"Versetzt die Feinde Allahs in Schrecken"

Der Führer des "Islamischen Staats" hat in einem Video seine Botschaft dargelegt und zum Kampf gegen die Nichtgläubigen aufgerufen

Im Irak ist der Führer des "Islamischen Staates", wie sich ISIL nach der Ausrufung des Kalifats bezeichnet, erstmals über ein Video an die Öffentlichkeit getreten. Obwohl al-Bagdadi, ein Imam und Doktor der Philosophie, kurzzeitig im Camp Bucca in amerikanischer Gefangenschaft war, existierten bislang kaum Bilder von ihm. Das hat sich nun verändert, offenbar will er einen anderen Weg als der Taliban-Führer Mohammed Omar gehen und eher in die Fußstapfen von Osama bin Laden treten. Schließlich sieht er sich als Erbe von al-Qaida, die Organisation hat für ihn eine falsche Richtung eingeschlagen, und als selbst ernannter Kalif auch als Herr aller Muslime auf der Welt.

Das soll angeblich al-Bagdadi sein, der in Mossul zum Dschihad aufgerufen hat.

Auf dem Video ist al-Bagdadi zu sehen, wie er in der Großen Moschee in Mossul eine Freitagspredigt hält - und es damit wieder einmal geschafft, sich und seine Organisation in die Öffentlichkeit zu spielen, was bislang vor allem durch militärische Erfolge und Videos und Bilder über begangene Grausamkeiten geschehen ist, die Angst und Schrecken verbreiten sollen. Man ließ aber offenbar doch zwei Tage verstreichen, um das Video im Internet zu verbreiten, um kein Risiko einzugehen. Und man war eifrig und hat die Rede des Terrorfürsten bereits rudimentär in einige Sprachen übersetzt.

Al-Bagdadi sprach zum Ramadan und warum der Kampf auf den Spuren Gottes gegen Unterdrückung gerechtfertigt ist. Eigentlich gibt er keinen Grund an, konkret wird er auch nicht, der Kampf ist einfach gut, weil er angeblich von Allah geheiligt ist: "Versetzt die Feinde Allahs in Schrecken und strebt den Tod in Plätzen an, wo ihr ihn erwartet." Und im Kampf zu sterben, ist gut, weil das irdische Leben sowieso nur ein Spiel ist. Das Diesseits, die dunya, wird als nichtig erklärt, um den Kampf und den eigenen Tod sowie den der "Bösen" oder "Ungläubigen" zu glorifizieren. Schwierig nachzuvollziehen, warum solche plumpe Rhetorik Anklang und Nachahmung findet:

So nehmt eure Waffen, so nehmt eure Waffen, oh Soldaten des Islamischen Staates! Und Kämpft, Kämpft! Gebt Acht, nicht verblendet zu werden und Stärke zu verlieren, die Dunyā ist zu euch wiederwillig gekommen, so tretet sie nieder, zertrampelt sie und lasst sie hinter euch, fürwahr was mit Allah ist, ist besser und beständiger.

Für seinen Kampfauftrag muss das Bild der weltweiten Unterdrückung der Muslime ausgemalt werden, die gefoltert, getötet und der Ehre beraubt würden. Man würde die Bilder sehen, aber was nicht zu sehen ist, sei noch viel schrecklicher. So plump argumentiert, wird der Dschihad als Rache aufbereitet, die dann zu einer mit aller Grausamkeit vorgehenden Gewaltherrschaft wird: "Jeder, der es wagt, ihn (den Muslim) anzugreifen, wird bestraft, und jede Hand, welche versucht ihm zu schaden, wird abgeschnitten."

Eine schöne Utopie, die natürlich auf der Dichotomie von Gut und Böse beruht. Dazwischen darf es nichts geben, weil man da zum Nachdenken käme: "Oh Ummah des Islam, fürwahr, die Welt heute wurde in zwei Lager und zwei Gräben geteilt, wo kein drittes Lager ist." Die Kriegslogik ist einfach und wird auch ohne Religionsverbrämung praktiziert: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns und darf vernichtet werden. Hier ist das Feindland interessant. Die Feinde werden angeführt oder mobilisier von den Juden und bestehen aus den USA und Russland (was dem aktuellen Selbstverständnis in den USA und Russland wohl nicht ganz entspricht, auch wenn beide Länder gegen Islamisten kämpfen).

