Verschwundene Kinder

Blondierte Roma in Athen. Bild: W. Aswestopoulos

Schicksal des kleinen blonden Roma-Mädchens Maria ist kein Einzelfall - Die Roma und die griechischen Verhältnisse

Knapp zehn Tage lang beherrschte das Schicksal der kleinen Maria die internationalen Schlagzeilen. Kaum eine Nachrichtensendung Deutschlands kam ohne Bilder des kleinen blonden Mädchens, das im Roma-Lager Farsala gefunden wurde, aus (Zu blond für ein Romakind?). Übersehen wurde oft, dass viel mehr als ein Einzelschicksal hinter der Geschichte steckt. Dass das Drama der verschwundenen Kinder sich nicht nur auf Griechenland beschränkt, wurde spätestens dann deutlich, als die leibliche Mutter des Kindes in Bulgarien auftauchte. Im Prinzip kann nicht ausgeschlossen werden, dass ähnliche Vorgänge auch in westlicheren Staaten geschehen. Denn Marias Leben ist kein Einzelschicksal.

Zwischen 1998 und 2002 verschwanden sage und schreibe 502 von 661 albanischen Romakindern, die in der Obhut des staatlichen Waisenhauses Agia Varvara waren. Nur wenige tauchten nach Jahren wieder auf. Sie berichten davon, dass sie zu den Olympischen Spielen 2004 als Bettler an Ampeln eingesetzt wurden. Sexuelle Ausbeutung und sogar Organhandel war den Zeugenaussagen gemäß das Schicksal einiger Leidensgenossen.

Erst eine parlamentarische Anfrage der SYRIZA-Abgeordneten Maria Giannakaki Ende August brachte das Justizministerium dazu, den Fall noch einmal aufzurollen. Die UNO und das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge ermahnten den griechischen Staat ein ums andere Mal, berichtete Giannakaki. Die internationalen Organisationen verlangten nach Aufklärung des ungeheuerlichen Vorgangs.

Obwohl sich nach der parlamentarischen Anfrage Justizminister Charalambos Athanasiou eingeschaltet hat, gibt es keine vorzeigbaren Ermittlungsergebnisse. Bekannt wurde nur, dass lediglich eine Handvoll der Kinder nach 1995 geboren wurde. Demnach, so ein lakonischer Pressekommentar, seien die meisten nun volljährig.

Die polizeiliche Razzia vom 16.Oktober im Lager Farsala stand zunächst nicht im Zusammenhang mit den verschwundenen Kindern. Eher durch Zufall kam ein Polizeibeamter auf die Idee, bei der helläugigen, blassen Maria näher hinzusehen.

Die erste Meldung des Polizeiberichts betraf "die Bekämpfung der Kriminalität". Im Bericht wurde vermerkt, dass Drogen, Waffen, Kreditkarten und zwei unerlaubt im Land befindliche Albaner gefunden wurden. Von der kleinen Maria war noch nicht die Rede. Erst zwei Tage später wurde dieser Fall öffentlich. Vielmehr wurde im Polizeibericht penibel vermerkt, dass auch eine Skimaske, also eine verbotene Bedeckung des gesamten Gesichts, beschlagnahmt wurde.

In Griechenland werden nicht alle "Angehörigen des fahrenden Volkes" als Roma bezeichnet. Denn erstens sind nicht alle Roma und zweitens sind nicht mehr alle "fahrend". Das Wort für Zigeuner, "Tsinganoi" ist im Griechischen nicht negativ besetzt. Ethymologisch wird es auf "a-tsiganoi = "die Unberührbaren" zurückgeführt. Als herabwürdigendes Schimpfwort gilt sowohl bei Griechen als auch bei den Tsiganoi selbst "Gyftoi". Die Roma nennen alle Weißen "Balamo" (weiß) und sich selbst "Melele" (dunkel). Sie haben eine ausgesprochene Hassliebe zu den helleren Griechen, die jedoch eindeutig auf Gegenseitigkeit beruht. Weiße Haut und blonde Haare gelten als absolutes Schönheitsideal, dem die jungen Roma-Mädchen gern nacheifern.

Im Land befinden sich neun verschiedene Stämme. Die Batsoria, Bapamane-Roma, Roma, Souvaliotes, Tsinganoi, Chorachagia (ein moslemischer Stamm), Beskarides, Dermetsides und die Chantouria. Untereinander sind sie sich meist spinnefeind. Erst seit 1955 hatten die seit dem 13 Jahrhundert im Land befindlichen Stämme das Recht, sich einbürgern zu lassen. Wie so viele griechische Gesetze wurden auch für dieses erst Jahre später mit neuen Novellen 212/69468 von 1978 und 51/16701 von 1979 Ausführungsbestimmungen erlassen. Erst seitdem können die bis dahin als Staatenlose geltenden Nomaden Grundbesitz erwerben und Bürgerrechte wahrnehmen.

Noch Anfang der 2000er wurden bislang nie registrierte, erwachsene Roma in städtische Melderegister eingetragen. Exemplarisch ist der Fall einer damals 57-Jährigen. Die Dame existierte für den Staat nicht, obwohl ihre eineiige Zwillingsschwester ordnungsgemäß eingetragen worden war.

Verworren ist auch die Statistik zur Anzahl der Zigeuner im Land. Der Zentralstaat gibt eine Zahl von 120.000 bis 150.000 Angehörigen dieser Volksgruppe an. Die Interessenverbände der Roma bestehen auf 500.000 und die Städte und Gemeinden haben 200.000 bis 300.000 bei ihnen gemeldete Zigeuner griechischer Staatbürgerschaft in den Registern. Zyniker sehen in der Diskrepanz der staatlichen und kommunalen Zahlen einen Beleg für Tricks, mit denen die Kommunen an EU-Fördergelder für soziale Randgruppen kommen wollten. Zumindest könnte dies ansatzweise erklären, warum niemand von den nicht an Korruption Beteiligen bei den Melderegistern der Roma näher hinsah.

Während im Athener Stadtgebiet keine Lager existieren, siedeln zahlreiche bulgarische und rumänische Roma in höherer Konzentration im 4. und dem direkt benachbarten 6. Stadtbezirk der Hauptstadt. Genau aus diesen Bezirken stammen die meisten Meldungen zu Hausgeburten griechischer Roma.

Bislang hatte offenbar niemand Interesse an einer Kontrolle. Das griechische Recht lässt nachträgliche Meldungen von Hausgeburten bis kurz vor der Volljährigkeit zu. Nötig sind dafür nur ein Elternteil und zwei Zeugen. Zerknirscht musste Athens Bürgermeister Giorgos Kaminis eingestehen, dass sein Standesamt mitten in der Finanzkrise eine wahre Flut an solchen Geburten notierte. Im Jahr 2011 gab es 50 solcher Fälle, 2012 waren es schon 200 und noch vor Ende 2013 stehen 400 derartige Anmeldungen zu Buche.

Kaminis schasste die Direktorin des Standesamtes, die Abteilungsleiterin, ihren Stellvertreter und zeigte den ebenfalls suspendierten zuständigen Standesbeamten an. Die Steuerfahndung SDOE rückte ein, um "die Industrie der Sozialmittelerschleichung" aufzudecken. Der bürgermeisterliche Vorwurf lautet, dass den vier Beamten die unheimlichen Anstiege der Geburten hätten auffallen müssen. "Kaminis selbst hätte bemerken müssen, dass in seinem Stadtgebiet offiziell kein Romalager existiert", beschuldigt der Bürgermeister von Dimopoulous Heimatgemeinde Farsala seinen Amtskollegen der sträflichen Nachsichtigkeit.

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