Versuch, Ada Lovelace auf die Füße zu stellen

Der Personenkult um Ada Lovelace wächst unaufhaltsam - was hat aber sie wirklich geleistet?

Es ist der Stoff von Hollywood-Filmen und Großstadtlegenden. Im Fall von Ada Lovelace, der berühmten Tochter des englischen Dichters Lord Byron (1788-1824), weiß man nicht, wo das reale Leben aufhört und der Mythos beginnt. Sie ist zur "Assistentin" von Charles Babbage hochstilisiert worden. Erste Programmiererin der Welt (männlich oder weiblich) ist sie genannt worden. "Am Anfang war Ada. Frauen in der Computergeschichte" heißt die neue Ausstellung von Heinz-Nixdorf MuseumsForum über Frauen in der Informatik. Bei Christian Hesse in "Forschung & Lehre" heißt es lapidar "Ada hat's erfunden".

Auch wenn ein ganzes Buch belegt, dass sie in der Mathematik letztlich nur eine Anfängerin war, und egal, ob sie keineswegs das allererste Programm der Welt geschrieben hat - ihre Legende wächst unaufhaltsam.

Ada Lovelace, 1815-1852. Bild: Science & Society Picture Library

Typisch für diese Art des Personenkults ist der Roman von Friedrich Christian Delius über Konrad Zuse (Die Frau, für die ich den Computer erfand). Delius dichtet den deutschen Erfinder eine Art Liebe im Delirium zu Ada zu, die die Jahrhunderte durchbricht. Für sie, nur für sie, hätte Zuse den ersten Computer der Welt erschaffen, um diesen ihr zu Füßen zu legen. In Delius fiktivem Gebilde entscheidet der zeitlebens unterbewertete Computerpionier die "am meisten überbewertete Persönlichkeit der Computergeschichte", wie der Historiker Bruce Collier schrieb, zur Muse zu nehmen.

Was hat Ada dann wirklich beigetragen und inwieweit kann sie als erste Programmiererin der Welt (m/w) gelten?

Dorothy Stein hat bereits vor sage und schreibe 30 Jahren Lady Lovelace auf Herz und Nieren geprüft. Stein ist wohl die einzige, die sich die Mühe gemacht hat, die Korrespondenz von Ada und einigen ihrer Zeitgenossen detailliert zu durchleuchten. Ihr Urteil ist vernichtend: Ada Lovelace war eher eine Narzisstin, die immer geschickt wusste, die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung auf ihre Person zu ziehen.

Vielleicht ist es zu viel, von Hobby-Historikern zu erwarten, die Originalquellen zu kennen, aber zumindest in das Buch von Dorothy Stein hätten sie Einblick nehmen sollen, bevor sie z.B. behaupten, Ada hätte besser als Babbage verstanden, wie seine Analytische Maschine arbeitete.

Augusta Ada Byron King (Ada Lovelace nach ihrer Heirat) ist vor fast zweihundert Jahren geboren worden (am 10. Dezember 1815). Gemäß ihrer gehobenen sozialen Position wurde ihre Ausbildung Tutoren überlassen. Auf Wunsch ihrer Mutter, die Ada von der Dekadenz der Dichter wie Lord Byron, d.h. ihrem Ehemann, schützen wollte, sollte sie auch in Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet werden.

Ada hatte aber nie eine fundierte mathematische Ausbildung erhalten und war eher eine Autodidaktin, die befreundeten Tutoren wie der hochgeschätzten Mary Somerville und später Augustus De Morgan Fragen per Korrespondenz stellen durfte. Sie lernte Geometrie und nachher konnte sie teilweise die ersten Druckbögen von De Morgans Lehrbuch über Differential und Integralrechnung lesen. Sehr weit kam sie allerdings nicht: Ihre mathematische Kenntnisse blieben unter dem Niveau eines heutigen Gymnasiasten.

Wie Dorothy Stein anhand der Korrespondenz von Ada akribisch zeigt, konnte sie einfachste Variablensubstitutionen in bescheidenen algebraischen Ausdrücken nicht durchführen. Sie übersah, dass die Kosinus-Funktion nicht unendliche Werte annehmen kann. Trotzdem ist in vielen Webseiten und populärwissenschaftlichen Schriften immer die Rede von der "Mathematikerin" Ada, die "Mitentwicklerin" der Analytischen Maschine.