Mit reichlich Koranzitaten eingehüllt, wie dies Dschihadisten gerne machen, fordert er die Einführung der Scharia und erklärt, seinen offenbar direkt von Allah abgeleiteten Sendungsauftrag, ein Kalifat einzurichten und zum Kalifen ernannt zu werden. Schließlich stamme er ja direkt vom Enkel des Propheten ab. Er fordert die Menschen auf, ihm zu gehorchen, solange er den Befehlen Gottes gehorcht. Wenn er etwas falsch mache, solle man ihm das sagen. Das dürfte zu viel verlangt sein, wenn die Mitglieder des Islamischen Staates willkürlich und demonstrativ Massenerschießungen vornehmen, foltern, kreuzigen oder Köpfe abschlagen. Das Kalifat ist von Gottes Gnaden, also abhängig von der Willkür von al-Bagdadi.

Das Kalifat wurde besiegt, seitdem hätten die Sieger "verwirrende und irreführende Slogans wie: Zivilisation, Frieden, Koexistenz, Freiheit, Demokratie, Säkularismus, Baathismus, Nationalismus und Vaterlandsliebe und viele andere falsche Slogans" verbreitet. Damit wurden die Muslime versklavt oder von ihrer Religion entfernt, wenn er nicht unter dem Vorwurf des Terrorismus verfolgt wird. Aber für den neuen Kalifen geht es um die Umwertung der Werte:

Terrorismus ist, Erniedrigung, Knechtschaft und Unterordnung abzulehnen. Terrorismus ist, als Muslim zu leben, wie ein Muslim zu leben hat, in Ehre, Macht und Freiheit.

Der islamische Terrorismus dient angeblich der Befreiung der Muslime, die überall leiden müssen, keine Rechte haben, nicht keusch leben dürfen. Aber nach der Ausrufung des Kalifats soll es die Utopie, das neue Land für die Muslime, aber nur für die, geben:

Es ist ein Staat wo die Araber und Nicht-Araber, der Weiße und der Schwarze, der Ostländer und Westländer alle Brüder sind.

Pech, wer nicht Muslim ist, wer kein Sunnit ist. Die Brüderlichkeit ist doch sehr beschränkt, die Unterwerfung unter Allah, unter den Koran, unter den Islamischen Staat muss schon sein, damit das Gute kommt. Und der Islamische Staat hält sich nicht an die historisch festgelegten Grenzen:

Eilt, denn Syrien ist nicht für die Syrer und Irak ist nicht für die Iraker. Die Erde gehört Allah.

Schön ist auch, dass al-Bagdadi seine Anhänger und alle Muslime aufruft, nicht zu debattieren, gehorchen reicht schon. Wichtig sei, keine Sünden zu begehen und hochmütig zu werden, das schließt al-Bagdadi, das Sprachrohr Allahs, natürlich nicht ein. Ihm geht es um die Weltherrschaft, darunter ist kein Ziel offenbar Allahs würdig.

Erstaunlich ist, mit wie wenig vernünftiger und konkreter Begründung im 21. Jahrhundert zum Krieg aufgerufen und rekrutiert werden kann. Anders wird es zu Zeiten der Kreuzzüge auch nicht gewesen sein. Im Hintergrund stehen die Wünsche nach Befreiung, Emanzipation, Souveränität und Würde, die schamlos durch eine religiöse Rhetorik instrumentalisiert werden, auf die aber offenbar auch viele hereinfallen, die nach einem Lebenssinn oder vielmehr nach einem Todessinn suchen. Denm gibt es im Konsum und Streben nach Profit nicht, auch keine Moral. Ist also der islamistische Terror nur das Spiegelbild des Kapitalismus?

Das irakische Innenministerium ist anderer Meinung. Für das Ministerium ist das Video ein Fake. Reden würde gar nicht al-Bagdadi. Der sei verletzt und nach Syrien gebracht worden. (Florian Rötzer)