbeiten?
Ellen Thiemann: Es ist nicht angenehm, pausenlos an die Erlebnisse von damals erinnert zu werden. Persönlich hatte ich mit dem ersten Buch, das 1984 erschienen war, eine Art Schlussstrich ziehen wollen - aber da ging die Fragerei erst richtig los. Fast 40 Jahre habe ich durch meine Tätigkeit als Journalistin, Buchautorin, aber auch in drei Zeitzeugenprojekten an Gymnasien und Universitäten Aufklärung betrieben. In den letzten Jahren wandten sich Doktoranden und Examensschüler an mich und stellten unzählige Fragen zum zweiten deutschen Diktatur. Andere, die auch in den Westen übergesiedelt oder freigekauft worden waren, konzentrierten sich erst einmal auf sich selbst, nach dem Motto: ich will jetzt leben, leben, leben. Nun, nach 30 Jahren, wollen auch sie mehr herausfinden und werden aktiv. Ich persönlich brauche diese Gespräche aus der damaligen Zeit für mein Seelenheil nicht.
Sie mussten lernen, dass Ihr Mann sie verraten hat - und auch Ihre beste Freundin. Wie kann man nach solchen Erfahrungen noch Freundschaften schließen?
Ellen Thiemann: Ich habe von dem Verrat erst Jahrzehnte nach meiner Ausreise erfahren! Da hatte ich schon neue Freundschaften geschlossen. Der Verrat des engsten Vertrauten oder von engen Freunden ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Für meine Freundin Annerose hätte ich mir die Hände abhacken lassen, wenn jemand einen Verdacht gegen sie geäußert hätte. Mein Exmann hatte nach dem Fall der Mauer gegenüber seinem neuen Arbeitgeber im Westen alles abgestritten, dass er als IM "Mathias" fast zwei Jahrzehnte fürs MfS gespitzelt hatte. Erst als ich die Möglichkeit hatte, in die Stasi-Akten Einsicht zu nehmen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Etwa zehn IM, die in meinen Akten auftauchen, sind immer noch nicht enttarnt.
Zehn IM sind nicht enttarnt: Was heißt das?
Ellen Thiemann: Ich hatte in den Jahren 1992, 2000 und 2009 Akteneinsicht bei der BStU in Berlin genommen. Es gab sehr viele IM, die uns bespitzelt hatten, vielleicht 40. Die meisten konnten durch die Mitarbeiter der BStU identifiziert werden, etwa zehn noch nicht. Es ist für mich sehr unangenehm, nicht zu wissen, ob das jemand aus der Verwandtschaft oder aus dem engen Freundeskreis ist.
Im Jahr 2000 nahmen Sie Einsicht in die Akte Ihres Ex-Mannes?
Ellen Thiemann: Ja, aber dort fehlen etwa zehn Jahre, und zwar von 1960 bis 1970. Deshalb frage ich mich, ob er schon während unserer Ehe gespitzelt hat. Es gibt beispielsweise Unterlagen in der BStU, dass er seinem Führungsoffizier am 15. Dezember 1989 - die Mauer war am 9. November gefallen! - noch einen endlos langen Spitzelbericht ablieferte. Gleichzeitig bat er ihn darum, alle Protokolle zu vernichten, die über seine Mitarbeit Zeugnis ablegen. Heute lagern immer noch säckeweise zerrissene und nicht ausgewertete Dokumente in der Behörde.
Damals lebten Sie ja schon im Westen, Sie waren nach Ihrer Zeit im Gefängnis mit Ihrem Sohn umgezogen.
Ellen Thiemann: Mein Sohn und ich sind am 19. Dezember 1975 ausgereist. Erst haben wir eine Woche bei einer Tante in Seesen im Harz verbracht. Mein Sohn war 14 und er sollte sich allmählich an den Westen gewöhnen. Damals interessierte er sich natürlich in erster Linie für Autos. Noch nachts ist er auf die Straße gegangen, um die "tollen Schlitten" zu bestaunen. Die ersten Jahre waren sehr, sehr schwer. Meine Tante hatte ja im Voraus an die Fluchthilfeorganisation 15.000 Mark bezahlt, die ich ihr nach meiner Übersiedlung schnellstens zurückzahlen wollte.
Sie haben über Hoheneck viel herausgefunden. So schreiben Sie von Zwangsbehandlungen mit Psychopharmaka ...
Ellen Thiemann: In der U-Haft in Berlin-Hohenschönhausen bekam ich Psychopharmaka verabreicht, damit ich meinen Mann verriete. Einmal wurden mir in einem Wasserglas Drogen verabreicht, aber auch später ins Essen irgendwelche Mittel gemischt, so dass ich Halluzinationen bekam, Chorgesänge und Fanfarenklänge hörte.
Wurden Sie noch öfter unter Drogen gesetzt?
Ellen Thiemann: Im Frauenzuchthaus Hoheneck glaube ich nicht. Ich musste Doppelzwangsarbeit leisten, acht Stunden Elektromotoren herstellen nach Norm und acht Stunden Kunst anfertigen im Akkord. Unter Drogen hätte ich nicht so arbeiten können. Aber das Wachpersonal gab zum Teil Medikamente nach Gutdünken aus, wie ich den ausgewerteten Unterlagen entnehmen konnte. Manchmal haben sie die verordneten Mittel vertauscht, so dass eine Epileptikerin Präparate gegen Magenbeschwerden bekam und umgekehrt. Wenn die Kranken daraufhin aggressiv reagierten, haben sich die "Wachteln" - das Wachpersonal - kaputtgelacht und sie mitunter in Arrest gesperrt..
Ihr Buch trägt den Titel: Wo sind die Toten von Hoheneck? Warum?
Ellen Thiemann: Ich habe zwei Selbstmorde miterlebt in den 1970er-Jahren. Darüber habe ich bis heute keine Aufzeichnungen ausfindig gemacht. Aus den späteren Jahren existieren Tätigkeits- bzw. Rapportbücher, in denen berichtet wurde, wie Frauen angekettet und mit Drogen vollgepumpt wurden. Die BStU Chemnitz teilte mir mit, dass es in den 1970er-Jahren diese minutiös geführten Berichte offenbar noch nicht gab. Warum nicht? Wurden sie nicht geführt - oder sind sie verschwunden? Entweder hat man erst später alles detailgetreu dokumentiert, oder die Aufzeichnungen sind noch verschwunden. Nach meiner ersten Akteneinsicht 1992 hatte ich 24 Anzeigen gegen Täter erstattet, die nach jahrelangen Ermittlungen bis auf eine wegen "Verjährung" im Sande verliefen. Die meisten Straftaten sind nach 15 Jahren verjährt, außer Mord. Den jetzt ausgewerteten Dokumenten konnte ich entnehmen, dass es in Hoheneck eventuell zwei Morde gegeben hat. Das wird zumindest in Berichten angedeutet, die ein Stasi-Spitzel an seinen Vorgesetzten erstattete.
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