Als Ada Babbage 1838 traf, hatte der Cambridge-Professor bereits die Differenzmaschine entworfen (ohne sie vollenden zu können), aber auch vier Jahre vorher, d.h. 1834, ein viel anspruchsvolleres Projekt gestartet. Während die Differenzmaschine nur eine Pipeline von Addierern war, mit der Tabellen von Polynomauswertungen maschinell erstellt werden konnten, war die Analytische Maschine dem Anspruch nach ein echter Computer.

Diese Maschine sollte bis zu 1000 Speicherplätze für Dezimalzahlen à 40 Ziffern enthalten. Die Berechnung der vier Grundrechenarten wäre mit dem Prozessor möglich. Das Programm bestünde aus Lochkarten, die hintereinander gelesen werden könnten. Sogar an die Möglichkeit des bedingten Sprungs hatte Babbage gedacht: Mit Hilfe eines "Backing"-Mechanismus hätten die Lochkarten bis zu einer bestimmten Stelle zurückgerollt werden können. Der Sprungmechanismus könnte z.B. beim Übergang eines Zählers zu Null oder bei einem Overflow aktiviert werden.

1840 unternahm Babbage eine Reise nach Turin, wo er den Entwurf und einige Programmskizzen für die Analytische Maschine in Fachvorträgen vorstellte. Ein prominenter italienischer Ingenieur und Offizier, Federico Luigi Menabrea, bot an, den Vortrag als allgemein verständliche Erklärung auf Französisch zu verfassen. Menabreas Bericht erschien 1842 in der Bibliothèque Universelle de Genève ("Notions sur la machine analytique de Charles Babbage", Oktober, 1842, No. 82).

Im Text findet man drei Programme, die Menabrea genügten, um das Zusammenspiel von Speicher und Prozessor darzulegen. Offensichtlich wurden die allerersten Programme für die Analytische Maschine von Babbage selbst geschrieben: Er war ja der einzige, der überhaupt wusste, wie das vollendete Gerät arbeiten würde. Der zweite Programmierer der Welt wäre deswegen Menabrea, aber er hat wahrscheinlich nur die Skizzen von Babbage bereinigt und wiedergegeben. Ada hat Menabreas Artikel aus dem Französischen ins Englische übersetzt. Das war das erste und letzte Mal, dass sie sich mit Rechenmaschinen auseinandersetzte.


Adas Ruhm stützt sich auf die Kommentare, die sie bei der Übersetzung von Menabreas Schrift in enger Abstimmung mit Babbage als Anhang einbaute. Sieben "Notes" (von A bis G) hat sie insgesamt verfasst. In den sieben Anmerkungen gibt es nur zwei fertige Programme: das erste ist von Menabrea selbst, das zweite von Ada.

Bei dem in tabellarischer Form dargestelltem Code wird Babbages Notation verwendet, die darin besteht, in jede Tabellenzeile den aktuellen Zustand des Speichers anzuzeigen. In der Tabelle gibt es eine Zeile pro Befehl. Die Spalten der Tabelle geben die gegenwärtigen Inhalte jeder Speicherzelle wider. Die Befehle sind von der Form:

Va op Vb = Vc

wobei Va, Vb und Vc Speicheraddressen darstellen (V steht für "Variable" und die Indizes a, b und c sind Zahlen). Der Operator "op" kann jeder der vier Grundrechenoperationen sein, d.h., in jeder Zeile der Tabelle kann jeweils nur eine Speicherzelle (Vc) verändert werden.

Babbage trennte im Code die Operationen von den Adressen der beteiligten Variablen. Es gab zwei Stränge von Lochkarten: einen Strang, bei dem die Operationen angeordnet wurden (z.B. "++xx" für zwei Additionen, gefolgt von zwei Multiplikationen), und einen Strang, bei dem die beteiligten Variablen angegeben wurden. Im Beispiel oben gäbe es die einzige Operation "op" bei den Operationen-Lochkarten und die Adressen a, b, c bei den Adress-Lochkarten.

Der Grund für diese heute anachronistische Code-Trennung war nur, dass Babbage bei wiederholten Operationen Karten sparen wollte. Sieben Additionen gefolgt von sieben Multiplikationen könnten als die Befehlsfolge "7+7x", angegeben werden. Mit nur vier Lochkarten könnte man dann vierzehn Operationen veranlassen. Bei den Adressen konnte man allerdings keine Karten sparen. Vermutlich hat Babbage diese Trennung der Lochkarten eingeführt, um die unterschiedliche Natur von Operatoren und Operanden zu unterstreichen.

Ada geht auf diese Trennung in ihren Kommentaren ausführlich ein und erläutert, wie viele Operatorenkarten bei drei verschiedenen mathematischen Verfahren benötigt würden. Ohne den spezifischen Code zu schreiben, skizziert sie, wie man Potenzen berechnen, wie man Polynome teilen und wie eine Multiplikation von zwei Ausdrücken gemacht werden könnte. Sie erläutert nur, welche Grundoperationen bekannte Rechenverfahren brauchen. Das ist gewissermaßen nur die Hälfte des Programms (die Operatoren-Lochkarten) -- die andere Hälfte besteht aus der beteiligten Adresse (die Variablen-Lochkarten).

Es gibt in Adas Kommentaren ein einziges Beispiel eines kompletten Programms aus der eigenen Feder. Das ist das berühmte Programm für die Berechnung der Bernoulli-Zahlen, auf die ich noch zurückkommen werde. Halten wir nur folgendes aber vorläufig fest:

  • Ada arbeitete nicht am Design der Analytischen Maschine.
  • Ihre einzige Veröffentlichung mit Bezug auf Rechenmaschinen war eine Übersetzung des Artikels von Luigi Menabrea plus ein Anhang, bestehend aus sieben, mit Babbage abgesprochenen Notizen, und ein einziges eigenes Programm.
  • Sowohl Menabreas Artikel als auch Adas Anmerkungen gerieten sehr schnell in Vergessenheit und hatten keine weiteren historischen Nachklang.

Wir können den Zeitpunkt der Wiederentdeckung von Ada datieren: 1953, als ihre Geschichte durch das Buch "Faster than thought" einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Wenn man Adas Kommentare liest, springt ins Auge, dass sie an vielen Stellen die Funktionsweise der Maschine mystifiziert. Die Analytische Maschine hatte nur einen Speicher für Zahlen, aber Ada beteuert, die Maschine wäre in der Lage, auch mit Symbolen zu operieren, und könne deswegen symbolische Berechnungen durchführen:

It seems to us obvious, however, that where operations are so independent in their mode of acting, it must be easy, by means of a few simple provisions, and additions in arranging the mechanism, to bring out a double set of results, (...) 1st, the numerical magnitudes which are the results of operations performed on numerical data (...) 2ndly, the symbolical results to be attached to those numerical results, which symbolical results are not less the necessary and logical consequences of operations performed upon symbolical data, than are numerical results when the data are numerical.

Ada Lovelace

Diese Behauptung zieht sich durch Adas Kommentare, ohne dass jemals klargestellt wird, wie die Analytische Maschine symbolische Resultate erzeugen könnte (und jeder der mit symbolischen Algebra für Computer vertraut ist, weiß wie kompliziert das wirklich wäre). Aber Ada wiederholt in Bezug auf die Maschine:

It can combine these numbers and these quantities either algebraically or arithmetically, in relations unlimited as to variety, extent, or complexity.

Ada Lovelace

Eine andere Behauptung ist ebenfalls widersinnig:

By means of certain artifices and arrangements ... there is no limit either to the magnitude of the numbers used, or to the number of quantities (either variables or constants) that may be employed.

Ada Lovelace

Damit meinte Ada, dass mehr als eine Speicherzelle für die Speicherung einer großen Zahl verwendet werden könne (wie das Babbage durch das Aufeinanderreihen von Speicherzellen plante). Das macht aber den Speicher keineswegs unendlich. Die einzige Möglichkeit wäre, partielle Resultate in Lochkarten zu speichern und diese manuell nachzuladen, wie Babbage es eigentlich vorsah.

Dorothy Stein zeigt deswegen in ihrem Buch auf überzeugende Weise, dass Ada nur ein begrenztes Verständnis der Komplexität der Analytischen Maschine besaß. Wo Kenntnisse fehlten, griff sie zu Metaphern. Heute wird zu viel hinter diesen Zeilen gelesen - und es wird ins Blaue spekuliert, sie hätte vorausgesehen oder sogar gewusst, wie symbolische Algebra bearbeitet werden könne.


Womit wir wieder beim Code für die Berechnung der Bernoulli-Zahlen sind. Der Code kann online gefunden werden.

Ohne zu sehr in die Details einzugehen, ist das Problem folgendes: Die sogenannten Bernoulli-Zahlen sind Koeffizienten in einer Reihenentwicklung (wie z.B. eine Taylor-Reihe), die sehr nützlich für verschiedene Anwendungen sind. Diese Zahlen können rekursiv berechnet werden. Die von Ada benutzte Formel (die ihr Charles Babbage zukommen ließ) erlaubt die Berechnung der Zahl B1, dann der Zahl B3, danach der Zahl B5 usw. (die Bernoulli-Zahlen B2, B4 usw. wären Null und brauchen nicht berechnet zu werden).

Ein Detail ist, dass die von Babbage und Ada benutzte Durchnummerierung der Zahlen nicht der modernen Nummerierung entspricht, aber das ist nebensächlich. Die Bernoulli-Zahlen mit ungeradem Index (bei Babbage und Ada) wären die modernen Zahlen mit geradem Index. Adas Ableitung der spezifischen Rekursion, die sie verwenden will, ist eigentlich unzureichend, um das Endergebnis zu verstehen. Aber man kann die iterative Formel als vorgegeben betrachten und wir brauchen nur auf das entsprechende Programm zu schauen.

Abb. 1 zeigt die Formel für die Aufstellung der Bernoulli-Zahlen. Die einzelnen Bernoulli-Zahlen werden der Reihe nach berechnet. Die A(n)-Konstanten hängen von dem Parameter n ab, der die Werte 1,2,3 und 4 in Abb. 1 nimmt. Für die Konstanten A0(n) und A1(n) gibt es explizite Formeln. Ab A3(n) kann man sich auf die letzte berechnete Konstante beziehen und durch Multiplikation mit speziellen Faktoren rechnen.

Abb. 1: Symbolische Darstellung von Adas Programm für die Berechnung der Bernoullizahlen, mit Angabe der entsprechenden Zeilen im Originalcode. Die Zeilen 7, 12 und 23 enthalten Sprünge mit Test auf Null, die im Code inkomplett spezifiziert sind. Zeile 24 wurde korrigiert (im Original gibt es dort ein Vorzeichenfehler). Das ganze Programm endet bei Zeile 25 und sollte von alleine auf Zeile 1 zurückspringen. Der Sprung ist im Code nicht vorhanden. Ein Operator hätte allerdings das Programm jedes Mal manuell auf den Anfang zurückstellen können. Das Original muss zum Vergleich herangezogen werden.

Adas Code ist schwer zu verstehen, wegen der notwendigen Unterteilung zwischen Operatoren und Variablen. Bei den Operationen kann man Blöcke von Operationen wiederholen. Im Adas Code (man muss die Originaltabelle sehen) befindet sich ein wiederholbarer Bereich zwischen den Zeilen 13 und 22. Das ganze Programm selbst wiederholt sich für unterschiedliche Werte der Variable n. Bei den Variablen kann man allerdings die Variablenkarten nicht wiederverwenden (weil man jedes Mal eine neue Bernoulli-Zahl in eine neue sequentielle Adresse speichern muss). D.h. bei den Variablen muss man das Programm komplett "abrollen" und das ganze entspricht dem, was man in der Informatik "loop unrolling" nennt. Das wäre nicht notwendig gewesen, falls die Analytische Maschine sogenannte "indirekte Adressierung" gehabt hätte (womit man auf eine durch eine Laufvariable angezeigte Speicherzelle zugreifen kann).

Adas Original-Programm ist in vier Blöcken unterteilt. Abb. 1 zeigt was Adas Programm tut (im Sinne der durchgeführten Berechnungen) und abgerollt (wie es wegen der Variablen-Karten notwendig ist).

Es gibt bei Adas ursprünglichem Code drei Zeilen (7, 12 und 23), wo die Variable n getestet wird (auf Gleichheit jeweils mit 1, 2, und mit anderen Werten). Hier hätte aber der bedingte Sprung für die Steuerung der Programmlogik eingebaut werden sollen. Die Reichweite der Sprünge im Code ist nicht spezifiziert: Man hätte angeben sollen, wie groß die Sprünge nach unten bzw. nach oben im Code sind. Ada geht im Text davon aus, dass das Programm an diesen Stellen einfach den jeweils richtigen Weg einschlägt. Der Sprung zurück auf dem Anfang des Programms fehlt komplett (das wären weitere Zeilen nach Zeile 25 gewesen).

Man kann deswegen geteilter Meinung über Adas Programm sein. Einige finden es beeindruckend wegen der Schleife, wo die A(n)-Konstanten berechnet werden, und wegen der Oberschleife, wo die Variable n erhöht wird (wobei, wie oben dargelegt, es nur Schleifen bei den Operatorenkarten gibt, nicht aber bei den Variablenkarten, die auf neue Speicherzellen zugreifen). Streng genommen endet das Programm auch nie, da die Variable n immer um Eins erhöht wird, ohne Abbruchbedingung.

Bei der Erstellung der Anmerkungen und des eigenen Programms stand Babbage Ada per Korrespondenz zur Seite. Das Beispiel der Bernoulli-Zahlen hat außerdem Babbage selbst vorgeschlagen und die Formel dafür schriftlich geliefert. Aber Ada "übertrumpft (mit ihren Anmerkungen) die Ideen Babbages", wird geschrieben. Und noch weiter: "Ada Gräfin Lovelace hat als erste die Vision eines universellen Computers."

Ada Lovelace (1835). Bild: Kopie von Nils Pooker nach einem Gemälde von Margaret Sarah Carpenter

Glaubt aber ernsthaft jemand, dass Babbage, der die Analytische Maschine entwarf, nichts von deren Möglichkeiten wusste? Als er das Problem der Bernoulli-Zahlen vorschlug, hätte er nicht wissen sollen, dass es mit der Maschine lösbar war? Und Turings Begriff des universellen Computers bedeutet nicht, dass man einfach sagt, "man kann mit dem Gerät alles rechnen". Wichtiger ist auch, was man damit nicht rechnen kann, deswegen ist der Begriff "Universalrechner" eine theoretische Schöpfung des 20. Jahrhunderts, die Hand in Hand mit dem Begriff der Berechenbarkeit einhergeht.

In der Wissenschaftsgeschichte ist es manchmal schwer, Lob zu verteilen. Konrad Zuse z.B. hat mit der Z3 von 1941 einen architektonisch viel besseren Rechner als die Erfinder der ENIAC vorgelegt. Die Z1 war aber jedoch außerhalb eines kleinen Kreises in Deutschland nicht bekannt und so hatte die ENIAC die größere Ausstrahlung und letztendlich historische Bedeutung, weil diese Maschine viele andere Projekte in den USA und Großbritannien ankurbelte.

Auch im Fall des Mikroprozessors gab es einige militärische Chips, die dem ersten Intel-Mikroprozessor überlegen waren. Für die Entstehung des Personal-Computers waren jedoch die Texas-Instruments bzw. Intel-Chips maßgebend und deswegen werden sie immer als erste Mikroprozessoren der Welt angeführt (sehr zum Verdruss meines Bekannten, Ray Holt). Das geschieht nicht wegen der haargenauen Chronologie, sondern wegen der späteren Wirkung auf die technologische Entwicklung.

Im Fall von Software hat nichts, was Ada mit dem vergessenem Programm von 1843 erreicht hätte, später eine technische Auswirkung gehabt. Sie als "Mutter der Software" zu bezeichnen ist reichlich übertrieben. Dafür wäre eine andere Frau, Grace Hopper, eine viel bessere Kandidatin, weil sie mitten im Zentrum der Entwicklung der ersten Computer in den USA und der ersten Softwarebibliotheken und Compiler stand. Hoppers technischer Beitrag und Wirkungsgeschichte war unendlich größer als Adas.

Bleibt nur noch Ada selbst zu zitieren, um Steins Diagnose des Narzissmus von Ada in voller Entfaltung zu erleben. Dies ist, was Ada in einem Brief über ihre eigenen Fähigkeiten als Mathematikerin zu sagen hatte:

I believe myself to possess a most singular combination of qualities exactly fitted to make me pre-eminently a discoverer of the hidden realities of nature ... the belief has been forced upon me .... Firstly : Owing to some peculiarity in my nervous system, I have perceptions of some things, which no one else has ... an intuitive perception of ... things hidden from eyes, ears, & ordinary senses .... Secondly : my immense reasoning faculties; Thirdly : my concentration faculty, by which I mean the power not only of throwing my whole energy & existence into whatever I choose, but also of bringing to bear on any one subject or idea, a vast apparatus from all sorts of apparently irrelevant & extraneous sources ....

Ada Lovelace

Und in einem anderen Brief:

The more I study, the more irresistible do I feel my genius for it to be. I do not believe that my father was (or ever could have been) such a Poet as I shall be an Analyst, (& Metaphysician); for with me the two go together indissolubly.

Ada Lovelace

Die talentierte Ada wollte nach ihren gelungenen Auftritt Babbages Arbeit an der analytischen Maschine selbst organisieren und stellte Babbage schroffe Bedingungen dafür, die er umgehend ablehnte. So endete die Kooperation mit dem Erfinder der analytischen Maschine und Ada wandte sich später im Leben anderen Untersuchungen wie dem Mesmerismus bzw. anderen Unternehmungen wie dem Wetten bei Pferderennen zu.

Irgendwie hat sie aber ihren späteren Ruhm vorhergesehen und dazu aufgeschrieben:

In all probability my reign (if ever I have one) over mankind will be chiefly after my death.

Ada Lovelace

Wie Recht sie hatte! Wenn schon ein ganzes Buch wie das von Dorothy Stein keine Auswirkung auf ihre Legende hat, dann noch weniger Aufsätze. Noch ein pikantes Beispiel: Das Buch von Stein wurde sogar auf Deutsch übersetzt und es hieß bei der ersten Auflage erstaunlicherweise: "Die Braut der Wissenschaft". Schon mit dem Titel lässt sich hierzulande der Umsatz nicht steigern, daher wurde er für die zweite Auflage verändert: "Eine Frau am Anfang der Moderne".

Es ist natürlich klar, dass Ada Lovelace im viktorianischen England nicht dieselben Studiermöglichkeiten wie den Männern zur Verfügung standen. Dass sie sich auf eigene Faust teilweise in der Mathematik und Naturwissenschaften ausbildete, ist bemerkens- und lobenswert. Dass dafür eine große Portion Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen nötig ist, steht außer Frage.

Es wäre aber vielleicht besser, wenn über Frauen in der Mathematik und Informatik die Rede ist, vor allem echte Beiträge anerkannt zu sehen, z.B. Grace Hopper, die die erste Compiler entwickelt hat, Mary Somerville, die Laplace übersetzt und dazu beigetragen hat, die Leibniz-Notation in England einzuführen, Maria Agnesi, die berühmte Mathematikerin des 18. Jahrhunderts, oder Laura Bassi, die erste Professorin in Europa (mit 21 Jahren).

Einige Autoren sind deswegen vorsichtiger bei der Einschätzung von Ada. Sie schreiben, sie wäre sicherlich die erste Frau, die ein Programm geschrieben hat. Sie wäre sogar die erste (m/w), die ein komplexes Programm veröffentlicht hat. Sie hat aber weder die Programmsprünge noch die Schleifen erfunden, sie hat die Analytische Maschine nicht mitentworfen, sie hat nicht besser als Babbage begriffen, was die Maschine alles tun kann, sie hat auch nicht den Universalrechner erdacht. Bei alle diesen Behauptungen muss man wohl die Kirche im Dorf lassen.

Der Artikel hat bei der Veröffentlichung zu manch kontroversen Reaktionen geführt. Einige Leser waren fast beleidigt, dass auf Unstimmigkeiten in Ada Lovelaces Story hingewiesen wurde. Unbelastet von jeglicher Kenntnis der Original- und der Sekundärliteratur verbeißen sie sich an der Legende, als ob ein Märchen eine historische Tatsache wäre. Ich bin auch auf ein Magazin über Ada hingewiesen worden, in dem die Übertreibungen anscheinend keine Obergrenze zu kennen scheinen. So behauptet diese Broschüre aus dem Jahr 2015 folgendes:

  • Ada wurde Babbage "research assistant" und half bei "mehreren" Projekten.
  • Sie übersetzte "mehrere" Ingenieurarbeiten aus dem Französischen ins Englische.
  • Ada sah, dass die Maschine mehr konnte, als Babbage beabsichtigt hatte oder wusste.
  • Ada schrieb im Jahr 1843 ein "paper".
  • Babbage arbeitete zusammen mit Ada an der Analytical Engine.
  • Ada benutze Farbstifte für Diagramme - sie war offensichtlich eine "natural" beim Design von Benutzerschnittstellen (!).
  • Adas Arbeit (erster Algorithmus für den ersten Computer) trägt heute zum Studium von Gehirnkrankheiten (!) bei.
  • Ada hat crowdsourcing vorausgedacht.
  • Ada spekulierte, dass eines Tages mathematische Modelle beschreiben würden, wie elektrische Signale sich im Nervensystem ausbreiten (Wissenschaftler wussten aber erst im 20. Jahrhundert, dass Nervensignale von elektrischer Natur sind).
  • Ada hat Turings Ideen über Künstliche Intelligenz bereits 90 Jahren vor ihm gehabt.
  • Ada und Babbage arbeiteten zusammen an der Erstellung von maritimen Tafeln (?).
  • Ada hat symbolisches Rechnen und Theorembeweise vorausgesehen.

Solche und andere Übertreibungen landen im Netz und dort werden sie zu Wahrheiten. Mundus vult decipi, ergo decipiatur.

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